Auf den Spuren eines Dampfschiffes

Heft 5/2015

Tansania: Theater

GOETZEN/LIEMBA – EINE DEUTSCH-TANSANISCHE THEATERKOOPERATION. Deutsche Kolonialgeschichte in Ostafrika als Theaterstück auf Eisenbahnwaggons mit einem alten Passagierschiff als „Hauptdarsteller"? Das klingt nach Tropenfieber, war aber ganz real.

 

Im Sommer entwickelte Jens-Erwin Siemssen, Regisseur des Theaters „Das letzte Kleinod", in Kooperation mit tansanischen Partnern am Ufer des Tanganjika-Sees das Stück Goetzen/Liemba. Der Dampfer Goetzen sollte die Interessen des Deutschen Kaisers am Tanganjikasee sichern. Von der Meyer Werft 1913 in Papenburg gebaut, wurde er dann wieder in Einzelteile zerlegt, nach Daressalam verschifft, in Tansania über Land transportiert und 1915 am Tanganjikasee erneut zusammengeschraubt. Noch während der Wirren des 1. Weltkriegs und mit dem Ende der Kolonialzeit wurde die Goetzen von der eigenen Mannschaft versenkt, um nicht in die Hände der verfeindeten Sieger zu fallen. 1927 wurde der Dampfer gehoben und repariert. Seitdem fährt es unter dem Namen Liemba als Fährschiff über den See. Ihm folgte das Theaterprojekt Goetzen/Liemba. Aufführungsorte waren Bahnhöfe in Tansania und Norddeutschland. Afrika süd lernte im Gespräch mit Jens-Erwin Siemssen die Hintergründe kennen.

 

Was motivierte Sie zu diesem Kooperationsprojekt?
Das Konzept unseres Theaters ist es, dass wir unsere Region mit anderen Teilen der Welt verbinden. Wir sind in der norddeutschen Provinz und schauen, wo sich Wege überschneiden. Das ist insbesondere oft in Häfen der Fall. Auf diese Weise konnten wir beispielsweise Kontakte mit Grönland, Kanada und Shanghai herstellen. Es gibt hier in der Nähe in Papenburg die Meyer Werft. Dort wurde das Schiff Goetzen gebaut. Es ist 1915 vom Stapel gelaufen, das ist also genau 100 Jahre her. Weil es zu groß war, um es zu transportieren, wurde es in 5000 Kisten verpackt und dann per Schiff und Eisenbahn an den Tanganjikasee gebracht. Uns hat dabei weniger das technische Spektakel interessiert, sondern vielmehr die kulturelle Konfrontation, die vor 100 Jahren sicherlich noch viel größer war, als es heute der Fall ist.


Wir haben die Geschichte dafür als Gerüst genommen, um zu sehen, wie war die Lebenswirklichkeit damals und wie sieht sie heute in Kigoma aus. Heute wie früher gibt es Träger, die 150 Kilo tragen müssen und ihre Körper ausbeuten. Tropische Krankheiten sind noch immer nicht unter Kontrolle. Die meisten Bewohner von Kigoma leben bis heute weit unter der Armutsgrenze. Für das Stück haben wir im Vorfeld viele Interviews geführt: vom Träger bis zur Prostituierten. Aus diesen Berichten haben wir das Stück entwickelt. Die Zeitachse war Goetzen/Liemba. Das Leben ist nicht wirklich besser geworden.

 

Wie war der Vorlauf?
Die Vorarbeiten beanspruchten ungefähr eineinhalb Jahre. Erst habe ich allein eine Vorbereitungsreise durchgeführt. Ich war das erste Mal in Kigoma, hatte davor aber schon zwei Projekte in Tansania realisiert. Ich habe mich gefragt, was man noch von der Geschichte des Schiffes weiß. Als ich in Kigoma eintraf, lag das Schiff im Dock – defekt, wie so oft. Der Kapitän sowie der leitende Ingenieur der Liemba, also der früheren Goetzen, haben mir viel über die Geschichte erzählt.


Dann habe ich geschaut, welche Spielorte es in Kigoma gibt. Wir sind ein Theater, das nie auf Bühnen arbeitet, sondern nur an anderen Schauplätzen. In Kigoma existiert noch der alte Bahnhof, der von den Deutschen gebaut wurde. Er wurde zeitgleich mit der Goetzen fertig und ist bis heute in Betrieb. Als ich mit dem Stationsvorsteher Kontakt aufnahm, signalisierte er gleich große Kooperationsbereitschaft.


Während einer zweiten Reise zusammen mit unserem musikalischen Leiter suchten wir nach musikalischen Motiven und führten ein Casting am Bagamoyo College of Arts durch, mit dem wir schon zuvor kooperiert hatten. Beim ersten Projekt 2005 mit dieser wichtigen Schauspielschule Ostafrikas, die inzwischen Tasuba heißt, ging es um den deutschen Kolonialisten Carl Peters, dem Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika 1884, der aus Niedersachsen kam. Das war unsere Verbindung. Im zweiten Projekt war die Piraterie im Golf von Aden das Thema. Wir haben das Stück in Deutschland, Kenia und Tansania gespielt.

 

Wie verlief die offizielle Organisation?
Wir haben gute Kontakte mit der deutschen Botschaft. Auch mit der Ausländerbehörde in Deutschland gab es kein Problem. Die Finanzierung zu bekommen war unproblematisch, weil wir eine sehr lobenswerte Auslandsförderung beim Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachen haben. Auch das Goethe-Institut Daressalam hat sich zum zweiten Mal beteiligt. Auf der tansanischen Seite fand das Projekt ebenfalls große Unterstützung. Als ich beim Bagamoyo College of Arts – also Tasuba – vorschlug, ein Kooperationsprojekt durchzuführen, erhielt ich sofort ein entsprechendes Empfehlungsschreiben. Wir bekamen – dank der Unterstützung durch das Goethe-Institut – vom tansanischen Transportministerium die Genehmigung, das Stück im öffentlichen Raum auf verschiedenen Bahnhöfen zu spielen.

 

Wie wählten Sie die Städte aus?
Unser Projekt stand in Verbindung mit der Eisenbahninfrastruktur. Wir spielten in Kigoma auf dem Bahnhof und auf den Unterwegsbahnhöfen des Zuges von Kigoma nach Daressalam. Der war für die rund 1400 Kilometer ca. 48 Stunden unterwegs. Auf den größeren Haltebahnhöfen, wo der Zug eine ganze Weile stand, also in Tabora, Dodoma, Morogoro, stiegen wir aus und haben auf dem Bahnsteig für die Reisenden und Wartenden gespielt – während des Tages und in der Nacht.


In Deutschland haben wir unseren eigenen Zug mit acht Eisenbahnwaggons. Das ist auch der Grund, warum wir eine Affinität zur Eisenbahn haben. Wir sind mit unserem Zug zu den Vorstellungsorten gefahren und haben einen Flachwaggon für diese Vorstellung als Bühne genutzt. Die Premiere war in unserem Bahnhof im Elb-Weser-Dreieck. Dann waren wir in Hamburg, wo wir mit dem dortigen Hafenmuseum kooperierten. Schließlich wurde die Goetzen damals vor hundert Jahren von Hamburger Hafen aus nach Tansania verschickt.


Anschließend ging die Gastspielreise in die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover. Die Niedersächsische Staatskanzlei hatte in der Vergangenheit viel mit der Diskussion um die Sanierung der Liemba zu tun. Letzte Station der Reise war Bremerhaven, wo vermutlich auch Teile der Goetzen verschifft wurden. Es waren also Orte, die geschichtliche Verbindungen mit dem Thema hatten.

 

Haben die Medien berichtet?
In Deutschland haben viele Radiosender über uns berichtet, wir waren sehr gut ausgebucht. In Tansania gab es einen Hinweis im nationalen Fernsehen, überraschenderweise wurde unser Projekt sogar im Parlament angekündigt. Der Citizen, eine der wichtigsten englischsprachigen Zeitungen im Land, brachte einen großen Artikel. Ein Fernsehsender kam zu einer Aufführung. Es wurde also überregional wahrgenommen.

 

In welchen Sprachen spielten Sie?
Wir haben in Tansania eine Vorstellung entwickelt, die auch im öffentlichen Raum funktioniert. Es war ein deutsch-tansanisches Ensemble, in Tansania haben die Tansanier Kiswahili gesprochen und die Deutschen Englisch, Deutsch und etwas Kiswahili. Als wir nach Deutschland kamen, haben die Tansanier Englisch gesprochen und die Deutschen Deutsch. Das hat gut geklappt, die Tansanier improvisierten auch auf Kiswahili. Aber wir hatten viele Bildebenen im Stück, so dass es auch so verständlich war. Meine Intension ist, ein Stück auch ohne Sprache verstehen zu können. Gemeinsam haben wir die Bildsprache gefunden, die in beiden Ländern die Zuschauer erreicht. So hat jeder eine andere Vorstellung gesehen oder gehört.


Wir haben uns bemüht, Folklore zu vermeiden. Kostüme und Requisiten waren bewusst karg. In Kigoma haben wir die meisten Kostüme auf dem Markt gekauft – aus den von Europa importierten Second-Hand-Kleiderbergen herausgesucht. Das Bühnenbild haben wir ebenfalls auf dem Markt gekauft: Pflanzenfetteimer und Hackenstiele. Und wir haben viel mit Musik gearbeitet, aber die traditionelle Musik wurde immer wieder gebrochen. Es war eine schöne Mixtur.

 

Wie hat das Publikum reagiert?
Das Theaterpublikum in Deutschland und Tansania reagierte sehr unterschiedlich. Klatschen ist in Tansania unüblich, man geht einfach weg. In Deutschland gab es zehn Minuten lang frenetischen Applaus, was die afrikanischen Schauspielerinnen und Schauspieler völlig verblüffte. Während der Vorstellung hatten wir eine kleine gestaltete Pause. Wir verteilten Probierportionen von getrocknetem Fisch und Reisbrei an das Publikum. Das war sehr interessiert. Viele haben die Tansanier mit Fragen überschüttet.


Die Geschichte der Liemba kennt in Tansania fast jeder, worüber ich mich gewundert habe. Deutsche Wertarbeit wird gelobt. Das halte ich für übertrieben, die Liemba ist heute in einem sehr beklagenswerten Zustand. Aber sie erfüllt dennoch wichtige Aufgaben, wie die Evakuierung von Flüchtlingen aus Burundi. Als es in der DR Kongo noch instabiler war, wurde das Schiff auch für den Transport der Flüchtlinge von dort eingesetzt. Aber seine Technik ist völlig veraltet, es ist für die Reisenden eine Zumutung. Es bräuchte ein neues Schiff, aber das kann niemand vor Ort bezahlen. Das sinnvollste wäre, das Schiff an Land zu bringen, es für Touristen zugänglich zu machen und ein neues Schiff zu bauen, das die heutigen Sicherheitsanforderungen erfüllt.

 

Gab es strittige Themen?
Was uns gewundert hat, waren Reizthemen wie Prostitution und Albinismus. Zu der Zeit begann der Wahlkampf so langsam. (Wahlen finden Ende Oktober statt, d.R.) In Tansania besteht immer noch der Aberglauben, dass Körperteile von Albinos dem Besitzer Glück und Geld bringen. Besonders vor den Wahlen müssen Albinos vor Übergriffen geschützt werden. Wir haben ein Interview mit einem Albino geführt, er sagte, dass sie an einem sicheren Ort – in einem Versteck – regelrecht weggesperrt werden. Dort gibt es Wachpersonal. Wir hatten zwei Szenen über Albinismus in unserer Vorstellung. Das war den tansanischen Schauspielern sehr wichtig. Das diesjährige Bagamoyo Festival of Arts steht unter dem Motto: Albinismus. Viele Gruppen setzen sich mit diesem Thema auseinander. Es ist auch im Fernsehen und im Internet mit gut gemachten Clips sehr präsent. So findet ein Umdenken statt.


Das Engagement der tansanischen Schauspielerinnen und Schauspieler hat mich auch auf einer weiteren Ebene verblüfft. Wir führten Interviews in einer Art Altersheim am Stadtrand von Kigoma. Pro Raum lebten sechs alte Menschen auf kaputten und verdreckten Matratzen. Sie erhalten nur etwas Versorgung von der Kirche, aber nicht genug. Die Schauspielerinnen waren tief betroffen und weinten, weil sie so ein Elend von alten Leuten noch nie zuvor gesehen haben. Wir haben dann eine CD mit der Musik von unserem Theaterstück aufgenommen, das Geld wurde an das Altersheim weitergegeben. Das war den tansanischen Kolleginnen ein großes Anliegen.

 

Setzen Sie Ihre Kooperation mit Tansania fort?
Ich habe letzte Woche ein Exposé zum Thema Aufarbeitung von Geschichte geschrieben. Es wird ein Projekt mit tansanischen Jugendlichen zur Geschichte der Sklaverei und des Sklavenhandels entlang der Route Kigoma, Bagamoyo zur Insel Sansibar. Wir planen es für das nächste Jahr.

 

Wir sind gespannt auf das neue Stück!

www.das-letzte-kleinod.de

Hinweis: Die dunkel hinterlegten Formularfelder sind Pflichtfelder.