Klimaschutz durch vermiedene Entwaldung

Heft 6/2012

Mosambik

ANSÄTZE IN MOSAMBIK: GROSSE PLÄNE – VIELE FRAGEN – HEFTIGE DEBATTEN. In einer Sonderausgabe des „Mozambique Political Process Bulletin" vom 9. Juli 2012 berichtet Anna Wallenlind Nuvunga über die Rolle und Bedeutung des CO2-Emissionshandels mittels Waldschutzprojekten (sog. REDD/REDD+-Projekte). Sie stellt die in Mosambik kontrovers geführte Debatte vor, benennt wichtige Akteure und berichtet über laufende und geplante Projekte. Die zentralen Aussagen, ergänzt um Informationen zur internationalen REDD-Debatte, hat Richard Brand aufbereitet.

 

Mitte Juni 2012 teilte das mosambikanische Umweltministerium mit, dass es in absehbarer Zeit keine weiteren Projekte von privaten Firmen (Carbon Trading Companies) genehmigen wird, die mittels eines Ansatzes der vermiedenen Entwaldung CO2-Emissionshandelszertifikate generieren und verkaufen wollen. Die Entscheidung hat eine erhebliche Tragweite, denn es liegen Anträge von Carbon Trading Companies vor, in denen sie Waldflächen nutzen wollen, die etwa ein Drittel der gesamten Fläche Mosambiks umfassen.

 

Zwei politisch einflussreiche Gesellschaften haben Anträge gestellt. Die Mozambique Carbon Initiative (MCI) möchte auf 15 Mio. Hektar in sieben Provinzen Projekte durchführen. In der Provinz Cabo Delgado möchte die 2011 gegründete Hewa-Gesellschaft eine Fläche von 3,7 Mio. Hektar (etwa so groß wie Dänemark) nutzen. MCI gehört mehrheitlich der Eduardo-Mondlane-Universität, während bei Hewa 20 Prozent der Anteile Alberto Chipande gehören, der Mitglied des Politbüros der Frelimo ist. Weitere Anträge kommen von Nichtregierungsinstitutionen und internationalen Entwicklungsagenturen. Der WWF erarbeitet ein Konzept für ein REDD+-Projekt über 500.000 Hektar in Cabo Delgado, mit dem die Abholzungsrate auf Null reduziert werden soll.

 

Vor der Entscheidung sah sich das Umweltministerium einem starken Druck ausgesetzt, der seitens der Antragsteller, von Präsident Guebuza und dem Ministerrat sowie der Weltbank ausgeübt wurde, die aus unterschiedlichen Gründen gerne eine Beschleunigung des Prozesses gesehen hätten. Die Regierung erwartete sich zusätzliche Einnahmen für den Staatshaushalt. Die Schätzungen der Einnahmen variieren allerdings stark. Sie reichen von 29 Mio. US-Dollar bis zu 1 Mrd. US-Dollar und sind abhängig von den technischen Annahmen zum CO2-Bindungspotenzial der Maßnahmen und dem erwarteten Marktpreis für die eingesparte Tonne CO2. Die Weltbank verwaltet mit der Forest Carbon Partnership Facility eines der größten REDD-Pilotprogramme, an dem auch Mosambik beteiligt ist. Sie möchte zeigen, dass REDD-Programme funktionieren und positive Ergebnisse bringen.

 

Viele Fragen, fehlende Konzepte

Bei den internationalen Klimaverhandlungen wurde sich noch nicht auf eine globale und verbindliche Rahmensetzung für REDD geeinigt. Viele technische, politische und soziale Fragen sind weiter umstritten. Die bestehenden Programme von Weltbank und dem UN-Umweltprogramm sind lediglich Pilotprogramme. Politisch umstritten ist, ob REDD in den internationalen Emissionshandel integriert werden soll. Die Befürworter möchten, ähnlich wie beim Clean Development Mechanismus (CDM), dass Industrieländer Emissionsreduktionen auch durch den Kauf von eingesparten Emissionen aus REDD-Projekten realisieren dürfen.

 

Kritiker des CDM weisen darauf hin, dass in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte unterstützt wurden, deren klimapolitische Wirkung zweifelhaft ist. In vielen Fällen gingen sie auf Kosten der armen Bevölkerung. Es gab Umsiedlungen, Vertreibungen und den Verlust von Landzugang und -nutzung. Die Befürchtung ist, dass dies bei REDD in noch größerem Umfang passiert, wenn Waldschutz einseitig auf CO2-Effekte reduziert wird. Indigene Völker, Bauernorganisationen, NRO drängen daher auf weitgehende Schutzklauseln, die die Rechte der Menschen, die im und vom Wald leben, sicherstellen.

 

Der Emissionshandel mit REDD-Zertifikaten wird auch aus ökonomischen Gründen kritisiert. Die Handelspreise für Emissionszertifikate aus CDM sind aufgrund der geringen Nachfrage und eines Überangebotes schon länger im Keller. Lag der Marktpreis pro eingesparter Tonne CO2 2011 im Höchststand bei 15 US-Dollar, ist er 2012 meist kaum höher als 5 US-Dollar. Mit der Integration von REDD würde sich der Preisverfall weiter verstärken. Eine spannende Frage auch für Mosambik lautet daher: Wer würde CO2-Kredite eigentlich kaufen? Und zu welchem Preis?

 

REDD in Mosambik

Mosambik ist eines von 37 Ländern, welches im Rahmen der FCPF der Weltbank dabei ist, einen REDD-Mechanismus zu etablieren. Die Vorbereitungen werden von Norwegen teilfinanziert, es gibt Süd-Süd-Austausch mit Brasilien, Japan gewährt technische Unterstützung. Eine REDD-Arbeitsgruppe wurde 2009 eingerichtet, an der das Umweltministerium (MICOA), das Agrarministerium (MINAG), die Eduardo-Mondlane-Universität, nationale NRO und internationale Institutionen beteiligt sind. Die Gruppe hat ein so genanntes „Readiness Preparation Proposal" erarbeitet, eine Voraussetzung für finanzielle Unterstützung. Das Proposal wurde im März 2012 angenommen. Damit kann die Weltbank bis zu 3,8 Mio. US-Dollar freigeben.

 

Die Regierung ist auch dabei, eine nationale REDD-Strategie zu entwickeln. Außerdem soll ein neues Forstgesetz erarbeitet werden. Schon weiter fortgeschritten ist der Entwurf eines Regierungsdekretes, die Überarbeitung der zweiten Version, mit der die Genehmigung von REDD-Projekten geregelt werden soll, läuft. So muss z. B. noch eindeutig definiert werden, was unter einem Wald zu verstehen ist, ob Plantagen dazu gehören oder nicht. Eine weitere wichtige Frage betrifft die Verteilung potenzieller Gewinne zwischen Investoren, dem Staat und den lokalen Gemeinschaften. Im Entwurf der REDD-Strategie steht, dass die Investoren lediglich 20 Prozent aus den Erlösen behalten dürfen. Diese halten das für nicht ausreichend. Ländliche Gemeinschaften sollen laut Entwurf 10-20 Prozent erhalten. Zivilgesellschaftliche Organisationen plädieren dafür, dass die Mehrheit der Erlöse direkt an die Gemeinschaften gehen soll und nicht erst an die staatliche Verwaltung.

 

Sowohl innerhalb der mosambikanischen Zivilgesellschaft als auch bei den internationalen Akteuren sind die Vorstellungen, was Mosambik tun soll, sehr unterschiedlich. UNAC, der Bauernverband, lehnt REDD ab. Er sieht darin viele falsche Versprechungen und befürchtet, dass dies ein weiterer Versuch ist, die afrikanischen Ressourcen zu plündern. Justicia Ambiental (JA!), die in Verbindung mit dem internationalen Netzwerk „Friends of the Earth" stehen, hält REDD für einen falschen Ansatz im Klimaschutz, der richtige Anstrengungen untergräbt.

 

Beide Organisationen befürchten, dass es zu weiteren Landkonflikten (land grabbing) kommt, dass die bäuerlichen Gemeinschaften den Zugang zum Wald und ihre Souveränität der Nutzung verlieren und dass sie hilflos den „Carbon Cowboys" ausgesetzt sein werden, die in Ländern wie Brasilien und Indonesien einigen Gemeinschaften mit Tricks und skrupellosen Methoden die Rechte am Wald abgekauft haben. Sie befürchten, dass durch REDD und den Emissionshandel die Ernährungssicherheit gefährdet wird, wenn mehr Land und Zeit für das Pflanzen von Bäumen genutzt werden. Als weitere Gefahr sehen sie, dass intakte Wälder und Ökosysteme durch das Anpflanzen von Monokulturen-Wäldern ersetzt werden.

 

Die mosambikanische Umweltorganisation „Centro da Terra Viva" (CTV), Mitglied der nationalen REDD-Arbeitsgruppe, sieht REDD weniger negativ, sondern weist darauf hin, dass damit neue Wege zur Finanzierung von Schutzmaßnahmen gangbar und damit auch nachhaltige Entwicklungsprozesse möglich sind. Sie betont auch, dass REDD kein vollständiger Ersatz für die Reduktionen der Emissionen in Industrieländern sein darf. CTV ist international mit dem WWF verbunden. Auf mosambikanischer Ebene reproduzieren sich somit die unterschiedlichen Einschätzungen wichtiger Akteure der internationalen Zivilgesellschaft (WWF ist für und Friends of the Earth ist gegen REDD) in der Klimadebatte.

 

Laufende Projekte nicht tragfähig

In der Provinz Sofala, in der Nähe des Gorongosa-Parks, betreibt die Firma Envirotrade das „N'hambita Community Carbon Project". Sie ist bislang das einzige private Unternehmen in Mosambik, welches Emissionszertifikate aus Waldprojekten verkauft. Die Käufer sind internationale Unternehmen, die sich am freiwilligen Markt des Emissionshandels beteiligen. Vorliegende Zahlen besagen, dass bis 2010 insgesamt 155.675 Tonnen CO2 zu einem durchschnittlichen Preis von 8,54 US-Dollar/Tonne verkauft wurden. Die Gesamterlöse betrugen ca. 1,33 Mio. US-Dollar.

 

Das Projekt wird international beworben. So findet sich auf der offiziellen Website der Rio+20-Konferenz eine positive Einschätzung: „Das N'hamita Community Carbon Project dient als Mustermodell, das in anderen Gebieten innerhalb wie außerhalb Mosambiks wiederholt wird." Die Realität sieht allerdings anders aus. Das Projekt wird in vier Jahren geschlossen, da es finanziell nicht tragfähig ist. Envirotrade macht dafür den schwankenden und niedrigen Handelspreis und die geringe Nachfrage verantwortlich.

 

Ein Hauptgrund dürfte im Scheitern des Konzeptes liegen. Da Bäume langsam wachsen und jährlich nur wenig CO2 binden, verkauft Envirotrade im Voraus die CO2-Einsparungen von 100 Jahren. Die beteiligten Bauern und Bäuerinnen erhalten für die ersten sieben Jahre der Pflege erhöhte Zahlungen und verpflichten sich im Vertrag, dass sie und ihre Nachkommen die Bäume für 100 Jahre erhalten werden. Im Jahr 2011 haben die beteiligten Familien ca. 63 US-Dollar pro Familie erhalten.

 

Die Nachhaltigkeit eines solchen Konzeptes wird international stark in Zweifel gezogen. Die Nachfrage nach solchen Krediten ist gering und die Preise sind entsprechend niedrig. Außerdem gilt es als höchst unwahrscheinlich, dass die Bauern die Bäume nach Projektende dauerhaft stehen lassen. Nachfragen des Mozambique Political Process Bulletin bestätigten dies. Die Mehrheit der Bauern und Bäuerinnen sieht in der zukünftigen Nutzung der Bäume, wenn sie größer sind, diverse Nutzen für sich. Angesichts ihrer ökonomischen Situation und des Bedarfs an Brenn- und Baumaterial durchaus verständlich. Trotz der schlechten Ergebnisse in Sofala plant Envirotrade andere REDD+-Projekte in Mosambik.

 

Richard Brand

Der Autor ist Referent für Umwelt, Klima, Energie bei der Ev. Kirche im Rheinland. Sein Beitrag erscheint im Dezember im Mosambik Rundbrief 85.

Quelle: Mozambique Political Process Bulletin, Issue 50, 9 July 2012, Special issue by Anna Wallenlind Nuvunga

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