Mit Xenowatch gegen fremdenfeindliche Gewalt

Heft 2/2017

Südafrika

FREMDENFEINDLICHKEIT UND ÜBERGRIFFE AUF MIGRANTEN SIND IN SÜDAFRIKA AN DER TAGESORDNUNG. Nun versuchen Wissenschaftler am African Centre for Migration & Society (ACMS) in Johannesburg, mit dem Frühwarnsystem Xenowatch die Entstehung der Gewalt aufzuzeigen und zu stoppen.

 

In Debatten um die sogenannte „europäische Flüchtlingskrise" rückt das bedeutende Migrationsland Südafrika oft in den Hintergrund. Dabei war Südafrika bis 2012 der Staat mit der weltweit größten Anzahl an Asylsuchenden in sechs aufeinander folgenden Jahren. Obwohl keine genauen Zahlen bekannt sind, da viele der in Südafrika lebenden Migranten nicht offiziell dokumentiert sind, werden sie auf 1,6 bis 3,1 Millionen geschätzt.


Immer wieder kommt es zu fremdenfeindlicher Hetze und gewalttätigen Übergriffen. So zogen am 24. Februar 2017 mehrere hundert Demonstranten durch Pretoria, forderten Arbeitsverbote für Migranten und reichten eine Petition beim Innenministerium ein. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Protestierenden, 136 Personen wurden festgenommen. Demonstranten hatten somalische Staatsbürger angegriffen.

 

Eskalierende Fremdenfeindlichkeit
Xenophobe Attacken finden regelmäßig statt und haben in den letzten Jahren an Intensität zugenommen, erklärt Alexandra Hiropoulos vom African Centre for Migration & Society in Johannesburg. Allein seit Anfang 2017 wurden vermutlich 14 somalische Staatsangehörige in Südafrika getötet und viele Migranten fürchten erneute xenophobe Ausbrüche vergleichbar mit denen, die das Land schon 2008 und 2015 erschütterten.


Im Mai 2008 fand der bisher drastischste Ausbruch xenophober Gewalt statt, bei dem in weniger als einem Monat mehr als 62 Menschen getötet, 620 verletzt, Dutzende vergewaltigt und mindestens 100.000 Menschen vertrieben wurden. Obwohl es seitdem nicht mehr zu Angriffen ähnlicher Größenordnung kam, werden Migranten immer wieder Opfer fremdenfeindlicher Gewalt. Bei Attacken im April 2015 gab es 16 Tote und über 500 vertriebene Menschen.


Bis heute ist nicht genug darüber bekannt, wann, wo und aus welchem Gründen xenophobe Attacken stattfinden. Die bisherige Forschung deutet darauf hindeutet, dass Townships und Wanderarbeiterwohnheime (Hostels) besonders betroffen sind.

 

Auslöser fremdenfeindlicher Gewalt
Fremdenfeindlichkeit manifestiert sich in Diskriminierung oder Gewalt aufgrund von Ethnizität, Sprache, geographischer oder nationaler Herkunft. In Südafrika werden migrierte Menschen aus anderen afrikanischen Ländern sowie aus asiatischen Ländern wie Pakistan und Bangladesch regelmäßig zur Zielscheibe. Aber auch jene, die von einer südafrikanischen Provinz in eine andere migrieren, werden an ihrem Ankunftsort oft als „Außenseiter" betrachtet und attackiert. Ein Drittel der Opfer der 2008er-Attacken waren südafrikanische Staatsbürger.


Fremdenfeindliche Gewalt tritt häufig in Form von Gruppengewalt auf, bei der lokale Bewohner Migrantinnen und Migranten angreifen und ihre Geschäfte sowie Häuser plündern. Auch schriftliche und verbale Einschüchterungen sowie Bedrohungen sind verbreitet. Dabei werden migrierte Menschen für die hohe Arbeitslosigkeit, ökonomische Strukturprobleme und die grassierende Kriminalität verantwortlich gemacht. Oft wird wirtschaftliche Konkurrenz, zum Beispiel um informelle Kioske, sog. „Spaza Shops", als Motivation genannt. Gezielte individuelle Übergriffe finden auch statt.


Nach bisherigen Erkenntnissen des African Centre for Migration & Society (ACMS) kommt Gewalt vor allem dort vor, wo hohe, aber nicht äußerste Existenznot besteht. Zudem spielen weitere Faktoren eine Rolle, wie zum Beispiel die infrastrukturellen Probleme und die lokalspezifische Wohnsituation in informellen Siedlungen sowie die sprachliche Heterogenität der jeweiligen Bevölkerung und der Anteil männlicher Bewohner.


Auch tritt xenophobe Gewalt dann auf, wenn lokale Verwaltungsstrukturen schwach sind und Bewohner (korrupten) Gemeindeverantwortlichen nicht vertrauen. Dies schafft Situationen, in denen konkurrierende Interessengruppen um politischen und damit einhergehenden wirtschaftlichen Einfluss ringen. Migranten werden von diesen oft als vermeintliches Kernproblem der jeweiligen „Community" identifiziert und Bewohner werden mobilisiert, diese Menschen zu attackieren und zu vertreiben.


Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es jedoch zu wenig Informationen über die konkreten Gründe und die genauen Abläufe fremdenfeindlicher Übergriffe an bestimmten Orten, so dass zivilgesellschaftliche Organisationen, nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen sowie die Regierung diese Gewalt bis jetzt kaum verhindern konnten. Das will Xenowatch ändern.

 

Was ist Xenowatch?
Xenowatch ist ein System, um Bedrohungen und Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten in Südafrika besser dokumentieren und vermeiden zu können. Die Plattform wurde vom African Centre for Migration & Society (ACMS), dem national und international gut vernetzten Forschungszentrum an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, entwickelt und im August 2016 der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit will das ACMS, das bereits als Schaltstelle zwischen Forschungseinrichtungen und NRO gilt, diesen eine wichtige Informationsbasis bieten.


Derzeit ist die Plattform noch im Aufbau, die Zusammenarbeit mit der Polizei, der jeweiligen Lokalverwaltung und staatlichen Stellen wird angestrebt. Über elektronische (soziale) Medien, Radiosender und Zeitungen werden möglichst viele Migrantengruppen über Xenowatch informiert. Auf Englisch, Kiswahili, Shona, Zulu, Portugiesisch und Französisch sollen sie über fremdenfeindliche Bedrohungen und Übergriffe berichten können.


Xenowatch basiert hauptsächlich auf „Crowd-Sourcing", also auf Berichten über potenzielle Brandherde, die per SMS, Email oder direkt auf der Homepage xenowatch.org eingehen. Alle Berichte xenophober Attacken und Bedrohungen werden registriert, verifiziert, dann anonym auf xenowatch.org veröffentlicht, kartographiert und sofort an die Polizei, Stadtbehörden, lokale und internationale Organisationen weitergeleitet. Facebook und Twitter ergänzen die aktuellen Informationen. Xenowatch wertet auch Daten aus Medienberichten, Partnerorganisationen und Lokalstudien aus.


Ziel ist die Entwicklung eines Frühwarnsystems, das Polizei, zivilgesellschaftliche Akteure und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR über Gewalt oder Vertreibungen informiert. Xenowatch will Gewalt gegen Migranten im gesamten Land überwachen sowie die Reaktionen der Regierung und Polizei darauf dokumentieren. Das soll deren Verantwortung steigern, damit sie Gewalt stoppen und vermeiden. Bislang unterscheidet die südafrikanische Polizei nicht zwischen xenophober Gewalt und anderen kriminellen Straftaten, weshalb fremdenfeindliche Gewalt in allen Provinzen, Stadtbezirken und Gemeinden ausdrücklich als solche dokumentiert und visualisiert werden soll.


Wenn Menschen einen Bericht bei Xenowatch einreichen, wird dieser auch zur Polizei auf Provinz- oder städtischer Ebene weitergeleitet. Das hat zwei Vorteile: Erstens bleiben Menschen ohne legalen Status anonym und zweitens können Polizisten auf lokaler Ebene für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden. Dies ist besonders wichtig, da Migranten nicht selten beklagen, dass die lokale Polizei auf Attacken nicht reagiert oder sogar selber beteiligt ist.

 

Politische Reaktionen
Xenophobe Attacken werden von Politikern oft als „gewöhnliche" Kriminalität abgetan. So veröffentlichte das Präsidentenbüro während massiver Gewaltübergriffe im April 2015 zwar eine Stellungnahme und verurteilte darin die Gewalt. Jedoch erklärte das gesamte Dokument nicht, dass es sich um fremdenfeindliche Übergriffe handelte. Dabei waren laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 16 Tote, dutzende Verletzte und mehrere hundert Vertriebene zu beklagen. Nach der ausländerfeindlichen Demonstration am 24. Februar 2017 sagte Präsident Jacob Zuma, die Teilnehmer hätten gegen Kriminalität demonstriert, Xenophobie sei kein Motiv gewesen.


Auch auf lokaler Ebene wird xenophobe Gewalt oft unterschätzt oder geleugnet. So verlangte Herman Mashaba, der Bürgermeister von Johannesburg, am 1. Dezember 2016, „illegale Ausländer" sollten wie Kriminelle behandelt werden. Anfang Februar 2017 führte ein Spezialteam der Metropolizei und des nationalen Polizeidienstes unter dem Banner der Kriminalitätsbekämpfung eine Razzia im Stadtteil Rosettenville durch. Den dort lebenden Migranten wurden vorgeworfen, für den Anstieg der Kriminalität, konkret für Drogenhandel und Prostitution, verantwortlich zu sein. Danach steckten Bewohner Häuser in Brand, in denen Nigerianer wohnten. Ähnlich motiviert waren Hauszerstörungen in Pretoria kurz vor der ausländerfeindlichen Demonstration am 24. Februar.


Um so wichtiger sind kontextspezifische Informationen und Forschungen ebenso wie die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure, zivilgesellschaftlicher Gruppen und staatlicher Institutionen. Xenowatch will dazu beitragen, Gewalt im Vorfeld zu verhindern und bei Übergriffen rasch zu reagieren. Die Plattform hat das Potenzial, die Sicherheit migrierter Menschen zu verbessern und ihr Leben sowie ihre Existenzgrundlagen zu schützen.


Maren Denker

 

Die Autorin studiert Psychologie und arbeitet zurzeit als Freiwillige im Projekt Xenowatch am African Centre for Migration & Society (ACMS) an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg.

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