Nashorn-Wilderei, Bergbau und Rinder

Heft 5/2015

Namibia - China

NAMIBIAS SCHWARZE NASHÖRNER in der abgelegenen Kunene-Region sind von einer tödlichen Kombination aus Wilderei, Dürre, chinesischem Bergbau- und Baubetrieb und landhungrigen kommunalen Rinderfarmern bedroht.

 

In der Machtprobe zwischen Naturschutz und Industrialisierung entlang der im Norden gelegenen Roten Linie, einer Veterinärgrenze, sind die letzten frei lebenden schwarzen Nashörner ins Kreuzfeuer einer größeren Auseinandersetzung über mineralische Ressourcenausbeutung geraten. Ein Viertel der schwarzen Nashörner im Südwesten der im Nordteil Namibias gelegenen Kunene-Region ist seit 2012 durch Wilderei und Dürre vernichtet worden. Offiziellen Statistiken zufolge endeten 24 von ihnen in den vergangenen zwölf Monaten im Kugelhagel von Wilderern. Der Minister für Naturschutz und Tourismus, Pohamba Shifeta, bestätigte, dass in den vergangenen sechs Monaten 62 Nashornkadaver im Etoscha-Nationalpark entdeckt wurden. Anderen Quellen zufolge waren es sogar achtzig oder mehr. Etwa 400 der vom Aussterben bedrohten Dickhäuter sind seit 2005 umgekommen, siebzig Prozent davon seit 2012. Die etwa 1.800 bis 1.900 schwarzen Nashörner in Namibia machen vierzig Prozent des weltweiten Bestands aus. Laut der internationalen Naturschutzvereinigung IUCN sind das noch 4.800 bis 5.000 Tiere, vor 150 Jahren waren es etwa 850.000.


Die genaue Zahl schwarzer Nashörner in Namibia wurde bisher immer geheim gehalten, um auf unerwünschter Seite so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen. Naturschutzbeamte meinen, diese Kultur der Geheimhaltung habe dazu beigetragen, dass die Wilderei lange unentdeckt blieb. Trotz der seit 2009 wiederholten Warnungen, dass Namibias Nashörner bedroht sind, ergriffen die Behörden keine besonderen Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen. So wurden die zuvor aufgelösten Anti-Wilderei-Einheiten in Etoscha nicht wieder aktiviert. In einem politischen System, das Rinderfarmen und andere kommerzielle Interessen dem Naturschutz vorzieht, war dies nur eine von vielen Unterlassungen. Selbst als die drei chinesischen Staatsbürger Li Xiaoling, Li Zhibing und Pu Xuexin mit 14 Nasenhörnern in ihrem Gepäck am internationalen Windhoeker Flughafen erwischt wurden, behauptete die Regierung, die Wilderei im Griff zu haben.


Die Enthüllungen der vergangenen 18 Monate schaden auch dem Image: Namibia war zuvor als Naturschutzerfolg angesehen worden, denn es hatte in den frühen 1990er Jahren den Bestand an schwarzen Nashörnern vor dem Aussterben bewahrt und aufgestockt. Das Ministerium für Naturschutz und Tourismus (MET) meldete nur drei Fälle von illegaler Nashornjagd an die internationale Artenschutzbehörde CITES, einen 1997, zwei 2000.

 

Chinesische Bergbaufirmen
Das änderte sich jedoch im Jahr 2012. Nicht nur der von Chinesen betriebene Bergbau mit einhergehenden Straßenbauteams, sondern auch Viehzüchter der Aawambo sowie Ovahimba drangen mit ihren Rinderherden in dieses Gebiet ein. Das Resultat: überall Nashornleichen. Zwanzig der 24 Fälle von Nashorn-Wilderei in der Kunene-Region ereigneten sich in zwei Gebieten. Sie umfassen 110.000 Hektar und gehören der Bergbaugesellschaft Namibia Huaxin Resources Exploration & Development (NHRED). Dieses chinesische Unternehmen hat seit dem Ende 2012 exklusive Schürfrechte. Nach Untersuchung von NHRED-Dokumenten führten die Spuren der Nashorn-Wilderei zum chinesischen Geschäftsmann Li Ming. Er ist der Namibia-Vertreter der Gesellschaft Jiangsu Eastern China Non-ferrous Metal Investment Holding Company und der sich weltweit ausbreitenden Eastern China Geological & Mining Organisation for Non-Ferrous Metals, kurz: ECE – ein Konglomerat aus staatlich betriebenen Prospektionsgruppen, Forschungseinrichtungen sowie 22 Gesellschaften, die im Bau- und Bergbaubetrieb, Ingenieurwesen und der Bohrindustrie tätig sind. Zu Beginn des Jahres gab die ECE eine ihrer wenigen Presseerklärungen ab. Darin betont sie die „Unterstützung", die sie von Namibias Gründungspräsidenten Sam Nujoma erhalten hat.


Li erweckte zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, als die staatseigene namibische Zeitung New Era im Dezember 2011 berichtete, dass er bzw. die Jiangsu-Metallinvestitionsgesellschaft eine 2,67-Mio.-Tonnen-Eisenerzlagerstätte im Wert von vier Mrd. US-Dollar bei Orumana, 80 km südlich von Opuwo in der Kunene-Region, entdeckt hätte. Dem Artikel zufolge würde dies laut dem damaligen Minister für Handel und Industrie, Tjeriko Tweya, zu einer enormen Entwicklung der Infrastruktur führen und 10.000 neue Arbeitsplätze in der Region schaffen.


Unabhängige namibische Geologen zollten dieser Eisenerz-„Entdeckung" Verachtung. Die Erzlagerstätte ist nämlich schon seit den 50er-Jahren bekannt, galt aber wegen ihrer tiefen, vertikalen Struktur als wirtschaftlich nicht nutzbar. Laut der Webseite „China Africa Minerals Plc." ist Li auch verantwortlich für das Management fünf weiterer Bergbaugesellschaften in der Kunene-Region.


Die Bergbauindustrie konsumiert immense Mengen an Elektrizität und Wasser, durch den Mangel an beiden ist die unberührte Kunene-Wildnis bisher von groß angelegtem Bergbau verschont geblieben. Aber mit der Husab-Uranmine, der größten chinesischen Einzelinvestition in Afrika, die nächstes Jahr in Gang gesetzt werden soll, benötigt Namibia zusätzliche 250 mW Elektrizität, die das Land zur Zeit nicht zur Verfügung stellen kann.

 

Hindernisse für den Baynes-Staudamm
Das soll der Baynes-Staudamm ändern, der etwa 150 Kilometer flussabwärts vom bereits bestehenden 330 mW Ruacana-Wasserkraftwerk gebaut werden soll. Diesem Großprojekt standen bislang etliche Hindernisse entgegen: Der erste, der sich gegen den Staudammbau auflehnte, war der 87 Jahre alte Chief Hikuminae Kapika von den Epupafällen. Das war schon 1994, als Nujoma den Staudamm als Hauptentwicklungsziel ansah, um den Nordwesten Namibias in ein Bergbau-Mekka umzuwandeln. Der Widerstand hat sich jedoch gelegt, seitdem im November 2013 eine Gruppe Ovahimba von einer Reise auf Staatskosten nach China zurückkehrte – arrangiert von Li, Mervin Hengari und Richter Tjirimuje. Hengari und Tjirimuje gelten als korrupt, haben aber gute Kontakte zur Regierungsspitze und konnten bislang nicht belangt werden.


Umweltaktivisten vor Ort berichteten, die Ovahimba seien nach ihrer Rückkehr für drei Monate auf einer abgelegenen Farm untergebracht worden, wo ihnen großzügige finanzielle Anreize angeboten wurden. Zudem wurde ihnen versprochen, die Regierung wolle den Status von Chief Kapika offiziell anerkennen. Zahlreiche Ovahimba protestierten aber in Epupa und Opuwo gegen das Baynes-Staudamm-Projekt. Kapika wurde von der Epupa-Gemeinschaft als Chief abgesetzt und wird ständig von zwei bewaffneten Polizisten begleitet, die jeden daran hindern, privat mit ihm zu reden.


Eine weitere Hürde waren die schwarzen Nashörner, deren Wiedereinführung aus umliegenden Gebieten seit den 1980er Jahren eine bedeutende Entwicklung des Tourismus in der Kunene-Region zur Folge hatte. Die dortigen kommunalen Naturschutz-Kooperativen galten aus Sicht des World Wildlife Fund (WWF) als Musterbeispiel für andere Länder. Aber seit 2008 dominieren Geldgier und Profitmacherei. Aufgrund des Mangels an Vollstreckungsbehörden nimmt die Wilderei überhand.


Ein weiteres Staudamm-Hindernis war politischer Art: Die Kunene-Region war landesweit die einzige, in der die Swapo seit 1989 die Wahlen nicht mehr gewonnen hatte. Die Ovahimba befürchten, vom benachbarten Aawambo-Volk von Omusati überrannt und verdrängt zu werden. Eine Kombination von Wahlkreisverschiebungen, politischer Vetternwirtschaft und der Besitzwechsel von Rindern änderten dies im vergangenen Jahr, als die Swapo die Parlamentswahlen auch dort gewann.

 

Neue Verträge mit Gewinngarantie
Das Ringen um Landrechte und die Kontrolle über natürliche Ressourcen ist in der südlichen Kunene-Region recht verworren, wie Willem Odendaal, Experte für Landrechtsfragen des Legal Assistance Centre LAC, sagt. Auf Betreiben des LAC hatten die drei größten „Conservancies" der Region (kommunale Gebiete mit Schutzcharakter) durch ein Obergericht eine Verfügung erwirkt, einen weiteren Kapika-Clan, den von Katuzuu Kapika, aus der Kunene-Region zu verweisen. Doch nach dem Wahlsieg der Swapo zogen die Conservancies ihren Räumungsbefehl klammheimlich zurück.


Zeitgleich mit der Ankunft dieses Clans waren am 14. März 2012 geologische Forschergruppen des ECE-Konglomerats und der zwei größten chinesischen Baugesellschaften, China Gezhouba Group (CGG) und China National Machinery (CMEC), in die Region gekommen. Medienberichten zufolge verabschiedeten Präsident Hifikepunye Pohamba und der damalige Minister für öffentliche Arbeiten und Transport, Erkki Nghimtina, am gleichen Tag ein Abkommen über 105 Mio. US-Dollar mit CGG und CMEC, zwei Straßen in der nördlichen Kunene-Region auszubessern. Ingenieure wunderten sich über den stark überteuerten Auftrag.


Diesem und vielen weiteren bedeutenden Abkommen war der Besuch des ehemaligen chinesischen Präsidenten Hu Jintao im Februar 2007 in Namibia vorausgegangen. Damals bot er einen Kredit von 100 Mio. US-Dollar zum Ausbau der Infrastruktur und zur Förderung des bilateralen Handels an – unter der Bedingung, dass nur chinesische Unternehmen Aufträge erhalten und die China Exim Bank die Projekte finanziert. Durch das Zusammenwirken von Staats- und Parteipolitik sowie parteinahen Unternehmen wurden nicht nur die versteckten Kosten auf die Steuerzahler abgewälzt, auch die Korruption mit Schmiergeldern stieg: Die Einbindung parteieigener und staatlich kontrollierter Firmen in die zu erhöhten Preisen abgeschlossenen Abkommen mit China erwies sich für die Swapo als Goldgrube zur Parteifinanzierung.


Bei einem besonders krassen Korruptionsfall um einen 55-Mio-US-Dollar-Deal zur Lieferung neuer Gepäckscanner für den internationalen Flughafen in Windhoek, in den auch der Sohn des chinesischen Präsidenten Hu verwickelt war, gibt es eine Verbindung zur Nashornwilderei. Die hochsensitive Scannerausrüstung lagerte lange Zeit auf einer Baustelle, bevor sie am Flughafen installiert wurde. Die Nashornkuriere Li, Li und Pu wurden nur deshalb erwischt, weil ein Gepäckträger der Polizei gegenüber bemerkt hatte, dass ihre Reisetaschen verdächtig schwer seien. Die namibische Flughafenbehörde lehnte jegliche Diskussion über die Effizienz ihrer Ausrüstung ab. Wer auch immer Li, Li und Pu auf diese Reise geschickt hatte, scheint sich dieser technischen Fehler bewusst gewesen zu sein.

 

Mietkarussell und Verhaftungen
Mehr als ein Jahr, nachdem die Nashornkuriere verhaftet worden waren, nahm die namibische Polizei den chinesischen Geschäftsmann Wang Hui (40) in einem Spielkasino in Windhoek fest. Wang hatte Namibia kurz nach der Verhaftung der drei verdächtigten Chinesen zwischenzeitlich verlassen. Die drei Häftlinge hatten bei ihm eine Unterkunft bekommen, und er übergab ihnen nach Polizeiermittlungen die Reisetaschen. Sakkie Burger aus Otjiwarongo bestätigte, dass er seit Mai 2006 mehrere Immobilien an Wang vermietet hatte. Ihm schien, dass er Geld in US-Dollar hinter Steckdosendeckeln versteckt habe. „Eines Tages beschwerte er sich über einen Einbruch, und als ich eintraf, öffnete er sämtliche Steckdosendeckel, um nach seinem Geld zu suchen", erklärte Burger.


Kein einziger der in seinen Büchern eingetragenen chinesischen Mieter hatte jemals einen Ausweis vorgelegt. Er sei sich wirklich nicht sicher, wer sie eigentlich waren, meinte der Immobilienbesitzer Burger. „Es scheint, als ob sie ein Ablösungs- oder Staffelprogramm haben: Ein neuer Typ kommt rein, bleibt für einen Monat hier, während der vorherige nach Oshikango oder China zurückreist", sagte Burger. „Man hat nie gewusst, wer eigentlich dort wohnt."


Während die Untersuchungen zwei Jahre lang erfolglos blieben und lediglich zwei Beschuldigte wegen Nashornwilderei festgenommen wurden, machte die Polizei einen Überraschungsangriff auf vier Dörfer nahe des Etoscha-Nationalparks in der Omusati-Region, wo sie 41 Rinderfarmer verhaftete. Sieben weitere Verdächtigte wurden in der Umgebung von Palmwag in der Kunene-Region festgenommen. Oshona-Polizeikommissar Ndahangwapo Kashihakumwa zufolge waren es fünf oder sechs Wilderei-Syndikate. Li, Li, Pu und Wang, alle aus der Jiangsu-Provinz, haben sich wegen illegalen Besitzes und Handels mit Nasenhörnern und organisiertem Verbrechen vor einem namibischen Gericht zu verantworten. Alles, was fehlt, ist die Identität der wirklichen Drahtzieher.


John Grobler

 

Der Autor gehört zu Oxpeckers, einer Nichtregierungsorganisation für „Investigativen Umweltjournalismus" in Afrika. Seine Recherche wurde durch das „Wits China-Africa Reporting Project" am Journalismus-Institut der Universität von Witwatersrand finanziert.
http://oxpeckers.org

Barbara Dekant
14.12.2015 13:15
Hoffentlich erreicht dieser Bericht ein internationales Publikum!
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