Urbanes Wohnen auf Sansibar

Heft 1/2017

Tansania

KIKWAJUNI KWA MJERUMANI IST EIN STADTTEIL NAHE DER ALTSTADT STONETOWN AUF SANSIBAR. Die einzigartige Siedlung erinnert an die Entwicklungszusammenarbeit zwischen der DDR und Tansania. Sichtweisen der Bewohner auf dieses Erbe und ihre heutige Situation.

 

Zanzibar Town – das verbinden viele mit Stone Town, der historischen Unesco-Altstadt. In den pittoresken und schattigen Gassen schlendern zahllose Touristen. Jedoch erkunden nur wenige die benachbarten Straßenzüge des Stadtteils Kikwajuni kwa Mjerumani – einen Steinwurf von Stone Town entfernt, wo sich ein Stück deutscher Entwicklungsgeschichte verbirgt. Das sagt schon der Name: Kikwajuni kwa Mjerumani heißt frei übersetzt aus dem Swahili: Kikwajuni der Deutschen.

 

Neue Häuser – Zeichen sozialistischer Kooperation
In den Jahren 1964-66 ließ die DDR-Regierung dort Häuserblocks in typischer Zeilenbauweise errichten. Nach der Unabhängigkeit Tanganyikas, der Revolution in Sansibar 1964 und der anschließenden Vereinigung mit diesem Inselarchipel zum neuen Staat Tansania sowie seiner Annäherung an die kommunistischen Staaten sah die DDR-Regierung eine Möglichkeit, dort ihre sozialistischen Ideale zu verbreiten, und stellte sowohl politische als auch militärische Unterstützung zur Verfügung. „Als Abeid Karume seine Idee einer sozialistischen New Town präsentierte, boten ostdeutsche Planer, Architekten und Ingenieure eifrig ihre Hilfe an", erklärte der Architekt Antoni Folkers in seiner aufschlussreichen Studie „Modern Architecture in Africa" (2010). Karume war erster Präsident des semi-autonomen Sansibar, er wollte nahe der Altstadt eine moderne neue Stadt bauen.


Im Rahmen des New Town-Plans wurde Kikwajuni kwa Mjerumani unter Anleitung sechs deutscher Ingenieure und mithilfe eines Dolmetschers von tansanischen Arbeitern errichtet: ein 34.000 m² großes Gebiet mit 14 Häuserblocks und 150 Wohnungen. Heute leben dort rund 1.100 Menschen. Die Gebäudetypen spiegeln sozialistische Grundsätze und Prinzipien wider. Es handelt sich um 2- bis 5-Zimmer-Wohnungen. Unterlagen aus dem Bundesarchiv in Berlin dokumentieren, dass fast alle Materialien aus der DDR per Seeweg dorthin gebracht wurden: Baustoffe und -fahrzeuge, Fenster, Türen, ja sogar Waschbecken und Steckdosen.


Wer durfte in diesem neuen modernen Viertel wohnen? Zur ersten Gruppe gehörten von Karume selbst ausgewählte Personen wie Freunde oder Verwandte. Die zweite Gruppe umfasste diejenigen, die früher in dem Viertel Häuser oder Unterkünfte hatten und mit einer Wohnung für den Abriss entschädigt wurden.

 

Beide Gruppen erhielten die Wohnungen als Eigentum. Die dritte Gruppe bildeten Menschen, die eine neue Wohnung in dem damals begehrten Viertel mieteten. Begehrt, da es eine funktionierende Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung gab. Der Müll wurde täglich an den Hauseingängen abgeholt.

 

Der öffentliche Raum war sauber und gepflegt, auf den Grünflächen wurde ein Kinderspielplatz angelegt und der Supermarkt mit einem breit gefächerten Warenangebot lieferte alles Wichtige zum Leben. Das Viertel wurde 1966 fertiggestellt. Bis heute wohnen dort unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und einige ältere Menschen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war früher groß, da sich das Viertel aufgrund der baulichen Struktur von anderen abhob. Heute ist von diesem Gefühl kaum noch etwas übrig geblieben. Kikwajuni ist ein Wohnviertel ohne besonderen Ruf mit einer durchschnittlichen Wohnqualität.

 

Stadtplanung und Wohnen erforschen
Im August 2016 interviewten wir – ein Team sansibarischer Erwerbstätiger und deutscher Studierender im Rahmen des ASA-Programmes – 84 Bewohnerinnen und Bewohner aller Altersgruppen aus 64 Haushalten in Kikwajuni. Wir wollten herausfinden, wie sie ihr Viertel betrachten und ob Probleme bestehen. Zusätzlich befragten wir Mitarbeiter/-innen der Stadtverwaltung und Stadtplanung. Unsere Untersuchung war in die Aktivitäten der seit 2011 bestehenden Klimapartnerschaft zwischen Potsdam und Zanzibar Town eingebettet. Im November 2016 erweiterte man diese Klimapartnerschaft hin zu einer Städtepartnerschaft.


In dieser langjährigen Kooperation bewegte sich unser sechsmonatiges Projekt „Garden City Drewitz goes Kikwajuni Zanzibar". Zunächst schauten wir uns drei Monate lang den Stadtteil Potsdam-Drewitz genauer an – ein Plattenbaugebiet, das in den letzten Jahren großen Umbauprozessen unterlag, um die Wohnqualität an moderne Maßstäbe anzupassen. Wir führten Interviews mit städtischen Verantwortlichen und Bewohner/innen, in denen uns unter anderem Fragen zur Partizipation der Bewohnerschaft interessierten. Mit den Maßnahmen von Drewitz im Hinterkopf haben wir uns dann über drei Monate dem Stadtteil Kikwajuni kwa Mjerumani auf Sansibar gewidmet und versucht, eine Maßnahmenliste zu entwickeln, wie auch dort die Wohnqualität gesteigert werden könnte.

 

Problematische Wohnqualität
Mehrere ältere Bewohnerinnen und Bewohner in Kikwajuni erzählten uns, dass es früher ein gutes Viertel mit vielen Annehmlichkeiten war: moderne Gebäude mit einer funktionierenden Versorgung, Straßenbeleuchtung, gepflegte Grünflächen und ein Spielplatz. Vieles würde heute nicht mehr zufriedenstellend funktionieren, da die Infrastruktur veraltet oder fehlerhaft ist. Der Spielplatz wurde zugebaut und der Betreiber des Supermarktes hat aus uns unbekannten Gründen aufgehört.


Ein zentraler Kritikpunkt war Abfall. Obwohl ein steigendes Bewusstsein über die Abfallentsorgung zu verzeichnen ist – beispielhaft ist das Verbot von Plastiktüten auf Sansibar –, wurde uns vielfach berichtet, die Abfallentsorgung funktioniere nur unregelmäßig. Gründe sind unter anderem die immer noch steigende Bevölkerungszahl, die mangelnden (finanziellen) Kapazitäten der Stadtverwaltung sowie die zahlreichen Touristen, 2015 schätzungsweise bis zu 500.000.


Aufgrund ihrer begrenzten Kapazitäten versucht die Stadtverwaltung zunehmend, auf lokale Bevölkerungsgruppen zurückzugreifen, die sich um die Abfallentsorgung und die Sauberkeit in ihren Stadtvierteln kümmern. Die anfänglich meist freiwillig agierenden Gruppen holen gegen ein geringes Entgelt der Bewohner den Müll aus den Wohnungen und bringen ihn zu den zwei Sammelcontainern in Kikwajuni kwa Mjerumani. Zudem wurde von einigen Befragten mehr Abfallbildung gefordert, um auf die ökologischen Folgen von nicht ordentlich entsorgtem Müll aufmerksam zu machen.

 

Schwierige Wasserversorgung
Die gestiegene Bevölkerungszahl und -dichte wirkt sich auch auf die Wasserversorgung aus. Das Wasser aus den Leitungen erreicht mancherorts kaum noch oder gar nicht mehr die Endverbraucher, da bereits in Vierteln, die näher an der Quelle liegen, zu viel abgepumpt wird. Die Menschen in Kikwajuni haben eigene Lösungen gefunden, wobei nur wenige auf Brunnen zurückgreifen. Ein Grund ist die Nähe zum Meer und das Problem der Versalzung des Grundwassers. Sie kaufen extern Wasser – entweder in 20-Liter-Kanistern oder in 1.000-5.000 Liter fassenden Tanks. So zahlen sie für ihre Wasserversorgung ein Vielfaches mehr als diejenigen, die Wasser aus den Leitungen der Wasserbehörde erhalten. Allerdings kommt eine siebenköpfige Familie mit einem 20-l-Wasserkanister nicht weit, wenn sie damit trinken, kochen, duschen, spülen und Wäsche waschen soll. Zusätzlich muss Arbeit für den Transport aufgebracht werden. Da erscheinen große Wassertanks als bessere Lösung. Doch in mehreren Häusern wurden diese Tanks auf Dächern, Dachvorsprüngen oder Balkonen angebracht. Diese sind allerdings nicht unbedingt für das zusätzliche Gewicht ausgelegt. Welche Alternative gibt es? Das „Zanzibar Urban Water and Sanitation Project" der African Development Bank will bis Ende 2017 die Situation verbessern und eine stabile Wasserversorgung sichern. Dann wird sich zeigen, ob dieses Ziel erreicht wurde.

 

Partizipation
Auf Sansibar gibt es das System der Shehias. Das sind Gebietseinheiten, die etwa einem Stadtviertel entsprechen. Jede Shehia hat einen Sheha, eine Art Gebietsvorsteher. In Kikwajuni ist es ein Mann. Er wird vom Regional Commissioner ernannt und von einem kleinen Komitee unterstützt – in Kikwajuni sind es vier Frauen und drei Männer, die vom Sheha ausgewählt werden. Ein Sheha übermittelt Anordnungen und Informationen der höheren Instanzen an die Bewohner der Shehia. Dazu kann er eine Versammlung einberufen, an der jeder teilnehmen kann. Anders herum müssen alle Bewohnerinnen und Bewohner, wenn sie Dokumente bei der Verwaltung einreichen oder einen Pass beantragen wollen, zuerst zum Sheha gehen und dessen Unterschrift einholen, die bestätigt, dass diese Person auch tatsächlich in diesem Viertel wohnt. Der Sheha fungiert sozusagen als Schnittstelle zwischen den oberen Behörden und der Bewohnerschaft.


Gleichzeitig trägt ein Sheha viel zum Austausch bei, kennen er und sein Komitee doch die meisten Bewohner persönlich und sind Ansprechpartner für Probleme oder Sorgen im Viertel. Diese werden, wenn notwendig, in einer Versammlung erörtert, um gemeinsam nach Lösungen suchen zu können. Bei einer zukünftigen Umgestaltung des Viertels obliegt nicht zuletzt dem Sheha die Aufgabe, die Bewohner/-innen für einen nachhaltigen Umgang mit einem neugestalteten Viertel zu sensibilisieren und den Zusammenhalt untereinander zu stärken.

 

Zukunftspläne
Im Stadtplanungsamt und der -verwaltung hat man sich die historische Besonderheit des Viertels wieder vergegenwärtigt. Zukünftige Entwicklungen sehen eine Aufwertung dieser außergewöhnlichen Häuserzeilen sowie der angrenzenden Straßenzüge und Plätze vor, um sie dem Tourismus zu öffnen und auf diesen Teil der deutsch-tansanischen Entwicklungszusammenarbeit aufmerksam zu machen. Es gibt bereits eine Vision für die Umgestaltung, aber es mangelt an der Finanzierung. Gemeinsam können sich die Partnerstädte für Finanzierungsprogramme bewerben. Aus der Partnerschaft erhoffen sich beide Seiten außerdem einen regen Erfahrungsaustausch unter anderem bezüglich des Umganges mit dem architektonischen Weltkulturerbe und Denkmalschutz. Angestrebt werden auch vermehrte Austauschaktivitäten zwischen Bildungs- und Kultureinrichtungen beider Städte, damit alle Bürgerinnen und Bürger von der Städtepartnerschaft bereichert werden.


Linda Schneider

 

Die Autorin studierte Raumplanung an der TU Dortmund und forschte

auf Sansibar.

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