Zambia in Motion

Heft 1/2017

Sambia: Film

EIN FILMFESTIVAL ZU SAMBIA – da horchen selbst langjährige Afrika-Kenner auf. Events oder Festivals zu einer Region Afrikas gibt es immer wieder, aber kaum zu einem einzigen Land. Um so größer war die Resonanz auf das erste Filmfestival „zambia in motion" Ende 2016 in Basel. An dreieinhalb Tagen zeigten die Basler Afrika Bibliographien (BAB) insgesamt neun Filme. Es waren vor allem Dokumentar- und Kurzfilme – einige Premieren in der Schweiz. Filmtalks und eine Podiumsdiskussion mit vier sambischen Gästen sorgten für filmische und historische Kontextualisierungen. Ein Workshop ergänzte das Programm aus akademischer Perspektive.

 

Das Filmprojekt „in motion" wurde 2013 ins Leben gerufen und startete 2014 mit einer Filmreihe zu Namibia. Seitdem finden regelmäßig Filmvorführungen statt. Im dritten Jahr führten die BAB „in motion" erstmals als Festival durch. "zambia in motion" hatte zum Ziel, das Land durch den Spiegel seines Filmschaffens zu präsentieren und auf Kernthemen seiner kulturellen und politischen Herausforderungen hinzuweisen.

 

Sport als Projektionskraft
Eröffnet wurde das Festival mit dem Dokumentarfilm „E18ghteam" von Ngosa Chungu und Juan Briso aus dem Jahr 2014. Der Film erzählt die Geschichte der sambischen Fussballnationalmannschaft, die auf dem Zenit ihres Erfolgs bei einem Flugzeugabsturz 1993 fast vollständig ausgelöscht wurde und anschließend in weniger als zwei Jahrzehnten zur besten Equipe des afrikanischen Kontinents wiederaufstieg. Die Zahl 18 erscheint hier fast magisch: 18 Spieler kamen damals ums Leben, 18 Jahre vergingen vom Absturz bis zum Triumph, und 18 Elfmeter mussten im Endspiel des Africa Cup of Nations gegen das Team der Elfenbeinküste geschossen werden, bevor Sambia 2012 als Sieger feststand.


Ein weiterer Film beleuchtete den Hintergrund einer Sportlegende: „Between Rings" von Jessie Chisi und Salla Sorri veranschaulicht nicht nur die Kehrseite des Erfolgs. Die Geschichte der siebenfachen Boxweltmeisterin Esther Phiri dokumentiert zugleich überzeugend die Zerrissenheit einer erfolgreichen afrikanischen Frau zwischen Karriere, Familie und Selbstbestimmung.


Beide Filme werfen ein bemerkenswertes Licht auf die Einigungs- und Projektionskraft des Sports in Sambia. Und beide sind auf sehr unterschiedliche Weise eindrucksvolle Zeugnisse sowohl sambischer Filmproduktion als auch interkontinentaler Koproduktionen. In beiden Fällen stellten europäische Partner technisches Know-how zur Verfügung, während das Narrativ sambischen Perspektiven folgt.


In anschließenden Filmtalks mit der Sozialanthropologin Jennifer Chansa bzw. der Regisseurin und Direktorin des jährlich in Lusaka stattfindenden sambischen Kurzfilmfestivals, Jessie Chisi, die den Film über Esther Phiri mitproduziert hat, wurden auch kritische Töne hörbar. Beispielsweise ist die Absturzursache der Tragödie von 1993 bis heute ungeklärt; offizielle Untersuchungsergebnisse liegen nicht vor. Die Frage nach der Wahrscheinlichkeit eines Abschusses der Militärmaschine aufgrund fehlender oder intransparenter Kommunikation an das Destinationsland blieb auch von der anwesenden Botschaftsvertreterin Sambias unbeantwortet.


Außerdem kam zur Sprache, dass Sportsubventionierung einem europäisch-amerikanischen Muster folge und oft durch nicht-afrikanische Coachs vermittelt werde, wobei sowohl eine nachhaltige Nachwuchsförderung als auch ein kontextbewusstes Konzept fehle.

 

Kinder: Kraft der Fantasie
Zwei Kurzfilme brachten äußerst farbige, zugleich heitere und nachdenkliche Elemente ins Festival. „Mwansa the Great" aus dem Jahr 2011, von der sambisch-britischen Regisseurin Rungano Nyoni, wurde in den wenigen Jahren seit seiner Entstehung bereits auf über vierzig Festivals gezeigt und hat mehr als dreißig Preise gewonnen. Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Jungen, der auf der Suche nach Zauberlehm den Spuren seines verstorbenen Vaters folgt und ins Areal einer Kupfermine klettert, wo er sowohl den Lehm als auch seinen Vater zu finden scheint.


Der zweite Film war eine Welturaufführung: „Imagination" von Jessie Chisi und Vatice Mushauko. Er wurde erst wenige Tage vor der Festivaleröffnung fertiggestellt. „Imagination" zeigt die ungeheure Kraft der Fantasie eines kleinen Jungen, der als Regisseur mit seinen Freunden die Produktion eines Films detailgetreu nachspielt und sich trotz wohlmeinender Unterbrechungen seiner Mutter nicht im mindesten von seinem Filmset abbringen lässt.


Während der anschließenden Filmtalks erläuterte Jessie Chisi die doppelte Sinnbildlichkeit dieser Kreativität: Sie stehe einerseits für die Gestaltungskraft der Kinder selbst, andererseits aber auch für die Situation der Filmschaffenden in Sambia, die genauso wie die Kinder oft mit sehr beschränkten Mitteln und viel Eigeninitiative ihre Ideen umsetzen müssten.

 

Politik und Gesellschaft
Der ausführliche Dokumentarfilm„Nkumbula" von Chris Mukkuli über den Unabhängigkeitskämpfer Harry Nkumbula stellt eine akribische Recherche von Nkumbulas Biographie und Lebenswerk vor. Mukkuli erläuterte im Filmtalk, er wolle vor allem die Strahlkraft und Wirkung des Freiheitskämpfers korrigieren, der nach der Unabhängigkeit Sambias 1964 in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten des ersten Präsidenten Kenneth Kaunda verschwand.


Weitere Programmbeiträge waren zwei Kurzfilme von Robam Mwape über Korruption in der Regierung und im Gesundheitswesen und der einzige Spielfilm des Events, „Chenda", von Owas Mwape. Das feinfühlige Drehbuch zu Chenda stammt aus der Feder der in England und den Niederlanden lebenden sambischen Autorin Ivory van der Boom, die in den Filmtalks auf die Herausforderung hinwies, als Drehbuchautorin den Rohstoff für die Geschichten der Regisseure zu liefern. So bot das Festival Austauschforen für die afrikanischen Gäste untereinander.

 

Kooperation mit Studierenden
Erstmals fand durch die Einbettung eines universitären Workshops des Fachbereichs Ethnologie der Universität Basel eine strukturierte Zusammenarbeit mit Studierenden statt. Elementarer Bestandteil der Lehrveranstaltung unter der Leitung von Rita Kesselring war die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Dokumentarfilm „Good Copper, Bad Copper" von Audrey Gallet und Alice Odiot aus dem Jahr 2011. Er thematisiert die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Kupferförderung in der Mine von Mopani in Mufulira am Copperbelt und beleuchtet die Rechtsstrukturen, die es multinationalen Firmen erlauben, beinahe steuerfrei Milliardengewinne aus Ländern der südlichen Hemisphäre herauszuziehen.


Die detaillierten Recherchen zum Film betrafen z.B. gesellschaftliche Veränderungen in Sambia durch den Kupferboom, aber auch Veränderungen im Kanton Zug durch Handel multinationaler Firmen, oder auch zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich gegen die Ausbeutung von Mensch und Umwelt zu widersetzen versuchen. Die daraus entstehenden Erkenntnisse präsentierten die Studierenden im Anschluss an das Filmscreening und legten damit die Basis für eine intensive, emotional berührende Diskussion.


Auch organisatorisch wurden einige Studierende in das Festival eingebunden. Durch die Moderation von zwei Filmtalks und die Dokumentation während des Festivals sowie die Betreuung der sambischen Gäste entstand ein enger Austausch mit diesen und den BAB – möglicherweise der Beginn weiterer Kooperationen in der Zukunft.

 

Vorarbeiten und weitere Pläne
Dem Festival vorangegangen war eine Sondierungsreise des Leiters der BAB nach Lusaka im April 2016. Im Hinblick auf die Filmreihe erfolgten zahlreiche Meetings mit Personen aus der sambischen Film- und Werbeszene, die in gemeinsamen Gesprächen zur Ausarbeitung des Filmprogramms beitrugen. Dazu gehörten die Präsidentin des National Arts Council, Mulenga Kapwepwe, die Filmregisseure/innen Owas Mwape, Chris Mukkuli, Jessie Chisi, Ngosa Chungu, Becky Ngoma und Charity Maruta, sowie die Journalistinnen Loisa Shannon und Samba Yonga.


Der sambischen Filmszene fehlt jegliche Filmförderung durch einen staatlichen Etat oder Ausbildungsstätten. Eine Filmschule gibt es quasi nur in Eigeninitiative: So laden Filmproduzenten der jüngeren Generation regelmäßig junge Filminteressierte oder Cineasten zu Workshops ein. Sie erhalten Coachings, Anleitungen, Trainings und Unterstützung von denjenigen, die sich ihre Erfahrungen im In- und Ausland erkämpft haben und diese nun ehrenamtlich weitergeben.


Umgekehrt sind die Kinos in Lusaka gut besucht: Die meisten Blockbuster kommen zwar aus Hollywoodstudios, jedoch sind sambische Produktionen sehr beliebt und werden aufmerksam diskutiert. Die beim Basler Festival gezeigten Filme liefen – bis auf einen – bereits in Sambia und zum Teil auch im europäischen Ausland, was ihnen viel Aufmerksamkeit eingebracht hat. Einige, wie der erfolgreiche „Mwansa the Great" von Rungano Nyoni, verhalfen dem sambischen Filmschaffen allgemein zu größerer Beachtung beim internationalen Filmpublikum.


Wie das filmische Programm der BAB in der Zukunft aussehen wird, ist noch offen. Möglicherweise wird ein Thema ins Zentrum gestellt, das von verschiedenen Ländern beleuchtet wird. Im Gespräch für ein kommendes Festival sind Filme über Musik.


Christian Vandersee und Xenia Jehli

 

Der Autor leitet die Basler Afrika Bibliographien. Die Autorin studiert Ethnologie an der Universität Basel.

 


Basler Afrika Bibliographien
Die Basler Afrika Bibliographien (BAB) sind ein wissenschaftliches Dokumentationszentrum zum südlichen Afrika mit den Abteilungen „Bibliothek und Sammlungen", „Archiv und Dokumentation" und einem gesellschaftswissenschaftlichen Verlag. Sammlungs- und Arbeitsschwerpunkt ist Namibia. Punktuell stehen auch andere Länder der Fokusregion südliches Afrika im Zentrum des Interesses, wie Sambia im Jahr 2016. Das BAB-Veranstaltungsprogramm umfasst universitäre Lehre, Vorträge, Tagungen, Ausstellungen, Lesungen, Buchvernissagen und Filme zum südlichen Afrika. Weitergehende Informationen auf www.baslerafrika.ch und unter www.facebook.com/baslerafrika


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