Die Türkei entdeckt Afrika

Heft 1/2012

Afrika

TÜRKEI SIEHT SICH ALS SCHNITTSTELLE ZWISCHEN EUROPA, ASIEN UND AFRIKA. Das Land definiert sich außenpolitisch neu angesichts der regionalen und globalen Entwicklungen. Bis zur Jahrhundertwende galt das Interesse der Türkei vornehmlich den Anrainern des Mittelmeeres und Schwarzen Meeres und reichte über die Organisation islamischer Staaten bis zum Golf. 1998 startete Ankara eine außenpolitische Initiative in Afrika südlich der Sahara.

 

Einen ersten deutlichen und international wahrgenommenen Akzent in seiner Annäherung an Afrika setzte die Türkei 2008. Im August jenen Jahres fand in Istanbul das erste Gipfeltreffen der türkisch-afrikanischen Kooperation statt. 42 afrikanische Staaten nahmen daran teil. Der Zeitpunkt war geschickt gewählt: Die Türkei bemühte sich um einen Sitz als nicht-ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Im Oktober gewann die Türkei mit Unterstützung von 51 der 52 afrikanischen Staaten den Sitz. Das Jahr schloss im Dezember ab mit der Gründung eines Instituts für angewandte Afrikaforschung an der Universität Istanbul. Bis dahin führte die Afrikanistik in der Türkei ein Schattendasein. Die wenigen Wissenschaftler lehrten in London oder Madrid.

 

Innerhalb eines Jahrzehnts nahmen die diplomatischen und Handelsbeziehungen der Türkei mit dem afrikanischen Kontinent rasant zu. Die Zahl seiner Botschaften in Afrika südliche der Sahara verdreifachten sich; heute sind es 27, und 15 davon wurden allein 2009 und 2010 eröffnet. Damit hat die Türkei auf diplomatischem Feld mit Indien gleichgezogen. Im nächsten Jahr 2013 sollen 32 Botschaften auf dem Kontinent präsent sein. Die Türkei hat Beobachterstatus bei der Afrikanischen Union (AU) und beteiligt sich an fünf UN-Friedensmissionen in Afrika. Ferner gehört die Türkei zu den nichtafrikanischen Teilhabern an der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfEB) und strebt die Einrichtung einer Freihandelszone mit der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) an.

 

Afrika – eine späte Entdeckung

Das osmanische Reich unterhielt sporadische Verbindungen mit Afrika bis hinunter zu Südafrika. Sie galten – wo nicht direkte Interessen wie im Sudan bestanden, das zeitweise dem Sultanat unterstand – vornehmlich den islamischen Gemeinden. Am Rennen der europäischen Mächte in den 1880er Jahren nach der sogenannten Kongo-Konferenz in Berlin beteiligte sich die Türkei nicht. Der „kranke Mann am Bosporus" war nicht mehr in der Lage, eine Stellung in der Weltpolitik zu halten.

 

Nach dem Sturz des Sultanats 1922 und der Gründung der Republik durch Kemal Atatürk im folgenden Jahr orientierte sich die Türkei zum Westen, an dessen säkularen und politischen Konzepten und Programmen.

 

Für die Republik blieb Afrika ein ferner und uninteressanter Kontinent. Das änderte sich 1998. Damals definierte Ismail Cem, der Außenminister der konservativen Regierung von Mesut Yilmaz, die internationale Ausrichtung der Türke neu, „um den Status des reinen Westalliierten zu überwinden und die Rolle eines aktiven und konstruktiven globalen Akteurs einzunehmen", wie er sagte.

 

Nach Ansicht des Ökonomen Mehmet Özkan und des Politologen Birol Akgün war diese Neuausrichtung auch eine Reaktion auf die Entscheidung des Europäischen Rats von 1997, den Antrag der Türkei auf den Beitritt zur EU abzulehnen. Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent bot Afrika südlich der Sahara für Ankara neue außenwirtschaftliche Perspektiven. Doch Probleme und Spannungen innerhalb der damaligen Regierungskoalition verhinderten eine Realisierung dieser Afrika-Pläne des damaligen Außenministers Ismael Cem.

 

Konkrete Schritte in dieser Richtung unternahm seit 2002 die AKP-Regierung. Treibende Kraft der Afrika-Offensive war der Politikwissenschaftler und außenpolitische Berater von AKP-Chef Recep Tayyip Erdogan, Ahmet Davutoglu. Erdogan beförderte ihn 2009 zum Außenminister.

2005 wurde das „Afrikanische Jahr" ausgerufen. Erdogan reiste als erster türkischer Ministerpräsident nach Afrika, besuchte Pretoria und Addis Abeba, den Sitz der AU. 2007 organisierte die Türkei eine Ministerkonferenz der ärmsten Länder (Least Developed Countries, LDC), zu denen 33 afrikanische Staaten gehören. Aus diesem Anlass bewilligte Ankara Entwicklungsgelder in Höhe von 20 Mio. US-Dollar für den Zeitraum bis 2011.

 

In den Beziehungen beachtet die Türkei das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Damit unterscheidet sie sich von der Politik Europas. Doch anders als China, das sich oft zynisch auf dieses Prinzip beruft, scheut sich die Türkei nicht – wie im Dafur-Konflikt –, deutliche Worte zu finden. Hier mag auch eine Rolle spielen, dass Organisationen der Zivilgesellschaft in der Türkei es verstanden haben, sich in die neue Afrika-Politik der Regierung einzuklinken.

 

Die anatolischen Tiger

Die „Entdeckung" Afrikas hatte Hürden zu überwinden. Viele Beobachter aus der Türkei waren zu Beginn der Afrika-Initiative skeptisch. Die schon erwähnten Özkan und Akgün berichten: „Die meisten von ihnen sahen eine Verschwendung von Zeit, Energie und Humanressourcen. Als jedoch die ersten Erfolge sichtbar wurden, verstimmten die kritischen Stimmen."

 

Die Motive für die neue Afrikapolitik sind vielfältig. Ein zentrales Element war sicher die Enttäuschung über die hinhaltende Behandlung des Beitrittsantrags der Türkei zur EU. Ferner wurden sich die türkischen Regierungen seit Mitte der 1990er Jahre bewusst, dass die dezidierte Westbindung der Außenpolitik Fesseln auflegte und daran hindert, die geographische Lager der Türkei politisch zu nutzen: Die Türkei – so entdeckte man – liegt auf der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika.

 

Doch es waren nicht nur politische Motive, die diese Neuorientierung einleiteten. Die schwächelnde europäische Wirtschaft und die 2008 ausgebrochene globale Finanzkrise waren für eine neue Generation türkischer Unternehmer eine große Chance, das von der türkischen Diplomatie eröffnete Terrain zu nutzen. Es ist der mittlere Unternehmerstand, der die Chancen sieht und die Afrikapolitik der Regierung unterstützt.

 

Der Verband der Großunternehmer Tüsiad verharrt auf der Ausrichtung auf den Westen. Anders der mittelständische Unternehmer- und Industriellenverband Tuskon. Der Verband wurde erst 2005 gegründet. Er zählt mittlerweile 29.000 Mitglieder und repräsentiert hauptsächlich kleine und mittelständische Unternehmen. Präsident Rizanur Meral sagt: „Das Interesse an einem Zugang zum afrikanischen Markt hat stark zugenommen. Jeden Tag erhalten wir dutzende Nachfragen über diesen Kontinent."

 

Sedat Laciner vom Think Tank Usak in Ankara merkt dazu an: „Im Gegensatz zur Elite des Industriellenverbandes Tüsiad, die vor allem mit dem Westen Geschäfte macht und das Risiko meidet, haben die Tuskon-Unternehmer in Afrika eine neues Betätigungsfeld gefunden."

 

Das Handelsvolumen der Türkei mit Afrika belief sich Ende 2010 auf 16 Mrd. US-Dollar und hat sich seit 2003 mehr als verdreifacht. Für 2013 ist eine Steigerung auf 32 Mrd. US-Dollar eingeplant. Hauptpartner sind dabei Südafrika und Nigeria. Die türkischen Exporte in die Länder südlich der Sahara beliefen sich 2009 auf 10,2 Mrd. Dollar, das sind mehr als zehn Prozent der türkischen Gesamtausfuhren.

 

Exportiert werden vor allem Baumaterialien, Lebensmittel, Maschinen Traktoren, Textilien, Bekleidung, medizinische Geräte, Informationstechnologie, Hygiene- und Reinigungsmittel. Sie sind in der Regel 20 bis 30 Prozent billiger als die entsprechenden EU-Produkte, und Made in Turkey hat bei den afrikanischen Konsumenten einen besseren Ruf als Made in China. Die Importe aus Afrika betreffen die klassischen Güter wie Öl und Mineralien.

 

Die Furcht vor dem Islam

In den diplomatischen wie wirtschaftlichen Beziehungen setzt die Türkei auch auf den Islam, auf die kulturellen und religiösen Gemeinsamkeiten mit Staaten, voran in Westafrika und den großen islamischen Gemeinschaften in anderen Ländern des Kontinents.

 

Insofern überrascht es nicht, wenn in westlichen Medien Ankaras Afrikapolitik argwöhnisch beäugt wird. Manche Experten sehen einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Expansion und der Ausbreitung des Islam. So hat etwa die staatliche Religionsbehörde Diyanet 2010 ein hochrangiges Treffen mit muslimischen Würdenträgern aus Afrika organisiert. Im selben Jahr wurden 300 afrikanische Studenten zum Theologiestudium in der Türkei eingeladen. Islamische Würdenträger in Westafrika ermuntern die Türkei geradezu, sich in religiöse Angelegenheiten einzumischen, um ihren Gemeinden einen Modernisierungsschub zu verpassen.

 

Ins Visier westlicher Medien geraten ist die Verbindung zwischen den religiösen und nationalistischen Unternehmern von Tuskon und der Fethullah-Gülen-Bewegung. Der islamische Religionsphilosoph und Reformpädagoge Gülen, der in den USA lebt, propagiert eine strikte Trennung von Religion und säkularer Bildung, ohne jedoch jedweden religiösen Hintergrund zu verleugnen. Religionspropaganda ist in Gülen-Schulen – in Deutschland z. B. die SEMA-Schulen – untersagt.

 

Die Gülen-Bewegung umfasst Medienorgane, Stiftungen und humanitäre Organisationen in aller Welt. In neun afrikanischen Staaten werden insgesamt 13.000 Kinder und Erwachsene in Gülen-Schulen unterrichtet. Sie haben einen hervorragenden Ruf. Häufig werden sie von türkischen Geschäftsleuten unterstützt, die ihrerseits von den Netzwerken dieser Bildungsinstitutionen profitieren.

 

Als im März letzten Jahres eine große Tuskon-Delegation mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül Ghana und Gabun bereiste, gab Tuskon-Präsident Meral freimütig zu Protokoll, die Türkei habe in Gabun zwar keine Botschaft, „aber es gibt dort an einer Schule vier Gülen-Lehrer, über die wir Zugang zu wichtigen Informationen hatten und Kontakte zu lokalen Unternehmern knüpfen konnten." Kritiker – vor allem in US- und europäischen Medien – sehen in der Gülen-Bewegung denn auch nichts anderes als ein trojanisches Pferd, das unter dem Deckmantel einer säkularen Bildung den Islam – schlimmer noch, den Islamismus – propagiere.

 

Der katholische Erzbischof von Pretoria, George Francis Daniel, kann diese Kritik nicht teilen: „Die Philosophie und die Aktivitäten von Fethullah Gülen, die ich während eines Besuchs in der Türkei kennen gelernt habe, machten auf uns einen tiefen Eindruck. Wir mussten den Islam nicht suchen, der Islam hat uns gefunden." Heute werden in Südafrika – das mittlerweile der wichtigste afrikanische Handelspartner Ankaras ist – in fünf „türkischen" Schulen etwa 3.000 Schüler unterrichtet. Die Türkei spielt mit auf dem afrikanischen Kontinent und weckt Konkurrenz und Bedenken.

 

Hein Möllers

 

Der Beitrag wurde angeregt durch Gespräche mit dem Nachbarn des Autors, Bülent Kücük. Er dankt ihm vor allem für Hinweise und Übersetzungen türkischer Blogs.

Genc
18.01.2016 16:15
Afrika gehörte zum Osmanischen Empire bis zum zerfall. Es gehört zum Naturprozess das die kolonien sich wieder vereinen. Ist das unnormal? Somalia bettelt darum das wir sie wieder besetzen.
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