Bildung, Krieg und Jugend in Goma

Heft 1/2014

DR Kongo

BILDUNG ALS CHANCE FÜR DIE JUGEND IN OSTKONGO. „Wenn die Kinder wieder in die Schule gehen, ist dies das erste Anzeichen von Frieden“, erklärte ein Schulleiter in Goma, nachdem die Provinzhauptstadt Nord-Kivus im Osten der Demokratischen Republik Kongo durch eine Rebellengruppe belagert wurde.

 

Nach langjährigen bewaffneten Konflikten gilt Bildung als Schlüssel zum Frieden und zum individuellen Aufstieg. Das betrifft keineswegs nur demobilisierte Kindersoldaten, die jährlich am 12. Februar, dem internationalen Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten, besondere Aufmerksamkeit erhalten. Die Vereinten Nationen gehen von etwa 30.000 Kindersoldaten in der Demokratischen Republik Kongo aus – sowohl in den verschiedenen Rebellengruppen als auch in der kongolesischen Armee. Allein in der Provinz Nord-Kivu sollen 1000 Kinder kämpfen. Viele Reintegrationsprogramme verbinden psychosoziale Hilfe mit Bildungsangeboten. Auch für Jugendliche in Goma, die nicht an Kriegshandlungen beteiligt waren, ist Bildung ein erstrebenswertes Ziel.

 

Beim Erwachsenwerden umfasst Bildung eine Vielzahl von Perspektiven: die Suche nach Wissen, nach sexuellen Kontakten oder Heiratspartnern, den Auf- und Ausbau politischer und wirtschaftlicher Netzwerke sowie die Erwartung an eine gesellschaftlich anerkannte Position. Gomas Bildungssektor zeichnet sich aber auch durch das andauernde Konfliktszenario in der Region aus und greift dortige Konfliktlinien auf. Dazu zählen die Interessen an gesellschaftlicher Teilhabe, politischer Repräsentation, ökonomischem Profit und militärischer Stärke, die sich in der Schule und noch deutlicher an der Universität niederschlagen.

 

Demnach ist Jugend weit mehr als der Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein. Jugend wird oft assoziiert mit Exklusion, Marginalisierung und Gewalt. So ist es nicht verwunderlich, dass im Ostkongo martialisch blickende junge Männer, die mit Drogen aufgepumpt sind und Macheten schwingen, oder vergewaltigte junge Frauen zu typischen Ikonen von Jugend im Krieg wurden. Doch neben einer informellen „Schule der Straße“ richten sich die Erwartungen und Ambitionen junger Menschen in Goma auf den formellen Bildungssektor. Sie streben nach Schul- und vor allem auch Universitätsbildung in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und verbunden mit der Sehnsucht nach sozialem Aufstieg. Dies kann zu einer extremen Fallhöhe führen zwischen zu hohen Erwartungen und einer von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Realität. Dennoch erscheint Bildung weiterhin als Schlüssel zu einem akzeptierten Weg ins Erwachsensein.

 

Bildung früher und heute

Bildung hat in der DR Kongo eine hohe Wertschätzung erfahren, auch wenn es zur Unabhängigkeit des Kongo 1960 landesweit gerade einmal 16 afrikanische Universitätsabsolventen gab. Unter der belgischen Kolonialherrschaft war der Zugang zur Universität stark reglementiert, so wurde die erste Generation eingeschulter Kongolesen als soziale Elite betrachtet, die so genannten Évolués.

 

Auch heute ist der Begriff der Évolués für die Jugendlichen mit Fortschritt und Moderne verknüpft. Aktuelle Schätzungen gehen von einer über dem afrikanischen Durchschnitt liegenden Alphabetisierungsrate von 66,8 Prozent im Jahr 2012 aus. Danach waren 76,9 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen alphabetisiert. Auffällig ist, dass der Staat sich aus der Erziehung zurückgezogen hat und nur 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgibt. Mit dem Niedergang des Schulsystems während der 32-jährigen Mobutu-Herrschaft fielen die Ausgaben für den Bildungsbereich, insbesondere die Gehälter von Lehrern sanken. Auch heute sind diese so gering, dass der Lehrerberuf wenige Aspiranten anzieht. Über Schulgeld und Elterninitiativen werden Gehälter und schulische Ausstattung aufgebessert. Wie bereits zur Kolonialzeit übernehmen kirchliche Träger und Nichtregierungsorganisationen Bildungsaufgaben, wobei die schulische Bildung in einem urbanen Raum wie Goma weitaus besser ist als in den durch Krieg besonders betroffenen ländlichen Gebieten.

 

Bildungszentrum und Kriegsdynamiken

Goma gilt als Bildungszentrum der Region mit seinen zwei großen Universitäten: der staatlichen Unigom und der privaten ULPGL, die Ende der 1980er Jahre gegründet wurden. Als politisches Herz der Provinz Nord-Kivu, als Umschlagplatz wirtschaftlicher Ressourcen und als ethnischer Meltingpot ist Goma eine dynamische Stadt mit ungefähr einer Million Einwohnern, die ihren Alltag zwischen Krieg und Frieden organisieren.

 

Doch auch die Kriegsdynamiken prägen das städtische Leben: In Goma herrscht eine starke Rivalität unter den größten ethnischen Bevölkerungsgruppen – der autochthonen Händlerelite der Nande, den so genannten Ruandophonen (Hutu und Tutsi) sowie den aus Süd-Kivu stammenden Bashi. Autochthonie (griechisch: vom Boden selbst) ist eine konstruierte Identität, die zur Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden führt. Sie verbindet Zugehörigkeit, Exklusion und politische Repräsentation mit Ansprüchen auf Land, Ressourcen und Sicherheit.

 

Auf der Basis von Zugehörigkeit werden politische und ökonomische Ansprüche aus der Vergangenheit auch in der Gegenwart eingefordert. Diese Forderungen treffen in Goma auf eine komplexe Gemengelage an politischen Interessen und wirtschaftlichen Ressourcen einerseits sowie das Streben der Jugendlichen nach Unabhängigkeit, Einkommen und sozialem Status andererseits. Die strittige Frage, wer unter den verschiedenen ethnischen Gruppen die Mehrheit der Bevölkerung bildet, schlägt sich auch im Handeln und in Alltagsgesprächen von Jugendlichen nieder.

 

Potenzial und Wahrnehmung von Studierenden

Mehr noch als beim marginalisierten Straßenmilieu herrscht an Gomas Universitäten politischer Verdruss. Klagen über Korruption, schlechte Regierungsführung und moralischen Verfall sind eingebunden in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die Jugendlichen den Weg in die Erwachsenenwelt versperren. So suchen sie nach Alternativen, die im Konflikt selbst zu finden sind. Sie reflektieren die dominanten und ambivalenten Machtkonstellationen im Ostkongo, die vor allem auf Herkunft, aber auch auf sozioökonomischen Beziehungen wie Patronage basieren. Schließlich beschränken diese Machtverhältnisse den Zugang zu Ressourcen und Macht. Viele Studierende reagieren pragmatisch darauf. Ihr Verhalten zeugt nicht ausschließlich von einer Instrumentalisierung durch die Eliten, sondern ist auch eine selbst bestimmte Form der Handlungsfähigkeit innerhalb eines sehr eng begrenzten Rahmens. Politische Eliten fürchten das Protestpotenzial der Studierenden; sie könnten die sozio-politische Ordnung ins Wanken bringen und die Machtansprüche der herrschenden Eliten hinterfragen, die gleichzeitig die Autorität der Elterngeneration ist. Studierende gelten somit gleichzeitig als Vandalen und Avantgarde.

 

Gomas Studenten sind für ihren politischen Aktivismus bekannt. Häufig demonstrieren sie gegen die Anhebung von Studiengebühren, den Ausfall von Kursen wegen ausbleibender Gehaltszahlungen an die Dozenten und gegen die politische Situation. Die ethnische Identität der Rektoren von Unigom (Hutu) und ULPGL (Nande) ist ein Gesprächsthema, wenn sich Studenten ungerecht behandelt fühlen oder einen Skandal wittern. Dies führt auch zum Ausfechten von Rivalitäten zwischen den zwei großen ethnischen Gruppen in Goma, die eng mit den wirtschaftlichen und politischen Eliten der Provinz verbandelt sind.

 

Studierendenvereinigungen

Die Studierendenorganisationen an Gomas Universitäten kopieren gesellschaftlich vorherrschende Modelle. Ethnische Allianzen und Bünde sind seit Mobutus Tagen institutionalisiert und äußern sich in hierarchischen Machtverhältnissen an den Universitäten. Ethnisch homogene Studentenvereinigungen paktieren im Zuge von jährlich abgehaltenen Uniwahlen gezielt miteinander. In Nord-Kivu würde die ethnisch größte Gruppe der Nande nicht mit den Banyaruanda-Studenten koalieren und umgekehrt.

 

Die Studierendenregierung spiegelt das nationale Parlament wider: Es gibt Ministerien, um deren Besetzung hart gerungen und verhandelt wird. Ein Ministerposten gibt das Anrecht auf zwei Ordner, die den jeweiligen Minister (ausnahmslos männlich) auf dem Universitätsgelände flankieren und ihn vor Unruhestiftern schützen. So imitieren sie kongolesische Abgeordnete, die sich stets von Polizisten schützen lassen. Tribale Unipolitik steht auf der Tagesordnung, wobei die Studentenorganisationen versuchen, (hochschul)politischen Einfluss auszuüben. Sie beschwören das ethnische Selbstverständnis und Gemeinschaftsgefühl, sie dienen als Heiratsbörse, als geselliger Empfangsplatz für Neuankömmlinge, als Pfeiler der Solidarität im Krankheitsfall sowie als Garant von Stabilität in ungewissen Zeiten.

 

Universitätsbrigaden

Die Universitätsbrigade, koordiniert vom studentischen Verteidigungsminister, spielt eine zentrale Rolle beim Initiationsritus „Bleusaille“ (Mutprobe) zur Begrüßung der Erstsemester. Ordner der Brigade sollen Ausschreitungen vermeiden. Historisch geht die Universitätsbrigade auf die blutig niedergeschlagenen Studentenproteste an der Universität Lubumbashi 1988 zurück. Ihre Gründung wird von den Studenten als Hilfe zur Selbsthilfe interpretiert, indem sie die Erfahrung von Ohnmacht aufgreift, als sich die Studenten nicht gegen Mobutus Schergen zur Wehr setzen konnten. Der Einmischung von außen wird die Sicherheit von innen entgegengesetzt, so dass die Universitätsbrigade für die Einhaltung von Ordnung während bestimmter Rituale wie der Bleusaille aber auch während der Verteidigung der Diplomarbeiten sorgt.

 

Universitäten als Abbild der Gesellschaft

Die Studierendenorganisationen sind hierarchisch organisiert, die Machtstrukturen der Universitätspolitik spiegeln Gomas Demographie wider. Sie sind lokale Netzwerke auf der Basis von Herkunft und Patron-Klient-Beziehungen, die Zugang zu Status und Ressourcen sowohl ermöglichen als auch behindern können. Es herrscht ein Wettbewerb um die einzelnen Posten („Ministerien“), die mit Kontakten und Geld verbunden sind.

 

Studierende sehen darin gute Chancen für ihre individuelle Zukunft. Wie der Student Thierry, der als Sprecher seiner ethnischen Gemeinschaft Bekanntschaft mit einem der wichtigsten wirtschaftlichen Unternehmer Ostkongos machte. Der Unternehmer begann eine Karriere in der Politik und erhoffte sich über Thierry Einfluss auf die Studentenschaft. Dieser Instrumentalisierung ist sich Thierry bewusst, der seinerseits geschickt die Kontakte seines Patrons nutzt und finanzielle sowie soziale Ressourcen anhäuft. Während männliche Studierende wie Thierry mehrheitlich eine politische Karriere anstreben, visieren junge Studentinnen eher eine Arbeit im NRO-Bereich an; dieser Sektor scheint ihnen langfristige Perspektiven zu bieten. Die Möglichkeiten, sich zu vernetzen, Diskussionsgruppen anzugehören, von einflussreichen Personen angesprochen und eventuell mit einem Job bedacht zu werden, gelten als Schlüssel zum gesellschaftlichen Erfolg.

 

Geschäftsmänner, Händler, Politiker und bewaffnete Akteure sind sich ihrer Position bewusst und nehmen die Studenten als Mobilisierungsbasis für ihre eigenen Zwecke wahr. Auf diese Weise verlagern sich die regionalen Kriegsdynamiken auf den städtischen Raum – noch genauer, auf die Bildungswelt Gomas. Gabe und Gegengabe lenken die Interaktionen zwischen Studierenden und Patronen, die lokale Machtverhältnisse prägen und beeinflussen. So wird paradoxerweise an Universitäten und bereits an Schulen die Grenzziehung zwischen „autochthonen“ und „fremden“ Gruppen mit ihren vielfältigen Agenden verstärkt.

 

Offiziell sind die ethnisch basierten Studierendengruppen verboten, da sie den von der Regierung geprägten und von internationalen Geldgebern geförderten Maßnahmen zum „friedlichen Zusammenleben“, zu „kultureller Vermischung“ und einem „Neuen Kongo“ zuwiderlaufen. Das staatliche Verbot scheitert einerseits an den fortdauernden Konflikten zwischen politischen und ökonomischen Autoritäten, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo haben und die Studenten für ihre eigenen Projekte mobilisieren bzw. manipulieren. Andererseits zeigt sich, dass Studierende diesen Einfluss durchschauen und versuchen, ihn zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen. Dies unterstreicht das Potenzial von Studenten als Gegenmacht, die – eingebunden in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang – ihre eigenen Projekte verfolgen.

 

Die Einbettung jugendlicher Handlungsfähigkeit in die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Ostkongo verdeutlicht die vielfältigen Antworten der Jugendlichen auf die alltäglichen Herausforderungen in Goma. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und ökonomischer Krisen versuchen sie, Wege zu finden, die ihnen eine sichere Zukunft versprechen. In einem Kontext, der seit über 20 Jahren durch bewaffnete Konflikte geprägt ist, bietet ihnen hierbei auch der Krieg selbst die Möglichkeit zur sozialen Mobilität. Denn die Dynamiken der bewaffneten Konflikte schlagen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen Gomas nieder.

 

Die zunehmende Bedeutung von Bildung bei gleich bleibend schwacher staatlicher Investition deutet nicht ausschließlich auf den Glauben an eine gesicherte Einkommensquelle hin. Vielmehr nehmen Jugendliche die verschiedenen Gelegenheiten wahr, die der Bildungsbereich bietet. Dass sich hieraus auch eine Verstärkung von Konfliktlinien ergibt, erklärt sich im Umkehrschluss durch neue Formen der Investition, die in Form von Patron-Klient-Beziehungen alternative Optionen der Zukunftssicherung für Gomas Studierende eröffnen. Dies muss nicht mit Erfolg gekrönt sein, denn viele Studierende scheitern, und Arbeitslosigkeit ist ein weit verbreitetes Phänomen unter Gomas Universitätsabsolventen. Dennoch zeigt die Art und Weise, wie Studierende die Bildungseinrichtungen nutzen, ihr Potenzial, pragmatische Allianzen einzugehen oder politische Autoritäten zu hinterfragen.

 

Silke Oldenburg

 

Die Autorin promovierte an der Universität Bayreuth über Jugend, Krieg und Alltag in Goma. Heute lehrt sie an der Universität Basel.

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