Die Angst vor dem Uran

Heft 1/2015

Tansania

TANSANIA WILL EINER DER GRÖSSTEN URANPRODUZENTEN DER WELT WERDEN. In den Minen-Gebieten fürchten die Menschen schon jetzt um ihre Gesundheit und ihre Existenz. Doch wer protestiert, wird eingeschüchtert und bedroht.

 

Das Wort „Uran" kennt der kleine Bosco nicht. Und doch spielt es in seinem jungen Leben schon eine große Rolle. Schüchtern sitzt der Sechsjährige auf dem Schoß seines Vaters Michael. Gerade hat er noch mit seinen beiden Geschwistern im Innenhof Ball gespielt. Aber das Spielen fällt ihm schwer: Wohin der Ball fliegt, kann er nicht richtig sehen. Seit seinem zweiten Lebensjahr hat er Probleme mit den Augen. Sie sind eitrig-gelb, tränen oft und wenn die Sonne besonders hell scheint, kann er nur Umrisse erkennen.

 

„Wir hatten Bosco mit auf unserem Reisfeld", erzählt Vater Michael. „Er hat an einer Wasserstelle gespielt. Ein paar Wochen später fingen seine Augen an, sich rot zu verfärben. Im Krankenhaus dachten sie erst, es wäre eine Allergie. Doch dann haben die Ärzte weiter nachgeforscht und gesagt, dass das Wasser, in dem Bosco gespielt hat, vermutlich vergiftet war. In dem Wasser waren Uranpartikel und andere Chemikalien."

 

Bosco ist eines des ersten Opfers des Uranabbaus, der eigentlich noch gar nicht begonnen hat. Ganz in der Nähe der Wasserstelle hatten Ingenieure Probebohrungen durchgeführt. „Wir haben erst später erfahren, wonach diese Männer eigentlich gesucht haben", erklärt Michael. „Niemand hat uns was gesagt." Die Gegend, in der Michael und seine Familie leben, gilt als besonders uranreich. Geht es nach den Plänen der Regierung, soll hier schon bald eine große Uranmine entstehen.

 

Viel Geld für ein armes Land
Der Boden Tansanias ist voll von dem strahlenden Metall. Allein Im Süden des Landes wird die Menge auf knapp 50.000 Tonnen Uran geschätzt. Oft liegt das Uran nur wenige Meter unter der Erdoberfläche. Das macht den Abbau leicht und lukrativ. Die Regierung erhofft sich Einnahmen aus Steuern und Lizenzgebühren von über 600 Millionen US-Dollar. Es ist viel Geld für ein armes Land, das reich ist an Rohstoffen, aber kaum über Expertise verfügt, um diese selbst zu fördern. Darum wurden seit 2005 die Erkundungslizenzen für Uran hauptsächlich an ausländische Minen-Konzerne vergeben. Überall im Land bohrten sie Löcher in die Erde, um lohnende Abbaugebiete zu finden. Nun stehen zwei Orte fest, an denen in Zukunft Uran aus dem Boden geholt werden soll: Im Südwesten Tansanias, in der Ruvuma-Region, plant das russische Unternehmen Uranium One eine große Uranmine. Der australische Konzern Uranex will in den Bahi-Sümpfen, in Zentraltansania, nach Uran graben.

 

Bedrohte Existenzen
Das ist die Gegend, in der Ramadhani Utengule mit seiner Familie lebt. Rhamadani ist Bauer, auf seinen Feldern pflanzt er Reis an. Und er kann gut davon leben: „Ich habe fünf Kinder", erzählt er. „Und ich kann alle auf die Schule zu schicken." Die Ernten sind so gut, dass Ramadhani gerade ein neues Haus baut, um mehr Platz zu haben für die prall gefüllten Reissäcke. Die Bahi-Region gilt als Kornkammer Tansanias. Etwa 200.000 Menschen leben hier. Sie sind nicht reich, doch sie können von der Landwirtschaft leben und ermöglichen Tansania, seinen Reisbedarf komplett aus der Produktion in Bahi zu decken.

 

Wer nach Bahi reist, kann sich kaum vorstellen, dass dort überhaupt Pflanzen wachsen können. Die Gegend wirkt extrem trocken, die brennende Sonne lässt jede Wasserpfütze innerhalb von Minuten verdampfen und der fast immer wehende Wind treibt Staubwolken über die weite Hochebene. Doch wenn es regnet, dann sammelt sich das Wasser in einem riesigen See, füllt Flüsse und Sümpfe wieder auf. Ideale Bedingungen für den Reisanbau - noch. Denn wenn die ersten Minenarbeiter anrücken, um das Uran aus dem Boden zu holen, werden viele Bauern ihre Felder aufgeben müssen. Für den Uranabbau benötigen die Firmen große Mengen Wasser. Wasser, das dann nicht mehr für die Landwirtschaft zur Verfügung steht. Und ob das wenige Wasser, das übrig bleibt, sauber und sicher ist, kann niemand sagen.

 

Menschen werden nicht informiert
Ramadhani Utengule hat große Angst vor der Zukunft: „Ich habe mein Leben Lang hier gearbeitet. Die Farm ist meine Existenz. Hier bleiben will ich nicht. Ich will nicht krank werden. Aber ich weiß auch nicht, wo ich hin soll." Und der Bauer ist wütend. Von den Uranabbau-Plänen hat er nur zufällig erfahren, durch eine örtliche Hilfsorganisation. Bis heute hätten weder die Unternehmen noch Behörden die Bauern in Bahi über die Pläne informiert. Auch nicht über die Probebohrungen und die damit verbundenen Risiken. „Da sind verschiedene Unternehmen gekommen, die haben hier junge Leute im Dorf angeheuert", erzählt Ramadhani. „Die mussten dann bei den Bohrungen helfen, ohne Schutzausrüstung. Drei von ihnen hatten hinterher die Arme verätzt."

 

Wütend machen den Bauern auch neue Hiobs-Botschaften: Ganz in der Nähe der Bahi-Sümpfe will die Regierung am Bubu-River, dem Hauptzufluss der Region, einen Staudamm bauen. Angeblich um die nahegelegene Hauptstadt Dodoma besser mit Strom versorgen zu können. Doch Ramadhani vermutet einen anderen Grund: „Wenn der Staudamm fertig ist, trocknet hier alles aus. Wir Bauern müssen dann zwangsläufig weg und die Unternehmen könnten mit dem Uranabbau beginnen. Für dir Regierung ist das einfacher, denn sie müsste uns keine Kompensationen mehr zahlen."

 

Ein gefährlicher Kampf
Von der Hauptstadt Dodoma aus kämpft Anthony Lyamunda darum, dass die Bauern nicht gehen müssen. Anthony ist gelernter Ingenieur, heute leitet er den Verein CESOPE, eine spendenfinanzierte Nichtregierungsorganisation, die sich für die Bildung der Landbevölkerung einsetzt. Anthony und seine Kollegen sind viel in der Bahi-Region unterwegs. „Wir betreiben Aufklärung" sagt er. „Die Menschen hier haben noch nie etwas von Uran gehört. Viele dachten, es wäre ein ganz normales Metall, so wie Eisen. Wir erklären ihnen, was Uran ist und warum es gefährlich ist." Durch Anthony weiß Bauer Ramadhani heute, dass Uran Krebs auslösen kann, und dass der Uranabbau seine Existenz bedroht.

 

Doch mit seiner Aufklärungsarbeit macht sich Anthony Lyamunda wenig Freunde. Immer wieder wird er angefeindet und bedroht. „Einmal hat ein Minister zu mir gesagt, ich solle damit aufhören, die Leute zu verunsichern", erzählt er, „das wäre besser für mich." Häufig werde er auch von Unbekannten verfolgt, wenn er in Bahi unterwegs sei, sagt er. „An einem Abend haben zwei Männer vor meinem Haus auf mich gewartet. Ich hatte sie vorher noch nie gesehen. Sie haben mir direkt gedroht. Wenn ich weiter gegen die Uranprojekte arbeite, könnten sie nicht für meine Sicherheit garantieren."

 

Anthony hat sich davon noch nicht einschüchtern lassen. Er ist überzeugt, dass der Uranabbau Tansania mehr schaden als nützen wird. „Unser Land ist nicht bereit dafür, in den Uranabbau einzusteigen. Wir haben keine Experten im Land und sind vollkommen von ausländischen Unternehmen abhängig. In anderen Ländern, die Uran abbauen, gibt es so viele Probleme. Die wird es hier auch geben."

 

Die Regierung beschwichtigt
Die tansanische Regierung spricht nicht gerne über mögliche Probleme. Interviewanfragen von ausländischen Journalisten werden ignoriert. Und die wenigen unabhängigen Journalisten in Tansania trauen sich meist nicht, zu recherchieren. Kaum einer hat Lust, sich mit den finanzstarken Minenkonzernen oder dem Energieministerium anzulegen. Sagt die Regierung doch mal was zum Thema Uran, dann geht es um Gewinnprognosen oder darum, die Menschen zu beruhigen. „Wir arbeiten absolut transparent", versicherte Gesundheitsminister Hussein Al Mwinyi auf einer Konferenz zum Thema Uranabbau im Jahr 2013. „Und wir werden sicherstellen, dass niemand Schaden nimmt."

 

Leere Versprechungen, fehlende Sicherheitsstandards
Solche Versprechen hat Flaviana Charles satt. Die Anwältin arbeitet für das Legal and Human Rights Centre (LHRC) in Daressalam, eine unabhängige Menschenrechtsorganisation, die von der Regierung weitgehend in Ruhe gelassen wird. „Wir hören diese Versprechen seit Jahren", sagt sie. „Es sind alles Lügen. Tansania baut schon seit Jahrzehnten Gold ab und in den Minen gibt es nur Probleme. Viele Arbeiter haben Tuberkulose, immer wieder sterben Leute in den Minen. Gold ist ein harmloses Metall. Was soll erst passieren, wenn Uran abgebaut wird? Das wird eine riesige Katastrophe." Auch von dem versprochenen Geld komme bei den Menschen nichts an, sagt Charles. „Die Gold-Unternehmen machen hier Millionen, aber die Menschen in der Region leben immer noch in Armut." Die internationalen Konzerne nutzten die Schwäche Tansanias und die laschen gesetzlichen Regelungen, um mit wenig Aufwand viel Geld zu machen.

 

Dass die Sicherheitsstandards tatsächlich zum Problem werden könnten, wird im Südwesten Tansanias, im Namtumbo District deutlich. Hier soll die erste Uranmine Tansanias entstehen – brisanter Weise im Selous Wildreservat, dem größten zusammenhängenden Tierschutzgebiet Afrikas. Umweltschützer haben große Bedenken: Die geplante Mine liegt in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Flüssen, die das riesige Reservat mit Wasser versorgen. Gelangen Bohrchemikalien oder radioaktive Elemente in die Flüsse, könnten weite Teile des Schutzgebiets kontaminiert werden. Und die Bedenken sind berechtigt, denn bislang scheint sich kaum jemand für die Umweltrichtlinien zu interessieren: In einem Waldstück in der Nähe der geplanten Mine haben Arbeiter die radioaktiven Überreste einer Probebohrung einfach zwischen die Bäume gekippt. Das uranhaltige Gestein liegt offen herum, der Wind trägt die feinen Gesteinspartikel fort.

 

„Unser Land sollte die Finger vom Uranabbau lassen", sagt Flaviana Charles. „Es werden nur noch mehr Menschen leiden." Menschen, wie der kleine Bosco. Jedes Mal, wenn ein wenig Wind weht, laufen Tränen aus Boscos kranken Augen. „Jede Träne erinnert mich an die schlimmen Dinge, die passiert sind", sagt Vater Michael. „Es gibt niemandem, zu dem ich gehen kann, um meinen Gefühlen und meiner Wut Luft zu machen. Niemand hat uns gewarnt. Sonst wäre Bosco jetzt vielleicht noch gesund."

 

Jonathan Focke

 

Dieser Beitrag wurde mit dem journalistischen Trainingsprogramm "Beyond Your World" ermöglicht.
Der Autor ist Wissenschaftsjournalist, lebt in Duisburg und arbeitet für den Westdeutschen Rundfunk.

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