Maboneng – a place of light

Heft 1/2015

Südafrika: Stadtentwicklung

EIN VIERTEL IN JOHANNESBURG, der Stadt, die bekannt ist für Gewalt, Obdachlosigkeit und Gesetzlosigkeit. Hier einige Straßenzüge als Ort des Lichtes zu bezeichnen, klingt überraschend. Und es gibt auch nicht nur Licht.

 

Maboneng ist ein Wort der Nguni-Sprachen. Es bedeutet Ort oder Platz des Lichtes. Maboneng – so nennt sich heute ein Viertel im Zentrum von Johannesburg. Es handelt sich hierbei um ein Projekt, welches mit der Aufwertung zweier Straßenzüge in Jeppestown begonnen hat und sich immer mehr zur Aufwertung eines ganzen Viertels entwickelt – mit expandierenden Zukunftsaussichten.

 

Maboneng ist ein kleines Beispiel für die Veränderungen und Wandlungen der Innenstädte seit dem Ende der Apartheid und in der unsicheren Phase einer offeneren Gesellschaft.

 

Johannesburg: verrufenes Image

Das Dilemma Johannesburgs ist weltbekannt. Die schwarze Bevölkerung eroberte sich mit dem Ende der Apartheid das Stadtzentrum. Doch die Wohnungen reichten nicht – trotz Auszug der Weißen, Arbeit gab es zu wenig, man schlug sich durch, nicht zuletzt auch mit Gewalt, Raub und Überfällen. Das Zentrum Johannesburgs entwickelte sich zu einem der gefährlichsten Pflaster der Welt. Viele verfallene Häuser wurden zunächst von weißen Slumlords vereinnahmt und an die arme, schwarze Bevölkerungsschicht vermietet. Die Gebäude sind auch heute noch meist in katastrophalem Zustand und stellen ein Problem für die Sicherheit der Stadt dar.

 

Die Regierung versucht immer wieder, mit neuen Initiativen gegen die Slumlords vorzugehen. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche wohlhabende schwarze Slumlords, die ebenfalls als „Vermieter" agieren. Gerade im Stadtinneren finden viele Migranten aus anderen afrikanischen Ländern in den informellen Unterkünften Zuflucht. Nach der Xenophobie-Welle im Jahr 2008, die in Johannesburg ausbrach und sich über das gesamte Land erstreckte, ist es für viele Ausländer zu gefährlich, in den umliegenden Townships zu leben. Das zeigte sich erneut in den schweren fremdenfeindlichen Ausschreitungen Ende Januar 2015.

 

Das Image der Stadt ist verrufen, und dies nicht nur unter Touristen, sondern auch unter den Einheimischen. Ich besuchte Maboneng im Oktober 2014. Dabei lernte ich Bekhi Dube kennen, den Besitzer des bisher einzigen Backpackerhostels in Maboneng. Dube stellte einer Gruppe von Studentinnen und Studenten aus Johannesburg die Frage, was ihnen zu ihrer Heimatstadt einfalle. Neben Gewalt, Drogen, Mord, Armut usw. wurde nur eine positive Assoziation genannt und das war der einzigartige „vibe" der Stadt.

 

Expandierendes Viertel mit Kehrseite
Maboneng ist ein Viertel im Stadtzentrum Johannesburgs, das sich seit 2008 in einem starken Umbruch befindet. Die Gegend galt seit dem 19. Jahrhundert als Industriezentrum, jedoch verließen viele Produktionsbetriebe bereits während der Apartheid die Innenstadt. Es gab Leerstände. Sie zogen nach 1994 Wohnungssuchende aus den schwarzen Vorstädten und Obdachlose an. Der Bezirk wurde für eine extrem hohe Kriminalitätsrate bekannt und gehörte zu den gefährlichsten in Johannesburg.

 

Der Investor Jonathan Liebmann erkannte jedoch das Potenzial in den verfallenen Industriegebäuden. Er kauft einige Objekte, renoviert und verkauft sie weiter. Die Nachfrage ist groß genug und aus der Businessidee eines Investors entwickelte sich ein ganzes Gentrifizierungprojekt.

 

Was anfangs nur eine Aufwertung von ein bis zwei Straßen war, ist heute bereits ein ganzes Viertel in Jeppestown, und Ziel ist es, weiter zu expandieren. Die renovierten Häuser sind sowohl als Wohnobjekte, aber auch als Büros, Galerien, Restaurants, Kinos usw. gefragt. Bekannte Künstler wie William Kentridge finden hier genauso ihren Platz wie Newcomer-Designer aus Soweto oder anderen Townships. Zudem wurde in einen Sicherheitsdienst rund um die Uhr investiert, sodass man sich sicher in Maboneng bewegen kann, sowohl tagsüber als auch nachts, was für Johannesburg nicht selbstverständlich ist.

 

Aber es gibt auch eine Kehrseite der Entwicklung. Maboneng war ursprünglich überwiegend ein Industriegebiet und keine Wohnsiedlung. In den letzten zwanzig Jahren aber wurde Maboneng gerade das. Die „leerstehenden" und verfallenen Gebäude sind Zufluchtsort für viele Menschen, die auf der Straße leben und aus jedem Sozialsystem gefallen sind, für anerkannte und illegale Migranten. Die Gebäude sind alles andere als leer. Sie sind zwar in einem fürchterlichem Zustand ohne Wasser und Strom. Doch es ist für die Menschen immer noch besser, als auf den gefährlichen Straßen der Stadt zu übernachten.

 

Ihr Unterschlupf dort ist illegal. Die Bewohner können keine Rechte einfordern. Und wenn ein weiterer Straßenzug „aufgepeppt" wird, fliegen sie auf die Straße. Wohin sie gehen, interessiert die Investoren wenig.

 

Die Angst vor Vertreibung geht um unter den Bewohnern. Nicht nur in Maboneng, wo eine neue Mittelschicht Chance und Profit in der Aufwertung eines Stadtteils sieht. Diese Angst ist gerade in Johannesburg groß, da sie an die dunkle Geschichte des Landes erinnert. Es sind nicht mehr die Trennungsgesetze der Apartheid, heute sind es die Gesetze des Geldes.

 

Nun ist sicher die Aufwertung von Vierteln etwas anderes als die Aussperrung von Schwarzen unter der Apartheid. Aber die Vertreibung trifft wiederum sie. Solche Stadtaufwertungsprojekte in den Innenstädten greifen um sich. In anderen Vierteln von Johannesburg gibt es ähnliche Projekte. Laut Aussage eines Mitarbeiters von „the Maboneng Precinct" ist die Ausweitung des Projekts auf andere Städte wie z.B. Durban geplant.

 

Für diejenigen, die für das Projekt arbeiten, ist es natürlich am einfachsten, den Staat verantwortlich zu machen. Der Staat müsste für ausreichend Sicherheit sorgen, sodass sich alle Menschen auf die Straßen trauen und es ausreichend Wohnraum und Arbeitsplätze gibt. Der Staat müsste sich ebenfalls besser um Migranten kümmern und für deren Sicherheit sorgen. Was bleibt, ist die Suche nach den Verantwortlichen und für einige die Suche nach einem neuen Zuhause.

 

Eigene Stadt verändern
Aber auch das darf nicht übersehen werden: Auch die Menschen von der Straße werden in das Projekt Maboneng einbezogen. So gibt es z.B. das Unternehmen „I was shot in Joburg", welches Straßenkindern ein Fotografietraining bereit stellte, sie mit Kameras ausstattete und die Fotos der Kinder verkauft. Die Kinder werden am Gewinn des Projektes beteiligt. Die Menschen haben es geschafft, sich das schlechte Image der Stadt eigen zu machen und zu vermarkten.

 

Street-Art-Künstlern, Musikern und Designern wird ein Sprungbrett gegeben, sich zu verwirklichen. Ich habe wohlhabende weiße Künstler und Künstlerinnen kennen gelernt, die in Galerien ausstellen. Ich sprach mit einer jungen Frau aus Lesotho, die beim besten Willen nicht wohlhabend ist und Arbeit in einem Lebensmittelladen in Maboneng gefunden hat. Ich habe Musikerinnen getroffen, welche sich auf den verschiedenen Veranstaltungen etwas dazu verdienen können.

 

Menschen aller Hautfarben und Einkommensschichten arbeiten zusammen, um etwas Neues zu schaffen, und viele Bewohner der Stadt, auch welche, die nicht in Maboneng wohnen, befürworten das Projekt. Taxifahrer z.B, die ich befragt habe, waren sich einig, dass die Stadt neue Ideen braucht, und begrüßten es, dass die Menschen wieder auf den Straßen sind. Auf die Frage, was mit den illegalen Bewohnern der Gebäude geschieht, wichen sie jedoch aus. So auch der Mitarbeiter des „the Maboneng Precinct". Angeblich seien bisher noch keine Gebäude in Maboneng geräumt worden, und dies werde auch nicht geschehen.

 

Die Investoren betonen, dass sie keine neue Segregation in Sinne der Rassentrennung schaffen wollen. Die Finanzierung stammt zum größten Teil von weißen Investoren. Nach meiner Beobachtung gibt es eine faire Zusammenarbeit aller Hautfarben. Dort, wo der Staat versagt hat, für Sicherheit und ein gutes Lebensgefühl zu sorgen, haben sich junge Menschen mit Ideen zusammengetan, ihre eigene Stadt zu verändern. Sie sprudeln nur vor neuen Ideen und Unternehmergeist und sehen, dass etwas voran geht, dass es möglich ist, sich aus der Armut zu befreien und Träume zu verwirklichen.

 

Die negativen Aspekte des Projekts Maboneng sollten nicht verschwiegen werden. Jedoch ist der neu geschaffene Ort für viele junge Menschen der Post-Apartheid-Generation ein Platz des Lichtes – und auch diese haben ein Recht auf Veränderung und Verwirklichung.

 

Jessica Gärtner

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