Die Geister, die sie riefen

Heft 2/2014

Sambia

NACH DER PRIVATISIERUNG DES BERGBAUSEKTORS sind im sambischen Kupfergürtel die Minenunternehmen omnipräsent. Sie bieten Arbeitsplätze und vernichten Lebensgrundlagen, sie sorgen fürs Gemeinwohl und drücken sich vor Steuerzahlungen, sie schaffen und zerstören Infrastruktur. Der Staat scheint machtlos, die Gewerkschaften gefesselt, aber Bürgerinitiativen begehren auf.

 

„Danger! Acid!“ Die Schrift auf dem Tanklaster schreit in großen, roten Buchstaben. Ein kleinerer Aufkleber informiert, dass der Fahrer angewiesen ist, an Kreuzungen und Bahnübergängen anzuhalten. Es gibt hier keine Kreuzung und keinen Bahnübergang, oft nicht einmal eine richtige Straße. Nur die Piste von der Bergbaumetropole Kitwe in Richtung Nordwesten. Nach Chambishi, wo chinesische Unternehmen eine Schmelzanlage für Kupfer betreiben. Nach Chingola, einer Stadt, die um den klaffenden Krater einer Mine herum gebaut ist. Nach Solwezi, wo neue Kupfervorkommen entdeckt wurden. Und in Richtung der kongolesischen Grenze, wo man Waren mit 100 oder 200 Prozent Aufschlag an die halblegalen Kupferschürfer los wird. Mal ist sie asphaltiert, mal besteht sie eher aus Lehm und Schlaglöchern. Und bei jedem Schlagloch schwappt klare Flüssigkeit aus dem Tankanhänger des Lasters. Ballastwasser? Hoffentlich. Schwefelsäure? Vielleicht.

 

Solche Sorglosigkeit wird nicht gern gesehen im sambischen Kupfergürtel. Zwar sind die Risiken für Mensch, Tier und Landschaft, die mit industrieller Kupfergewinnung einhergehen, kaum wegzudiskutieren – das Erz wird lastwagenweise angefahren, gemahlen und in großen Tanks mit tonnenweise Schwefelsäure versetzt, bevor das begehrte Metall mittels Elektrolyse extrahiert werden kann – aber die Minenunternehmen geben sich gern umweltbewusst: Zeitungsberichte über verseuchte Flüsse, Siedlungen im Säuredampf und hustende Kinder haben weltweit das Publikum bewegt und den großen Kupferproduzenten die Notwendigkeit gesellschaftlicher Akzeptanz – in Sambia wie international – vor Augen geführt.

 

Transparenz ist das Gebot der Stunde, man schmückt sich mit Umwelt- und Arbeitsschutzprogrammen, und Corporate Responsibility – Unternehmensverantwortung – steht auf den Fahnen. Und auf den öffentlichen Mülleimern von Kitwe, von denen kaum einer ohne das Logo einer Minengesellschaft und mahnende Worte zum Umweltschutz auskommt. Und auf den Containern, in die sich die Straßenpolizisten an ihren Checkpoints zur Mittagspause zurückziehen können. Und auf großen Schildern, die klarmachen, wer das neue Stadion des Fußballclubs bezahlt hat, das Krankenhaus, den Kreisverkehr, die Bushaltestellen, die Wasseraufbereitungsanlage – Kitwe, so die Botschaft, wäre nur halb so groß und ein Viertel so organisiert, wenn nicht überall das Geld der Minenunternehmen fließen würde.

 

Das Geld aber fließt reichlich – ein Bruchteil in die betroffenen Kommunen, ein weiterer Bruchteil zu den Minenarbeitern und an den Staat, der Löwenanteil in die Taschen der Aktionäre. Hand in Hand steigen der Weltmarktpreis für Kupfer und die projektierten Fördermengen. Sogar Abfall wird interessant: Chinesische Firmen, so heißt es in Kitwe, haben die Schlackehalden, die die Stadt säumen, aufgekauft – mit modernen Extraktionsverfahren lässt sich auch aus dem vor Jahrzehnten durchgeglühten und ausgelaugten Erz noch Profit ziehen.

 

Profit, von dem der sambische Staat wenig hat: Die Hoffnungen auf eine zügige Sanierung der Staatsfinanzen, die sich mit der vom IWF um die Jahrtausendwende erzwungenen Privatisierung des Bergbausektors verbunden haben, haben sich bestenfalls partiell erfüllt. Erst kam der Preisrutsch für Kupfer auf dem Weltmarkt, dann kamen die Steuersparmodelle der neuen Minenherren. Sambisches Kupfer, so erläutert das schweizerische NRO-Netzwerk Alliance Sud, wird mit hohem Abschlag auf den Weltmarktpreis in die Heimatländer der Bergbaukonzerne verschoben, vor allem in die Schweiz. Wertschöpfung, Weiterverkauf zu Marktpreisen und vor allem die Besteuerung des Gewinns finden dort statt, der sambische Staat kann wenig mehr tun als weinend den entgangenen Steuereinnahmen hinterherzublicken.

 

Was für die sambische Staatskasse bleibt, sind vor allem Infrastrukturkosten. Insbesondere der stete LKW-Verkehr fordert Tribut: Aus Südafrika kommen Tanklaster mit Schwefelsäure und Tieflader mit Bergbaugerät, nach Südafrika fahren Sattelzüge mit massiven Kupferplatten, und jeder LKW schädigt die Straße in einem Maß, wie es 100.000 Personenwagen nicht fertigbrächten. Bei den chronisch überladenen Personenwagen in Sambia mag der Wert auf 80.000 sinken, Fakt bleibt: Die Straße zwischen Kitwe und Lusaka, vor kurzem noch als bestausgebaute Verkehrsader des Landes gerühmt, ist ein Band aus Schlaglöchern in Asphalt; die Weiterfahrt an die simbabwische Grenze findet mal rechts, mal links neben den Resten der Straße statt, in der Mitte wird planiert, Schotter verteilt, geteert. Bald wird es eine neue beste Straße geben, die den 30-, 50- und 60-Tonnern zu trotzen versucht.

 

Deren Frequenz wird so schnell nicht abnehmen: Neue Förderprojekte stehen auf dem Plan. Das Eldorado der Kupfergräber, umwoben von Sagen über schnellen Reichtum für Unternehmen, Unternehmer und Arbeiter, liegt ein paar Kilometer nördlich von Kitwe, in der DR Kongo, wo niemand nach Umweltschutzrichtlinien fragt. Aber auch mit Kitwe und Chingola sind die internationalen Minenunternehmen noch nicht fertig: In den offenen Abbaugruben, die sich wie überdimensionierte Kugelbahnen um die Städte und entlang der Straßen gruppieren, fahren die Schwerlaster im Minutentakt Erz ab. Und am Stadtrand von Kitwe treibt das schweizerisch-kanadische Unternehmen Glencore gemeinsam mit den südafrikanischen Bergbauspezialisten von Murray & Roberts einen neuen Schacht über tausend Meter ins Erdreich.

 

Stolz referieren Glencore-Mitarbeiter die bisherige Teufung des Schachtes, die Sicherheitsvorkehrungen der Minengesellschaft, die Bohr- und Sprengtechniken, die Schichtrhythmen. Auf einer Fotowand lächeln die Grabungsteams erschöpft, aber satt und offenbar zufrieden mit dem Tagwerk, in die Kamera. Alle schwarz. Weiß hingegen sind die Aufseher, die Ingenieure, die Maschinenbediener, die Leute mit den verantwortungsvollen und gutbezahlten Jobs. Sie kommen aus Polen, aus Australien und Südafrika. Sie leben in abgegrenzten Compounds, und wenn dieser Schacht fertig ist, werden sie irgendwo anders anheuern – vielleicht in Afrika, vielleicht in Asien, wer weiß das schon, und was macht es auch?

 

Für Kitwe eine Menge: Bisher profitiert die Sadt nicht sonderlich vom Kupferboom an ihren Grenzen. Natürlich, es gibt eine Handvoll Fastfood-Restaurants und Nachtclubs, in denen schnell verdientes Geld, auch von Weißen, hängenbleibt. Tagungshotels für Consultants. Überproportional viele Taxis mit und ohne Lizenz. Aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Innenstadt-Stein. In den Außenbezirken herrscht die Frage, wie man satt wird, Frau und Kinder satt bekommt. Und wie man im allgemeinen überlebt, angesichts eines begrenzten Arbeitsmarktes und unleugbarer Umweltschäden.

 

Da sind die Schwefeldämpfe, der Säurenebel, der in die an die Minen grenzenden Arbeitersiedlungen geweht wird. Es gibt Stimmen, die über Verschmutzung von Grund- und Oberflächenwasser klagen. Oft klagen sie lange, zehn Jahre zwischen Anzeige und Regulierung von Schäden sind keine Seltenheit. Belinda Zimba, die für die sambische Organisation „Citizens for a better Environment“ (CBE) Umweltschäden dokumentiert und die Reaktion der Minenunternehmen protokolliert, hat allerdings beobachtet: „Die Minenunternehmen beginnen, ihre Verantwortung ernst zu nehmen“. Einigungen werden schneller geschlossen, es gibt Ansprechpartner, man begreift sich nicht mehr ausschließlich als Gegner. Es ist nicht gut, heißt das wohl, aber es wird besser.

 

Besser als was, besser als früher? In den Bars und Bierhallen an der Peripherie von Kitwe trifft sich das altgediente Minenpersonal, plaudert über vergangene Zeiten und klagt über die aktuelle Situation: An die Stelle der sicheren Jobs ist die Leiharbeit getreten, der saure Regen lässt die Wellblechdächer rosten, neue Kupferfördermethoden, bei denen die Schwefelsäure direkt ins Erdreich gepumpt wird, bedrohen die Trinkwasserqualität. Und dann ist da noch der plötzliche Tod der lokalen Politikerin Beatrice Mithi, der allgemein mit der säuregeschwängerten Atemluft in Verbindung gebracht wird und die Gemüter bewegt.

 

Für viele der Klagen lassen sich Belege finden – je weiter man sich vom Kupfergürtel entfernt, desto mehr. Vor Ort werden Treffen der Nachbarschaftskommitees mit der Presse in letzter Minute abgesagt, Gewerkschafter lassen sich entschuldigen, weil ihr Zug Verspätung hat, ein Regierungsbericht zu den Umwelteinflüssen des Kupferbergbaus wurde zwar Anfang des Jahres planmäßig erstellt, bleibt aber unter Verschluss. Wer bei Fahrten durch das Land jenseits des umzäunten Minengeländes zuviel fotografiert – Schutthalden, Erzlaster, Ölfilme auf Wasserlachen, verkümmerte Bäume und Feldpflanzen –, wird schnell von uniformiertem Sicherheitspersonal aufgehalten und kann nur gegen eine Spende und nach nachdrücklicher Aufforderung, die Bilder zu löschen und die Kamera künftig steckenzulassen, seinen Weg fortsetzen. Zufälle? Möglich. Geheimnisse? Auch möglich.

 

Nikolai Link

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