Erfindergeist „Made in Congo“

Heft 2/2014

DR Kongo

EINE ROBOTER-AMPEL SORGT FÜR ORDNUNG IM STRASSENVERKEHR VON KINSHASA, der Hauptstadt der DR Kongo. Er wurde von einer kongolesischen Ingenieurwissenschaftlerin erfunden und ist der Stolz der Einheimischen.

 

Eigentlich gelten die Verkehrspolizisten der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa als äußerst korrupt und erpresserisch gegenüber Autofahrern. Das war schon immer so, denn auf diese Weise treiben sie von den einfachen Menschen ihren Sold ein, den der Staat ihnen oft monatelang nicht ausbezahlt. Wer sich mit dem eigenen Auto in die Straßen von Kinshasa wagt, der muss mit dem Stress durch wilde Fahrerei vieler Verkehrsteilnehmer und mit stundenlangen Staus fertig werden, deren Ursache oft die grobe Missachtung der Verkehrsregeln ist. Weil dies so ist, kommen an fast allen wichtigen Knotenpunkten und Straßen der 12-Millionen-Einwohner-Stadt Polizisten zum Einsatz, die den Verkehr regulieren sollen. Das Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer ist für diese Staatsbediensteten ein willkommener Anlass für blühende Geschäfte. Manche Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung sind allerdings frei erfunden, klagen die Menschen auf der Straße, denn damit lässt sich trefflich den Autofahrern das Geld aus der Tasche ziehen.

 

Seit jüngster Zeit sehen die Verkehrspolizisten ihre einträglichen Geschäfte allerdings bedroht. Im Jahr 2013 hat nämlich eine junge Ingenieurwissenschaftlerin eine Roboter-Ampel zur Regulierung des Straßenverkehrs in Kinshasa erfunden und dann im Juni des Jahres der breiten Öffentlichkeit zum Test vorgestellt. Für die Autofahrer der Hauptstadt leitete diese Erfindung „Made in Kongo” das Ende eines dauerhaften Zustands von täglicher Belästigung durch Staatsbedienstete ein.

 

Die Menschen in Kongo sind stolz auf ihren Roboter. Seine Erfinderin, Thérèse Izayi Kirongozi, eine frisch gebackene Absolventin des Hochschulinstitutes für Angewandte Technik (Institut Supérieur des Techniques Appliquées, ISTA) aus Kinshasa, haben die Kongolesen inzwischen zur „Mutter des Roboters” erkoren. Kirongozi, verheiratet und Mutter von drei Kindern, hat diese technische Innovation mit ihrer Kollegin Alice Takatatshu „als 100-prozentiges Produkt aus Kongo erfunden, um einerseits die Verkehrspolizisten zu ersetzen und andererseits ein gewisse Ordnung auf unseren Straßen für die Sicherheit der Menschen herzustellen“, wie es gegenüber der Presse heißt.

 

Wer vom internationalen Flughafen Kinshasa kommt, macht seine erste Begegnung mit dieser Roboter-Ampel. Sie ist nicht zu übersehen, das kolossale Technikmonster am Boulevard Patrice Lumumba fällt jedem Verkehrsteilnehmer auf. Seine Erfinderinnen haben an vieles gedacht: Ihr Roboter ist mit einer Solaranlage ausgestattet um gegen die häufigen Stromausfälle gewappnet zu sein. LED-Lampen sorgen für Langlebigkeit der Ampeln, die, gleich menschlichen Armen, sich zur Seite oder nach vorne strecken, um den Verkehr zu regeln. Alles läuft koordiniert und mit Hilfe von Sensoren und Kameras. Sprechen und singen kann der Roboter auch. Sobald ein Fahrer oder Fußgänger Rot übersieht, verlautet er mit leiser, aber gut hörbarer Warnstimme: „Achten Sie bitte auf Passanten!”

 

Der Riesenampel ist auf einem Betonblock montiert und damit geschützt vor ungehaltenen Verkehrsteilnehmern. Immer wieder sieht man Menschen vor oder um sie herum stehen, die ihr Produkt „Made in Kongo” bewundern und sich mit ihm fotografieren lassen. Ende Oktober 2013 wurde die zweite Roboter-Ampel vor dem Nationalen Parlament aufgestellt. Man kann beobachten, wie nun alle Verkehrsteilnehmer diesem Elektronik-Koloss Respekt zollen und sich an die Ampelregelung halten. Tagsüber stehen zwar noch einige Verkehrspolizisten herum, aber man merkt, wie überflüssig sie geworden sind.

 

Sie sind selber schuld”, kommentieren die Menschen. „In ganz Kinshasa gibt es einen Verkehrsknotenpunkt, direkt im Verwaltungsviertel, wo der einzige korrekte Verkehrspolizist unbeschwert und mit Humor seinen Dienst leistet”, erzählen die Leute. Von allen Seiten bekommt er Lob und ist zum populärsten Verkehrspolizisten der Hauptstadt aufgestiegen.

 

Die Erfinderin Thérèse Izayi Kirongozi ist inzwischen Vorsitzende des Vereins „Association of Women Technology”. Einziges Problem war, dass ihre Erfindung in der DR Kongo nicht sofort patentiert werden konnte. Eine solche Institution gäbe es im Lande nicht, beschweren sich einheimische Wissenschaftler. Doch die kongolesische Regierung signalisierte ihre Bereitschaft, Frau Kirongozi über ihren Verein von Ingenieurwissenschaftlerinnen einen Auftrag zur Herstellung von mehreren Robotern zu erteilen, zunächst für die Hauptstadt Kinshasa und dann für andere Provinzstädte. „Dies käme einem Patentschutz gleich”, sagen Wissenschaftler aus dem Umfeld der Erfinderinnen. Bei einem „Herstellungspreis von 10 bis 20.000 US-Dollar pro Roboter und einem monatlichen Wartungsdienst von bis zu 2.000 US-Dollar” erfordert das ganze ein starkes finanzielles Engagement der Regierung.

 

Kirongozi erhofft sich jedoch, aus ihrer Innovation mehr für ihr Land Kongo zu holen, seit Nachbarländer großes Interesse an den Erwerb dieses Roboters gezeigt haben, u.a. Kongo-Brazzaville und Angola. „Weitere Länder werden wahrscheinlich folgen, falls die Chinesen und Inder bis dahin nicht schon schneller als der Verein Duplikate anfertigen“, scherzen die Kongolesen.

 

Emanuel Matondo

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