Geleugnete Genozide

Heft 2/2015

Editorial

DER PAPST HAT ÜBER DEN VÖLKERMORD an den Armeniern die Wahrheit gesagt, und dennoch hat er sich geirrt. Es ist wahr, dass das Osmanische Reich auf Befehl der jungtürkischen Bewegung vor 100 Jahren beim Versuch, das Volk der Armenier auszulöschen, einen Genozid mit bis zu 1,5 Millionen Opfern verübt hat. Nicht diese unwiderlegliche Wahrheit ist „inakzeptabel", wie die türkische Regierung behauptet, sondern die Reaktion der türkischen Regierung, die den Botschafter des Vatikans ins Außenministerium einbestellt. Was bekommt er dort zu hören? Dass die Wahrheit über den Völkermord an den Armeniern überall in der Welt ihren Platz hat, in der Türkei aber strafrechtlich verfolgt und mit Gefängnisstrafe bedroht wird?


Der Papst hat die Wahrheit gesagt, und doch ist ihm in einem wichtigen Punkt zu widersprechen. Seine Behauptung, der Genozid an den Armeniern sei der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts gewesen, ist falsch. Auch wenn die meisten deutschen Politiker davon bis heute nichts wissen wollen, war die nahezu vollständige Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 nach fast einhelliger Ansicht der Wissenschaft als Völkermord einzustufen. Die Bundesregierung lehnt bis heute die Bewertung des Genozids als Genozid mit der Begründung ab, die „brutale Niederschlagung" des Aufstands „könne nicht nach den heute geltenden Regeln des humanitären Völkerrechts bewertet werden".

 

Den Begriff des Genozids kannte das Völkerrecht auch noch nicht, als er 1915 über die Armenier kam. Ist das der Grund, weshalb sich Union und SPD nicht dazu durchringen können, den Genozid an den Armeniern als solchen zu bezeichnen? In diesem Fall wäre die Weigerung, den Genozid an den Herero anzuerkennen, schlechterdings unmöglich.

 

Die türkische Regierung verfolgt die Behauptung des Genozids an den Armeniern mit dem Strafrecht, die deutsche Bundesregierung hüllt sich zum Genozid an den Herero in Schweigen. Es ist keine Überraschung, dass dem Papst der erste Genozid des 20. Jahrhunderts - als Nachlass des 19. Jahrhunderts – unbekannt ist. Die Auslöschung von rund zehn Millionen Afrikanern in der Kolonie Kongo des belgischen Königs Leopold II. hatte bereits in der 80er Jahren des 19. Jahrhunderts begonnen und endete erst, nachdem der König zur Abgabe der Kolonie gezwungen worden war.

 

Wer vom Völkermord an den Armeniern reden will, darf von den genozidalen Kolonialverbrechen im 20. Jahrhundert nicht schweigen. Was für die türkische Regierung gilt, das gilt auch für die Bundesregierung und für die Regierung Belgiens, die bis heute in den Palästen sitzt, die in Brüssel mit dem Blut und dem Leben der Afrikaner errichtet wurden, aber zu den Verbrechen schweigt. Denn die Behauptung Franziskus' ist wahr: „Wo es keine Erinnerung gibt, hält das Böse die Wunden offen."

 

Christian Bommarius
aus: Frankfurter Rundschau, 14.04.2015
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