Alles passiert hier

Heft 2/2016

Angola: Literatur

GEDANKEN ZU ZWEI GROSSARTIGEN LUANDA-ROMANEN.

 

„Luanda treibt mit rasanter Geschwindigkeit auf die Katastrophe zu. Acht Millionen Menschen, die heulen, weinen und hysterisch lachen. Ein Fest. Eine Tragödie. Alles, was passieren kann, passiert hier. Was nicht passieren kann, auch."


So beschreibt es José Eduardo Agualusa in seiner furiosen Dystopie „Barroco Tropical" aus dem Jahr 2009. „Die Gewinne aus dem Erdölgeschäft ließen riesige Gebäude mit verspiegelten Glasfassaden aus dem Boden sprießen. Dann fiel der Ölpreis (ins Bodenlose, er platschte förmlich herunter), und diese ganze strahlende neue Welt kollabierte mit ihm." Eigentlich spielt der Roman im Jahr 2020, aber, so sagte der Autor kürzlich auf einer Veranstaltung der Litprom-Literaturtage, er habe geradezu Angst, dass vieles von dem, was er als Warnung formulierte, sich mittlerweile früher als befürchtet erfüllt.


„Auf eine Mauer am Flughafen von Luanda hat einmal einer gepinselt: 'Willkommen auf dem Mond. Treten Sie ein und vergessen Sie Ihren gesunden Menschenverstand'", heißt es in dem Roman weiter, doch der Satz, das Graffiti, die ironische Gleichsetzung von Mond=Lua mit der angolanischen Hauptstadt, könnte auch von Ondjaki stammen, der 2012 mit „Die Durchsichtigen" (in Übersetzung 2015 bei Wunderhorn erschienen) einen weiteren wichtigen und nicht minder furiosen Luanda-Roman vorgelegt hat.

 

Liebe im Schatten der Brutalität
Hier geht die Stadt bereits unter, in die Luft gejagt von grenzenlosem Gewinnstreben, den Erdölvorkommen im Boden und einem Feuerwerk zu Ehren einer staatlicherseits abgesagten Sonnenfinsternis. Übrig bleibt Poesie, eine fast grenzenlose Zärtlichkeit im Kontrast zu ebenso grenzenloser Gewalt: eine „Stadt, in der jahrhundertelang Liebe im Schatten der Brutalität das eine oder andere Herz zum Bewohnen gefunden hatte", schreibt Ondjaki im ersten Kapitel, das bereits keinerlei Zweifel daran lässt, dass die Stadt untergehen wird.


„Zungen und Flammen einer sich ausbreitenden Hölle, wie der trotzige Gang eines ermatteten Tiers auf der Flucht vor dem Jäger, rund und entschlossen mit dem stets sich erneuernden Willen, noch weiter zu gehen, noch mehr zu verbrennen, noch mehr Glut zu entfachen ..."


„Die Durchsichtigen" ist keine Dystopie mehr. Er ist eine Allegorie, deren Bilder weniger barock sind als bisweilen eher an Hieronymus Bosch erinnern, wenn beispielsweise der Mann, der am Ende des Buchs sanft und gewichtslos in den brennenden Himmel Luandas verschwinden wird, sich auf dem Friedhof der Stadt durch übereinandergestapelte Tote wühlt, um seinen in den Fängen der Polizei zu Tode gekommenen Sohn aufzufinden, oder wenn am Beginn der „Muschelverkäufer" einen Blinden an der Hand durch Korridore von Flammen führt, die wie lodernde Zungen den Himmel über der Stadt peitschen. Wie ein roter Faden zieht sich gleichzeitig die Nostalgie einiger Protagonisten durch den Roman, die sich, Vinylschallplatten hörend, nach Zeiten zurücksehnen, als Hoffnung noch heilig war, die „Genossin Ideologie" noch nicht via Staatsbegräbnis und präsidialer Ansprache für tot erklärt worden war – die Utopie noch nicht auf den Boden der postkolonialen, postsozialistischen Nachkriegsrealität geknallt ist:


„Weit entfernt, soweit Luanda so etwas wie Ferne erlaubt, am Meer auf der Promenade war Odonato unterwegs, ließ das Salz von der Gischt in seine Haut dringen, wie er es sich schon lange nicht mehr erlaubt hatte, nahm Stimmen und Lärm in sich auf, Hupen, Schimpfen, die horizontale, geschliffene Schönheit der Nationalbank, die Gerüche vom PlatzVorDerEisdiele, wo schon längst keine Eisdiele mehr stand, den seltsam chaotischen Anblick der zerfallenen Gebäude am Fuße der SãoMiguelFestung, die Weite der Bucht, rund und großzügig wie das Lächeln einer beliebigen jungen Frau aus Luanda, das ruhige Rauschen der Kokospalmen, die der Zeit und den Bauarbeiten auf der Promenade getrotzt hatten, und registrierte mit seinen Augen das Wuchern der modernen Reklametafeln mit Werbung für die neuesten und teuersten Telefone und Geländewagen der Welt."

 

Atmende Stockwerke
Und was ist das für eine Stadt, dieses Luanda, in dem es, sowohl bei Agualusa als auch bei Ondjaki ständig treppauf und treppab geht? In Agualusas „Termiteira"-Hochhaus lebt in einer zu Beton und Spiegelglas gewordenen sozialen Pyramide alles übereinander, was das gesellschaftliche Panoptikum Angolas zu bieten hat, von der Unterwelt im dritten Untergeschoss bis hin zu autistischen Hipstern und Schwerreichen in den höchsten Etagen, und im Aufzug haben sich sogar zwei Modedesigner häuslich eingerichtet.


Bei Ondjaki gibt es diesen Aufzug schon gar nicht mehr, in seinem Hochhaus, wo die Menschen im Flur Fische grillen, ist an dessen Stelle ein leerer Schacht. Dafür gibt es ein Loch in der Wand und einen Wasserrohrbruch, durch den das knappste aller Güter, das Wasser, Erfrischung und Leben spendend, unablässig strömt und für Fremde eine Art unüberwindbare natürliche Barriere darstellt. Und – „das Haus hatte sieben Stockwerke und atmete wie ein lebendiges Wesen" – es wird selbst zum Protagonisten, der von Leuten bevölkert ist, die irgendwie aus dem Getriebe der Zeit, der Geschichte, gespült wurden: Gelegenheitsarbeiter, Kleinkriminelle, Obdachlose, Gestrandete, normale Leute, der Journalist PauloPausado, ein Jazz- und Schallplattenliebhaber namens Der StummeGenosse und natürlich JoãoDevagar, der keine Gelegenheit auslässt, krumme und windige Geschäfte zu machen. Und auch ein leibhaftiger Minister kommt zu Besuch und muss sich von der Straßenhändlerin vor dem Haus ein Handy ausleihen. Angola ist, glaubt man den Schriftstellern, ein reichlich seltsames Land.


Wie eins seiner Vorbilder, Manuel Rui, in dessen epochalem Schelmenroman „Quem me dera ser onda" von 1982 Leute in der Etage eines Hochhauses ein Schwein großziehen, setzt Ondjaki bei dem Entwurf seiner poetischen Allegorie auf Humor und ausufernde Ironie. Wenn etwa ein versoffener Ministerialassessor die Ausrufung weiterer Feiertage fordert, weil in Angola zu viel gearbeitet werde, aber auch in der Figur des verzweifelten Briefträgers, der den ganzen Roman über versucht, wichtigen Leuten ein Schreiben zu überreichen, in dem er in gestelztem Portugiesisch und Schönschrift um die Bereitstellung eines Dienst-Mofas ersucht. Nicht zu vergessen natürlich der windige JoãoDevagar, eine der zentralen Figuren des Romans, der auf der Dachterrasse des Hochhauses ein Kino betreibt (illegal, denn dann benötigt es keine Genehmigung), ohne Leinwand und ohne Ton, bei dem die Zuschauer selbst der Film sind.

 

Kosmopolitische Absurdität
Vor ein paar Jahren noch rangierte Luanda unter den teuersten Städten der Welt und hält trotz gleichzeitiger bitterer Armut hartnäckig an diesem Mythos fest. Sicher ist aber – zumindest wenn man den beiden Romanen auch nur einen Funken Glauben schenkt: In Sachen Absurdität kann es mit Luanda nicht jede Stadt aufnehmen, und während am Beginn von Agualusas „Barroco Tropical" eine Frau aus gewittrigem Himmel fällt, so endet „Die Durchsichtigen" damit, dass einer, der aufgehört hat zu essen, weil er keine Almosen mehr will, wie ein Luftballon in die Luft steigt und die brennende, explodierende Stadt unter und hinter sich lässt.


Im Grunde sollte man „Barroco Tropical" und „Die Durchsichtigen" parallel lesen. Denn sie ergänzen sich auf eigentümliche Weise. Glaubt man in Agualusas „Termitenbau" schon die soziale Schichtung Angolas zu erkennen, so sieht man in Ondjakis Maianga-Gebäude, was alles noch fehlt. Die Magie, die bei Agualusa im Labyrinth einer Irrenanstalt vor allem Obskurantismus bedeutet und politisch missbraucht wird, kehrt bei Ondjaki zurück in dem Zauber des Wassers, das wie durch die Adern seines „lebendigen" Hauses strömt, aber auch in dem unerklärlichen Phänomen des ermordeten Kleinkriminellen, der sich noch als Leiche weigert, nach Hause zu kommen, und schließlich so schwer wird, dass er durch die Decke bricht und wieder auf der Straße landet, oder in der Gestalt einer weißen Kakerlake, die einem Amerikaner das Leben rettet. Agualusa wiederum spielt insofern mit dem afrikanisierenden Mythos „Magie", als er auf Luandas Hochhausdächern schwarze Engel tanzen lässt, die nichts anderes sind als eine Performancegruppe, die man mieten kann.


Und: Literatur ist keine Landeskunde. Eine Binsenweisheit, und doch tendiert die Rezeption in Europa noch hartnäckig dazu, Romane aus Afrika als Zustandsbeschreibungen des Kontinents zu lesen. Keine Frage, die beiden Romane spielen in Luanda, doch so wie „Barroco Tropical" klar in einem „fiktiven" 2020 spielt, könnte man vieles davon ebenso hypothetisch in andere Weltgegenden im Jahr 2020 verlegen. Der Crash nach dem Höhenflug, die Brutalität, Obskurantismus, Korruption waren nie und sind heute erst recht nicht nur afrikanische Phänomene – ohnehin ist „Barroco Tropical" Agualusas kosmopolitischster Roman. In seinem Angola versinnbildlicht sich Weltgeschichte. Ebenso kann und sollte auch „Die Durchsichtigen" als mehr gelesen werden als nur ein witzig-poetisches Tableau des heutigen und des vergangenen Angola. Städte sind wie Konzentrationen, Städtebilder wirken wie Brenngläser. Die Bilder, die Ondjaki schafft, gerade die der Solidarität, der Zärtlichkeit inmitten einer untergehenden Welt, die Poesie, das ist etwas, was man lesen möchte und lesen sollte, wenn man sich Gedanken macht über die heutige Welt. „... Menschen, die heulen, weinen und hysterisch lachen. Ein Fest. Eine Tragödie. Alles, was passieren kann, passiert hier. Was nicht passieren kann, auch" – nicht nur die von Luanda.


Michael Kegler

 

Der Autor ist Übersetzer und Literaturkritiker. Er betreibt das Internetportal novacultura.de. Für seine Übersetzungen ist er kürzlich gemeinsam mit dem brasilianischen Autor Luiz Ruffato mit dem Internationalen Hermann-Hesse-Preis 2016 ausgezeichnet worden.

José Eduardo Agualusa: Barroco Tropical. A1 Verlag 2011
Ondjaki: Die Durchsichtigen. Verlag das Wunderhorn 2016
Beide übersetzt von Michael Kegler

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