Blame me on history – William ‹Bloke› Modisane

Heft 2/2016

Südafrika: Kultur

ER SCHRIEB GESCHICHTE – die Geschichte Sophiatowns, dem vibrierenden Jazz- und Kulturbezirk in Johannesburg, das vom Apartheidregime niedergewalzt wurde. Modisane zählte auch zu den wichtigsten Journalisten der legendären Zeitschrift Drum. Im März 1986 verstarb er im Exil in Dortmund. Ein Ausstellung erinnert an sein Werk.

 

„Blame Me On History" – dieses ergreifende und verdichtete Portrait des Lebens unter der Apartheid sagt sogar heute den Mitzwanzigjährigen noch etwas, sofern sie Literatur lesen – eine Generation, die etwas vorschnell „Born Free" genannt wird, weil sie nach dem formalen Ende der Apartheid geboren wurde. Modisanes Werk ermöglicht Rückbezüge, denn in einzigartiger Weise thematisiert es die strukturelle Gewalt der Apartheid.


Wer war William 'Bloke' Modisane? 1923 wurde er in Sophiatown geboren, der berühmten „freehold area" in Johannesburg, in dem zumindest für einige Jahrzehnte das Zusammenleben aller Menschen möglich war. Aufgrund dieser außergewöhnlichen Tatsache, seiner Nähe zur Innenstadt und der prinzipiellen Aussicht, hier Land zu erwerben, war Sophiatown populär und nach kurzer Zeit überbevölkert. Das Landgesetz von 1913 hatte den Landerwerb andernorts bereits drastisch eingeschränkt, ja strikt verboten.

 

Sophiatown
Sophiatown galt als „Harlem Südafrikas", als Inkubator des Jazz, der Kunst und Politik. In vieler Hinsicht war es mit dem District Six in Kapstadt vergleichbar. Der Regierung war das Viertel mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft ein Dorn im Auge, sie sorgte ab 1955 für die Enteignung seiner Bewohner/innen und anschließend für seine Zerstörung. Auf dem so entstandenen Bauland wurde dann der Stadtteil Triumph für ärmere Weiße errichtet.


Modisane wuchs in den Widrigkeiten der Zeit auf. Seine Mutter, „Ma-Willie" genannt, unterhielt eine Shebeen, eine illegale Schänke, um die Familie durchzubringen. Eine Schwester starb an Unterernährung. Sein Vater fiel der grassierenden Kriminalität des Viertels zum Opfer. Eine Episode versinnbildlicht den Horror und die Isolation junger Schwarzer während der Apartheid: Auf dem Sarg seines früh getöteten Vaters stand anstelle dessen Vornamens eigentümlicherweise sein eigener Name „William".

 

Drum
Den Weg seines Vaters schlug er dennoch nicht ein. Das verdankte Modisane seinem Wortwitz, seiner Perfektionierung und oft ironischen Überspitzung der englischen Sprache, seiner Kenntnis der US-amerikanischen Literaturszene sowie seinem Talent als Schriftsteller. Als junger Mann wurde er Teil der Drum-Redaktion und arbeitete im Umfeld von Jürgen Schadeberg, Nat Nakasa, Henri Nxumalo und Can Themba. Gegründet 1951 von Jim Bailey, dem Spross der britischen Minendynastie, avancierte das monatliche Magazin Drum zum Forum der Zeit und zum Synonym schwarzer Populärkultur während der Apartheid in den 1950er Jahren. Bezeichnenderweise war Drum immer fest in weißer Hand, aber mit einer Redaktion, die die Elite des journalistischen Schaffens, insbesondere der schwarzen Autoren versammelte.


Der Fotograph Bob Gosani fasste die Stimmung und Symbolkraft der Redaktion so zusammen: „Drum was a different home; it did not have apartheid". (In Drum gab es keine Apartheid, Drum war ein anderes Zuhause). Gerade deshalb war die journalistische Arbeit nicht ungefährlich, wie Henry Nxumalos Reportagen eindrucksvoll zeigten.

 

Bloke – eine Thrillerfigur
Aus der Zeit Modisanes als Redakteur bei Drum und Golden City Post und vormals als Mitarbeiter im Vanguard-Buchladen in Johannesburg stammte sein Spitzname 'Bloke'. Er ging auf eine Figur in den Thrillern von Leslie Charteris zurück. Bloke arbeitete auch an einem Filmskript, das die Filmgeschichte veränderte: Lionel Rogosins „Come Back, Africa", ein kenntnisreiches, wenn auch fiktionalisiertes Portrait der Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung im Südafrika während der 1940er Jahre mit späteren Stars wie Miriam Makeba. Neben diesem Drehbuch wirkte Modisane auch am südafrikanischen Musical „King Kong" mit.

 

Viele schwarze Schauspieler/innen wanderten während der Englandtournee aus – eine Reaktion auf die schwierigen Arbeitsbedingungen für schwarze Kulturschaffende während der entwürdigenden und freiheitsberaubenden Apartheid. Die meisten Autoren/innen und Künstler/innen wählten den Weg ins Exil oder wurden ausgewiesen. Der weltberühmten Sängerin Miriam Makeba beispielsweise wurde es verboten, ihre Mutter noch einmal zu sehen.

 

Exil
William 'Bloke' Modisanes Weg führte zunächst nach England, später dauerhaft nach Deutschland. In England, wo er als Journalist für Rundfunk und Fernsehen sowie als Schauspieler tätig war, arbeitete er auch mit Jean Genet an der Theaterproduktion „The Blacks". Mit Langston Hughes, dem afro-amerikanischen Schriftsteller, Netzwerker und Kulturpolitiker, war Modisane in stetem Kontakt, etwa für die Anthologie „An African Treasury". Modisane publizierte ebenfalls im Magazin Black Orpheus, das von Ulli Beier, dem Gründer des Iwalewahauses in Bayreuth, herausgegeben wurde. In Deutschland produzierte Modisane Radio-Hörspiele und wirkte in TV-Produktionen mit.


Modisanes Werk wird jedoch immer an einem Meilenstein gemessen: 1963, noch in England, erschien „Blame Me On History" in London. „Weiß ist das Gesetz" lautete 1964 der Titel der zeitgebundenen deutschen Übersetzung von Janheinz Jahn. In Südafrika wurde das Werk sofort zensiert und war offiziell nicht erhältlich. Heute wird Modisane Hauptwerk vor allem im Sinne einer literarischen Zeitzeugenschaft gelesen. Es ist aber mehr als das. Modisanes Buch beinhaltet auch Entwürfe für eine andere Gesellschaft und es ist eine literarische Reaktion auf die Apartheid mit einer sehr treffenden Beschreibung, was sie bedeutete: „Apartheid, the one-word onslaught on the human dignity" (Apartheid ist ein Angriff auf die menschliche Würde).


In seinen späteren Texten trat Modisane dem allgegenwärtigen Rassismus entgegen. So fragt er in seiner Polemik „Repatriate Me", die er gegen die so genannte „Rivers of Blood"-Rede des britischen Politikers und Einwanderungsgegners Enoch Powells schrieb: Er sei bereit, ein Land zu verlassen, das ihn nicht akzeptiere – doch, wohin soll er gehen, wenn nirgendwo mehr sein Zuhause sei? Modisanes Fragen sind bis heute von universeller Gültigkeit. Sein Werk harrt der Wiederentdeckung.

 

Erinnern in Sophiatown
Würde er – der aus seiner Heimat Ausgezogene, Ausgewiesene – Südafrika, Johannesburg, Sophiatown heute wieder als „Zuhause" begreifen? Dieser Frage gehen die jungen Menschen der SoFireTown-Crew nach – in jenem Viertel, in dem Modisane geboren wurde und seine Jugend verbrachte. In der Ausstellung „(In) A Way Back Home" legen sie den Finger in die Wunde der gegenwärtigen Erinnerungs- und Kulturpolitik, die Teilhabe propagiert, aber nur bruchstückhaft einlöst. Die Ausstellung ist Teil eines umfassenderen Projektes der Universitäten Bayreuth und Johannesburg, ausgehend von Modisanes Werk zeigt sie Ausschnitte aus seinem Leben. Im Zentrum steht ein Zitat aus „Blame Me On History":


"Whatever else Sophiatown was, it was home;... we made the desert bloom; decorated the houses and filled them with music. We were house-proud. We took the ugliness of life in a slum and wove a kind of beauty; we established bonds of human relationships, which set a pattern of communal living, far richer and more satisfying – materially and spiritually – than any model housing could substitute."


(„Was Sophiatown auch sonst noch war, es war vor allem unsere Heimat. ... Wir ließen die Wüste blühen, wir nahmen Änderungen vor, wir schufen Küchen, dekorierten die Häuser und erfüllten sie mit Musik. Wir waren stolze Hausbesitzer. Wir webten eine Art Schönheit und entfernten das Hässliche aus dem Slumleben. Wir etablierten menschliche Bindungen, Muster des Zusammenlebens, viel reichhaltiger und erfüllender im materiellen und spirituellen Sinn als wie die Modellhäuser das ermöglichten. Das können sie nicht ersetzen.")


In der Ausstellung liegen für alle Besucher/innen Postkarten bereit. Auf der einen Seite steht dieses berührende Zitat über die Möglichkeit, Schönheit zu schaffen. Auf der anderen Seite steht die Frage der jungen Leute aus Sophiatown: „What do you do to make the desert bloom?" Die Antworten reichen von der Freundschafts- und Familienpflege über politische Aktivitäten bis zum scheinbar Banalsten: Dem Zuhören. Seit der Ausstellungseröffnung in Sophiatown 2014 tourt die Schau durch die Welt. Demnächst wird sie in East London in Zusammenarbeit mit der University of Fort Hare zu sehen sein. Auch dort werden Jugendliche wieder Anknüpfungspunkte an das Werk Modisanes erarbeiten. Denn die Themen des Autors, wie Ungleichheit und die Vorstellung eines Lebens frei von rassistischen Zuordnungen, sind weiterhin sehr aktuell. Wie würde Modisane beispielsweise die Kampagne #feesmustfall (Studentenproteste gegen die Studiengebühren; d.Red.) einschätzen?


Sipho Ndlovu, Initiator, Kurator und Aktivist der SoFireTown Crew, sorgt dafür, dass diese Fragen Gehör finden. Ndlovu ist einer derjenigen, die sich dem Weiterleben der Literatur Modisanes angenommen haben. Der Grund: Die Schilderung des Ich-Erzählers von der Abwesenheit des Vaters habe ihn gepackt. Irgendwie erinnere sie ihn an seine eigene Geschichte. Er und die anderen jungen Menschen im Projektteam fragen: Was hätte Modisane zur südafrikanischen Gesellschaft heute zu sagen?


Katharina Fink

 

Die Autorin ist promovierte Afrikawissenschaftlerin, Kuratorin und Kulturvermittlerin.

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