Darf der Mörder von Chris Hani auf freien Fuß?

Heft 2/2016

Südafrika

DIE WAHRHEIT IST: EINE NATION KANN NICHT AUF HALBWAHRHEITEN UND LÜGEN AUFGEBAUT WERDEN. Gibt es zwanzig Jahre nach Beginn der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) Gerechtigkeit für die Opfer?

 

Die aktuelle Entscheidung des High Court in Pretoria, den Mörder von Chris Hani, Janusz Walus, nach 23 Jahren auf Bewährung zu entlassen, wirft viele Fragen auf. Während Justizminister Michael Masutha nun darüber entscheidet, weigert sich Chris Hanis Witwe Limpho, dem Mörder ihres Mannes zu vergeben. Hier geht es darum, ob das Recht der Opfer auf Wahrheit respektiert wird. Die baldige Entlassung von Herrn Walus wird von der Hani-Familie strikt abgelehnt, da es keine kohärente Wahrheit gibt, die für die Opfer des Verbrechens Sinn macht.

 


Am 10.4.1993 wurde Martin Tembisile (Chris) Hani, der frühere Chef der ANC-Untergrundorganisation Umkhonto we Siswe und Generalsekretär der South African Communist Party, ermordet. Der Mörder beantragte Amnestie im Rahmen der TRC, der Antrag wurde abgelehnt.


 

Weder in den Amnestieanhörungen während der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) 1997 noch im anschließenden Gerichtsverfahren wurden die Fragen der Familie Hani im Fall Walus beantwortet. Eine solche Wahrheit wäre aber die Grundvoraussetzung für eine wiederherstellende Gerechtigkeit, die betroffene Familien brauchen. Zu oft schon wurde im Rahmen der TRC Vergebung von den Opfern erwartet.


Der Standpunkt, so lange nicht zu vergeben, bis die Wahrheit geklärt ist, unterbricht den Status quo, der seit der TRC 1996 existiert. Schwierige Gespräche stehen an. Sie sind jedoch wichtig für eine Gesellschaft, in der viele feststellen, wie ihre Ideale von der Regenbogennation zerbrechen. Nun ist die Zeit gekommen für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Opfern der Apartheid.


Lindi Hani, Chris Hanis Tochter, hat das Recht auf einen Opfer-Täter-Dialog (VOD) mit Herrn Walus. Das ist eine Voraussetzung für eine bedingte Freilassung. Diese kann der zuständige Minister verweigern, falls es kein direktes Gespräch zwischen Mitgliedern der Familie des Opfers und dem Täter gibt. Jeder, der zu lebenslanger Haft verurteilt ist, hat das Recht, nach dreizehn Jahren und acht Monaten Gefängnis eine bedingte Freilassung zu beantragen. Aber zu den Konditionen zählt die direkte Kontaktaufnahme mit Familienmitgliedern der Opfer.

 

Verschwiegene Informationen
Es ist unklar, ob Janusz Walus beauftragt wurde, den Mord an Chris Hani auszuführen und wer ihm möglicherweise den Auftrag gab. Die Wahrheit wurde weder bei der TRC-Amnestieanhörung noch beim anschließenden Gerichtsverfahren aufgedeckt. Bekannt ist nur, dass Herr Walus die Waffe, die er benutzte, von Clive Derby-Lewis erhielt und einständig Munition kaufte. Walus observierte Hanis Haus in einer Weise, wie ein Auftragsmörder sich für seine Mission vorbereitet. Aber solche Morde werden nicht ohne Mastermind einer höheren Autorität begangen. Wer war diese höhere Autorität? Wieso wurde das nie aufgedeckt?


Ich bin mir bewusst, dass Menschen in Polen das dortige kommunistische Regime zutiefst gehasst haben. Aber offensichtlich hat Herr Walus den Hass auf (polnische) Kommunisten nie als Motiv für seinen Mord an Hani angegeben. Wer leitete also Walus an und warum? Wer war sonst noch in die Planung und Ausführung der Mission involviert? Hatte er sich geheimen Apartheid-Einheiten angeschlossen, die gezielte Morde ausübten? Wie kam er mit diesen Leuten in Kontakt und auf welcher Basis vereinbarten sie, Hani umzubringen? Was wurde Walus über Hani erzählt und für welchen Zweck? Meine Erfahrung ist: Während der Apartheid nutzten Kommandeure Auftragsmörder und fütterten sie gezielt mit Falschinformationen über ihre Ziele. Für wen arbeitete Walus in der Zeit und wie lange observierte er Hanis Haus? Hatte Walus vor dem Mord eine Vorstellung davon, was er damit auslösen könnte? War es das erklärte Ziel, am Ende der Verhandlungsphase in Südafrika Massengewalt loszutreten?


Was lernte Walu? nach dem Mord über den Menschen Chris Hani? Dachte er je, er hat der Familie etwas Schreckliches angetan – und dem Land und dem Kampf für Freiheit und Demokratie? Warum dauerte es so lange, bis er 2014 Frau Hani schrieb und sich entschuldigte? Hat Herr Walus Pläne, wie er die Familie und das Land entschädigen will? Hat er vor dem Mord an Hani andere Menschen getötet?

 

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission ging davon aus, Wahrheit würde den Weg zur Versöhnung ebnen. In diesem Fall – wie in vielen, die vor dem Amnestie-Komitee präsentiert wurden –, war das nicht die Wahrheit, die von den Opfern verlangt wurde um zu heilen, sondern eine sterile Annäherung an einige Fakten. Die Mikrowahrheit bedeutet: Der Familie müssen alle Fragen ohne Ausnahme beantwortet werden. Doch die Familie Hani hat diese Antworten noch nicht erhalten. Die TRC produzierte eine Makrowahrheit der allgemeinen Bedingungen, die unter der Apartheid herrschten. Sie versäumte es aber, eine Mikrowahrheit zu erreichen, die für individuelle Opfer zutraf. Das ist das größte Versagen der TRC. Sie schuf ein System, mit dem die Täter einen Rechtsweg einschlagen konnten, und Mechanismen, um sich als Bürger des neuen Südafrika zu erfinden. Gleichzeitig gab es keinen juristischen Zugang für Opfer, um die vollständige Wahrheit aufzudecken und effektive Reparationsprogramme zu erreichen. Die Grenzen und Brüche der TRC verhindern bis heute die Versöhnung auf der Basis sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Gleichheit und Gerechtigkeit.

 

Der Mensch Chris Hani
Hier möchte ich Erinnerungen des Anti-Apartheid-Aktivisten Jay Naidoo vorstellen: Acht Tage bevor Comrade Chris Hani umgebracht wurde, interviewte ihn die Sozialhistorikerin Luli Callinicos. In diesem Interview kurz vor den ersten demokratischen Wahlen 1994 sagte er, Südafrika habe einen neuen Feind und sei mit einem neuen Kampf konfrontiert. Der Feind sei sozio-ökonomisch und es ginge um einen Kampf für Arbeit, Häuser, Schulen; um eine Gesellschaft, in der Lehrer, Krankenschwestern, Polizisten, Mitarbeiter in der Gemeindeverwaltung mit einer Verantwortungsethik arbeiten. Der neue Feind sei auch die Korruption; in der Partei würde diskutiert, wie die Gehälter von Ministern und Parlamentariern reduziert werden sollten.


Hani betonte oft: „Wir als die ANC-geführte Allianz der Befreiungsbewegungen haben nichts zu fürchten in einem Klima der politischen Toleranz. Wir fürchten keine offenen verbalen Auseinandersetzungen mit anderen Organisationen. Die offene Rede kann nur aufzeigen, wie bankrott unsere politischen Gegner sind." Chris Hani war ein überzeugter Demokrat und er glaubte an die Macht des Volkes. Er ist ein Beispiel, dem wir folgen sollten, um unsere Kultur des Engagements und Toleranz wieder zu leben.

 

Gerechter Zorn
Die zivilgesellschaftliche Aktivistin Sisonke Msimang schrieb zum Fall Hani: Die Opfer der Apartheid sollen weinen, aber nicht zornig sein. Jedoch hat diese Seite der Trauer, der Nihilismus des Verlustes, keinen Platz im Vokabular unserer Demokratie. Der Deal 1994 war: Die schwarze Mehrheit vergibt der weißen Minderheit. Mit anderen Worten: Die schwarze Vergebung wurde ausgetauscht mit weißer Loyalität zum Land. „Schwarze Menschen würden demnach Weiße in Frieden leben lassen", da sie als wirtschaftliche Führungskräfte gebraucht wurden – Vergebung als Gegenleistung für technische Sachkenntnisse.


So ist Frau Hanis Weigerung zur Versöhnung nahezu ketzerisch. Sie ist abtrünnig gegenüber dem unausgesprochenen Post-Apartheid Abkommen. Manche stellen sogar Bezüge her zur nahezu atavistischen Annahme in unserem nationalen Bewusstsein, Weiße könnten nicht länger ihres Platzes in der Gesellschaft sicher sein. In einem Kontext, in dem Versöhnung erwartet wird, ist es aber eine Macht, ein Zorn gegen das Vergessen. Sie beharrt darauf, gehört zu werden und Chris Hanis Platz in unserem kollektiven Erinnern zu konsolidieren. Eine plurale Demokratie wie unsere, die so viel Zeit und Energie in die Vergebung investiert hat, sollte auch Stimmen der zornigen Traurigkeit, die nicht unterdrückt werden wollen, Raum geben. Wenn Südafrika Angst hat, diese Stimmen zu hören, die sich der Versöhnung verweigern, haben wir Probleme.


Wenn wir den Qualen, die so viele Familien wegen des Verlustes ihrer geliebten Angehörigen erleiden, aber keinen Platz haben und im Umgang mit Schmerz also nur einem rassistischen Muster folgen, sind wir nicht so plural, wie wir gern sein möchten. Die Wahrheit ist: Einige von uns sind zornig und wollen sich nicht versöhnen. Dann muss dieses neue Land, das wir in den letzten zwanzig Jahren geschaffen haben, Wege finden, um damit umzugehen und die Komplexität zu reflektieren. Wir müssen akzeptieren, dass Frau Hani und ihre Familie in dieser Gesellschaft leben, von Menschen aller Hautfarben respektvoll behandelt werden und das Recht haben, nicht dem Mann zu vergeben, der ihren Vater umgebracht hat. Clive Derby-Lewis ist möglicherweise krank und muss sterben, daher wird er vermutlich freigelassen. Aber diese Haftentlassung sollte nicht als Versöhnung missverstanden werden. Wir sollten den Hanis dankbar sein, zu ihrem Zorn zu stehen.


Marjorie Jobson

 

Die Autorin ist Direktorin der Organisation Khulumani. Ihre Zusammenstellung zentraler Argumente erschien am 14.3.2016 in voller Länge im englischen Original auf der khulumani-Webseite: www.khulumani.net

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