Ich bin, weil andere sind: Menschen auf dem Weg

Heft 2/2016

Editorial

„UBUNTU", DAS DIE MENSCHLICHKEIT GEGENÜBER ANDEREN MEINT, IST EINE DER BEKANNTESTEN WEISHEITEN SÜDAFRIKAS, einem Land, welches verschiedene Nationen Afrikas vereint und beherbergt. Auch wenn die Regenbogennation derzeit wegen des Umgangs mit Migrantinnen und Migranten an Farbe zu verlieren scheint, gibt es auf dem afrikanischen Kontinent, etwa in Tansania oder Ghana, eine Kultur der Migration und Aufnahme von Migrantinnen und Migranten, die trotz kultureller Unterschiede friedlich zusammenleben.


Warum kann Europa nicht davon lernen? Denn mit unserer Politik kommen wir, wie die derzeitige Flüchtlingssituation zeigt, nicht weiter. Gerade jetzt wäre Menschlichkeit, Solidarität und Gemeinsinn angebracht. Aber anstatt sich darauf zu besinnen, dass wir Teil eines Ganzen und durch die Globalisierung wechselseitig miteinander verknüpft sind, werden die Ursachen von Flucht und Migration verleugnet und es wird eine Abschottungspolitik verfolgt, die die katastrophalen Folgen einer „ungleichen Welt" – die wir mit aller Macht aufrechtzuerhalten versuchen – zwar verzögern, aber auf Dauer nicht verhindern kann.


Nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs waren mehr Menschen auf der Flucht. Sie ist den heutigen kriegerischen Auseinandersetzungen, aber auch wirtschaftlicher Ausweglosigkeit geschuldet. Es ist dabei eine naive Annahme, dass jede Flüchtlingsroute zwingend nach Europa führt. Es stimmt, dass tausende Flüchtlinge aus Gambia, Mali, Somalia, Nigeria und Eritrea die Reise bis nach Europa in Kauf nehmen, um ein besseres Leben zu führen. Ein hingegen viel näheres Flüchtlingsziel liegt auf dem eigenen Kontinent, nämlich Südafrika. Nach den USA und Deutschland ist Südafrika dasjenige Land, welches die höchste Zahl an Asylanfragen erhält. Das liegt überwiegend an einer vergleichsweise stabilen wirtschaftlichen Situation.


Wir in Europa sollten ganz genau darauf achten, wie wir die Zustände in Südafrika kritisieren, da auch wir nicht immer ein vorbildliches Verhalten mit fremden, hilfesuchenden Menschen aufweisen können. Wir errichten lieber Zäune, während der Druck von außen weiter zunimmt. Dass das nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand. Jedoch können wir voneinander lernen und uns gegenseitig zu einem unseren Werten entsprechenden Verhalten ermahnen. Auch haben wir eine besondere Verantwortung gegenüber Afrika.


„Was haben wir denn mit Afrika zu tun?", werden sich einige fragen. Zum einen leben wir in einer globalisierten Welt und können Krisen nur zusammen lösen. Alternativ stehen wir vor einem Flächenbrand, wie er in Syrien stattgefunden hat. Ein weit entfernter Staat, mit scheinbar weit entfernten Problemen, welcher uns jedoch politisch und gesellschaftlich in unseren Grundfesten erschüttern ließ. Die Al-Shabaab-Miliz in Somalia, Boko Haram in Nigeria sind nur andere Namen für eine gefährliche Ideologie, die vor Landesgrenzen keinen Halt mehr macht und auch schon Europa erreicht hat.


Zum anderen müssen wir aufrichtig mit uns selbst sein. Wer mit Afrika Handel betreiben kann, seinen Müll abladen oder Rohstoffe fördern kann, der kann auch für ein menschenwürdiges Leben Hilfeleistungen bieten.


Seit Jahren wird davon geredet, wir müssten die Fluchtursachen bekämpfen. Was aber tun wir? Die Lösung kann ja wohl nicht darin bestehen, dass wir mit Machthabern wie in Eritrea darüber verhandeln und dafür bezahlen, die Grenzen zu den Nachbarstaaten dicht zu machen. Solche Verhandlungen finden tatsächlich statt. Andererseits haben unsere entwicklungspolitischen Anstrengungen an der Perspektivlosigkeit der jungen Generation in vielen Ländern Afrikas kaum etwas geändert, in denen es inzwischen, auch durch die Idealisierung der sogenannten „westlichen Welt", Teil des Selbstverständnisses ist, nach Europa zu wollen.


Freihandelsabkommen (EPAs), die bereits einer Reihe von afrikanischen Ländern von der EU aufgenötigt wurden, verhindern wirtschaftliche Impulse in etlichen Staaten Afrikas noch zusätzlich, weil Freihandel unter Ungleichen immer zu Lasten des Schwächeren geht. Eine neue Art der Zusammenarbeit, die die notwendigen wirtschaftlichen und politischen Impulse setzt, die Gesellschaften der afrikanischen Länder einbezieht und von allen Staaten der EU getragen wird, ist nirgends sichtbar.


Gleichzeitig setzt sich die Fluchtbewegung aus Afrika fort, zeitweilig in der öffentlichen Wahrnehmung verdeckt von den zahlreichen Flüchtlingen aus Syrien und der Türkei. Europa reagiert mit Abschottung, die sich zunehmend militarisiert, und der Behauptung, die Fluchtbewegungen seien wesentlich das Werk krimineller Schlepperbanden. Wer dennoch Europa erreicht, trifft auf eine Asylrecht, das sozusagen im Mittelmeer versenkt wurde. Legale Wege, nach Europa zu kommen, hier zu leben und zu arbeiten und dann auch vielleicht wieder zurückzugehen in das Heimatland, gibt es nicht. Rechte Populisten bestimmen zunehmend den öffentlichen Diskurs mit verheerenden Wirkungen. Die Folge ist, dass sich die Situation nicht entschärft, sondern eher verschlimmert und Elend, Gewalt und Flucht zunehmen.


Dagegen muss Aufklärung, Widerstand und Aktion gesetzt werden. Nur gemeinsam können wir diesen Weg beschreiten. Dieses Heft von afrika süd ist ein kleiner, aber wichtiger Baustein dazu: „Ubuntu! Ich bin, weil andere sind!"


Bernhard (Felix) von Grünberg, MdL (NRW) und Klaus Thüsing, Deutsch-Afrikanisches Zentrum (DAZ), Bonn

Hinweis: Die dunkel hinterlegten Formularfelder sind Pflichtfelder.