Uran in Namibia – Segen oder Fluch?

Heft 2/2016

Namibia

IN NAMIBIA WIRD URAN ABGEBAUT, das in Industrieländern als Brennstoff für Atomkraftwerke genutzt wird, während Namibia teuren Strom aus dem Ausland importieren muss, um die eigene Energiekrise einigermaßen in den Griff zu bekommen. Dies soll keineswegs ein Plädoyer für Kernkraft in Namibia sein; im Gegenteil, in einem Land mit 350 Tagen Sonne im Jahr und guten Windbedingungen gibt es weit bessere Optionen.

 

Weltweit steht Namibia als Uranproduzent an fünfter Stelle. Das Mineral wird zur Zeit in zwei Uranminen abgebaut und als Uranoxyd (yellow cake) exportiert, hauptsächlich nach China, Europa und in die USA. Die Rössing-Uranmine wird seit 1976 von dem anglo-australischen Rio Tinto Zink (RTZ) betrieben; 15 Prozent der Anteile sind im Besitz der iranischen Regierung. Die Langer-Heinrich-Uranmine startete die Produktion 2007; sie ist zu 75 Prozent in Händen der australischen Firma Paladin Energy, nachdem Paladin 2013 25 Prozent der Anteile wegen finanzieller Schwierigkeiten an die chinesische Firma China Nuclear National Corporation (CNNC) verkaufte. Trekkopje, im Besitz der französisch-staatlichen Firma Areva, wurde vor Inbetriebnahme eingemottet. Es bleibt abzuwarten, wer die Uranmine schließlich übernehmen wird, denn Areva ist inzwischen bankrott.


Die Urankonzerne erhoffen sich eine Erholung des Uranpreises, nachdem der Preis nach der Fukushima-Katastrophe in den Keller gefallen war. Die Husab-Mine, im Besitz der chinesisch-staatlichen China General Nuclear Power Company (CGNPC), wird unter dem Namen Swakop Uranium demnächst die Uranproduktion aufnehmen, womit Namibia als Uranlieferant erwartungsgemäß global an die zweite Stelle katapultiert wird.


Weitere Bergbaufirmen stehen in den Startlöchern, neue Uranminen zu entwickeln, und warten ebenfalls auf den Anstieg des Uranpreises. Für die meisten Firmen ist ein Preis von etwa 70 US-Dollar plus/lb (ein englisches Pfund entspricht 0,453kg) Uran nötig, um gewinnbringend zu produzieren. Zur Zeit dümpelt der Preis um 34 US-Dollar/lb Uran. China wird das selbst geförderte Uran für den eigenen Bedarf nutzen und ist somit nicht auf den Marktpreis angewiesen.


Vor dem Fukushima-Disaster bewegte sich der Uranpreis um 70-80 US-Dollar/lb Uran. Als Japan nach dem Unfall alle 52 AKWs abstellte, gab es von der Seite keinen Bedarf mehr. Inzwischen wurden zwei Reaktoren wieder in Betrieb genommen und über den dritten Reaktor wird zur Zeit verhandelt. Die Entscheidung der deutschen Regierung, ab 2022 keinen Atomstrom mehr zu erzeugen, hat sich ebenfalls auf den Uranpreis ausgewirkt.

 

Folgenreicher Uranabbau
Bis 2008 wurden in Namibia insgesamt 66 Explorations-Lizenzen vom Ministerium für Bergbau und Energie erteilt. Alle Projekte – bestehende und geplante – sind im Besitz ausländischer Firmen. Der internationale Andrang geriet außer Kontrolle, es wurde vom „uranium rush" gesprochen; ein Moratorium wurde verhängt und Gesetze für den Abbau von nuklearem Material erarbeitet. Als Rio Tinto die Rössing-Uranmine in Betrieb nahm, gab es im damaligen Südwest-Afrika – seit der Unabhängigkeit 1990 Namibia – keine Gesetze für die nukleare Industrie. Uran wurde abgebaut wie jedes andere Mineral. Sicherheitsvorschriften für die Arbeiter, die Anwohner und die Umwelt existierten nicht.


Der Abbau von Uran hat zweifellos einen positiven Einfluss auf die namibische Wirtschaft; der Export von yellow cake ist eine der größten Einnahmequellen des Landes und wird als Rückgrat der aufstrebenden Ökonomie bezeichnet, sie profitiert vom Uranexport. Arbeitsplätze werden geschaffen, bei der hohen Arbeitslosigkeit ein wichtiger Aspekt.


Allerdings erhebt sich die Frage, ob diese Vorteile die Aktivitäten der Bergbaufirmen rechtfertigen, wenn demgegenüber die vielen ökologischen, sozio-ökonomischen und gesundheitlichen Probleme in Betracht gezogen werden. Neben der zahlreichen Gesundheitsschäden der Minenarbeiter sind Ausbeutung der geringen Wasserressourcen in einem ariden bis semi-ariden Land, Kontamination des Grundwassers, Verlust der Biodiversität, riesige Wunden in der Landschaft und Rückgang des Tourismus nur einige der Folgen – verursacht durch den Uranabbau. Die Infrastruktur ist nicht auf den Zuzug der vielen benötigten Arbeiter mit ihren Familien vorbereitet. Es fehlen Wohnungen, Schulen, Kindergärten, Ärzte und medizinische Einrichtungen, Sport- und Freizeitbeschäftigungen.


Bisherige Erfahrungen mit ausländischen Bergbaufirmen zeigen, dass ausgebeutete Minen – manchmal über Nacht – verlassen werden und als schlimmes Erbe eine zerstörte Umwelt sowie große Müllhalden mit gefährlichem Abfall zurückbleiben. Es gibt etwa 200 verlassene Minen in Namibia, die dringend rehabilitiert werden müssten, wozu der Regierung jedoch die nötigen Mittel fehlen. Im Fall einer verlassenen und nicht rehabilitierten Uranmine ist das Problem noch wesentlich kritischer, da der radioaktive und toxische Müll für die nächsten 200.000 Jahre vor sich hinstrahlt und riesige Flächen unbenutzbar macht.

 

Gesundheit der Arbeiter
Eine Studie, durchgeführt von der Nichtregierungsorganisation Earthlife Namibia in Zusammenarbeit mit dem lokalen Arbeitsforschungsinstitut LaRRI, demonstriert eindeutig, dass die Arbeiter der Rössing-Uranmine einen hohen Preis für das fragwürdige Privileg zahlen, für eine der größten Bergbaufirmen der Welt zu arbeiten. Die Ergebnisse der Studie beruhen auf fünfzig Interviews, die mit 35 gegenwärtigen und 15 pensionierten Arbeitern durchgeführt wurden. Die Arbeiter sind ständig der radioaktiven Niedrigstrahlung ausgesetzt und begeben sich damit meistens unwissentlich in höchste gesundheitliche Gefahr.


Beim Uranbergbau ist die Strahlung relativ niedrig (low-level radiation) verglichen mit der Strahlung bei Reaktorunfällen oder bei radioaktiven Abfallprodukten von AKWs (high-level radiation). Im Bergbau sind die Arbeiter ständig der low-level radiation durch das Uran und seine vielen radioaktiven Zerfallsprodukte ausgesetzt, wobei besonders das Radon gefährlich ist, ein schweres Gas, das sich nicht leicht verflüchtigt und in Bodennähe verweilt. Es wird von den Arbeitern eingeatmet und kann Lungenkrebs verursachen. Die Masken, die ihnen zugeteilt werden, sind häufig unzureichend und oder die Arbeiter tragen sie nur, wenn sie kontrolliert werden. Die große Hitze und der ständige Staub erschweren das Tragen von Masken.


Die Arbeiter werden in der Regel nicht aufgeklärt über die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind. Die Minenbetreiber verlieren bei der Einstellung der Arbeiter über das Arbeitsrisiko kein Wort. Allerdings betonten etliche, aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit hätten sie keine andere Wahl und sie würden jeden angebotenen Job annehmen, um ihre Familie ernähren zu können. Die Arbeiter wissen nichts oder wenig über radioaktive Strahlung und glauben, der Staub mache sie krank. Das stimmt in gewisser Weise tatsächlich, da der Staub die radioaktiven und toxischen Partikel in sich trägt. Uran ist nicht nur radioaktiv, es ist auch ein sehr giftiges Schwermetall und als solches gesundheitsschädlich, wenn es z.B. mit der Nahrung aufgenommen wird.

 

Krankheiten
Das Heimtückische an der ständigen Niedrigstrahlung ist: Krankheitssymptome treten häufig erst nach 10, 20 oder sogar 30 Jahren auf. In vielen Fällen sind die Arbeiter pensioniert oder haben eine andere Arbeit aufgenommen und sehen keinen Zusammenhang zwischen ihrem Krankheitsbild und der früheren Tätigkeit in einer Uranmine. Aus medizinischer Sicht ist es ohnehin schwierig, in Krankheitsfällen nachzuweisen, dass die Strahlung die Ursache vieler Krankheiten ist und häufig zu frühem Tod führt.


Die Krankheitssymptome, die während der Interviews erwähnt wurden, sind vielseitig und reichen von hohem Blutdruck, Hör- und Sehproblemen, Rücken- und Gelenkschmerzen, chronischer Müdigkeit und Durchfall bis zu Herzproblemen und verschiedenen Krebserkrankungen, häufig mit der Folge eines frühen Todes. Alle interviewten Arbeiter nannten Namen von verstorbenen Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen, deren frühen Tod sie auf die Minenarbeit zurückführten.


Die Arbeiter kommen aus allen Teilen des Landes und ziehen in der Regel nach ihrer Pensionierung zurück in ihren Heimatort. Dort werden sie krank, sterben ohne Diagnose und Behandlung und erscheinen in keiner Krebsstatistik. Für die Arbeiter und ihre Familien ist es eine Tragödie, für die Bergbaugesellschaften ist es eine glückliche Fügung. Die Arbeiter wissen nicht, dass sie oder ihre Familie ein Recht auf Kompensation haben.

 


Kaum Fälle von Entschädigung
Es sind bisher weltweit nur zwei Fälle bekannt, in denen betroffene Arbeiter von Uranminen nach jahrelangem Prozess entschädigt wurden. Etwa 5000 Arbeiter der 1990 stillgelegten Wismut-Uranmine, die nachweislich unter Lungenkrebs litten, haben eine Entschädigung bekommen. Wismut war ein Uranabbaugebiet in Thüringen in der früheren DDR und wurde von einer Sowjetischen Aktiengesellschaft zwischen 1946 und 1990 betrieben. Die Mine wurde unmittelbar nach der Wende geschlossen; die Aufräumarbeiten dauern immer noch an und verschlingen ungeheure Summen an Steuergeldern. Der zweite Fall betrifft die Navajo, ein indigenes Volk im größten Indianerreservat im Südwesten der USA, die nach ihrer Arbeit in Uranminen an Lungenkrebs erkrankt waren.


 

Bergbaugesellschaften weltweit leugnen jeglichen Zusammenhang zwischen der Arbeit in einem Bergwerk und späteren Gesundheitsschäden. Sie machen unhygienischen und ungesunden Lebenswandel und den Konsum von Tabakwaren und Alkohol dafür verantwortlich. In der oben genannten Studie mit den Arbeitern der Rössing-Uranmine wurden diese Aspekte berücksichtigt. Es stellte sich heraus, dass strengste Alkoholkontrollen von Rössing durchgeführt werden, wenn die Arbeiter das Minengelände betreten, und der kleinste Rückstand von Alkohol zur Entlassung führt. Rauchen ist bekanntlich Verursacher Nummer eins für Lungenkrebs. 22 Prozent der befragten Arbeiter rauchen; die meisten moderat, wie sie sagen, da sie auf dem Gelände nicht rauchen dürfen und somit wenig Zeit zum Rauchen bleibt. Die Gehälter der Rössing-Mine sind relativ gut, so dass die Arbeiter sich gesund ernähren können.


Alle Arbeiter bei Rössing werden jedes Jahr einmal vom medizinischen Personal der Firma untersucht. Sie sind erbost darüber, dass ihnen die Ergebnisse nicht mitgeteilt werden und sie deshalb nicht wissen, wie es um ihre Gesundheit steht. Manche konsultieren einen privaten Arzt, was sich aber nur wenige leisten können. Besonders betroffen sind die Arbeiter, die in den Anfangsjahren um 1976 für Rössing gearbeitet haben, als es noch keine Sicherheits- und Schutzmaßnahmen gab. Im Minenort Arandis, in dem die Arbeiter von Rössing mit ihren Familien leben, geht der Slogan um: Du verlässt Arandis und Du stirbst.


Es muss betont werden, dass sich die Arbeitsbedingungen bei Rössing seit etwa 1985 gebessert haben. Damals wurde eine Arbeitergewerkschaft ins Leben gerufen, die Einfluss nehmen konnte. Allerdings kann sich niemand hundertprozentig gegen die radioaktive Strahlung schützen, es sei denn, man würde einen Anzug aus Blei tragen, womit die Bewegungsfreiheit total eingeschränkt wäre.

 

Umweltschäden
Durch die Bergbauaktivitäten werden nicht nur schwere Gesundheitsprobleme verursacht, auch die Natur wird erheblich geschädigt. In einer Studie, die Earthlife mit CRIIRAD, einem staatlich anerkannten Forschungslaboratorium für Radioaktivität in Frankreich, durchgeführt hat, wurden Umwelteinflüsse in unmittelbarer Nähe der Rössing-Uranmine untersucht und dokumentiert. Sowohl die Abraumhalden für Erz mit zu geringem Urangehalt als auch die sogenannten Tailings-Dämme, in denen die flüssigen radioaktiven und toxischen Abfälle gelagert werden, sorgen für Kontamination von Grundwasser und Boden. Die Tailings-Dämme beherbergen 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität des Uranerzes. Im Extraktionsprozess wird nur das Uran gewonnen, alle radioaktiven Zerfallsprodukte befinden sich in den Tailings.


Die radioaktiven und toxischen Partikel werden mit den häufigen Ostwinden zur Atlantikküste getragen; die Bewohner machen sich große Sorgen um ihre Gesundheit. Wie schon erwähnt, der Abfall strahlt über 200.000 Jahre auf Grund der hohen Halbwertzeit mancher Zerfallsprodukte. Man kann die Strahlung nicht sehen, fühlen, riechen oder schmecken. Man kann sie nur mit speziellen Geräten messen. Was für ein schreckliches Erbe hinterlassen wir unzähligen kommenden Generationen?

Bertchen Kohrs

 

Die Autorin ist Vorsitzende der NRO Earthlife Namibia, die sich für die Rechte der Umwelt und Soziales einsetzt. Earthlife ist ein strikter Gegner der Uranindustrie (oder Atomindustrie) jeglicher Art und lehnt den Uranabbau strikt ab.

Dr Stefan Cramer
05.05.2016 16:00
Liebe Bertchen, Dank für diesen guten Übersichtsartikel. Die Zivilgesellschaften von Namibia und Südafrika müssen noch besser zusammenarbeiten. Insbesondere interessiert uns hier, ob die Strategischen Umweltanalysen (SEA) zu einer verantwortungsvolleren Genehmigungspraxis und stärkere institutionelle Aufsicht geführt haben. Gibt es darüber schon eine vertrauenswürdige Analyse? Herzliche Grüße. Stefan
Bertchen Kohrs
05.05.2016 00:11
Danke fuer den link. Ich hoffe, der Artikel ruettelt ein paar Gemueter. Es fiel mir erst nun auf, dass sich zwei oder drei kleine Fehler eingeschlichen haben. Gruesse aus dem Uranland Namibia bertchen kohrs
Hinweis: Die dunkel hinterlegten Formularfelder sind Pflichtfelder.