Der Speer der Nation

Heft 3/2012

Editorial

NEIN – DIE REDE IST HIER NICHT VON UMKHONTO WE SIZWE, der militärischen Organisation der heutigen Regierungspartei African National Congress (ANC) im Kampf gegen die Apartheid. Es geht um ein Gemälde mit dem Titel „The Spear". Es zeigt einen Mann in der Pose, wie man sie von Leninbildern kennt, mit entblößten Genitalien. Der Mann trägt erkenntlich die Züge von Jacob Zuma, Staatspräsident Südafrikas und Vorsitzender des ANC. Gemalt hat es Peter Murray, in Kunstkreisen Südafrikas ein bekannter und anerkannter Maler. „Der schwarze Prinz der südafrikanischen Pop-Art" wird er genannt. In seinen Bildern setzt er sich mit dem alten und neuen Südafrika auseinander. „Der Speer" war teil einer Bildfrequenz; Murray gab ihr den Titel „Hail to the Thief II". Sie thematisiert die verkommene Regierungsführung und Korruption im Land.

 

Die Reihe hing einige Wochen in der Goodman-Galerie in Johannesburg – ohne große öffentliche Resonanz. Doch dann druckte die Zeitung City Press ein Foto des „Speers" und stellte es ins Internet. Ein Sturm der Entrüstung folgte. Entsetzen bei führenden ANC-Politikern. Es sei ein „infamer Angriff auf die Würde des Staatsoberhauptes", erklärte ANC-Sprecher Jackson Mthembu. Das Werk müsse sofort aus der Galerie entfernt und vernichtet, das Foto von der Website genommen werden. Die Leiterin der Galerie, Liza Essers, und die Chefredakteurin Ferial Haffajee von der City Press verwiesen – mit großer Zustimmung von Künstlern und sekundiert von den meisten Medien – kühl auf die Freiheit der Kunst.

 

„Was darf Satire? – Alles!" Diese Frage hat Kurt Tucholsky gestellt und beantwortet. Das trifft sicher auch auf die Kunst zu. Die Probleme beginnen, wenn Kunst die Welt der Museen und Galerien verlässt, sich unverkennbar und direkt ins Politische einmischt, vor allem wenn Themen berührt werden, die undiskutierte „Gewissheiten" aufbrechen. Es sei an die kürzliche Kontroverse über Günter Grass hierzulande erinnert. „Was gesagt werden muss", war noch kaum gelesen, als es bereits als „antisemitisch" verdammt wurde. In Südafrika heißt das Tabu Regenbogen-Nation und Versöhnung.

 

Wie sehr „Der Speer" an alten Wunden reibt, illustriert eine Szene vor Gericht. Der ANC hatte eine einstweilige Verfügung gegen das Bild beantragt. Während der Verhandlung kam es zwischen dem Richter und dem Anwalt des ANC zu einem heftigen Disput über die Frage, ob das Bild rassistische Aussagen enthalte. Der Anwalt, der selbst aktiv am Befreiungskampf teilgenommen hatte,  brach schließlich weinend zusammen. Da war es wieder, das Trauma der schwarzen Bevölkerung: der weiße Richter auf erhöhtem Podest und unter ihm der schwarze Anwalt, zusammengebrochen. Manch schwarzer Kritiker Zumas und des ANC und deren Umgang mit dem Bild schwenkte daraufhin um.

 

Peter Murray wies den Vorwurf einer kollektiven Verleumdung seiner schwarzen Landleute zurück. Ihm sei es um eine Persiflage auf den Missbrauch der Macht gegangen. Er wollte Enttäuschung über die korrupte und unmoralische Regierung, die nun Sitte und Anstand beschwöre, zum Ausdruck bringen. Er verweist darauf, auch unter der Apartheid immer wieder von der Regierung wegen Verunglimpfung vor den Kadi gezerrt worden zu sein. „Mit meinen Arbeiten will ich kritische Momente setzen. Mit satirischen und tragischen Reflexionen möchte ich die Perspektiven der Leute verlagern und Auffassungen verändern, so überheblich und anspruchsvoll das auch klingen mag."

 

Der bekannte Karikaturist der Zeitung Mail&Guardian , Zapiro, sprang Murray bei. Zapiro selbst liegt seit Jahr und Tag mit Zuma in Streit, seit er diesen als Vergewaltiger der Justiz gezeichnet hatte. Er sagte, das Bild stelle Zuma so dar, wie dieser sich selbst präsentiere – als notorischen Macho. Die Bilderreihe zeige, wie weit sich der ANC von den Werten der Freiheitscharta entfernt habe.

 

Der Streit hat sich inzwischen erledigt. Zwei Männer – ein Schwarzer und ein Weißer, ein Professor der Kunst – waren in die Galerie eingedrungen hat haben das Bild übersprüht. Symbolträchtig ihre Verhaftung: Der Weiße wurde von der Polizei „gesittet" abgeführt; der Schwarze zu Boden geworfen und vor den Kopf gestoßen.

 

Die Galerie schloss die Ausstellung und einigte sich mit der Gegenseite. Der ANC deklarierte ein Protestmarsch zum „Versöhnungsmarsch" um. Der Kultusminister erklärte: „Wir Südafrikaner müssen die rechte Balance finden zwischen Meinungsfreiheit und Recht auf menschliche Würde."

 

Er stieß damit in einigen Medien eine neue Diskussion an: über die vom Individualismus geprägte Meinungsfreiheit nach US-Vorbild und die mehr am Gemeinwohl orientierte und durch diese begrenzte Freiheit nach deutschem Vorbild. Nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichtes findet die künstlerische Freiheit vor der Würde des Menschen ihre Grenze. Deutschland und Südafrika – zwei von ihrer Vergangenheit traumatisierte Staaten.

 

Hein Möllers

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