Sezession am Sambesi

Heft 3/2012

Sambia

DAS BAROTSELAND WILL EIGENE WEGE GEHEN. In Sambias Western Province schwelt seit der Unabhängigkeit ein Disput zwischen der Zentralregierung und den Erben des Königreiches der Lozi. Er ist jetzt erneut zum Ausbruch gekommen und stellt die noch junge Regierung Michael Satas auf die Probe.

 

Am 13. Mai 2004 durchschnitten die damaligen Präsidenten Nujoma von Namibia und Mwanawasa von Sambia ein rotes Band im Niemandsland des Grenzüberganges beider Länder nahe den Ortschaften Katima Mulilo und Sesheke. Halten durfte das Band der Deutsche Botschafter in Sambia, denn was hier eröffnet wurde, hatten die Kreditanstalt für Wiederaufbau finanziert und deutsche Ingenieure gebaut: Eine neue Straßenbrücke über den Sambesi. Unter den geladenen Gästen stach eine Gruppe deutlich hervor: Die mehrere Dutzend starke Delegation des traditionellen „Barotse Royal Establishment" (BRE) bestand darauf, die großen Worte der Staatsträger von Entwicklung und Fortschritt auf ihre Weise zu erwidern. In der Landessprache Silozi und mit eindrucksvollem Zeremoniell wurden die Präsidenten vor laufenden TV-Kameras willkommen geheißen – als Gäste im Lande der Barotse.

 

Barotseland: Ein schwelender Konflikt

Nach vier Jahrzehnten an- und abschwellender Konfrontation zwischen BRE und den Zentralregierungen unter Kaunda und Chiluba war nach der Jahrtausendwende eine neue politische Allianz zwischen BRE am Sambesi und Mwanawasas Movement for Multiparty Democracy (MMD) in Lusaka im Aufbau. Die Ereignisse der letzten Monate haben jedoch verdeutlicht, dass diese Allianz Mwanawasa nicht überlebt hat und weit weniger dauerhaft gebaut war als die Brücke.

 

Am 27. März 2012 setzte eine aus allen Provinzen des ehemaligen Barotselandes zusammengerufene „Nationalversammlung" in einer formellen Abschlusserklärung die sambische Regierung und internationale Staatengemeinschaft davon in Kenntnis, dass sie dem einseitigen Bruch des Barotselandabkommens von 1964 von Seiten der sambischen Regierung jetzt Rechnung trage: Das Barotseland sei nunmehr jeglicher Vertragsbindungen mit Sambia ledig und werde forthin über sein weiteres Schicksal selbst bestimmen. Dies war nichts weniger als eine juristisch ausgefeilte und wohlformulierte Sezessionserklärung von Akteuren, deren eigene Geschichte die Bildung des unabhängigen sambischen Nationalstaates nicht nur maßgeblich mitbestimmt hat, sondern dieser historisch um Jahrhunderte vorangeht.

 

Die Wurzeln des Königreiches der Lozi/Barotse bildeten sich in den fruchtbaren Überflutungsgebieten des oberen Sambesi im 17. Jahrhundert. Bevor das Gebiet gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Großbritannien, Deutschland und Portugal aufgeteilt und kolonisiert wurde, überstand das Königreich externe Invasionen und interne Machtkämpfe und war nicht zuletzt dank seiner hochentwickelten Verwaltungsstruktur in der Lage, angrenzende Gebiete und Völker nachhaltig zu unterwerfen, oder ihnen zumindest Tributpflichten aufzudrängen.

 

Lozi König (litunga) Lewanika verlor durch die Lochnerkonzession mit der British South Africa Company von Cecil Rhodes im Jahre 1890 und Folgeverträge seine Souveränität und Ansprüche über die Außengebiete des Königreiches, konnte jedoch seine eigene Herrschaftslinie und eine weitreichende Verwaltungsautonomie für das ihm verbleibende Britische Hoheitsgebiet im sogenannten „Barotseland" sichern. Im Zuge der Politik der „Indirekten Herrschaft" integrierten und passten die Briten das existierende Verwaltungswesen der Lozi zunehmend ihrer Kolonialadministration an. Von diesem Arrangement profitierten sowohl die Kolonialherren als auch eine kleine und gut ausgebildete Oberschicht der Lozi recht gut, während die breite Masse entweder in die Minengebiete des südlichen Afrikas abwanderte oder im Barotseland mehr oder weniger gut überlebte.

 

Kurz vor Unabhängigkeit wurde zwischen der Übergangsregierung Sambias, der britischen Regierung und der Lozi-Führung das sogenannte Barotselandabkommen von 1964 ausgehandelt. Dieses Dokument sah eine in klaren Punkten festgelegte und weitreichende Teilautonomie von Barotseland innerhalb der Republik Sambia vor, die jedoch bald darauf durch Reformen der Zentralregierung gezielt unterminiert wurde.

 

Im Jahre 1969 änderte Kenneth Kaundas Regierung schließlich einseitig den Namen in „Western Province", der bis heute gilt. Dies war eine unerhörte Provokation aus Sicht der Lozi-Führung, die jedoch zu jener Zeit innerlich zerstritten und aufgrund ihrer jahrzehntelangen Kooperation mit der Kolonialregierung politisch stark geschwächt war. Politisch und wirtschaftlich war der Schwerpunkt Sambias in Lusaka und vor allem im Kupfergürtel. Die Lozis und ihr Bestehen auf „Stammestraditionen" galten zunehmend als kolonialer Anachronismus, der in den sich modernisierenden Teilen der sambischen Gesellschaft und auch von vielen abgewanderten Lozis kopfschüttelnd belächelt wurde. In der Western Province jedoch war die ehemalige Kolonialadministration des Barotse Royal Establishment weiterhin ein unumgänglicher Machtfaktor, vor allem in der Verwaltung von Land- und Ressourcennutzung und der lokalen Jurisprudenz.

 

Umwerbung der Lozi

Anfang der 90er Jahre wurden mit der Einführung des Mehrparteienwahlrechts die Bewohner der Western Province – immerhin ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Sambias – als potenzielle Wähler von Kaundas UNIP wiederentdeckt und umworben. Die Kehrtwende kam allerdings zu spät, um die Wahl von Frederick Chiluba noch abzuwenden. Dieser machte nicht nur keine Annäherungsversuche, die Beziehungen zwischen  Regierung und BRE erreichten bald einen neuen Tiefpunkt. Als Chilubas Regierungspartei (MMD) 1995 versuchte, per Gesetz die Aberkennung der Land- und Ressourcenverwaltung von BRE zu forcieren, kam es bald darauf zu Ausschreitungen, bei denen auch die Staatslimousine Chilubas von steinewerfenden Lozi-Aktivisten angegriffen wurde. Bei anschließenden Polizeirazzien wurden begrenzte Mengen von Waffen sichergestellt. Eine Nationalversammlung der Lozi verabschiedete im November 1995 eine Resolution, in der die Regierung zur Einhaltung des Abkommens von 1964 aufgerufen wurde und BRE sich das Selbstbestimmungsrecht vorbehielt.

 

In den Folgejahren kehrte jedoch trotz des Säbelrasselns eine relative Ruhe ein, in der beide Seiten weder eine nachhaltige Lösung verfolgten noch – abgesehen von kleinen Gruppen meist junger radikaler Lozi – eine erneute Zuspitzung erfolgte. Das Argument der Verletzung des 1964er-Abkommens wurde außerhalb der Western Province meist als das müde Aufbegehren einer Minderheit Ewiggestriger abgetan.

 

Mit der Wahl Mwanawasas, Infrastrukturprojekten wie der Sambesi-Brücke und zunehmendem Interesse von Investoren kam nach der Jahrtausendwende ein moderater wirtschaftlicher und politischer Aufschwung in das ehemalige, stark verarmte Barotseland. Inyambo Yeta, der ranghöchste Lozi-Chief im Distrikt Sesheke und Urenkel von Litunga Lewanika, stellte allerdings 2004 klar, dass die Verbesserung der Beziehungen zwischen BRE und Regierung weitgehend von der Person Mwanawasas abhänge. Eine offizielle Anerkennung und Konsolidierung der administrativen Funktionen der Lozi-Führung stünde nicht ernsthaft zur Debatte und die neue Allianz mit der Regierung sei daher potenziell nur von kurzer Lebensdauer.

 

Dies erwies sich als akkurate Vorhersage. Nach dem Tode Mwanawasas kühlten sich die Beziehungen bereits unter Banda wieder merklich ab und am 14. Januar 2011 kam es zu den seit 1995 gewaltsamsten Auseinandersetzungen in der Provinzhauptstadt Mongu, mit zwei Toten und 120 Verhaftungen. Sata versprach zwar im Wahlkampf, das 1964er-Abkommen nochmals ernsthaft in Erwägung zu ziehen, er hat aber seit seiner Wahl eine klare Kehrtwende gemacht.

 

Die Erklärung der Lozi-Nationalversammlung vom März 2012 stellt nur das neueste Kapitel in einer Auseinandersetzung dar, welche die gesamte nachkoloniale Geschichte Sambias begleitet hat. Ob es der Zentralregierung gefällt oder nicht – der Disput über das Barotselandabkommen von 1964 ist nicht totzukriegen und wird sehr wahrscheinlich die Fünfzigjahrfeier der Republik überdauern. Das Barotse National Council ist eine Generalversammlung aller Lozi-Chiefs auf allen Ebenen und aus allen Provinzen des ehemaligen Barotselandes, die nicht regelmäßig und nur zu sehr wichtigen Anlässen vom BRE einberufen wird. Was dort zur Debatte steht, ist ausgiebig vordiskutiert und vom Litunga und seinem innersten Zirkel abgesegnet.

 

Besonders wichtig ist hierbei, dass die Lozis sich jetzt auf eine ihrer zentralen Stärken zurückziehen: Sie haben sehr gute und z.T. in Verfassungs- und internationalem Rechtswesen ausgebildete Experten in ihren Reihen. Das Rechtsargument, was die BRE jetzt vorbringt, ist in dieser Form sowohl konsistent mit ihren Forderungen seit 1964 als auch neu. Die bisherige Forderung an die Regierung war, sich an ein rechtsgültiges Abkommen zu halten. Die neue Linie ist jetzt die Anerkennung des einseitigen Bruches dieses Abkommens, mit der Schlussfolgerung, dass Barotseland rein rechtlich nie Teil Sambias war. Darüber hinaus hebt BRE jetzt rhetorisch hervor, dass sie einen gewaltfreien Rechtsstreit zu führen gedenken, was die Regierung angesichts von Demonstrationsopfern, Gerichtsverfahren gegen Demonstranten und anderen Drohgebärden vor allem auch auf internationalem Parkett in die Defensive drängt.

 

BRE ist zwar nicht in der Lage, für alle Bewohner in Western Province zu sprechen – manche der Nachkommen der ehemals tributpflichtigen Völkergruppen sind gänzlich gegen die Sezessionsbestrebungen. Trotzdem ist Michael Sata nun gezwungen, vorsichtig zu handeln, wenn er keine erneute Eskalation riskieren will. Eine weichere Linie zeichnet sich in Äußerungen des Vizepräsidenten Guy Scott ab, der im April erklärte, das Barotselandabkommen müsse in der gegenwärtigen Verfassungsreform mitberücksichtigt werden. Ob die Lozi-Führung dies für mehr als ein Spiel auf Zeit von Seiten der Zentralregierung anerkennen wird, bleibt allerdings fraglich angesichts der wiederholten Vertrauensbrüche in den fast fünf Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit Sambias.

 

Wolfgang Zeller

 

Der Autor ist Koordinator des African Borderlands Research Network (ABORNE) im Centre of African Studies, The University of Edinburgh.

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