Wasser trennt - Wasser verbindet

Heft 3/2013

Südliches Afrika

WASSERKONFLIKTE UND WASSERKOOPERATION IM SÜDLICHEN AFRIKA. Die Vereinten Nationen haben 2013 zum „Internationalen Jahr der Wasserkooperation“ erklärt. Im südlichen Afrika gibt es ermutigende Beispiele für eine solche länderübergreifende Zusammenarbeit. Es ist aber auch deutlich, dass ökologisch und sozial fragwürdige Vorhaben nicht dadurch besser werden, dass mehrere Regierungen beteiligt sind. Zum nachhaltigen Umgang mit dem immer knapper werdenden Gut Wasser gibt es keine Alternative. Aber ein solcher Weg kann gemeinsam Erfolg versprechender gegangen werden.

 

Als die kolonialen Eroberer ihre „Claims“ absteckten, orientierten sie sich im südlichen Afrika bei der Grenzziehung häufig am Verlauf der Flüsse. So bildet der Rovuma die Grenze zwischen Tansania und Mosambik, der Sambesi die Grenze Sambia und Simbabwe und der Kunene und der Okavango die Grenze zwischen Namibia und Angola. Dass viele Flüsse und andere Gewässer zu mehr als einem Land gehören, kann zu Konflikten führen, eröffnet aber auch die Möglichkeit zur Kooperation. SADC, die Entwicklungsgemeinschaft für das südliche Afrika, hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Wasserkooperation zwischen den Ländern der Region zu fördern.

 

Mittlerweile besteht ein halbes Dutzend Kooperationsabkommen für jeweils ein grenzüberschreitendes Flusseinzugsgebiet. Dazu gehört zum Beispiel ein Abkommen von Angola und Namibia über die einvernehmliche Nutzung des Wassers des Grenzflusses Kunene. Im Rahmen des „Kunene Transboundary Water Supply Project“ wird eine Wasserversorgung für die Bewohner der Grenzregionen aufgebaut, wovon vor allem die Bewohner im Süden Angolas profitieren, die bisher darunter gelitten haben, dass keine gesundheitlich unbedenkliche Wasserversorgung bestanden hat.

 

Der zweite Grenzfluss des Gebiets, der Okavango, entspringt in Angola, bildet auf mehr als 400 Kilometern die Grenze zwischen Angola und Namibia und mündet dann in Botswana in ein mehr als 20.000 Quadratkilometer großes Sumpfgebiet, wo der Fluss versiegt. Dieses Okavangodelta mitten in einer Wüste gehört zu den ökologisch wertvollsten Gebieten im südlichen Afrika. Zwar fließen jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Wasser in das größte Süßwasserfeuchtgebiet des südlichen Afrika, aber das hydrologische Gleichgewicht von Zufluss und Verdunstung ist sehr sensibel. Botswana konnte die anderen Anrainerstaaten überzeugen, dass die gegenwärtig ankommende Wassermenge unverzichtbar ist, um es zu bewahren. Im Rahmen der „Permanent Okavango River Basin Commission“ wird darüber gewacht, dass die menschliche Nutzung des Flusswassers auf einen geringen Umfang begrenzt bleibt.

 

Angesichts solcher Formen der Wasserkooperation im südlichen Afrika stellte Kenneth Msibi, Experte für Wasserpolitik und -strategie der SADC, im Juni 2012 gegenüber der Nachrichtenagentur IPS zu den Vereinbarungen zu grenzüberschreitenden Flüssen fest: „Es wird gesagt, dass die nächsten Kriege über Wasser geführt werden. Aber mit diesen Vereinbarungen stellen wir sicher, dass das Wasser stattdessen zu einem Instrument des Friedens wird.

 

Wem gehört der drittgrößte See Afrikas?

Aber trotz der gewachsenen Bereitschaft der Regierungen zu einer nachbarschaftlichen Zusammenarbeit zum allseitigen Vorteil bestehen weiterhin ungelöste Konflikte. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Auseinandersetzungen von Tansania und Malawi um den Grenzverlauf im Nyassasee, der von Malawi als Lake Malawi bezeichnet wird. Malawi beruft sich darauf, dass im „Helgoland-Vertrag“ von 1890 zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien der damaligen britischen Kolonie Nyassaland die gesamte Seefläche zugesprochen wurde. Tansania verweist hingegen auf die UN-Seerechtskonvention von 1982, nach der in einem Gewässer, der an zwei Länder grenzt, die Mitte die Grenze bildet.

 

Die Grenzstreitigkeiten mündeten 1970 in Artilleriegefechten zwischen den beiden Ländern, aus denen sich ein Krieg hätte entwickeln können. Danach hat es immer wieder ergebnislose Regierungsverhandlungen über den Grenzverlauf gegeben. Neu angefacht wurden die Konflikte, als Malawi 2011 und Ende 2012 Konzessionen für die Suche nach Öl und Gas im umstrittenen Teil des Sees an ausländische Unternehmen vergab.

 

Nach hitzigen Kommentaren von Politikern und Medien beider Länder erklärte sich kurz vor Weihnachten 2012 der frühere mosambikanische Präsident Joachim Chissano bereit, in dem Grenzkonflikt zu vermitteln. Chissano ist gegenwärtig Vorsitzender des Forums ehemaliger Staatspräsidenten und Regierungschefs in Afrika. Aber Anfang April hat Malawi überraschend diesen Vermittlungsprozess für beendet erklärt. Dokumente, die Malawi eingereicht hatte, seien vorab an die tansanische Konfliktseite gelangt, die dann bei der Abfassung ihrer Dokumente die malawische Position bereits kannte (was die tansanische Regierung bestreitet). Die Vermittlungsbemühungen seien damit dauerhaft kompromittiert, und Malawi werde nun den Internationalen Gerichtshof anrufen. Damit ist ein langwieriger Rechtsstreit zu erwarten.

 

Bis zu einer gerichtlichen Lösung ist die lokale Bevölkerung verunsichert, vor allem die tansanischen und malawischen Fischer im Norden des Sees, die nicht mehr wissen, in wessen Hoheitsgebiet sie ihre Netze auswerfen. Nicht zu vernachlässigen sind auch die ökologischen Folgen einer Ölförderung im drittgrößten afrikanischen See, in dem bisher mehr als 2.000 Fischarten zu Hause sind. Umweltschützer in beiden Ländern fürchten, dass Fischerei, Landwirtschaft und Ökotourismus durch Ölplattformen schweren Schaden nehmen werden. Die Regierung Malawis hingegen hofft auf einen Wirtschaftsboom. Ob und wie es gelingt, all die sehr unterschiedlichen Interessen in einem Schiedsspruch so zu berücksichtigen, dass alle Beteiligten die Lösung akzeptieren, bleibt abzuwarten.

 

Eine „verdammte“ Zukunft für die Flüsse im südlichen Afrika?

Weitere Konflikte um das Wasser entstehen im südlichen Afrika dadurch, dass mehrere Regierungen bestehende Energieengpässe mit neuen Staudämmen überwinden wollen. Dabei werden die ökologischen Schäden unterschätzt, die durch die Staudammprojekte entstehen, oder sie werden stillschweigend in Kauf genommen. Die Milliardenvorhaben sollen nicht nur Energie erzeugen, sondern sind auch lukrativ für die beteiligten Unternehmen und für höhere Regierungsangestellte, gehört doch der Staudammbau zu den korruptionsanfälligsten Bereichen, die es international gibt. Dagegen werden die Menschen, die wegen der Stauseen ihr fruchtbares Land am Fluss aufgeben müssen, häufig unzureichend und mit großer Verspätung entschädigt. Angesichts verschiedener nachgewiesenen negativen Auswirkungen großer Staudämme ist Vorsicht geboten, wenn behauptet wird, Afrika besitze ein riesiges Potenzial für eine nachhaltige Energiegewinnung aus Wasserkraft und könne seine Energie- und Entwicklungsprobleme auf diese Weise lösen.

 

Zwei Länder, ein Projekt und viele Probleme

Ein warnendes Beispiel für „Nebenwirkungen“ länderübergreifender Staudammprojekte stellt das „Lesotho Highland Water Project“ dar. Mit zwei gewaltigen Staudämmen wird Flusswasser in Lesotho aufgestaut und in die südafrikanische Industrieregion Gauteng mit Johannesburg als Zentrum gepumpt, wo so ein gravierender Wassermangel behoben werden soll. Menschenrechts- und Naturschutzorganisationen beklagen die Umstände, unter denen die Bewohner vertrieben wurden, die für die Stauseen Platz machen mussten. Kompensationen wurden oft sehr spät gezahlt, und viele Vertriebene, die früher als Ackerbauern ein Auskommen hatten, sind zu permanenten Hilfsempfängern geworden. Hinzu kommt, dass Teile von Lesotho schon häufiger unter Dürre gelitten haben, aber das Wasser der Stauseen sie nicht erreicht.

 

Als ein weiteres gravierendes Problem erweist sich, dass auch nach Einschätzung einer Weltbankanalyse die Einnahmen Lesothos durch den Wasserverkauf nicht wie vorgesehen zur zielgerichteten Armutsbekämpfung eingesetzt werden. Nicht unwahrscheinlich ist, dass es neben dem gut sichtbaren Fluss des Wassers auch einen heimlichen Fluss von Geldern ins Ausland gibt. Schon beim Bau der Staudämme hatte es gerichtlich nachgewiesene Fälle von Bestechungen in Millionenhöhe gegeben. Derweil leben weiterhin mehr als 60 Prozent der Einwohner Lesothos unterhalb der Armutsgrenze.

 

Aber auch für Südafrika ist der Wassertransfer aus Lesotho, der nach dem Bau zusätzlicher Staudämme noch ausgeweitet werden soll, nicht nur von Vorteil. Durch den Transfer nimmt der Druck ab, notwendige Maßnahmen zur Reduzierung des Wasserverbrauchs und zum Schutz von lokalen Wasserressourcen vor Verschmutzung (vor allem durch den Bergbau) zu ergreifen. Timothy Walker, Berater des „Institute for Security Studies“ in Pretoria, schrieb im Mai 2011: „Das Lesotho Highland Water Project ist ein konkreter Ausdruck eines Denkens, das die südafrikanischen Entscheidungsprozesse von Anfang an bestimmt hat. Die Sorge über eine drohende Wasserknappheit wurde beantwortet mit der technischen Entwicklung von großen Wassertransferprojekten zwischen entfernten Flusseinzugsgebieten ... Dies ist ein ungeeigneter Weg in einem Kontext des Klimawandels und der Urbanisierung, in dem alle verfügbaren Wasserquellen innerhalb eines Staates oder einer Region schließlich aufgebraucht sein werden.“ Mit anderen Worten: Es hat keine Perspektive, sich auf den Wassertransfer aus anderen Ländern zu verlassen, statt die lokalen Wasserressourcen umsichtig zu nutzen und vor Schädigungen zu schützen.

 

Staudämme am Sambesi

Im Zentrum der geplanten Wasserbauprojekte im südlichen Afrika steht der Sambesi. Zusammen mit seinen Nebenflüssen bildet er das größte Flusssystem der Region. Bisher ist der 165 Meter hohe Cabora-Bassa-Damm in Mosambik der einzige große Staudamm am Sambesi. Sein Bau ab Ende der 1960er Jahre sollte der Stabilisierung der portugiesischen Kolonialherrschaft dienen und stieß auf den Widerstand der einheimischen Bevölkerung. Nach der Unabhängigkeit einigten sich frühere Kolonialmacht und neue Regierung auf den gemeinsamen Betrieb des Staudamms, der aber als Folge der Angriffe der Renamo-Rebellen auf Mosambik von 1981 an mehr als ein Jahrzehnt lang keinen Strom an den Hauptabnehmer Südafrika lieferte.

 

Mittlerweile ist der Stromverkauf zu einer wichtigen Deviseneinnahmequelle für Mosambik geworden. 2000, 2001 und 2007 zeigte sich allerdings, welche Gefahren für die lokale Bevölkerung von dem Projekt ausgehen. Nach heftigen Regenfällen am Oberlauf des Flusses war der Stausee jeweils so gefüllt, dass ein Bersten des Dammes drohte. Die Schleusen mussten geöffnet werden, sodass sich bis zu 9.000 Kubikmeter je Sekunde aus dem Stausee ergossen. Binnen kürzester Zeit wurden große Uferflächen unterhalb der Staumauer unter Wasser gesetzt. Zahlreiche Menschen ertranken in den Fluten, andere verloren Hab und Gut. Wenigstens wurde inzwischen das Flutwarnsystem verbessert.

 

Gegenwärtig werden drei weitere große Staudämme am Sambesi geplant, der Batoka-Damm am mittleren Flussabschnitt als gemeinsames Projekt von Sambia und Simbabwe, eine zweite Staumauer beim Cabora-Bassa-Damm sowie der Mphanda-Nkuwa-Damm am Unterlauf des Flusses in Mosambik. Die Vorhaben werden von Umweltschutzorganisationen kritisiert. Richard Beilfuss, Hydrologe und Verfasser einer kritischen Studie zu den Dammprojekten im südlichen Afrika für die Umweltschutzorganisation „International Rivers“, sagte der UN-Nachrichtenagentur IRIN über die Staudämme am Sambesi: „Keines dieser bestehenden und geplanten Projekte bezieht ernsthaft den Klimawandel in die Planung und den Betrieb der Projekte ein.“

 

Als Folge des Klimawandels werden im südlichen Afrika in naher Zukunft 10 bis 15 Prozent weniger Niederschläge erwartet, was kurze heftige Extremniederschläge aber nicht ausschließt. Und auf diese Extremereignisse sind zahlreiche große Staudämme nicht eingerichtet. Guido Van Langenhove vom Hydrologischen Dienst Namibias stimmt dieser Einschätzung von Richard Beilfuss zu und betont: „Unsere Dämme können (extremen) Jahrhundertflutereignissen nicht standhalten. Sie werden nicht fertig mit der puren Menge des Wassers, um die es geht. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir vorhandene Strukturen besser hierauf vorbereiten.“

 

Und das muss selbstverständlich noch mehr für geplante neue Staudämme gelten. Es zeigt sich, dass das Vertrauen in die angeblich fast unbegrenzten Möglichkeiten zur Erzeugung von Energie aus Wasserkraft im südlichen Afrika ablenkt von der Notwendigkeit der Energieeinsparung und höherer Energieeffizienz sowie der umweltfreundlichen Energieerzeugung, wozu Wasserkraft nur bei Einhaltung zahlreicher ökologischer und sozialer Maßstäbe gehört. Umweltschutz- und humanitäre Organisationen in der Region hoffen nun darauf, dass die 2011 von den acht Anrainerstaaten des Flusses gegründete „Zambezi Watercourse Commission“ Perspektiven für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Wasser und der Wasserkraft des Sambesi entwickeln wird.

 

Diese kurze Übersicht lässt erkennen, dass im südlichen Afrika trotz bestehender Konflikte vielfältige Formen der Wasserkooperation vorhanden sind. Es besteht allerdings die Sorge, dass in Zukunft ein Rückgang der Niederschläge und der Wasserverfügbarkeit bei gleichzeitiger Zunahme von Extremwetterereignissen als Folge des Klimawandels und ein ständig steigender Wasserverbrauch zu verstärkten Auseinandersetzungen um das kostbare Gut führen werden. Um das zu vermeiden, wird in der Region ein sehr viel größeres Gewicht auf Wassereinsparungen und Schutz von Wasserressourcen gelegt werden müssen.

 

Frank Kürschner-Pelkmann

 

Der Autor arbeitet als freier Journalist in Hamburg, www.wasser-und-mehr.de

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