Ausgegrenzt in zwei Welten

Heft 3/2014

Südafrika: Jugend

RUTH WEISS WAR FRÜH MIT ANTISEMITISMUS UND RASSISMUS KONFRONTIERT. Sie wuchs zu Beginn der Nazizeit in Deutschland auf, dann wanderte ihre Familie nach Südafrika aus. Für „afrika süd" berichtet die bekannte Autorin über ihre Kindheit in Deutschland und Südafrika.

 

Ich begegnete schwarzen Menschen bereits vor unserer Auswanderung nach Südafrika: In Hamburg, wo ich als Kleinkind drei Jahre mit meiner Familie wohnte, ging Mutti mit mir und meiner Schwester Margot einmal in den Tierpark Hagenbeck. Dort kamen wir an einem Rasen vorbei, auf dem eine runde, strohgedeckte Hütte stand, vor der Menschen schwarzer Hautfarbe saßen. Ein kleiner nackter Junge – etwa in meinem Alter – rannte mit einer Zigarettenschachtel in der Hand umher, er rasselte sie und rief dabei: „Money, money." Mutti sagte: „Menschen stellt man nicht aus" und zog uns weg.

 

Jüdische Kindheit
Die nächste Begegnung war erfreulicher. Eines Schabbat Abends saß ein schwarzer Mann am Tisch meiner Großeltern. Ein Jude aus Äthiopien – „Abessinien" sagte man damals –, er studierte in Nürnberg und war von Tante Martha, die bei der jüdischen Kultusgemeinde als Sekretärin arbeitete, eingeladen worden. Sie hatte später noch Kontakt mit ihm; eines Tages erzählte sie mir, er sei im Krieg als Pilot gegen Mussolini gefallen, als die Italiener sein Land 1935 besetzten.


Ich wusste, Schabbat war der heiligste Tag, abgesehen vom Versöhnungstag und somit wichtiger als alle anderen Feiertage. Meine mütterlichen Großeltern waren streng religiös und damit wuchs ich auf. Ich ging ab meinem neunten Lebensjahr bis zu unserer Auswanderung 1936 regelmäßig am Schabbat in die Klaus, also in das jüdische Lehrhaus der Synagoge. Ich war stolz, wenn Großpapa dort mit den anderen Hohepriestern sein Gesicht mit dem Tallit, den Gebetsschal, bedeckte, um die Gemeinde zu segnen. Später erfuhr ich, dass mein Vater auch durch seine Mutter einer Cohanim-Familie entstammte, so dass ich von beiden Seiten dem Hohepriestergeschlecht angehöre. Einige Jahre später, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, brannten alle Gebetshäuser ab.

 

Meine Eltern, meine Schwester Margot und ich zogen wegen Vatis Job aus meinem Geburtsort erst für drei Jahre nach Hamburg, anschließend nach Nürnberg, dann in ein nahes Dorf bei Nürnberg. Dort ging ich in die Dorfschule. Margot besuchte die Israelitische Realschule um die Ecke der Wohnung meiner Großeltern in Fürth und wohnte bei ihnen, am Wochenende kam sie zu uns aufs Dorf. Mir gefiel es in der Dorfschule. Vier Klassen saßen zusammen in einem Raum und wurden von Lehrer Reuter unterrichtet, der neben uns in einem der Siedlungshäuser wohnte. Ich spielte mit den Kindern und hatte viele Freundinnen. Mein Heft ging oft reihum, ich hatte nämlich schon Lesen gelernt, ehe ich eingeschult wurde – Großpapa war Buchbinder und ich konnte in der Werkstatt unter dem Tisch sitzen und lesen. Es waren schöne Jahre. Wenn ich die Hausaufgaben gemacht hatte, radelte ich mit unserm Hund durch die Gegend, sammelte Pflanzen im nahen Wald und brachte manchmal verletzte Vögel nach Hause.

 

Feindseligkeit und Bedrohungen
Es kümmerte niemand, dass ich nicht in die Kirche ging. Bis zu dem fatalen 30. Januar 1933. Dann wurde alles schlagartig anders. Niemand saß mehr in meiner Bank, in der Pause blieb ich plötzlich allein, niemand spielte mehr mit mir. Herr Reuter übersah meine Hand, wenn ich mich im Unterricht meldete. Meinen Vater grüßte er auch nicht mehr. Reuters Sohn, der zuvor meine Schwester gern mochte, ging uns aus dem Weg.

 

In Franken begann die Judenhetze sehr schnell. Das lag am Gauleiter Julius Streicher, dem Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer", das später jeder Deutsche lesen musste. Streicher legte arischen Firmen nahe, ihre jüdischen Angestellten zu entlassen. Dadurch verlor Vati seinen Job in einer Spielwarenfirma, so dass es nur eine Frage von Wochen war, bevor wir das Dorf verließen und zu den Großeltern nach Fürth zogen. Bevor wir umzogen, geschah etliches: Margot wurde auf dem Weg vom Bahnhof von einer Horde Kinder verfolgt, die sie mit Schmutz und Schimpfworten bewarfen. Der Bruder meiner Mutter, der eine arische Freundin hatte, wurde deswegen zusammengeschlagen und zu uns gebracht. Daraufhin warf Vati den Revolver, den er aus dem 1. Weltkrieg aufbewahrt hatte, in einen Teich im Wald. Sein Eisernes Kreuz nahm er mit nach Johannesburg.

 

Dorthin reiste er, als wir in Fürth wohnten. Ein Verwandter, der in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts nach Südafrika ausgewandert war, schickte eine Schiffskarte und schrieb Vatis ältestem Bruder: Er hätte gehört, es stimmte etwas nicht mit den Juden in Deutschland, er könnte aber für jemand bürgen, der auswandern wollte. Das galt nun für Vati, seinem Bruder gehörte das größte Warenhaus in Aschaffenburg, der dachte – noch nicht – an das Auswandern. Das taten zu der Zeit nur wenige.

 

Also ging auch ich in die Israelitische Realschule in Fürth. Es waren drei eindrucksvolle Jahre, wir hatten zum Teil überqualifizierte Lehrer, da sie ja nicht mehr an staatlichen Schulen unterrichten durften. Meine Schwester war mit Heinz – Henry – Kissinger – befreundet, der in dieselbe Klasse ging wie sie. In den 1970er Jahren organisierte ein anderer früherer Mitschüler eine erste Zusammenkunft ehemaliger Schüler. Jeder erklärte, man habe nie so viel gelernt wie in dieser Schule. Henry konnte aus sicherheitspolitischen Gründen nicht kommen. Die Treffen gibt es noch immer, ein Newsletter sorgt zudem für den Austausch. Unser Verhältnis zu den Lehrern war ungewöhnlich, sie fühlten sich für uns verantwortlich, denn allein auf die Straße zu gehen, konnte für ein jüdisches Kind unangenehm sein. Ich hatte zweimal solche Erlebnisse: Ein Mal rannten mir Jungen aus der Volksschule nach, ich wurde in letzter Minute hinter das Tor gezogen. Ein anderes Mal verfolgten mich eine Anzahl Kinder, als ich allein zur Synagoge ging. Ich flüchtete in einen Keller; als jemand kam, liefen sie weg.

 

In Südafrika
Nach drei Jahren, also 1936, zogen wir zu meinem Vater. Das war nach den 1935 erlassenen Nürnberger Gesetzen und nachdem in Südafrika die damalige dortige Opposition, die Nationale Partei, die Regierung unter Druck gesetzt hatte, keine Juden mehr ins Land zu lassen – abgesehen von nahen Verwandten. Wir reisten dritter Klasse mit anderen Emigranten, 20 Erwachsene und fünf Kinder, in einem Frachtschiff der Woermann-Linie. Langsam fuhren wir der Westküste Afrikas entlang nach Kapstadt. Das Schiff nahm einmal Zwischendeckpassagiere auf, Afrikaner, die von einem Hafen zu einem anderen reisten und an Deck schliefen und kochten. Zu uns Emigrantenkindern waren sie freundlich; wir spielten mit den schwarzen Kindern, die uns zeigten, wie man tanzte.

 

Vati hatte ein Geschäft von seinen Verwandten in Mayfair, damals ein Vorort so genannter armer Weißer in Johannesburg, eingerichtet bekommen. Er hatte aber wenig Erfolg damit. Hier gehörten wir zu den armen Weißen. Sie waren mehrheitlich Nachkommen der Holländer – auch der Deutschen und Franzosen, die im 17. Jahrhundert das Kap besiedelt hatten und später ins Landesinnere gezogen waren. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sie einen Krieg gegen die Engländer verloren. Burische Männer, viele verfügten weder über Land noch über eine Ausbildung, kamen in die Städte. In der Nähe von Mayfair befand sich ein Goldbergwerk, in dem die Mehrheit der burischen Männer als „Shiftboss" arbeiteten, d. h. sie beaufsichtigten große Gruppen Schwarzer, die untertage die Schwerarbeit machten. Die Buren waren Kalvinisten, die glaubten, Gott habe sie auf den schwarzen Kontinent entsandt, um die schwarzen „Wilden" zu zivilisieren. Über mehrere Jahrhunderte hatte in der Kapgesellschaft Sklaverei geherrscht. Handarbeit galt als minderwertig und wurde von dunkelhäutigen Menschen verrichtet.

 

Wir wohnten in einem Haus neben dem Laden, in dem auch Mutti arbeiten sollte. Dadurch wurden wir von Nachbarn über Südafrikas Rassengesellschaft aufgeklärt. Apartheid, die gesetzliche Rassentrennung, wurde zwar erst zwölf Jahre später eingeführt, aber die „Sitten" waren längst festgelegt worden. Mutti hatte auf der kleinen Veranda mit einer zukünftigen Hausangestellten verhandelt, während Margot und ich mit dem Baby der Frau spielten. Zuletzt hatte Mutti es m Arm gehabt, bevor die Frau es wieder auf den Rücken band. Das gehört sich nicht, erklärten die weißen Nachbarinnen, die uns danach besuchten. Darauf sagte ich zu Vati: „In Deutschland durften die deutschen Kinder nicht mit mir spielen, nun wurde mir verboten, mit Schwarzen zu spielen." Meine Ablehnung der Gesellschaftsordnung während der Apartheid war vorprogrammiert durch die Nazizeit und meine Kindheitsjahre in Mayfair.

 

Rassismus
Vati gefiel das alles auch nicht. Ich erinnere mich an eine Nacht, in der wieder einmal ein Einbruch im Laden stattgefunden hatte. Ein betrunkener weißer Nachbar griff einen schwarzen Mann auf und behauptete, er sei der Einbrecher. Vati wurde gezwungen, die Polizei zu rufen, die den Afrikaner misshandelten und festnahmen. Vati weigerte sich, Anklage zu erheben, doch der Mann wurde trotzdem festgehalten, weil irgendetwas mit seinen Papieren – dem so genannten „Pass" – nicht stimmte. Dadurch lernte ich die Bestimmungen zur Kontrolle von Schwarzen kennen. Ich musste eine Bahnbrücke überqueren, um in die Schule zu gehen. Regelmäßig standen dort Polizisten, die Schwarze anhielten, die mit Zügen aus den schwarzen Vororten kamen. Hinter ihnen warteten Afrikaner in Ketten, die aufgegriffen worden waren, weil ihr „Pass" nicht in Ordnung war. Darin standen nicht nur ihr Namen und Geburtsdatum, sondern auch die so genannte Stammeszugehörigkeit, der Name ihres Chiefs, ihre Aufenthaltsbewilligung in der Stadt, der Name ihres Arbeitgebers, sogar die letzte Steuererklärung. Ohne Erlaubnis durfte sich kein Schwarzer länger als 72 Stunden in einem weißen, also städtischen Gebiet aufhalten. Ein Passvergehen bedeutete Gefängnis. Ich hasste es, die schlecht gekleideten, gedemütigten Männer zu sehen, die darauf warteten, dass andere an sie angekettet wurden und sie alle einem Magistratsgericht vorgeführt wurden, um für einige Wochen im Gefängnis zu landen.

 

Es dauerte nicht lange, bis ich die rassistische Einstellung der weißen Nachbarn verstand und ablehnte. Sie hatten alle schwarze Angestellte, die sie nicht wie Mitmenschen behandelten. Es gab Sonderblechteller, Becher und Besteck für die „boys" und „girls", die nur mit Vornamen angesprochen wurden; oft nicht mit den eigenen, weil die angeblich zu schwer auszusprechen waren. Eine Klassenkameradin erzählte mir, dass es auf der Farm ihrer Verwandten eine Kuh gab, deren Milch nur für Schwarze war. Wenn die Großmutter nach dem Gottesdienst am Sonntag, der im Freien vor dem Haus stattfand, Kaffee ausschenkte, hob sie die Kanne hoch, denn diese sollte nicht mit den Bechern der Afrikaner in Berührung kommen. Ich fand es merkwürdig, dass man keinem Schwarzen die Hand gab, aber schwarzen Frauen ganz die Versorgung und Erziehung der weißen Babys überließ, deren Windeln sie wechseln und waschen mussten.

 

In der Schule erlebte ich, dass ein Mädchen, mit dem ich mich anfreundete, die Schule verließ, weil sie dachte, man würde sie ausschließen. Sie hatte eine farbige Großmutter. Vor der Einführung der Apartheid 1948 versuchten hellhäutige Farbige öfters, sich als Weiße auszugeben, wie es die Mutter meiner Freundin getan hatte. Unter der Apartheid wurde zuerst ein Gesetz eingeführt, das die Bevölkerung nach Rassen klassifizierte: weiß, schwarz, farbig und asiatisch. Danach folgten weitere Gesetze, die regelten, wo man wohnte, in die Schule ging und arbeitete. Als die Nationale Partei 1948 die Wahl gewann und die Apartheid einführte, war ich längst erwachsen und Gegnerin der Rassengesellschaft.

 

Ruth Weiss

 

Ruth Weiss ist Zeitzeugin der Geschichte Deutschlands, Südafrikas und Simbabwes. Die Journalistin ist Autorin zahlreicher Sachbücher und Romane.
Ihr Jugendbuch „Meine Schwester Sara" (2004 bei dtv) über ein jüdisches Mädchen aus Deutschland im Apartheid-Südafrika berichtet eindrücklich vom Antisemitismus und Rassismus. Es eignet sich hervorragend als Lektüre für Schüler/-innen.

Ruth Weiss wird am 26. Juli 90 Jahre alt.

Hinweis: Die dunkel hinterlegten Formularfelder sind Pflichtfelder.