2015: Jahr der Studierenden

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

STUDIEREN AN DER UNIVERSITÄT STELLENBOSCH UND STUDENTENPROTESTE. Wie beides zusammengeht, erklärt Dimpho Mashile. Im Gespräch mit afrika süd stellt die Studentin der Ingenieurwissenschaften und Inisa-Stipendiatin auch ihre kreativen Innovationen und ihr soziales Engagement vor.

 

Ich komme aus Emalaheni in Mpumalanga, also aus dem dortigen Kohlegebiet. 2013 begann ich mit meinem Studium in Stellenbosch. Die erster Zeit hier war für mich ein Kulturschock. Nicht wegen des Afrikaans, das spreche ich sehr fließend. Denn ich habe eine Afrikaans-sprachige High School besucht. In den Minenstädten wohnen viele Afrikaans-sprachige Weiße, so war ich an Afrikaans als Unterrichts- und Alltagssprache gewöhnt. Dennoch erlebte ich einen Kulturschock, weil man in Stellenbosch gezwungen wird, auch die Kultur anzunehmen, die hier mit der Sprache verbunden ist. Deshalb habe ich zunächst nichts außerhalb der akademischen Veranstaltungen unternommen.


Ich konzentrierte mich vollkommen auf den Unterricht. Im ersten Jahr wird „Industrial Engineering" im Rahmen der Ingenieurwissenschaften ganz breit gefächert unterrichtet, danach spezialisieren sich die Studierenden. Es ist ein vierjähriges Programm und umfasst die Erstellung der Abschlussarbeit. Die vielschichtige Ausbildung bietet einem später viele Möglichkeiten. Wirtschaftsingenieure/innen werden in ganz unterschiedlichen Industriezweigen und Unternehmen gebraucht, denn es geht um die Optimierung von Unternehmensabläufen.


Da ich mich seit meiner Schulzeit für Mathematik begeistere, entschied ich mich im zweiten Studienjahr für den Schwerpunkt „Development Finance". Im ersten Jahr hatte ich festgestellt, dass die technischen Themen des Studiums nicht mein Hauptinteresse sind. Dennoch sehe ich weiterhin den Wert dieser Kompetenzen und der damit verbundenen Denkweise.


Für den professionellen Austausch ist WomenEng wichtig, ein Netzwerk kompetenter Ingeneurinnen. Nach dem BA-Examen möchte ich meine Kenntnisse im Finanzwesen vertiefen und einen MA-Studiengang in Betriebswissenschaften absolvieren oder ein nationales Diplom in Finanzen erwerben.

 

Schon jetzt nutzen Sie Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse ganz praktisch. Wie genau?
Zur praktischen Umsetzung meiner finanziellen Kenntnisse habe ich mit einem Geschäftspartner eine kleine Business-Plattform für junge kreative Menschen aufgebaut. Es geht um verschiedene künstlerische Ausdrucksformen, „art is currency" ist mein Motto, Second-Hand-Mode meine Leidenschaft. Hier verbinde ich mein Interesse an Finanzen mit meinem Hobby, Vintage-Kleidung kreativ umzugestalten und zu vermarkten. Auf dem Campus organisierten wir bereits eine Modenschau, wobei wir unsere Herkunft und unser Erbe zelebrierten.


Dazu kooperierten wir mit neuen Studentenwohnheimen, wo Studierende unterschiedlicher Herkunft zusammenwohnen. Sie heißen LLL: Listen, Live and Learn. Wir luden auch den namibischen Modekünstler Loux ein. Er ist hauptberuflich Buchhalter in einem Unternehmen, in seiner Freizeit widmet er sich dem Design von Vintage-Kleidung. Seine Biographie beweist: Man kann professionelle Jobs und persönliche kreative Entfaltung kombinieren. Denn auch in der Berufswelt haben sich die Zeiten geändert; man hat nicht mehr sein ganzes Leben lang nur einen Job. Das ist eine große Chance. Wir können unsere vielfältigen Talente entfalten und unsere Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen beweisen.


Anknüpfend an unsere Campus-Aktivitäten haben wir eine Vereinigung zur Förderung von Kindern gegründet, deren Eltern nicht über die finanziellen Mittel für Schuluniformen und Unterrichtsmaterial verfügen. Uns geht es darum, den Kindern an der Ikaya-Grundschule im Township Kayamandi nahe Stellenbosch durch dauerhafte Förderung ganz praktisch das Lernen zu ermöglichen oder zu erleichtern.


Die elektronische Version unserer Business-Plattform heißt 1042 nach der Hausnummer meines Geschäftspartners. Denn unsere Heimat, unsere Herkunft prägt uns. Die Musik, die Dinge, mit denen wir aufwuchsen. So lernte ich von meiner Mutter, wie man sich mit ganz einfacher Kleidung schön anzieht, und mit meinen Eltern teile ich die Begeisterung für Jazz.


Künstlerische Ausdrucksformen sind wertvoll – nicht nur materiell. Das möchte ich anderen vermitteln. Auch die Kunstszene hat sich geändert. Bislang wurde unsere Alltagskunst in Museen und Galerien ausgestellt; dies sind aber sehr elitäre, für uns verschlossene Orte. Es geht darum, dass wir unsere künstlerisch-kreative Ästhetik selbst wertschätzen, also eine andere Sichtweise auf unsere Kunst entwickeln.

 

Wie erlebten Sie die Studierenden-Proteste 2015?
Den Protesten gingen kritische Diskussionen voraus. Seit Jahren wurde in vielen Studentenwohnheimen im privaten Kreis über diskriminierende Erlebnisse und entwürdigende Strukturen diskutiert. 2015 bahnten sich die Kritik ihren Weg in öffentliche Räume, überall im Land organisierten Studierende lokale Proteste. Sie führten zur nationalen Schließung der Universitäten, Anlass war die angekündigte Erhöhung der Studiengebühren um durchschnittlich zehn Prozent. Einige Universitäten verlangten etwas mehr, andere etwas weniger.


Hier in Stellenbosch gab es viele Diskussionen zwischen meinen Kommilitonen, sie waren unterschiedlicher Meinung. Manche Privilegierte dachten, zehn Prozent – das sei doch wenig; einige waren sehr ignorant. Andere erklärten sich aber solidarisch mit denjenigen, für die das Studieren aus finanziellen Gründen keine Selbstverständlichkeit ist. Wir „Students of Colour" haben betont, dass zehn Prozent sehr wohl ein Problem sind, weil etliche Studierende dann ihre akademische Ausbildung abbrechen müssten. Nur einige „Students of Colour" erhalten ein Stipendium und auch der Zugang zu Studienkrediten ist schwierig.


Hier in Stellenbosch kamen weitere Probleme hinzu, so richtete sich der Studierendenprotest „Open Stellenbosch" auch gegen die Sprachenpolitik. Denn für etliche Studierende ist Afrikaans die dritte Sprache, neben ihrer Muttersprache und Englisch. Sie werden in ihrem eigenen Land gezwungen, Übersetzungsgeräte zu benutzen, doch die sind langsam und haben of technische Probleme; dann verstehen die Studierenden nur einen Bruchteil der Vorlesungen. Es sollte in Südafrika keine derartige exklusive Sprachenpolitik mehr geben, vor allem nicht 22 Jahre nach der Einführung der Demokratie. Inzwischen begann ein Rechtsstreit über Afrikaans als Unterrichtssprache, allerdings verlangte eine Afrikaans-sprachige Studentengruppe namens Afriforum Youth die Fortsetzung des Afrikaans. Die Debatte über die Sprachenpolitik geht also weiter.


Rückblickend auf den Aufstand der Schülerinnen und Schüler in Soweto 1976 ist es schon bemerkenswert, dass „Students of Colour" noch immer gegen das Afrikaans als Unterrichtssprache kämpfen müssen. Auch an diesem 16. Juni ist wieder eine Konferenz zu Studierendenbewegungen geplant.


Wir wollen in unserem eigenen Land nicht mehr von Orten ausgeschlossen werden.
Wir wollen nicht mehr Dozenten zuhören, die überhaupt keine Bezüge zu afrikanischen Themen oder unseren Problemen herstellen.


Wir wollen nicht mehr koloniale Orte ertragen müssen, vor allem nicht in der akademischen Welt – Universitätsgebäude, die nach Kolonialherren benannt sind und nicht nach Helden des Befreiungskampfes.


Wir wollen nicht mehr von Statuen umgeben sein, die überhaupt nicht alle Südafrikaner abbilden.


An den Studierenden-Protesten kämpften zahlreiche Frauen in den vordersten Reihen. Vielerorts waren sie die wichtigsten Organisatorinnen. Sie verbanden anti-koloniale Forderungen mit der Überwindung patriarchaler Strukturen. Sie legten Wert darauf, dass sich inter-sektionale Bewegungen entwickelten.


Aber einige zahlten einen sehr hohen Preis, das wird bei Protestbewegungen oft vergessen. Sie wurden mit großer Aggression angefeindet. Manche hatten akademische Nachteile, andere konnten den persönlichen Konfrontationen, dem Druck emotional kaum standhalten. Sie sind daran zerbrochen, dass sie nicht als vollwertige Personen gesehen wurden, dass ihre Stimme, ihre Hautfarbe und sie als Frauen nichts zählten, sie ohne gleichberechtigten Bildungszugang blieben. Wir versuchten, uns gegenseitig wie eine Familie zu stärken, dennoch sind einige meiner Freundinnen krank geworden. Das macht mich sehr traurig.


Inzwischen haben wir eine neue Initiative gegründet: „Black Sunday". Wir kommen sonntags regelmäßig zusammen, um uns auszutauschen – auch zu neuen künstlerisch-kreativen Ausdrucksformen, denn nicht für alle sind Demonstrationen der geeignete Protestweg, für sie sind Lieder, Lyrik, Malerei sinnvoller. Neben der gegenseitigen Ermutigung verkaufen wir künstlerisch-kreative Arbeiten und sammeln damit Geld für junge Studierende, die neu nach Stellenbosch kommen und langwierige Registrierungsverfahren meistern müssen. In der Zeit sitzen sie zwischen allen Stühlen, dann brauchen sie konkrete Unterstützung. Die Ausrichtung auf gegenseitige Förderung, Zusammenarbeit und das akademische Arbeiten – all das gehört für mich zusammen. Das ist mein Standpunkt.

 

Interview: Rita Schäfer

paula
05.07.2016 12:37
Thank you for sharing. This information confims the intuitive feelings I experienced while visiting the campus.. just for a cup of coffee and to look around. My colleague, a dutch anthropologist actually had in mind to apply for a position at Stellenbosch. We both had the same intuitive feeldings while on campus. I am so very sorry to hear what non-white students still have to endure long after apartheid was brought to an end. South Africa ist such a very beautiful country .. what a shame indeed that it's people are still not treated as equal human beings. All people are equal before God Almighty.
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