40 Jahre Soweto-Aufstand – Gedenken vor Ort

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

WIE ERINNERN SICH FRÜHERE SCHÜLER AN DEN 16. JUNI 1976? Was verbinden heutige Schülerinnen und Lehrer mit dem Tag?

 

Es ist Winter in Soweto. An diesem kalten Morgen machen sich fröstelnde Schülerinnen und Schüler auf den Weg zum Unterricht. Sie müssen sich gut auf ihre Halbjahresexamen vorbereiten. Heute sagen sie: „Wir können gleichzeitig lernen und kämpfen". Damals hieß es: „Befreiung geht vor Bildung." Soweto, die South Western Township, erhielt ihren Namen wegen der relativen Nähe zu Johannesburg. Es ist ein Symbol für das neue Südafrika, das sowohl neue Prosperität als auch die alte Misere der Squattersiedlungen vereint. Soweto ist ein urbaner Ort großer kultureller Lebendigkeit, der gleichzeitig die Wunden der Apartheid-Passgesetze in sich trägt. Soweto entwickelt sich ständig weiter – zusammen mit den dort lebenden Communities. Sie arbeiten gemeinsam mit der Regierung daran, die Geschichte Sowetos mit der Welt zu teilen.

 

Rachel Ndimande
Rachel Ndimande geht auf die Phefeni Senior Secondary School in der Vilakazi Street, wo gleich zwei Friedensnobelpreisträger wohnten: Nelson Mandela und Desmond Tutu. Die Sechzehnjährige erklärt: Sie verbindet den 16. Juni 1976 mit Hector Pieterson, dem Kind, das an dem Tag von südafrikanischen Polizisten erschossen wurde. Sie sollten protestierende Schüler auf dem Weg zum Orlando-Stadion stoppen, die sich gegen Afrikaans als Unterrichts- und Examenssprache wehrten. Rachel will am 16. Juni, dem nationalen Tag der Jugend, den offiziellen Reden während der Gedenkzeremonie zuhören und mit Freundinnen und Freunden aus der Theatergruppe an ihrer Schule feiern. Sie betont, wie sehr sie und viele andere Jugendliche sich über die freie Bildung und den Zugang zu technischen Geräten wie iPads im Unterricht freuen. Gleichzeitig hält sie Partys alkoholisierter Jugendlicher an nationalen Feiertagen für bedenklich.

 

Londiwe Mbhatha
Londiwe Mbhatha ist ebenfalls 16 Jahre alt und kommt aus Orlando West. Ihre Eltern kämpften 1976 beim Schülerprotest mit. Ihnen ging es um die Freiheit. Deshalb beteiligt sie sich jedes Jahr am offiziellen Gedenkmarsch durch Soweto. Sie teilt Rachels Sorge über den Alkoholkonsum bei Partys, die Jugendlichen zum Verhängnis werden – vor allem Mädchen, die dann missbraucht werden. Schließlich gehen etliche Teenager-Schwangerschaften auf sexuelle Übergriffe zurück.

 

Naledi High School
An der Naledi High School wurde am 8. Juni 1976 der erste Brief an den damaligen Bildungsminister geschrieben, um gegen Afrikaans als Prüfungssprache zu demonstrieren. Wegen der hohen Polizeipräsenz an dem Tag auf dem Schulgelände begannen Schüler, Steine auf Polizeiautos zu werfen. Hier arbeitet der engagierte Lehrer Tshepo Maphosa daran, Schülerinnen und Schüler über die Geschichte der Naledi High School zu unterrichten. Er leitet die Bildungsinitiative zum 16. Juni 1976 an diese Schule. Für die diesjährige Erinnerungsfeier hat er frühere Aktivisten als Redner eingeladen.

 

Morris Isaacson High School
Auch an der Morris Isaacson High School laufen die Vorbereitungen für die Gedenkfeier auf Hochtouren. Hier hatten die Schüler am 11. Juni 1976 große Pappkartons am Schultor aufgehangen, auf denen stand: „No S.B's (Special Branch) allowed." Diese Spezialabteilung der Polizei war besonders gefürchtet. Vor der Schule gibt es seit 2014 ein Dokumentationszentrum, hier finden auch Veranstaltungen zur Berufsfindung für Schüler statt. Die Schülerinnen und Schüler der Morris Isaacson-Schule werden von hier aus am diesjährigen Erinnerungsmarsch teilnehmen. Er soll an Orten entlang führen, wo protestierende Jugendliche erschossen wurden. Dort und bei der Abschlusszeremonie in Orlando West sollen kurze Reden gehalten werden.

 

June 16 Foundation
Frühere Schülerinnen und Schüler, die beim Soweto-Aufstand mitgekämpft hatten, gründeten diese Stiftung, um Bewusstsein und Bildung über dieses Ereignis zu fördern, wie ihr Vorsitzender Mr. Seth Mazibuko betont. Er skizziert einen geplanten Generationendialog. Das Programm erstellte ein Team der Stadt Johannesburg, der Provinzregierung und des südafrikanischen Kirchenrats. Am 11. Juni soll im Orlando Station über die Verbrechen der staatlichen Maschinerie des Apartheidregimes reflektiert werden. Gleichzeitig soll darüber nachgedacht werden, wie die diskriminierenden Apartheidgesetze junge Menschen beeinflussten. Auf diese Weise sollen Südafrikaner motiviert werden, nicht zu vergessen, woher sie kommen, und selbst ihre Geschichte erzählen. Am geplanten Generationendialog nehmen weiße ehemalige Soldaten, frühere Untergrundkämpfer und Familienmitglieder derjenigen teil, die 1976 umgebracht wurden.


Freedom Ngubonde

 

Der Autor ist Aktivist der Khulumani Support Group.

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