Alltag an der Minenfrontier

Heft 3/2016

Sambia

IST DER KUPFERBOOM IN SAMBIA VORBEI? Haben der rapide Preisverfall des Kupfers auf dem Weltmarkt und rückläufige Importe des Hauptabnehmers China das Ende einer Ära eingeläutet? Schlägt die Regierung einen neuen Kurs ein – hin zu einer diversifizierten Ökonomie? Afrika Süd im Gespräch mit der Ethnologin Rita Kesselring über Migration, Arbeit und Leben in neuen Minenstädten in der Nordwestprovinz.

 

Kupfer gilt als Triebfeder der Ökonomie in Sambia. Das Land generiert siebzig Prozent seiner Devisen aus dem Kupferexport. Zehn Prozent aller Arbeitskräfte sind in den Minen tätig, sie erwirtschaften zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts. Sambia ist der siebtgrößte Kupferproduzent weltweit und der zweitgrößte in Afrika. Bis 2013 war der Binnenstaat im südlichen Afrika sogar der größte Kupferlieferant des Kontinents, dann übernahm das Nachbarland DR Kongo seine Führungsrolle.

 

Ab den 1920er Jahren, also schon während der britischen Kolonialherrschaft, trug der Kupferbergbau in Sambia zur Urbanisierung bei. Der sogenannte Kupfergürtel in der gleichnamigen Provinz wurde nach der politischen Unabhängigkeit 1964 ein Urbanisierungsmagnet. Das blieb so trotz verschiedener Rahmenbedingungen: Zunächst wurden etliche Minen verstaatlicht, mit der Demokratisierung ab 1991 und auf Druck des Weltwährungsfonds (IWF) und der Weltbank wurden sie privatisiert.

 

Die Industrialisierung am Kupfergürtel basiert auf Untertageabbau, hier wurden viele Arbeitskräfte benötigt. Demgegenüber sind Kupferminen, die ab 2000 in der Nordwestprovinz erschlossen wurden, technisch spezialisierter Tagebau. An dieser neuen Minenfrontier sind die Menschen keineswegs nur Minenarbeiter. Hier ist ihr wirtschaftlicher Einfallsreichtum gefragt, denn vor Ort
hat die ökonomische Ausdifferenzierung bereits begonnen.


Was kennzeichnet die Städte an der Minenfrontier?
Solwezi ist eine boomende Metropole. Aus der einstigen kleinen Provinzhauptstadt in der Nordwestprovinz mit etwa 65.000 Einwohnern Ende der 1990er Jahre wurde mit der Erschließung neuer Minen in kürzester Zeit ein urbanes Zentrum mit heute etwa 250.000 Menschen. Im größeren Umkreis von Solwezi wurden ab 2005 drei Minen eröffnet oder intensiv ausgebaut: Kansanshi zehn Kilometer nördlich der Stadt, zudem Minen bei Lumwana 60 Kilometer westlich und Kalumbila 140 Kilometer westlich. Solwezi gilt als Zentrum der Region.


Der rasante Zuzug von arbeitsuchenden Migranten sprengt aber die Kapazitäten und Möglichkeiten der Stadtverwaltung. Das betrifft insbesondere die Infrastruktur, wie die Wasser- und Stromversorgung, die Müllentsorgung und die Vergabe von Baurechten sowie die Formalisierung von Bauprojekten. Konkret heißt das: Junge Migranten bauen sich kleine Häuser aus selbst gebrannten Lehmziegeln und bewohnen sie gemeinsam. Solaranlagen auf den Dächern und Holzkohle dienen zur Energieversorgung, Wasser kauft man bei lokalen Wasserkiosken, Latrinen werden nach Bedarf hergestellt und der Müll wird vergraben oder verbrannt.

 

Die steigende Inflation im letzten Jahr hat das Überleben erschwert, besonders belastend war der Anstieg der Grundnahrungsmittelpreise. In Reaktion darauf versuchten manche Stadtbewohner, auf freien Flächen selbst Gemüse und Mais anzubauen. Allerdings ist Diebstahl ein Problem. Die zumeist aus dem Copperbelt zugewanderten Stadtbewohner kommen schnell in Konflikt mit lokalen Bauern, auf deren Land sich die Stadt unkontrolliert ausbreitet. Über 10.000 Arbeiter wurden von Kupferminenbetreibern im Copperbelt allein im Jahr 2015 entlassen, manche erhielten zwei Monatslöhne Entschädigung; viele suchen nun in Solwezi nach Arbeit. Auch wenn etliche seit Jahren unter Tage gearbeitet haben, nützen ihnen die dort erworbenen Kenntnisse an der neuen Minenfrontier wenig.

 

Wie ist das Verhältnis von Arbeitern und Minenbetreibern?

Hier werden nur gut ausgebildete Leute gebraucht, sie müssen komplexe technische Prozesse beherrschen. Die meisten Arbeitsabläufe sind maschinisiert und nur etwa 1500 Männer arbeiten im Tagebau in der Kansanshi Mine oder in der Kupferschmelze auf dem Minenareal. Kasanshi ist – am Ertrag gemessen – die größte Kupfermine Afrikas; sie ist seit 2005 zu achtzig Prozent im Besitz von First Quantum Minerals bzw. dessen Sub-Unternehmen Kasanshi Mining, zu 20 Prozent gehört sie ZCCM Investment Holdings, einem staatlichen Unternehmen.

 

Viele Arbeiter sind nur mit Zeitverträgen beschäftigt, meistens für sechs Monate. Sie verdienen ca. 3000 Kwacha (ca. 260 Euro) pro Monat und erhalten zudem eine finanzielle Unterstützung zum Lebensunterhalt bzw. Wohnen. Solche Verträge werden oft mit Sub-Unternehmern geschlossen. Damit lagert das Minenunternehmen seine Verantwortung aus.

 

Die auf Zeit beschäftigten Arbeiter dürfen nicht gewerkschaftlich aktiv sein. Seit Jahren wird über die Reform des Arbeitsrechts debattiert, aber das hat sich noch nicht verbessert. Weil die Gewerkschaften schwach sind oder Arbeiter sich auch nicht in Gewerkschaften organisieren, gibt es kaum eine direkte Interessenvertretung. Kirchliche Organisationen wie die Caritas setzen sich für Gemeinden ein und nicht nur für die Arbeiter. Gleichzeitig dominieren mindestens acht große und verschiedene Pfingstkirchen das religiöse Leben in Solwezi. Zwar sind viele Arbeiter dort Mitglieder, aber diese Kirchen bilden keine explizite Interessenvertretung. Nur Sambias Teilnahme am internationalen EITI-Programm (Extractive Industries Transparency Initiative) schafft Anreize für eine Offenlegung von Unternehmensdaten bzgl. Steuerabgaben, Verträgen, Lizenzen, Produktion, etc.

 

Was bedeutet hier Unternehmensverantwortung?

Der Minenkonzern First Quantum Minerals bezieht sich auf seine Programme zur Unternehmensverantwortung (CSR), doch die sind freiwillig und von den Arbeitern nicht einklagbar. Sie umfassen beispielsweise eine kleine Klinik und Wohnungsangebote, so hat der Konzern 500 kleine Mietshäuser nahe der Mine gebaut. Davon ist aber nur die Hälfte bewohnt, weil die Mieten vergleichsweise hoch sind und die Häuser nicht den Bedürfnissen der Arbeiter entsprechen. Zudem gibt es nur eine kostspielige Privatschule in der Nähe, aber keine staatliche Schule. Für die Kinder der Arbeiter bedeutet das weite Schulwege, denn ihre Eltern können den Besuch der Privatschule nicht finanzieren. Ironischerweise werden Kinder wohlhabender Stadtbewohner in dieser Privatschule unterrichtet.

 

Die Minenbetreiber agieren nicht nur bei Infrastrukturplanungen an der Stadtverwaltung vorbei. Auch der Bau einer neuen Schmelze wurde begonnen, bevor das aufwendige Genehmigungsverfahren abgeschlossen war. Wegen des eigenmächtigen Vorgehens der Minenleitung ist das Verhältnis der Stadtverwaltung zum Konzern konfliktträchtig.

 

Die angespannten Beziehungen zwischen Minenbetreiber, Stadtverwaltung und -bewohnern werden dadurch noch verschärft, dass Beamte nach wenigen Jahren wieder in andere Städte versetzt werden. Das soll der Korruption vorbeugen, aber so geht auch institutionelles Erfahrungswissen verloren. Die Stadtverwaltung kommt mit der urbanen Infrastrukturplanung nicht nach, was für die Bevölkerung ein großes Problem ist. Gleichzeitig beklagen die städtischen Beamten die fehlende Unterstützung der Regierung in Lusaka. Die Minenbetreiber hingegen genießen die stillschweigende Rückendeckung der Nationalregierung, da sie wirtschaftlich wichtig sind. So wurden zwar im letzten Jahr die Steuervorschriften für die Minen mehrfach geändert, aber nicht verschärft.

 

Welche Auswirkungen haben die neuen Minen auf die Landbevölkerung?

Der Konzern First Quantum Minerals fördert die biologische Landwirtschaft im Umfeld der Minen. Damit soll Menschen geholfen werden, die keine Arbeit auf dem Minengelände finden. Die Trainer sind ausgebildete junge Agrarwissenschaftler, sie erhalten einen guten Lohn. Ähnlich wie bei den Schulen schafft der Minenbetreiber auch hier Parallelstrukturen zum Staat, denn er kooperiert nicht mit der staatlichen neuer Produktionsformen könnte Einkommen erzielt und die Versorgung der Stadtbewohner verbessert wenden, denn ein Großteil der Grundnahrungsmittel wird noch immer kostspielig aus Südafrika importiert. Doch die Anwendung der neuen Kenntnisse hängt vom Landzugang und der Verfügbarkeit von Wasser ab. Vor allem Landrechte sind ein Problem. Die Dorfbewohner sind die Kaonde. Deren Chiefs bzw. Sub-Chiefs sind für das Land verantwortlich, eigentlich dürften sie es nicht verkaufen. Ein jahrelanger Nachfolgestreit zwischen den lokalen Autoritäten führte jedoch dazu, dass Landverkauf trotzdem stattfindet.

 

Über Jahrzehnte wurden die Kaonde von der Regierung in Lusaka ignoriert und von Entwicklungsmaßnahmen ausgeschlossen. Plötzlich entsteht auf ihrem Gebiet eine boomende Stadt, das führt zu Erwartungen und Problemen. Kaonde-Männer haben kaum eine Chance, als Minenarbeiter eingestellt zu werden, denn sie verfügen nicht über die ausreichende Schulbildung und andere Kompetenzen. Daher müssen sie neue Einkommensmöglichkeiten suchen, etwa in der intensivierten Landwirtschaft oder im Verkauf von Land. Hinzu kommt die Herstellung von Holzkohle, sie bringt zwar kurzfristig eigenes Einkommen, doch bereits jetzt zeigen sich die ökologischen Schäden durch die Abholzung. Urbane Entwicklung, Aufbau und Zerstörung oder Verfall sind also gleichzeitig stattfindende Prozesse. Sie illustrieren die Ambivalenz der Minenfrontierstädte und der Veränderungen ihrer ländlichen Umgebung.

 

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen lokaler Bevölkerung und Migranten?

Ethnische Unterschiede sind an sich kein Problem, nur wenn sie politisiert und wirtschaftlich interpretiert werden. Die neuen Migranten kommen aus unterschiedlichen sozialen Milieus: Neben den ärmeren arbeitssuchenden Männern sind einige wohlhabende Bemba schon vor Jahren aus dem Copperbelt nach Solwezi gekommen, haben dort stattliche Häuser gebaut und profitieren heute von der Wohn- und Landknappheit. Den Eigentümern wurde wegen der neueren, größeren Bauart zunächst Hexerei unterstellt, vor allem wenn in der Nähe arme Kaonde wohnten. Doch das hat sich inzwischen geändert; große Häuser sind heute verbreiteter – eher Statussymbole und ein Zeichen, wer es geschafft hat, wirtschaftlich aufzusteigen. Das Bauen eines eigenen Hauses und die Gründung einer eigenen Familie ist das Ziel vieler junger Migranten. Die Verwirklichung ist jedoch schwierig. Im formellen Sektor fehlen Jobs, die allermeisten Arbeitsverträge sind temporär und durch eine Vielzahl informeller Tätigkeiten, wie dem eigenständigen (legalen oder illegalen) Graben nach Kupfer auf Abraumhalden und nach Edelsteinen, können junge Männer zwar eigenes Einkommen erzielen, aber nicht für die Zukunft planen. Sie träumen von großen Smaragd-Funden, die sie schlagartig reich werden lassen. So ändern sich in den Frontierstädten nahe der Minen auch die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, was als normal und erstrebenswert gilt.

 

Etliche junge Migranten haben Freundinnen in Solwezi und Freundinnen in ihren Herkunftsgebieten. Das schafft Verpflichtungen und Spannungen, vor allem wenn Kinder geboren werden; oft rückt das Ideal einer eigenen Familie mangels solider Finanzen dennoch in weite Ferne. Migration von einer Stadt zur nächsten ist nichts Neues für die Sambier, man reist den wirtschaftlichen Möglichkeiten nach und hofft auf genug Mittel, um sesshaft zu werden.

 

Welche politischen Perspektiven gibt es?

Am 11. August 2016 finden nationale Wahlen in Sambia statt. Die Nordwestprovinz war schon immer eine Oppositionsregion. Der Favorit in Solwezi ist die Oppositionspartei United Party for National Development (UPND) und ihr Kandidat Hakainde Hichilema. Landesweit verhalfen viele Arbeiter und Städter der gegenwärtigen Regierungspartei Patriotic Front (PF) 2011 an die Regierung. Es wird in den nächsten Monaten also darum gehen, welche Partei überzeugender darlegen kann, wie die hohe Arbeitslosigkeit, die Inflation und die für Betriebe katastrophalen Stromunterbrechungen überwunden werden sollen. Ausschlaggebend ist auch die Loyalität zu einer bestimmten Partei. Zumindest einzelne Politiker und gut vernetzte Bürger schaffen es, daraus Profit zu schlagen. So gibt es unterschiedliche Prognosen für den Ausgang der Wahlen.

 

Rita Kesselring forscht über neue Minenstädte in der Nordwestprovinz Sambias und über Apartheidopfer in Südafrika. Sie lehrt an der Universität Basel.

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