Der Soweto-Aufstand – Inbegriff jugendlicher Befreiung

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

AM 16. JUNI 1976 DEMONSTRIERTEN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER IN SOWETO, einer riesigen Township südwestlich von Johannesburg, gegen die Einführung des Afrikaans als Prüfungssprache. Es war ein Wendepunkt des Widerstands und der staatlichen Gewalt in Südafrika.

 

Zeitlich ist der Soweto-Aufstand von 1976 zwischen der Black Consciousness-Bewegung und den großen Massenbewegungen der 1980er-Jahre anzusiedeln. Seine Bedeutung liegt auch darin, dass sich mit dieser Rebellion der Schüler/innen erstmals nach mehr als zehn Jahren eine Opposition zurückmeldete, die aus der Mitte der südafrikanischen Gesellschaft kam – und nicht aus dem Exil.

 

Kontexte
Schwarze Jugendliche, die ihr Leben noch vor sich hatten, reagierten mit Widerstand auf die weiteren drastischen Beschränkungen ihrer Zukunftsperspektiven. Die gesetzlich verankerte, diskriminierende Bantu Education verwehrte ihnen sowieso schon Bildungs- und Berufschancen, die für Weiße selbstverständlich waren. Der Apartheidstaat gab für jeden weißen Schüler zwanzigmal mehr Geld aus als für gleichaltrige Schulbesucher aller anderen Hautfarben. Die nicht-weiße Bevölkerungsmehrheit finanzierte aber mit ihren Steuern die hohen staatlichen Bildungsausgaben für junge Weiße, damit wurde deren Bildung unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern.


Gleichzeitig war das rassistische Bildungssystem auch darauf ausgerichtet, insbesondere der schwarzen Bevölkerung ihre Unterlegenheit vorzuführen und als koloniales Selbstbild einzuimpfen. Da die Schülerinnen und Schüler so wenig wie die meisten Lehrer des Afrikaans mächtig waren, fürchteten die Jugendlichen, mit dieser neuen Unterrichts- und Prüfungssprache schlechte Abschlusszeugnisse zu erhalten, die ihre geringen Berufschancen abermals schmälerten. Dagegen organisierten sie in Soweto, der damals größten Township mit ca. 1,5 Millionen Menschen, und vielen anderen Städten ihren eigenen Widerstand.

 

Selbstorganisierte Proteste
Sifiso Mxolisi Ndlovu wirkte an den ersten Aktionen im Frühjahr 1976 mit, noch lange vor der Eskalation im Juni. Mittlerweile ist er selbst professioneller Historiker, 1998 veröffentlichte er „The Soweto Uprising, Countermemories of June 1976" in Johannesburg. In diesen „Gegenerinnerungen" betont er den Charakter einer zunächst nur auf die Einführung des Afrikaans bezogenen Protestbewegung ohne politisch-ideologische Zielrichtung. Vehement setzt er sich gegen Vereinnahmungsversuche durch politische Organisationen zur Wehr.


„Ich erinnere mich nicht daran, dass irgendeine Befreiungsbewegung, etwa die Black Consciousness-Bewegung oder das South African Student Movement (SASM) etwas zu unseren täglichen Treffen und Diskussionen beitrug. Kurz gesagt, wir als Schüler standen unserem Schicksal und unseren Problemen gegenüber. Nach einem oder zwei Monaten Bummelstreik, ohne dass sich eine Lösung abgezeichnet hätte, beschlossen wir, offiziell einen Schulboykott zu beginnen, der Mitte Mai anfing." (Ndlovu 1998:7)


Ndlovu zitiert aus einer 1995 aufgezeichneten Stellungnahme seines früheren Klassenkameraden Paul Ndaba: „Wir wussten damals nicht, wofür die Befreiungsbewegungen eintraten. Wir wussten nur, dass es eine Organisation namens PAC gab und dass es eine Organisation gab, die ANC genannt wurde. Das Haus des Präsidenten in Orlando West [Stadtteil von Soweto] lag fast gegenüber unserer Schule. Wir wussten, dass dieses Haus Herrn Mandela gehörte. Wir wussten nur, dass er verhaftet und für Verrat und solche Dinge verurteilt worden war. Wir wussten nichts über die Geschichte des ANC oder des PAC, wir wussten nur, dass diese Organisationen irgendwo in Sambia saßen, aber wir wussten nicht, was sie dort machten. (...) Die BCM (Black Consciousness Movement) war auch nicht da, die Initiative lag nur bei den Schülern selbst. (...) Wenn niemand diese Sache richtig stellt, dann wird es eines Tages als Tatsache gehandelt, dass es eine Initiative des ANC gewesen sei." (Ndlovu 1998:34 und 44)


Ein weiterer ehemaliger Aktivist, Njabulo Nkonyane, ließ ebenfalls im Dezember 1995 seine Erinnerungen von Ndlovu aufzeichnen:
„Ich erinnere mich, dass wir an dem Morgen auf dem Schulplatz versammelt waren und der Rektor [Principal], Herr Mahlaba, ankündigte, dass möglicherweise Schüler von anderen Schulen kommen würden und es eine Demonstration geben würde. Er erwartete, dass wir uns in einer disziplinierten Weise verhalten würden. Aber dann kamen die Schüler und wir machten mit. (...) Die Demonstration entwickelte ein Eigenleben; sobald wir mitmachten, konnte keiner uns mehr etwas sagen. Sie wurde nicht geleitet. Die Polizei reagierte in der bekannten Weise. Wir reagierten unsererseits." (Ndlovu 1998:36.)


Die friedlichen Demonstrationen eskalierten, als die Polizei mit großer Brutalität gegen die Jugendlichen und Kinder vorging. Bereits in den ersten Tagen wurden etliche erschossen – zumeist auf der Flucht. Die Polizeigewalt erreichte, dass der Aufstand nach einer Woche abflaute. Dem folgten weitere Wellen der Eskalation und Repression. Schätzungen zufolge gab es mindestens 500 Verletzte und Tote, etwa 1200 Schüler/innen wurden verhaftet, 44 Prozent waren zwischen 13 und 16 Jahren. Mancherorts war die Hälfte der Inhaftierten Mädchen. Die Schülerinnen und Schüler hatten erkannt, allein würden sie gegen die militarisierte Staatsmacht nicht viel ausrichten können. Deshalb suchten sie Verbündete.

 

Bündnisse
Da die große Mehrheit der Bewohner Sowetos in Industrie und Dienstleistungsbetrieben arbeitete, lag es nahe, sie in den Aufstand einzubeziehen. Darum rief der Schülerrat von Soweto Mitte September 1976 zu einem dreitägigen Streik auf. Allerdings war dies kein normaler Streik, da die Arbeiter zu Hause bleiben sollten, wo sie vor der Polizeigewalt sicherer waren als auf der Straße. Erstmals war ein sogenannter „Stay Away" im Rahmen zivilen Widerstands in den 1950er-Jahren erfolgreich ausprobiert worden. Aber offenbar handelte es sich 1976 um eine „Neuerfindung". Wie sich später herausstellte, waren drei Tage das Höchstmaß dessen, was die Bevölkerung durchhalten konnte. Aufgrund der sehr geringen Löhne und der erst im Aufbau befindlichen Gewerkschaften, die über keine Streikkassen verfügten, hatten die Menschen keine finanziellen Rücklagen.


Die Aktion wird als „dritte Phase" des Kampfes bezeichnet, nach den Demonstrationen der Schüler Mitte Juni und einem Streik im August, bei dem es der Polizei erstmals gelungen war, schwarze Wanderarbeiter gegen die Bevölkerung von Soweto aufzuhetzen, was zu einem Blutbad führte. Die Polizei hatte an die Wanderarbeiter als ältere Männer appelliert, sie waren in Wohnheimen kaserniert worden und lebten von der Bevölkerung Sowetos getrennt. Vertreter der Apartheidpolizei gaukelten ihnen vor, außer Rand und Band geratene Jugendliche wollten die soziale Ordnung umstürzen, indem die ältere Generation gezwungen werden sollte, sich der jungen unterzuordnen. Die Wanderarbeiter, die noch stark von Normen des Respekts vor den Alten geprägt waren, reagierten wie erwartet. Später konnten die Jugendlichen die Wanderarbeiter von ihren wirklichen Zielen überzeugen und sie in großer Zahl auf ihre Seite bringen. In ihrem Streikaufruf im September 1976 sprachen sie die ältere Generation als „Väter und Mütter" an und präsentierten sich selbst als deren Kinder. Durch diesen Appell an traditionelle Rollenbilder hofften sie, die inter-generationelle Gewalt dieses Mal zu verhindern, was ihnen in der Tat gelang.

 

Generationenverhältnis
Allerdings konnte der Führungsanspruch des Soweto Students Representative Council SSRC bei der Bewohnerschaft Sowetos nicht ohne weiteres durchgesetzt werden. Der Führungsanspruch dieses Schülerrats war auch fragil, weil er selbst nicht gewählt war, sondern sich unter den Bedingungen der Repression und des Untergrunds durch Kooptation jeweils neu konstituierte. Daraus erklärt sich, warum in Flugblättern aus dem Jahr 1976 immer wieder die Führung durch Jugendliche gerechtfertigt wird. Manche Aufrufe sind auch mit Drohungen gegen alle verbunden, die sich nicht an die Anweisungen halten. Zumindest für einen Teil der jugendlichen Aktivisten waren alle Mitglieder der älteren Generation grundsätzlich der Kollaborationsbereitschaft verdächtig.


Es gab offensichtlich drei unterschiedliche Legitimationsstrategien für die Führung des Aufstands durch Jugendliche:


1. Die ältere Generation wurde durch Alkohol und Scheinzugeständnisse des Apartheidstaates korrumpiert. Dies erklärt die massiven Angriffe auf die staatlichen Bierhallen in Soweto bereits am ersten Tag des Aufstands. Viele Jugendliche betrachteten die ältere Generation als entmündigt und entmännlicht durch den Konsum von Alkohol, der ihre Widerstandskraft lähmte.


2. Die ältere Generation wurde in die Apartheid hineinsozialisiert und hat verlernt, sich zu wehren. Die jüngere Generation ist noch nicht „vergiftet" und ihr fällt darum der Führungsanspruch zu. So äußerten sich Schüler in Interviews der deutschen Journalistin Gisela Albrecht 1976, die 1977 im Buch „Soweto oder der Aufstand der Vorstädte" in Reinbek auf Deutsch erschienen. Darin bezogen sich die Aktivisten auf die Argumentationen des Black Consciousness vom internalisierten Kolonialismus:


„Es ist ja gerade dieses Gefühl, nur ein Schwarzer und minderwertiger zu sein, diese Ideologie ist es, die verhindert, dass sich politisch etwas ändert. Es gibt den Minderwertigkeitskomplex immer noch, aber er verliert zunehmend an Bedeutung, vor allem bei den Jüngeren. (...) Wenn Sie etwas anderes beobachten, dann steckt nicht dieser Komplex dahinter, sondern Furcht, begründete Furcht. Und das ist etwas ganz anderes." (Albrecht 1977:104).


3. Die ältere Generation ging ein Stück des Wegs, jetzt übernimmt die jüngere Generation den Stab und führt den Widerstand weiter. Daraus resultiert ihr Recht auf Führung. Dies wird deutlich in folgendem Zitat eines Oberschülers, den Gisela Albrecht 1976 während eines Interviews nach der Rolle alter Menschen fragte: „Sie haben ihren Teil geleistet, als sie noch jünger waren. Ich glaube, jeder Mensch verliert irgendwann die Kraft weiterzukämpfen, wenn er älter wird. Aber die Jüngeren geben ihnen wieder neuen Mut." (Albrecht 1977:100).

 

Flugblatt des Soweto Students' Representative Council mit dem Aufruf zu einem Stay-Away ab 13. September 1976:
„Azikhwelwa on Monday"
„Das Volk von Südafrika betritt nun die dritte Phase seines Kampfes gegen die Unterdrücker, nämlich: Operation Azikhwelwa [Streik]!
Die Rassisten verloren durch unsere letzte Demonstration – von Zynikern Aufruhr genannt – Millionen Rand, weil die Menschen der Arbeit fern blieben. Daraus zogen sie den Schluss, sofort die Allianz zwischen Schülern und Arbeitern zu brechen. Sie riefen unverzüglich die Arbeiter auf, knob-kieries (traditionelle keulenartige Schlagwaffen aus Holz) und Schwerter bei sich zu tragen und damit ihre eigenen Kinder zu ermorden –, die für eine gerechte Sache demonstrierten.
Eltern-Arbeiter, ihr solltet bedenken, dass ihr, wenn ihr zur Arbeit geht, [Premierminister] Vorster dazu einladet, uns, eure Kinder, abzuschlachten, wie er es schon getan hat. Vorster und seine Gangster haben behauptet, dass die Schießereien der vergangenen Woche dazu dienten, euch, unsere eigenen Eltern, vor uns, euren eigenen Kindern, zu beschützen. Ihr liefert Vorster den Vorwand, uns zu ermorden. Bitte lasst es nicht zu, dass Vorster euch aufhetzt, eure eigenen Kinder zu ermorden – lasst ihn seine schmutzige und mörderische Arbeit erledigen, ohne dass ihr zum Sündenbock werdet. Wir wollen weitere Schießereien vermeiden – und das kann am besten geschehen, wenn ihr euch nicht davon abbringen lasst, zuhause zu bleiben.
Wir wollen unsere Examen schreiben, aber wir sind nicht so eigensüchtig, dies auch dann zu tun, wenn unsere Brüder in John Vorster [Square - Adresse des Polizeihauptquartiers] getötet werden. Eltern, ihr solltet euch freuen, dass ihr diese Art Kinder in die Welt gesetzt habt. Ein Kind, dass es vorzieht, gegen die Unterdrücker zu kämpfen, als in Trunksucht, Frustration und Kriminalität unterzugehen. Ein Kind, dass es vorzieht, durch eine Kugel zu sterben, als eine vergiftete Erziehung zu schlucken, die es selbst und seine Eltern in einen Zustand dauerhafter Unterwerfung zwingt. Seid ihr nicht stolz auf die Soldaten der Befreiung, die ihr geboren habt? Wenn ihr auf sie stolz seid, dann unterstützt sie auch! Geht am Montag nicht zur Arbeit.
Lasst euch nicht schaudern bei dem Gedanken, dass wir ein Jahr verloren hätten. Dieses Jahr wird in die Geschichte eingehen als der Anfang vom Ende des repressiven Systems, als Anfang vom Ende der unterdrückerischen Zustände in Südafrika.
Vorster spricht bereits von der Möglichkeit des Hausbesitzes für Schwarze in SOWETO. Dies ist ein Sieg, der errungen wurde, weil wir, die Schüler, eure Kinder, uns bereit fanden, unser Blut zu vergießen. Jetzt geht es um größere Siege: die Abschaffung der BANTU EDUCATION, die FREILASSUNG der Gefangenen, die während der Demonstrationen verhaftet worden sind, und den Sturz der Unterdrückung. Wir, die Schüler, rufen unsere Eltern dazu auf, zu Hause zu bleiben und von Montag an nicht zur Arbeit zu gehen.
Eltern-Arbeiter, folgt unserem Aufruf, und bleibt der Arbeit fern. Wir, die schwarze Gesellschaft, haben durch Operation Azikhwelwa nichts zu verlieren als unsere Ketten. Unsere Unterdrücker sollen zittern! Das Volk von Südafrika ist entschlossen – es ruft mit einer Stimme: „KRUGER [Justizminister], LASS UNSERE KINDER FREI"
„Rassisten, wir lassen UNSERE KINDER nicht im Stich, indem wir nicht zur Arbeit gehen!"
„Wir werden unsere KINDER nicht mit knob-kieries ERMORDEN!"
Unser Slogan ist: WEG MIT VORSTER!!! NIEDER MIT DER UNTERDRÜCKUNG!!! DIE MACHT DEM VOLKE!!!
Wann hat sich dieser kriminelle Vorster jemals um euch gekümmert? Hat er nicht die Tötung von zwölf [Minen-]Arbeitern in Carletonville angeordnet? Wurden nicht Hunde eingesetzt, als die Leute von Croesus streikten? Wurden nicht schwangere Frauen in der „HEINEMANN-FABRIK" von Vorsters Polizei-Halunken gewürgt und fast totgeschlagen?
AZKHWELWA MADODA!!!! Kufayayo Bazali Yinile! [Fahrt nicht, Leute!!!! Wer es doch tut, wird sterben, Eltern!]
aus: Karis, Gerhart, Bd. 5, Document 70

 

Flugblatt des Soweto Students' Representative Council in Englisch und Sesotho, 15. Okt. 1976:
„An alle Väter und Mütter, Brüder und Schwestern, Freunde und Arbeiter, in allen Großstädten, Städten und Dörfern in der Republik Südafrika"
„Wir appellieren an euch, euch dem Kampf für eure eigene Befreiung anzuschließen. Mischt euch ein und vereint euch mit uns, denn es sind euer eigener Sohn und eure eigene Tochter, die wir an jedem Wochenende beerdigen. Der Tod ist für uns alle in den Townships allgegenwärtig. Es gibt keine Frieden und es wird keinen geben, bis wir alle frei sind.
1. Soweto und alle Schwarzen-Townships treten nun in eine Zeit der TRAUER um die Toten ein. Wir müssen allen Schülern und Erwachsenen, die von der Polizei ermordet wurden, unseren Respekt erweisen.
2. Wir müssen denjenigen unsere Solidarität zeigen, die in den Polizeizellen festgehalten werden und an unserer Statt gefoltert werden.
3. Wir sollten unsere Sympathie und Unterstützung all den Arbeitern zeigen, die Lohnkürzungen und Arbeitslosigkeit hinnehmen mussten, weil sie unserem Aufruf folgten, drei Tage der Arbeit fernzubleiben.
4. Wir sollen zusammenstehen und vereint sein in der Forderung:
KLAGT die POLITISCHEN GEFANGENEN AN ODER ENTLASST SIE ALLE!
5. WIR MÜSSEN FREI WERDEN!
UNSER AUFRUF IST: AUF ALLES, WORAN WIR FREUDE HABEN, MÜSSEN WIR VERZICHTEN WEGEN DERJENIGEN UNSERER KINDER, DIE DURCH POLIZEIKUGELN STARBEN.
- KEINE WEIHNACHTSEINKÄUFE
- KEINE WEIHNACHTSKARTEN
- KEINE WEIHNACHTSGESCHENKE
- KEINE WEIHNACHTSPARTIES
- KEINE SHEBEENBESUCHE [Shebeens = Townshipkneipen]
Lasst uns, eure Kinder, zum ersten Mal weder zu Weihnachten noch zu Neujahr neue Kleider kaufen oder anziehen.
Das Jahr 1976 wird in unsere Geschichte eingehen als das JAHR DES TRAUERNS, das Jahr, in dem Schweiß, Blut und Tränen für unsere Befreiung vergossen wurden.
Wir werden diese Solidarität und Sympathie mit denjenigen, die ihr Leben und ihr Einkommen und ihre Arbeitsplätze verloren haben, zeigen durch
KEINE EINKÄUFE IN DEN FOLGENDEN LÄDEN:
ALLE KLEIDERGESCHÄFTE
ALLE MÖBELGESCHÄFTE
ALLE ALKOHOLGESCHÄFTE
ALLE SPIELWARENLÄDEN
Wir appellieren an alle Eltern, Arbeiter und Schüler und an alle Shebeen-Betreiber, diesem Aufruf Folge zu leisten. Wir können im Tod kein Glück finden.
Wir können nicht FEIERN!
N.B. Eure Söhne und Töchter und alle Schwarzen Führer werden Ausschau halten nach Sell-outs und Verrätern am Schwarzen Kampf!
„VEREINT SIND WIR STARK"
aus: Karis, Gerhart, Bd. 5, Doc. 72, S.583ff.

 

Das Dokument vom Oktober 1976 ist ein Aufruf an die gesamte Bevölkerung Südafrikas, nicht mehr nur Sowetos; der Schülerrat von Soweto tritt nun als Sprecher des Widerstands im gesamten Land auf. Gleichzeitig wird das System grundsätzlich angegriffen. Zudem erhält neben der Solidarität mit den Verhafteten die Totenklage großen Stellenwert, wobei der Aufruf eine Verbindung zu Traditionen herstellt. Da die getöteten Jugendlichen keine Ahnen werden können, weil sie selbst noch keine Nachkommen haben, die ihr Gedenken aufrechterhalten, bezieht sich die neue Form der Gemeinschaftsbildung auf lokale Vorstellungen von der Erweiterung der Gesellschaft über die Lebenden hinaus. Indem nun alle der Toten gedenken, war deren Opfer nicht umsonst. Ihnen wird die Ehre des Ahnenstatus zuteil, denn sie werden die „Väter und Mütter der Befreiung". Dieser Aufruf impliziert eine Aufwertung der Jugendlichen, woraus sich der dringliche Ton und der umfassende Katalog der zu befolgenden Maßnahmen erklärt.


So erscheinen den christlich sozialisierten Aktivisten private Feiern von Weihnachten angesichts der vielen Toten unmoralisch. Auch durch Konsumboykott soll der Kampf fortgesetzt und den Toten Ehre erwiesen werden. Im Rahmen einer nationalistischer Mythenbildung wird Nation als imaginierte Gemeinschaft der Lebenden und der Toten dargestellt. Darum endet der Aufruf folgerichtig mit der Warnung vor Verrätern, denn zu solchen werden diejenigen, die den Toten den Respekt versagen.


Christoph Marx

 

Der Autor lehrt an der Universität Duisburg-Essen. Zu seinen Veröffentlichungen zählen: Jugend und Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika, Periplus, 12, 2002. Südafrika – Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 2012.

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