Maestro, Magistrat und Mathematiker

Heft 3/2016

Simbabwe: Literatur

TENDAI HUCHU IM GESPRÄCH. Wie kann man als simbabwischer Einwanderer in Schottland über die Entstehung von Kunst schreiben?

 

Mit seinem Roman „Der Friseur von Harare" ist der 1982 in Simbabwe geborene und in Edinburgh lebende Autor Tendai Huchu vor ein paar Jahren hierzulande bekannt geworden. Nun hat er mit „Maestro, Magistrat und Mathematiker" einen neuen Roman vorgelegt. Manfred Loimeier traf Tendai Huchu während einer Lesereise in Münster zu einem Gespräch über Literatur.

 

Herr Huchu, gleich zu Beginn Ihres Romans „Maestro, Magistrat und Mathematiker" zitieren Sie den Roman „Harare North" des simbabwischen Autors Brian Chikwava über simbabwische Immigranten in London. Sie bezeichnen das Einwandererleben als moderne Sklaverei. Könnten Sie das bitte erläutern?
Nun, ich kenne Brian ganz gut. Aber die Geschichte dahinter ist Folgende: Als ich das erste Mal ein Exemplar dieses Romans sah, der in einem gebrochenen Dialekt-Englisch-Slang geschrieben ist – in einem komplett schrägen, durchgeknallten Englisch, da dachte ich zuerst, meine Güte, der kann überhaupt nicht schreiben. Viele Monate später nahm ich mir „Harare North" abermals vor und las das Buch noch einmal. Mir fiel dann auf, dass Brian eine neue Sprache geschaffen hatte, indem er Worte aus karibischer Umgangssprache, Londoner Cockney-Slang und Simglisch benutzte. Es ist kein Pidgin-English, es ist eine gemachte, komponierte, kunstvolle Sprache. Was mich an seinem Roman interessiert, sind diese linguistischen Aspekte, ist dieser postmoderne Umgang mit dem Text, während die europäischen Leser das Buch in der Regel als Einwandererroman wahrnehmen. Wer meinen Roman aus dieser Sicht liest, wird sicherlich einige Dinge übersehen, die mir wichtig sind. Das Einwanderermilieu ist zufällig – ich brauchte schlicht einen Schauplatz für meine Geschichte, mit dem ich einigermaßen vertraut bin. Es ist nicht mein Ziel, Immigration zu erklären, denn das kann man alles in den Medien lesen. Mich interessiert, wie Kunst entsteht.

 

Das heißt?
Mir geht es weniger um linguistische Experimente wie Brian Chikwava, sondern um die Form des Romans. Als ich zu schreiben begann, wollte ich über Illusionen schreiben, ein Buch, das zur selben Zeit Wahrheit und Lüge ist. Allein schon der Titel „Maestro, Magistrat und Mathematiker" ist ein Widerspruch. Er stimmt zwar, aber zugleich arbeitet keine dieser Figuren in ihrem Beruf. Und noch etwas: Dieses Buch wird als Roman verkauft. Aber wenn man es zu Ende gelesen hat, wird man merken – ich will jetzt nicht zu viel verraten –, dass es ein Roman eines ganz bestimmten Genres ist. Obwohl es als Roman verkauft wird, besteht die Handlung aus drei unterschiedlichen Erzählungen, die man auch für sich allein lesen könnte – Erzählungen über den Maestro, den Magistrat und den Mathematiker. Als ich das Buch zu schreiben begann, war ich an Mikro-Identitäten interessiert – daran, wie sich Personen wandeln und wie sich unter bestimmten Umständen Persönlichkeiten verändern. Der Maestro zum Beispiel ist bei der Arbeit sehr gesellig, aber zu Hause ist er depressiv, denn manche Menschen verkörpern gleichzeitig diese unterschiedlichen Eigenschaften.

 

Der Magistrat hört unentwegt Musik aus Simbabwe und Mali. Ist das ein Versuch, die Verbindung zu Afrika aufrechtzuerhalten?
Ja, ich verbringe in diesem Roman viel Zeit damit, über Musik zu erzählen. Ich spreche anhand des Magistrats aber auch über Aspekte von Psychogeografie und städtischen Raum. Psychogeografie kommt aus Frankreich, aus den 1950er Jahren, und war ein Versuch, den städtischen Raum neu zu erfahren. Das war ein Konzept, sich nach einer Methode treiben zu lassen: Man geht beispielsweise die Straße entlang, bis einem jemand mit einem grünen Oberteil begegnet, und biegt dann links ab. Geht wieder geradeaus weiter und biegt beim nächsten grünen Oberteil wieder links ab. Das ist eine Art, verloren zu gehen. Der Magistrat ist sehr daran interessiert, die Stadt um sich herum zu entdecken und neue Eindrücke davon zu gewinnen. Mein persönliches Problem mit Psychogeografie ist: Sie ist mit der Figur des Gentleman verknüpft, des Flaneurs, der Zeit und Geld hat, so durch die Stadt streunen, sich darin verlieren und sie erforschen kann.


Mit der Figur des Magistrats habe ich versucht, einige Elemente dieses Konzepts in den Alltag zu übertragen. Er beobachtet beispielsweise die Stadt auf seinem Weg zur Arbeit. Er ist als Zeitarbeiter in diversen Pflegeheimen beschäftigt, die quer über die Stadt verteilt sind. Und in seiner mentalen Landkarte versucht er, Erinnerungen an Orte mit Musik zu verknüpfen. Wenn Sie an ein besonderes Lied denken, wird es Sie in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort versetzen. Er nutzt also diese Musik, um damit eine neuartige Erfahrung des städtischen Raums zu machen.

 

Und Maestro? Er liest jede Menge – ist das eine Art Flucht vor der Realität?
Ein erfahrener Leser wird merken, dass Maestro eine Art von Don Quijote ist. Er liest zu viel, und das verwirrt ihn. Ich beziehe mich mit dieser Figur auf das Buch von Cervantes, das als erster moderner Roman betrachtet wird. Ich bin sehr argwöhnisch gegenüber autobiografischer Fiktion, aber ich denke, dass die Figur des Maestro mir ähnlich ist. Zumindest in dem Punkt, dass ich sehr skeptisch bin, was die Annahme betrifft, Literatur könne die Welt verändern. Und ich denke, Maestro spiegelt diese meine Meinung wider.


Aber die Figur des Maestro hat auch ihre Tücken. Wir wissen: Er ist ein Kiffer und raucht die ganze Zeit Gras. Das heißt, seine Wahrnehmung von Wirklichkeit kann ein bisschen eigenwillig sein. Daher die Anspielung auf Don Quijote. Er hat das Problem junger Leute, dass sie Literatur lesen, um Antworten zu bekommen. Aber er lernt: Man darf von der Literatur keine Antworten erwarten, denn sie nennt einem nur verschiedene Optionen.

 

Zum Mathematiker. Er ist ein junger Mann, der in Edinburgh seine Doktorarbeit über die wirtschaftlichen Vorteile von Inflation schreibt. Ist er ein Beispiel für die Abwanderung gut ausgebildeter Afrikaner nach Europa?
Nicht direkt. Er ist nur ein reicher junger Mann an der Universität. Ich wollte die Geschichte ein bisschen vereinfachen. Kennen Sie die mathematische Definition von Schönheit? Eine Theorie oder eine Formel ist schön, wenn sie einfach ist; oder wenn sie originell ist und neue Einsichten ermöglicht; oder drittens, wenn sie überraschend ist. Als ich mir also den Text so ansah, nahm ich mir vor, ihn zu vereinfachen und in drei Erzählungen zu fassen.


Der Maestro ist in dichter, langsamer Prosa beschrieben, die Sätze sind länger, Bewusstseinsströme. Es sind die langsamsten Abschnitte des Buches; Maestro ist der Stundenzeiger meiner Uhr. Der Magistrat steht dazwischen, da passiert etwas mehr; er ist der Minutenzeiger. Und dann ist da als dritte Kraft der Mathematiker, der Sekundenzeiger. Seine Passagen sind in Präsens geschrieben; er ist jung, seine Sachen geschehen zackzack. Ich zögere damit zu sagen, mit ihm stelle ich den Braindrain dar. Wenn Sie seine Figur wahrnehmen, werden Sie merken, dass er sich um solche Dinge keine Gedanken macht, dazu ist er zu beschäftigt. Er geht in Clubs und trifft sich mit seinen Freunden. Der Mathematiker ist eine Mischung, das zeigt sich auch in seiner Sicht auf die Stadt Edinburgh. Sie ist sehr verschieden von der Sicht der beiden anderen Protagonisten. Das Edinburgh des Maestro hat einen dunklen, deprimierenden Schimmer, während es für den Mathematiker ein heller, lebhafter und vergnüglicher Ort ist, an dem man es gut aushalten kann.

 

Ihr Roman hat kein Happyend, aber der Stil, in dem Sie schreiben, ist voller Humor und Ironie. Eignet sich der besser, um Ihre Themen darzustellen?
Nochmals, ich wehre mich absolut gegen die Vorstellung, mich mit Themen zu befassen. Ich beschäftige mich mit Kunst. Aber ich sollte sagen: Der Autor ist tot und so. Das heißt: Ich halte es für möglich, dass mein Text verschiedene Interpretationen zulässt. Wenn Sie das Buch kaufen, sind Sie frei darin, es zu interpretieren und auszulegen. So demokratisch sollten wir sein. Aber sofern solche Themen existieren, existieren sie nur als Inhalte im Zusammenhang des Textes, den ich schaffe. Und was Happyends angeht: Sofern sie nicht in entsprechenden Genre-Romanen geschehen, die ich durchaus schätze, sind sie in modernen Romanen schwierig einzulösen. Aber in diesem Zusammenhang wird Ihnen auffallen, wer die wichtigste Figur in diesem Buch ist: Alfonso. Er ist der Held. Aus irgendeinem Grund fällt er von der Bühne und die anderen drei Figuren übernehmen. Aber Alfonso ist im Text, darüber, darunter und mittendrin. Normalerweise dominiert in einem Roman die Hauptfigur, in mein Roman ist genau das Gegenteil der Fall. Wir sind also wieder bei dieser Ambivalenz dieses Romans.


Manfred Loimeier

 

Der Autor ist Literaturwissenschaftler, Dozent und Übersetzer. Zu seinen Publikationen zählen: Szene Afrika, Wortschätze und als Übersetzer: Der Bang-Bang Club.
Tendai Huchu: Maestro, Magistrat und Mathematiker, Roman, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 2016.

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