Schreiben, um den Augenblick festzuhalten

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

LITERARISCHER AKTIVISMUS NACH DEM SOWETO-AUFSTAND. Auf die herrschenden Bedingungen nach Soweto reagierten junge Autoren mit Schreiben.

 

Als ich in den 1980er Jahren auf der High School war, flohen Freunde von mir ins Exil, um sich dort der Befreiungsbewegung anzuschließen und den Krieg gegen die Apartheid von jenseits der Grenzen Südafrikas aus zu führen. Die Strategie sah vor, durch bewaffneten Kampf, in Verbindung mit Propaganda, gegen das System vorzugehen, das Opfer und Täter gleichermaßen entmenschlichte. Ich wollte in diesem Krieg mitkämpfen. Ich musste dabei sein.


Ich war damals noch jung, hatte die Provinz, in der ich zur Welt gekommen war, noch nie verlassen und brauchte offenkundig einen Wegweiser — wie komme ich raus aus meiner Provinz, über die Grenze und von dort aus weiter? Hier sei angemerkt, dass Schwarze, bedingt durch Gesetze zur Zuwanderungs-Kontrolle, auf Schritt und Tritt überwacht wurden. Ein Schwarzer, egal wo er hinging, musste ein offizielles Ausweisdokument mit sich führen, den viel geschmähten Dompas. Ohne dieses Papier war der Schwarze ein Nichts, ein Geist. Wenn die Polizei ihn auf der Straße ohne dieses Dokument antraf, konnte sie ihn einsperren.


Ich war damals noch zu jung, um einen solchen Ausweis zu besitzen. Ich musste mich also heimlich bewegen, von Stadt zu Stadt, bis über die Grenze, ins Nachbarland. Dazu aber brauchte ich fachmännischen Rat. Und hier deutete alles auf einen Mann hin — Mafika Pascal Gwala, den bekannten Gewerkschafter und Lyriker. Er kam aus derselben Township wie ich, und interessanterweise hatte ich gerade meine Ausbildung bei ihm angefangen. Er brachte mir bei, wie man Gedichte schreibt, und vermittelte mir ein Gespür für Literatur.


Mit keinem Wort erwähnte er je, dass er Menschen über die Grenze ins Exil geholfen hatte. Ja, er hat mich dazu ermuntert, revolutionäre Schriften zu lesen. Aber er hat kein einziges Mal versucht, mich für die Untergrundbewegung zu rekrutieren. Zugegeben, ich war mit 15 der Jüngste in der Gruppe.


Meine Freunde, die das Land verlassen hatten, waren in meinem Alter. Also fasste ich mir eines Tages ein Herz und bat ihn, mir den Weg ins Exil zu ebnen. Ich konnte schwerlich, so meine Rechtfertigung ihm gegenüber, entspannt mein Leben als teilnahmsloser Teenager genießen, während meine Freunde vom Exil aus für die Befreiung der Heimat im Einsatz waren.


Meine Bitte schien Mafika nicht zu schockieren. Im Gegenteil, er hieß mich Platz nehmen und hielt mir einen ziemlich langen Vortrag. Die längste Lektion, die er mir bis dahin erteilt hatte.


Deren Kernaussage lässt sich in wenige Worte fassen, aus dem Gedicht von Arthur Nortje: „Denn manche von uns müssen die Burgen erstürmen, andere das Geschehen definieren." Nortje, ein aufgeweckter junger Dichter, Südafrikaner, wegen seiner Identität verfolgt, starb im Exil in England: Er stammte aus der Coloured Community, galt also als Farbiger — war, anders formuliert, gemischtrassig — und unglücklich über diese Zuschreibung. Er floh nach England, schrieb prägnante Gedichte und starb irgendwann an einer Überdosis Drogen. Er war erst 27.


So traurig und tragisch seine Geschichte auch war, seine Werke haben viele von uns inspiriert. „Denn manche von uns müssen die Burgen erstürmen, andere das Geschehen definieren." Mit der Wirkkraft dieser Worte gewappnet hab ich meinen Schulabschluss gemacht, und mir war sehr klar, wer ich war und welchen Auftrag ich in der Welt hatte. Ich zählte zu denen, die dazu bestimmt waren, „das Geschehen zu definieren".


Vor mir waren schon andere am Werk gewesen, die Definierer des Geschehens. Als das Untier Apartheid sich auf die Presse stürzte und seine drakonischen Gesetze es schier unmöglich machten, über die Brutalität des Systems zu berichten, stachen die Werke von Sipho Sepamla, Mongane Serote und ihresgleichen wie Leuchtfeuer aus dem Dunkel der Apartheid hervor. Diese Autoren schrieben unter schwierigsten Bedingungen und legten Zeugnis davon ab, was in unserem Land geschah. Ihre Worte gaben uns Kraft; sie entfachten Feuereifer in uns.


Nach der High School ging ich auf die Durban University of Technology und machte meinen Abschluss in Journalismus und Politologie. Obwohl ich Jahre später meine Laufbahn als Journalist begann, war mir sehr bewusst, dass meine Berufung über das bloße Story-Schreiben für Zeitungen hinausging. Folglich arbeitete ich tagsüber als Journalist und war nachts literarischer Aktivist. (...) Kunst, die nicht nur von der Brutalität erzählte, sondern über den Moment hinauswies. Kunst, die Opfer zu Menschen machen konnte.


Fred Khumalo

 

Der Autor ist Literat und Journalist.

 

Auszug aus seinem Vortrag über Xenophobie und Rassismus in Südafrika, Herausforderungen an einen Schriftsteller. Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Fred Khumalo referierte am 18.5.2016 in der Akademie der Künste der Welt, Köln. Als Übersetzerin wirkte Jutta Himmelreich. Eine Veranstaltung im Rahmen des literarischen Austauschprogramms „Rhine-South-Africa-Fellowship", einer 2015 von stimmen afrikas/Allerweltshaus Köln und Syltfoundation initiierten Kooperation mit der Akademie der Künste der Welt, unterstützt von der Kunststiftung NRW.

 

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