Vom Rotkohl zum Regenbogen – mit einem Augenzwinkern Grenzen überschreiten

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

INKLUSION – GEMEINSAMES LERNEN ist im globalen Süden und im Norden eine bildungspolitische Herausforderung. Innovative Ansätze in Südafrika beweisen, wie Lernen miteinander und voneinander gelingt: Am besten durch Austausch. Wie kunstvoll und lebendig der sein kann, zeigen Färbergärten und Clownsnasen.

 

„Ich werde heute Nacht nicht schlafen können – so viele Inputs, so viele Ideen. Ich will das alles sofort in der Realität umsetzen!" Mit diesen Worten klettert Jwalane Patricia Mokanyane an der Kamagugu Inclusive School nahe Nelspruit in Südafrikas östlichster Provinz Mpumalanga in einen Minibus. Er wird sie und ihre zehn Kollegen/innen etliche hundert Kilometer nach Parys in die südafrikanische Provinz Free State zurückbringen. Trotz des regenreichen Tages im März 2016 schwingt eine gute Stimmung in der Luft. Frau Mokanyane bringt auf den Punkt, was ihre Selbsthilfegruppe der Tshad Zayboon Motola School während ihres ereignisreichen Besuchs an der Kamagugu Inclusive School erlebt hat. Für viele ging es auf dieser Reise zum ersten Mal in ihrem Leben über die Grenze der eigenen Provinz. Und es war in vieler Hinsicht ein wichtiger Meilenstein für eine neue, ganz besondere Partnerschaft zwischen den zwei inklusiven Schulen.

 

Die Selbsthilfeinitiative Tshad
Schulische Bildung ist in Südafrika ein Menschenrecht, das gilt auch für behinderte Kinder und Jugendliche. Angesichts infrastruktureller Probleme ist ihr Bildungszugang aber mancherorts schwierig. Deshalb ergänzen Selbsthilfeinitiativen staatliche Einrichtungen. Die Tumahole Self Help Association for Disabled (Tshad) wurde 1990 gegründet und ist als Nichtregierungsorganisation registriert. Tshad setzt sich für die individuellen Rechte und die Förderung geistig und körperlich beeinträchtigter Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener ein.


Zu den Angeboten gehören die kleine Zayboon Motola School, eine Tagesbetreuung, ein häusliches Pflegeprogramm und diverse Einkommen schaffende Maßnahmen. Tshad liegt zwar etwas versteckt in einem kleinen Industriegelände zwischen der Stadt Parys und dem Township Tumahole, doch in dieser Fabrik und auf dem umgebenden Grundstück bewegt sich viel. Hier werden innovative Ansätze von inklusivem Leben und Lernen praktiziert.


Die Schüler/innen und zu betreuenden Personen werden mit dem Tshad-Kombibus morgens abgeholt und am Nachmittag wieder nach Hause zurückgebracht. Personen, die nicht transportfähig sind, werden durch das häusliche Pflegeprogramm zu Hause unterstützt. Das südafrikanische Departement of Education stellt zwei Lehrerinnen, die eine Zusatzqualifikation für Sonderpädagogik haben und den Unterricht an der Schule gestalten. Außerdem beschäftigt Tshad Menschen als „Home Based Carer", sozialpädagogische Betreuer/innen und weiteres Personal. Ein Verein, private Spender, unregelmäßige staatliche Fördergelder und eine Unternehmensstiftung sorgen für die Finanzbasis.


Trotz der bereits bestehenden, umfangreichen Angebote steckt Tshad in Tumahole – sowohl was die bauliche Ausstattung als auch die Gestaltung der Lehrpläne und der Qualifizierungsangebote angeht – noch in den Kinderschuhen. Die noch im Aufbau befindliche Zayboon Motola School ist mitten im Anerkennungsverfahren als inklusive Schule, während die Einrichtung in der Nachbarprovinz bereits über viel Erfahrung verfügt und sogar internationale Beachtung und Anerkennung genießt.

 

Tshad bringt Farbe ins Spiel
Umso wichtiger war für die Tshad-Vertreter/innen der Austausch mit der Kamagugu Inclusive School. Sie kamen mit einem besonderen Gastgeschenk: Pflanzenfarbe im ganzen Spektrum des Regenbogens. Blumig gesagt brachte das Tshad-Team Farbe ins Spiel, denn seit Anfang 2016 ist Tshad Teil der internationalen Netzwerkinitiative sevengardens. Deren Grundidee ist: Altes Wissen über die Herstellung von Pflanzenfarben reaktivieren und für die heutige Zeit anwenden – auch für junge Menschen mit Beeinträchtigungen.


Den ersten Workshop zur Anlage eines Färbergartens auf dem Tshad-Gelände und der Einführung in die Farbherstellung und in Färbetechniken führte Ephraime Mosibi mit Unterstützung des deutschen Vereins Südafrika-Hilfe e.V. durch. Er arbeitet für sevengardens. Der kreative junge Mann erklärt: „Ich habe 2011 selbst an einem Workshop von sevengardens in Free State teilgenommen. In der Folgezeit haben wir die Impulse für uns und unsere Bedürfnisse weiterentwickelt. Eine besonders gut geeignete Zutat aus dem Garten ist der Rotkohl. Aus dem Sud der gemörserten Pflanzenteile können wir alle Farben des Regenbogens herstellen. Wir nutzen dazu nur die Außenblätter, der Großteil dieses gesunden Gemüses landet im Kochtopf. Schließlich sollen die Gärten auch der Ernährungssicherheit dienen. Daher arbeiten wir in der Färberei ausschließlich mit Pflanzenresten und ergänzen sie mit Pigmenten, die aus unserer heimischen Erde und aus Asche gewonnen werden. Diese traditionelle lokale Praxis erwecken wir zu neuem Leben. So nutzen wir nun die Pflanzenfarbe zum Bedrucken von T-Shirts und konnten bereits 2014 ein eigenes Label anmelden. Wir bieten unsere Produkte auf dem heimischen Markt und zum Teil sogar in Deutschland an."


Ephraime Mosibis Erfahrungen kommen in den Werkstätten und im Garten von Tshad zur Entfaltung, sie fließen auch in die kunstpädagogische Arbeit mit den behinderten Kindern ein. Die nahmen mit großer Begeisterung am ersten Färberworkshop teil. Eifrig stampften sie Blütenblätter und mörserten Erde – jede und jeder im eigenen Tempo und an die individuellen Fähigkeiten angepasst. Das praktische Ausprobieren, das Experimentieren mit allen Sinnen und die niedrigschwellige Herangehensweise von sevengardens boten den Kindern und Jugendlichen ebenso wie dem Team der Erwachsenen einen leichten Zugang.


Sogar die im Free State auf Distrikt- und Provinzebene zuständigen Bildungsabteilungen sind von diesem didaktischen Projekt überzeugt. Sie möchten, dass ein Vorschlag erarbeitet wird, damit sevengardens in das Curriculum der Tshad-Schule und in die Lehrpläne der gesamten Provinz aufgenommen wird. Und mehr noch: Diese Initiative soll als partnerschaftliches Pilotprojekt die Türen öffnen nach Mpumalanga und zu einem ersten Austausch über inklusive Lerninhalte- und Aktivitäten beitragen.

 

Die Kamagugu Inclusive School
Der Stadtteil Kamagugu, der auch der Inklusiven Schule seinen Namen gibt, liegt ungefähr sechs Kilometer von Nelspruit entfernt und wird überwiegend von der schwarzen Bevölkerung bewohnt. Gegründet im Jahr 2001 war und ist die Kamagugu Inclusive School Teil eines Modellprojektes der Regierung – Kinder mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten erhalten hier die Möglichkeit, in einen schulischen und berufsvorbereitenden Alltag eingegliedert zu werden. In den Anfängen der Einrichtung existierte lediglich ein einzelnes Gebäude, welches für den Unterricht und die Pausen gleichzeitig genutzt werden musste.


Im Laufe der Jahre konnte diese Keimzelle ausgebaut werden. Nun stehen den über 300 Schülerinnen und Schülern neben Unterrichts- und Bastelräumen verschiedene Werkstätten, eine Aula für Theater- und Musikveranstaltungen, ein Gemüsegarten, ein Fußballplatz und ein kleine Sportanlage zur Verfügung.


Eine Künstlerin aus Nelspruit bietet regelmäßig kunsthandwerklichen Unterricht an. Viele Dinge wie naturfarbene Ohrringe aus Samenhülsen, knallbunte Therapiepuppen aus gebrauchter Wolle, Blumendekorationen aus rostigem Blech oder Schlüsselanhänger in traditioneller Perlenkunst entstehen innerhalb der UpCycling-Workshops. Hier lernen Schüler/innen, leeren Verpackungen und anderen Reststoffen kreativ einen neuen Sinn zu geben. Die tatkräftige Lehrerin erzählt stolz: „Nächsten Monat zeige ich in England, wie aus alten Plastikflaschen Blumenampeln gebastelt werden können – auf einem Kongress in London stelle ich unsere Arbeit an der Kamagugu-Schule vor."


In einem kleinen Laden auf dem Schulgelände wird das Kunsthandwerk verkauft – unter anderem sind auch größere Firmen und Banken aus der Stadt Abnehmer dieser Produkte und tragen so zur finanziellen Stabilität der Einrichtung bei.


Zur Vorbereitung auf ein Leben nach der Schule gehören nicht nur klassische Schulfächer oder berufsvorbereitende Maßnahmen wie Koch- und Backkurse oder Nähunterricht. Es geht vor allem um das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen. Hier setzt die Initiative Clownschools for Life an. Seit drei Jahren gehört das Mutmach-Projekt zum Alltag an der Kamagugu Inclusive School. Ein Team lokaler Clowns-Trainerinnen und Trainer, die vom Düsseldorfer Pantomimen Nemo ausgebildet wurden, unterrichtet das Mimenspiel und entwickelt eigene Theaterstücke zu Themen, die für benachteiligte Kinder und Jugendliche von Bedeutung sind und ihren Alltag beeinflussen. Es geht um die schwierige Wasserversorgung in den Townships, um die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen oder um die erste Liebe. Die Schülerinnen und Schüler werden nach individuellen Fertigkeiten und körperlichen Einschränkungen aktiv einbezogen und das nicht nur an der Kamagugu-Schule, sondern auch an anderen Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen.

 

Austausch und Partnerschaften
Die Idee zur Begegnung zwischen der Kamagugu Inclusive School und Tshad entstand im November 2014 im Rahmen einer Projektreise des Südafrika Forum NRW. Im März diesen Jahres wurde nun der Grundstein gelegt – oder besser der erste Spatenstich getan – für einen Austausch und das voneinander Lernen zweier Schulen, die zwar unter völlig unterschiedlichen Bedingungen arbeiten, jedoch das Gleiche wollen: lebendiges, buntes, gleichberechtigtes Lernen für alle Kinder der Regenbogennation.


Kürzlich erfuhren wir von Nongase Anna Mpindo, die zusammen mit ihren Tshad-Kollegen/innen nach dem ersten Besuch bei der Kamagugu Inclusive School im März in den Bus stieg: „Der Ausflug war sehr inspirierend. Unser Team ist immer noch beeindruckt, und wir wollen unsere Schule auf einen neuen Weg bringen. Wir Frauen nehmen jetzt an regelmäßigen Trainings einer Physiotherapeutin am Parys Hospital statt. Und wir greifen die Vorschläge der Kamagugu School zur Spendenakquise auf: Wir sind Mitorganisatoren eines Arts Market für lokale Kunst und Design in Parys – die Produktion für unseren Stand läuft derzeit auf Hochtouren!"


Vera Dwors, Almud Pollmeier

 

Vera Dwors baut seit Anfang 2016 am Amt für MÖWe in Dortmund die neue Fachstelle Südafrika auf. Seit März 2016 ist sie Bundesthemenkoordinatorin für „Internationale Kooperationen / Partnerschaften". Zuvor war sie Promotorin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit und ab 2009 zudem Geschäftsführerin des Mpumalanga Forums NRW.

 

Dr. Almud Pollmeier ist Kinderärztin, hat einen Master der Humanitären Hilfe und hat als Mitglied der Südafrika-Hilfe e.V. bei einer lokalen Partnerorganisation sechs Jahre als Projektleiterin einer Hiv-Klinik in Parys/Tumahole, Südafrika, gearbeitet.

 


SÜDAFRIKA FORUM NRW
Um eine internationale Zusammenarbeit über 10.000 Kilometer lebendig zu gestalten, braucht es hier wie dort Akteure/innen, die mit Herz und Verstand immer wieder Anstöße zu neuen Projektideen und Kooperationen geben. Bereits 2001 wurde zu diesem Zweck das Mpumalanga Forum NRW gegründet – zivilgesellschaftliche Initiativen, Wissens- und Erfahrungsaustausch auf Regierungsebene, wirtschaftliche Beziehungen, Städte- und Schulpartnerschaften sind mittlerweile Teil dieses Netzwerkes. In den 15 Jahren der Zusammenarbeit entstanden zunehmend Verbindungen über die Grenzen Mpumalangas hinaus mit weiteren südafrikanischen Provinzen – wie Free State, Limpopo, Gauteng und Western Cape. Seit 2015 unterstützen wir nun als Südafrika Forum NRW Menschen und Organisationen bei ihrem Engagement für Projekte, vor allem für Partnerschaften in der Regenbogennation – im Sinne einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung. Dazu zählen die Clownschools for Life an der Kamagugu Inclusive School und die dort geplante Einführung inklusiver Färbergärten, für die beeinträchtigte Kinder und Jugendliche in Tshad sich schon jetzt begeistern.


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