Was Jugendliche mit Umweltbildung verändern können

Heft 3/2016

Südafrika: Recht auf Bildung

NEUE PFADE IM SCHULISCHEN UND AUSSERSCHULISCHEN UMWELTSCHUTZ. „Die mutigen Schüler/innen des Soweto-Aufstands zeigten uns, was Jugendliche erreichen können, wenn sie einen eigenen Standpunkt haben. Sie brachten den Wandel. Das ermutigt mich, gemeinsam mit anderen Umweltaktivisten unseren Standpunkt zu vertreten, Umweltzerstörung zu kritisieren und mehr Umweltschutz zu fordern", sagt Lucky Maisanye im Gespräch mit afrika süd.

 

Was motivierte Sie, Umweltaktivist zu werden?
Ich wurde 1986 im ländlichen Mpumalanga nahe Malelane am Kruger-Nationalpark geboren. Dort ging ich zunächst in die Primarschule. Im Jahr 2000 zog ich mit meiner Mutter nach Witbank, wo mein Vater in einer Mine arbeitete. Sie wollte nicht länger von ihm getrennt leben. Witbank ist eine Minenstadt mit sehr hoher Luftverschmutzung wegen des Kohleabbaus und den damit verbundenen Industriebetrieben.


Im Geographieunterricht informierte uns eine Lehrerin über die Zusammenhänge zwischen den Schadstoffen in der Luft und den Gesundheitsproblemen sehr vieler Kinder, wie endloses Husten oder Atemnot. Diese Lehrerin motivierte mein Interesse für Umweltthemen. Denn sie war auch praktisch sehr engagiert. Sie leitete uns im Schulgarten an, wo wir Freitags nach dem Unterricht Gemüse pflanzten. Während andere Kinder zum Sport gingen oder in Kunstkurse, entschied ich mich für den Garten. Dort lernten wir, Tomaten, Spinat und Zwiebeln nach organischen Methoden anzupflanzen.


Mit unserer guten Ernte versorgten wir die Schulküche. Denn nicht alle Kinder hatten zu Hause genug zu essen. Deshalb gab es in der Schule kostenlose Mahlzeiten. Die waren vor allem für HIV-positive Kinder wichtig. Als Jugendlicher ging ich auch gern in ein Jugendzentrum von Lovelife und engagierte mich im dortigen Umweltclub. Wir setzten uns mit dem Zusammenhang von Gemüse, gesundem Essen, gesundem Lebensstil und HIV/Aids auseinander. Als Volontäre sammelten und recycelten wir Müll. Manche Wertstoffe wie Papier konnten wir sogar weiterverkaufen und uns etwas Geld damit verdienen. Damals war die Mülltrennung etwas ganz Neues und überhaupt nicht verbreitet.

 

Wie vermitteln Sie Umweltkenntnisse an Jugendliche?
2007 schloss ich meine Schulzeit mit dem Matric ab. Da meine Eltern kein Geld für ein Studium oder eine College-Ausbildung hatten, blieb ich als Volontär bei Lovelife, auch die Arbeit im Schulgarten setzte ich fort. Das gemeinsame Gärtnern mit den Schülerinnen und Schülern bereitete mir viel Freude. Als ich 2010 einen Studienkredit bewilligt bekam, schrieb ich mich an einem College für „Engineering and related design" ein. So erwarb ich technische Kenntnisse; gleichzeitig wurde mir klar, dass Minen als möglicher Arbeitsplatz nichts für mich waren.


Ich konzentrierte mich wieder auf das Engagement in Nichtregierungsorganisationen. Das war im Kontext des Weltklimagipfels COP 17, der 2011 in Durban stattfand. Er trug dazu bei, das Umweltbewusstsein im Land zu fördern. In dem Jahr gründete ich gemeinsam mit anderen jungen Umweltaktivisten die „Outragous courage youth", eine Nichtregierungsorganisation. Wir waren besonders entsetzt über die verlassenen Minen, die bis heute weiterhin alles vergiften und nicht einmal abgeriegelt sind, so dass immer wieder spielende Kinder zu Schaden kommen. Wir begannen, illegale Müllkippen mancherorts selbst wegzuräumen und die Wertstoffe aufzubereiten. Aber die Altlasten des Kohlebergbaus waren etwas anderes. Wir Jugendlichen kooperierten mit groundWork – Friends of the Earth South Africa. Ich nahm an vielen Workshops teil und erweiterte mein Wissen über Umweltverschmutzung und den Klimawandel.


Solche Kenntnisse gaben wir an Jugendgruppen weiter, manche waren mit Lovelife-Jugendzentren oder mit Kirchen assoziiert. Inzwischen hatten sich auch an einigen Schulen Umweltclubs von Jugendlichen gebildet. Seit einigen Jahren bieten neue bildungspolitische Grundlagen, konkret die „Outcome based Education", und das Fach „Life Orientation" einen neuen Rahmen dafür. Ein Umweltkalender mit Wald- und Wasserwochen ermöglicht die Verankerung von Umweltschutzfragen im Unterricht. Zu den Unterrichtsinhalten zählen nun auch der Klimawandel und ein gesunder Lebensstil.


Um Jugendliche für ein Thema wie Ökosysteme zu begeistern, sind kreativ-unterhaltende Methoden wichtig. Wir motivieren vor allem das Gedichteschreiben und das Theaterspielen. Das macht Kindern und Jugendlichen Spaß und fördert ihre Erkenntnisse. Es gibt verschiedene Umweltbildungsangebote in Südafrika und in unserer Provinz. Gelegentlich kommt es zum Austausch. So habe ich die WESSA-ECO-Schulprogramme an einer Primarschule kennengelernt, die einen Preis für einen ökologischen Schulgarten gewonnen hat.

 

Was sind die zentralen Umweltthemen in Ihrer Heimat?
Kohleabbau und sehr hohe Luft- und Wasserverschmutzung, diese Probleme hängen zusammen. Viele Kinder leiden unter Atemwegserkrankungen. Sie verstehen genau, was es bedeutet, dass die Luft, die wir atmen, unserer Gesundheit schadet. Das erleben wir, wenn wir Summerschools organisieren. Nicht nur die Luft, auch das Wasser ist stark belastet. Die Minen verbrauchen enorm viel Wasser, ihre Abwässer und Abraumhalden sowie verlassene Minen sind giftig. Diese Gifte gelangen in unsere Flüsse, beispielsweise in den Olifants River, dort sind schon etliche Krokodile und andere Tiere gestorben. Als man die Kadaver aufschnitt, sah man die großen Zerstörungen durch Umweltgifte.


Gemeinsam mit anderen jungen Leuten wirke ich im Mpumalanga Water Caucus, das zum South African Water Caucus gehört, und im Highveld Environmental Justice Network mit. Ein Thema sind die Wasserprobleme, sie betreffen nicht nur Witbank, sondern auch Middleburg und viele andere Städte und Gemeinden in der Region. Neben Kohleminen belasten Holzplantagen im Lowvelt unseren Wasserhaushalt, die sind gar nicht weit vom Kruger-Nationalpark entfernt. Sie werden für die Papierindustrie angelegt, die dort wachsenden Baumarten verbrauchen sehr viel Wasser. Das fehlt für das Grasland, es ist ein Biom, dessen vielfältige Pflanzen- und Tiervielfalt zerstört wird. Und aus dem Holz wird viel Papier hergestellt, etliches wird nach Deutschland exportiert – einem weltweiten Spitzenreiter im Papierverbrauch. Um so wichtiger ist das Papiersparen und Recyclen, nicht nur an Schulen. So haben unsere Holzplantagen auch eine globale Dimension.

 

Was kann getan werden?
Die Umweltorganisation GeaSphere hat schon Gespräche mit der Provinzregierung geführt, doch die Unternehmen sind gefordert, ihren Raubbau einzustellen. Aber trotz eines gestiegenen Bewusstseins sind sie sehr mächtig und weiten ihre Rodungen und Plantagen in Mosambik und Swasiland aus. In unseren Öffentlichkeitskampagnen, etwa in Radiosendungen und Zeitungsberichten, thematisieren wir diese Entwicklungen.


Ein globaler Änderungsansatz sind Desinvestitionen. Das bedeutet: Banken sollten nicht in Unternehmen investieren, die Umweltschäden anrichten. Das betrifft die großen internationalen Konzerne. Und das erfordert viel mehr Aufklärung. Neben Einstellungsänderungen ist für uns Solidarität wichtig, so brauchen wir solidarische Unterstützung anderer Länder und ganz konkret die Vermittlung von Kompetenzen, wie wir den Umbau unserer Kohlegebiete angehen können. Da hat Nordrhein-Westfalen viele Erfahrungen; es wäre für uns wichtig, diese genauer kennenzulernen.


Lucky Maisanye

 

Der Autor ist Umweltaktivist in Mpumalanga, Südafrika.

 


WEITERE UMWELTBILDUNGSPROGRAMME
Umweltorganisationen wie Wildlife and Environment Society of South Africa (WESSA) haben eine wechselvolle Geschichte und sind teilweise mit der Gründung von Nationalparks verbunden. Heute setzen sie sich für den Erhalt der Artenvielfalt von Flora und Fauna ein. Im Rahmen von ECO-Schulprogrammen, einem internationalen Programm der Stiftung für Umweltbildung FEE, fördert WESSA die Verankerung von Umweltbildung im Curriculum. Seit 2003 haben landesweit über 10.000 Schulen daran partizipiert. Heute lautet das Motto „Bildung für nachhaltige Entwicklung". In Kooperation mit staatlichen Stellen, dem regionalen Umweltbildungsprojekt der SADC, der UN-Bildungsorganisation Unesco und Unternehmen wie PetroSA als Sponsoren werden beispielsweise Schulwettbewerbe zu Wasser als Unterrichtsthema durchgeführt. Schüler lernen, die Wasserqualität in Flüssen zu testen. Darüber hinaus gibt es Lehrerfortbildungen. Auch das Eskom Energy and Sustainability Programme zielt auf nachhaltige Umweltbildung ab, es basiert auf einer Partnerschaft zwischen dem para-staatlichen Energiekonzern Eskom und WESSA.


Demgegenüber setzen andere Organisationen mit schulischen Bildungsprogrammen auf Anbindungen an nationale Forschungsstellen zur Biodiversität, wie SANBI. Wie Umweltbildung sinnvoll an nachhaltige Umweltforschung angeknüpft werden kann, zeigen vielfältige Programme des South African Environmental Observation Network SAEON.


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