Bizarr, ironisch und doch politisch

Heft 4/2012

Angola: Literatur

ANGOLA IST EIN LITERARISCHER FUNDUS, DEN ES NOCH ZU ENTDECKEN GILT

 

Literatur aus Angola ist – nicht anders als die anderer portugiesischsprachiger Länder in Afrika, nicht anders als afrikanische Literatur überhaupt – in deutscher Übersetzung so gut wie nicht existent: Vier Romane von José Eduardo Agualusa (der immerhin in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde) stechen da regelrecht ins Auge. Von Pepetela, der seinerzeit mit „Mayombe" einen Schlüsselroman der neuen angolanischen Literatur lieferte, ist immerhin die angolanische James-Bond-Parodie „Jaime Bunda" erhältlich, Ana Paula Tavares, die wichtigste zeitgenössische Lyrikerin Angolas, bekam vor zwei Jahren eine großartige, aber weitgehend unbemerkt gebliebene Werkausgabe in deutscher Übersetzung; etwas mehr Beachtung, aber weit weniger als verdient, erhielt vor einigen Jahren Ondjaki für seinen Jugendroman „Bom Dia, Camaradas", und seit wenigen Monaten entsteht auf Poetenladen.de eine kleine Anthologie angolanischer Literatur. Alles andere – und auch das war nicht viel – erschien in den Siebziger- und Achtzigerjahren zumeist in der DDR und ist selbst im Antiquariat nur mit Glück zu bekommen.

 

Kehrt man die Betrachtung allerdings einmal kurz um und sieht von dem allfälligen und berechtigten Lamento über die stets viel zu geringe Zahl an Übersetzungen kurz ab, kann man in den wenigen übertragenen Titeln sogar einen ganz guten Querschnitt der angolanischen Gegenwartsliteratur erkennen, denn allzu lebhaft ist das Publikationswesen auch in Angola nicht. Neben dem rührigen Schriftstellerverband kämpfen einige kleinere Verlage darum, wahrgenommen zu werden; Erfolgsautoren veröffentlichen (und verkaufen) notwendigerweise im Ausland. Nicht wenige leben ohnehin aus den unterschiedlichsten Gründen in Portugal oder Brasilien. Kein allzu günstiges Klima für eine lebendige Literaturkultur, von den übrigen, seit Jahrzehnten turbulenten historisch-politischen Rahmenbedingungen ganz abgesehen.

 

Seit zehn Jahren erst herrscht in Angola formal Frieden. Zumindest der jahrzehntelange Bürgerkrieg ist zu Ende, der auf Jahrzehnte des Befreiungskampfes folgte, dafür fiel das Land ungebremst aus dem Sozialismus in einen Räuberkapitalismus, von dem vor allem die frühere (und nach wie vor regierende) Nomenklatura profitiert. Luanda gilt als teuerste Stadt der Welt, kein Mensch kann erklären, wie die Masse der Bevölkerung lebt, die nicht vom Ölboom profitiert. Aus dem Szenario lassen sich gute Romane schreiben. Agualusa beweist dies mit „Barroco Tropical". Doch gute Sujets sind nicht alles.

 

Andererseits lassen sich Literatur und Geschichte, Politik und Literatur in Angola nur schwer trennen. Nicht von ungefähr wird der Beginn angolanischer Literatur auf das Jahr 1901 datiert, in dem „Voz de Angola Clamando no Deserto" erschien, eine Erwiderung auf rassistische Äußerungen in der Gazeta de Loanda – eine Kampfschrift um Autonomie unter dem portugiesischen Kolonialismus, der Angola noch bis 1975 beherrschen sollte. Ein anderes typisches Merkmal angolanischer Literatur, für das der 1934 erschienene Roman „O Segredo da Morta" von António de Assis Júnior steht, ist der Umgang mit Sprache(n), dem Kontrast und den Interferenzen der unter der Kolonialmacht und im Postkolonialismus aufeinander prallenden und miteinander umgehenden Kulturen.

 

Bemerkenswert ist hierbei, dass originär afrikanische Sprachen schon von Beginn an kaum eine Rolle in der Literatur spielten, obwohl noch Anfang des 20. Jahrhunderts diverse Presseorgane in Angola zum Beispiel auf Kimbundu erschienen. Literarische Sprache ist von Anbeginn – und von nur wenigen Ausnahmen abgesehen – das Portugiesische, und das Interessanteste daran, die Umwandlung, die das Idiom der Kolonialmacht in afrikanischem Kontext erfährt, ihre Aneignung im Kampf um Unabhängigkeit, ihre Umwandlung in eine afrikanische Sprache. In der engagierten Lyrik des Befreiungskampfes wird auch die Sprache zur Waffe, das Abbilden der Umgangssprache etwa der „Musseques" von Luanda zum Instrument ideologischer Auseinandersetzung mit der Hochsprache aus Europa.

 

Suche nach angolanischer Identität

Ein in Europa geborener – und heute wieder in Portugal ansässiger – Angolaner mit Namen José Luandino Vieira sollte schließlich im Jahr 1961, zu Beginn des bewaffneten Aufstandes in Afrika, jenes Prosawerk publizieren, das bis heute zur Referenz für ein afrikanisches Portugiesisch gilt, und seinem Autor zunächst 14 Jahre Haft im portugiesischen Konzentrationslager Tarrafal, später, im Jahr 2006 allerdings (neben unzähligen Auszeichnungen) den Prémio Camões einbringen sollte: „Luuanda" – drei Kurzgeschichten aus den Musseques.

 

Das Werk ist bis heute unübersetzt, nicht wenige bezeichnen es als unübersetzbar. Auf Luandino Vieira beziehen sich viele der jüngeren angolanischen Schriftsteller, allen voran der 1977 geborene Ondjaki, der mit heutigen Mitteln versucht, die Poetik des angolanischen Alltags in portugiesischer Sprache zu schreiben und dabei – wie Luandino, dessen große Inspiration der Brasilianer Guimarães Rosa gewesen sein soll – auch über den Ozean schielt, inzwischen selbst in Rio de Janeiro lebt und als einer der größten Bewunderer des brasilianischen Lyrikers Manoel de Barros gilt. Seine Lyrik legt von dieser Bewunderung Zeugnis ab, ebenso allerdings seine in Deutschland noch unbekannte Novelle „O Assobiador", der Luanda-Roman „Quantas Madrugadas tem a Noite" und erst recht unzählige Kurzgeschichten, die meist im sprachlich phantastischen Ambiente der staubigen Straßen eines kindlich verklärten Luandas spielen. Ondjaki ist der erste bedeutende Schriftsteller Angolas, der erst nach dem Befreiungskampf zur Welt kam und für den angolanische Identität keine Frage mehr ist, sondern Normalität.

 

Noch viel Überraschendes

Eine Normalität, die seit mehr als 35 Jahren allerdings kaum als normal zu bezeichnen ist. Der holperige Übergang zur eigenen Staatlichkeit, der brutale Stellvertreterkrieg zweier Weltmächte auf angolanischem Boden, der nach dem „Ende der Geschichte" wieder aufflammende Bürgerkrieg, der erst mit der Erschießung des Unita-Führers Savimbi zu Ende ging.

 

Literatur unter solchen Bedingungen gehorcht eigenen Gesetzmäßigkeiten; aus europäischer Sicht kaum zu glauben, dass gerade unter diesen Bedingungen die großartige Lyrik der Historikerin Ana Paula Tavares ihren Anfang nimmt, die, abweichend von der noch eher kampforientierten Doktrin offizieller Kulturpolitik des damals noch sozialistischen Angola, eine geradezu unverschämte, erotisch aufgeladene Lyrik mit deutlichen Rückgriff auf die orale Erzähltradition etabliert. „Fieberbaum" heißt die Werkausgabe, die das Übersetzerpaar Juana und Tobias Burghardt 2010 daraus komponierte. Andere Lyriker ihrer Generation wären eine Entdeckung auch im deutschen Kulturkreis wert.

 

Ebenso unbedingt zu entdecken wäre das Werk des 2010 in Namibia verstorbenen Ruy Duarte de Carvalho, Anthropologe, Filmemacher und Lyriker, der von Anfang an „crossmedial" arbeitete und dessen „Vou lá visitar Pastores" (1999), eine Art lyrisch-anthropologisches Reisetagebuch über seine Begegnung mit den Kuvale im Süden Angolas, mittlerweile zu einem weiteren Standardwerk angolanischer Literatur geworden ist.

 

Überhaupt ist die Liste der noch zu entdeckenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller recht lang und birgt Überraschendes: Sousa Jamba, ein in England lebender und auf Englisch schreibender Journalist schuf 1990 mit „Patriots" eines der wichtigsten Bücher über den angolanischen Bürgerkrieg. Immerhin wurde es bereits ins Portugiesische übertragen.

 

Pepetela, dessen „Mayombe" 1983 bei issa erschienen ist, legte 1992 (nach einem Aufenthalt in Berlin) eine erste literarische Bilanz des sozialistischen „Experiments" in Afrika vor: „A Geração da Utopia" – Generation der Utopie. Immerhin ist Ondjakis „Bom Dia, Camaradas" übersetzt, das sich aus einer kindlichen Perspektive mit den Umbrüchen nach 1989 auseinandersetzt – allerdings findet dieser Aspekt in kaum einer deutschsprachigen Rezension Erwähnung.

 

Vielleicht ist das ein spezielles Problem der angolanischen Literatur im Vergleich zu anderen afrikanischen. Nach der politisch aufgeladenen Rezeption nach der Unabhängigkeit, als sogar die Kampflyrik des Staatspräsidenten Agostinho Neto in Deutschland verlegt wurde, wird nun lieber das „phantastische", mythenbeladene, poetische Afrika rezipiert, das die modernen Romane zwar auch bieten – ihre Autoren wären sehr schlecht beraten, wenn sie sich aus diesem Fundus des Bizarren, Ungleichzeitigen und Skurrilen nicht großzügig bedienten –; nun allerdings übersieht man gern den politischen Aspekt, der in Romanen wie „Barroco Tropical" eigentlich unübersehbar ist oder in „Jaime Bunda", wie auch den anderen jüngeren Romanen von Pepetela, ironisch verpackt aber deutlich erkennbar ist, wenn man dies will.

 

Angola ist weiter ein literarischer Fundus. Trotz oder wegen all der Probleme, die das Land durch- und überlebt. „Alles, was passieren kann, passiert hier. Was nicht passieren kann, auch" (J. E. Agualusa in „Barroco Tropical"). Chronisten dieser literarischen Kuriositäten- und Wunderkammer gibt es in zunehmendem Maße. Nun gilt es, sie (wieder und neu) zu entdecken und zu übersetzen. Zur Zeit ist die elektronische Anthologie auf Poetenladen.de die heißeste Quelle für des Portugiesischen unkundige Leserinnen und Leser. Bleibt zu hoffen, dass daraus auch einmal ein richtiges Buch wird, als zehnter lieferbarer Titel in der Statistik der Übersetzungen.

 

Michael Kegler

 

Der Autor ist Übersetzer und Literaturkritiker. Er betreibt das Internetportal novacultura.de und hat u.a. Agualusas Romane „Die Frauen meines Vaters" und „Barroco Tropical" ins Deutsche übersetzt.

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