Im Haus des Hungers

Heft 4/2013

Simbabwe: Literatur

ZUR LITERATUR SIMBABWES DER NACHKRIEGSZEIT. Welcher Nachkriegszeit? Simbabwe stand einst im Ruf, die Kornkammer des südlichen Afrika zu sein. In jedem Fall war das Land – und ist es vielleicht noch immer – ein Think Tank afrikanischer Autoren und Intellektueller.

 

So unbequem das klingen mag: Historisch gesehen trug dazu einerseits die christliche Missionierung in der Siedlerkolonie mit einem Schulsystem bei, das eine in Afrika unvergleichbar hohe Alphabetisierungsrate erreichte. Zum anderen wirkte sich die nachkoloniale Bildungspolitik der 1980er Jahre positiv aus. Drittens, und das wiegt noch schwerer, fielen diese Saatkörner auf den fruchtbaren Boden einer sehr lebhaften und weit zurückreichenden Literaturtradition. Diese hatte sich zunächst in den Sprachen der beiden größten Volksgruppen des Landes, der Shona und der Ndebele, manifestiert.

 

Aus dieser Gemengelage heraus schufen die Poeten und Schriftsteller/innen Simbabwes über Jahrzehnte hinweg eine vibrierende Literaturszene, die insbesondere Mitte der 1980er Jahre mit der Zimbabwe International Book Fair (ZIBF) in Harare ein weltweit viel beachtetes Forum erhielt. Dank des großen Engagements von Peter Ripken, dem früheren Leiter der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, kooperierte die ZIBF mit der Buchmesse in Frankfurt. Als innerafrikanische Präsentations- und Diskussionsplattform und internationale Drehscheibe des Buchhandels – zudem über die Grenzen des damals noch ausgeprägten Kalten Kriegs hinweg – hatte die ZIBF eine große Bedeutung und Wirkung. Zumal in jenen Jahren das südliche Nachbarland, die Republik Südafrika, von den Kämpfen gegen die Apartheidpolitik besonders absorbiert war und sich in den lusophonen Frontstaaten Angola und Mosambik noch gewaltbereite Bürgerkriegsparteien gegenüberstanden.

 

Die Augen der westlichen Leserschaft richteten sich zunächst auf die Literatur in englischer Sprache, mit der sich die Autorinnen und Autoren Simbabwes auch an ein Publikum im Ausland wandten. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass in Publikationsfragen dem vorhandenen Verlagswesen eine erhebliche Rolle zukam – und das war zunächst oder zumindest überwiegend in britischer Hand. Als Autor international wahrgenommen werden zu wollen, verlangte erstens auf Englisch zu publizieren und zweitens möglichst Prosa zu veröffentlichen. Umso erstaunlicher und dabei doch auch symptomatisch ist, dass der erste große Roman der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, „Feso“ (1957) von Solomon M. Mutswairo, auf Shona geschrieben wurde; seine volle Wirkung entfaltete er aber erst nach seiner Veröffentlichung auf Englisch (dt. gleichnamige Übersetzung 1980). Mitte der 1960er Jahre wurde „Feso“ in Rhodesien verboten, da Mutswairo darin die vorkoloniale, eigene orale Kultur mit ihren Liedern und Erzählungen veranschaulichte. Längst ist das Buch wieder Pflichtlektüre.

 

Literarischer Höhenflug mit der Unabhängigkeit

Im zeitlichen Umfeld der politischen Unabhängigkeit Simbabwes mit einem staatlichen Kulturbüro, nationalen Literatur- und Kulturpreisen und der Gründung von Verlagen wie Mambo Press, Baobab Books und später Weaver Press setzte die Literaturszene zu einem ersten und weithin verfolgten Höhenflug an. Charles Mungoshi brachte 1977 „Waiting for the Rain“ heraus, Dambudzo Marechera 1978 „The House of Hunger” (dt. Haus des Hungers 1981), Stanley Nyamfukudza 1980 „The Non-Believers Journey” und Shimmer Chinodya 1982 „Dew in the Morning“.

 

Alle diese Romane prägte eine ausgesprochen deutliche formale Experimentierlust. Mungoshi kontrastierte in einer Art Bewusstseinsstrom das Leben auf dem Land und in Übersee, er durchsetzte seine Sprache mit Shona-Redewendungen und Liedtexten. Marechera puzzelte aus zeitlich versetzt und sich überlagernden Erzählungen einen Roman zusammen, der das Mosaik einer Kindheit zur Kolonialzeit abbildete. Nyamfukudza schilderte das dörfliche Leben, indem die Protagonisten wie in einem Erzählreigen reihum auftraten und die Fragmente der Romanhandlung zusammentrugen. Chinodya wiederum legte sein Buch als Parabel an, denn der Morgentau, von dem der Buchtitel sprach, stand für die ersten Jahre des unabhängig gewordenen Simbabwe.

 

Mit der nachfolgenden Generation, darunter Chenjerai Hove und Tsitsi Dangarembga, meldeten sich zunehmend Frauen zu Wort. Und auch Hove versuchte, in seinen stilistisch äußerst fein ziselierten Büchern, in denen der Handlungsverlauf oftmals nur zu erahnen ist, den Vergessenen und den Frauen eine Stimme zu geben. Zudem verlieh er den Schrecken beider Kriege – des Unabhängigkeitskriegs und des folgenden Bürgerkriegs im Matabeleland Anfang der 1980er Jahre – Ausdruck. Dafür entwickelte Hove in den Romanen „Bones“ (1988) (dt. Knochen 2000), „Shadows“ (1991) (dt. Schattenlicht 1996) und „Ancestors“ (1996) (dt. Ahnenträume 2000) eine äußerst metaphorische Sprache, die es erlaubte, die inoffizielle Geschichte sowie die selten gehörten Stimmen der Kriegsopfer fiktiv zu rekonstruieren.

 

Dangarembga hingegen beschrieb in ihrem zum Klassiker gewordenen Roman „Nervous Conditions“ (1988) (dt. Der Preis der Freiheit 1999) ergreifend realistisch das Bildungsstreben eines Mädchens, das sich langfristig und mühselig, hartnäckig und ausdauernd gegen die patriarchale Gesellschaft durchsetzt und dafür einen zumindest emotional hohen Preis zahlen muss.

 

Vielfalt der Erzählstile

Hove setzte durch seine poetische Sprache höchste literarische Ansprüche, die als nächstes Yvonne Vera zu erfüllen suchte und dabei zum Teil sogar übertraf. Widmete sie sich in „Nehanda“ (dt. gleichnamige Übersetzung 2000) noch den Fakten des ersten Chimurenga, des Befreiungskampfs gegen die britischen Kolonialisten gegen Ende des 19. Jahrhunderts, schilderte sie in „Under the Tongue“ (1996) und „Stone Virgins“ (2002) in einem weniger realistischen, stattdessen metaphorisch geprägten Stil Frauenschicksale. In „Butterfly Burning“ (1998) (dt. Schmetterling in Flammen 2001) rekonstruierte sie ähnlich wie Hove ein Stück simbabwischer Historie und ergänzte fiktional die reale Geschichtsschreibung. Gerade ihr jüngster und letzter Roman „Stone Virgins“ spielte formal mit Metaphern und einer sich spiegelnden Handlung. Dieser Roman belegte eindrucksvoll, dass Prosa aus Simbabwe nicht allein ihrer Thematik wegen einzigartig ist, sondern vielmehr aufgrund der Vielfalt und Besonderheiten der Erzählstile.

 

Dafür gibt es gerade bei den neueren Publikationen zahlreiche Beispiele, zumal viele Arbeiten, sofern sie von den zumeist nach Großbritannien ausgewanderten Autoren verfasst wurden, vom kulturellen Zusammenspiel der literarischen Stimmen künden. Tendai Huchus „The Hairdresser of Harare“ (2010) (dt. Der Friseur von Harare 2011) kann als politischer Roman gelesen werden. Er bringt zugleich die Realität von Homosexuellen zum Ausdruck, wie sie die offizielle Doktrin des Präsidenten Robert Mugabe leugnet und die er dennoch schon während der internationalen Buchmesse 1995 in Harare scharf angriff. Die ZIBF hat dadurch dramatisch an internationaler Bedeutung verloren, wurde aber durch andere lokale oder regionale Kulturzentren zeitweilig zumindest annähernd ersetzt. Einerseits ist es das Book Café in Harare, das unbestritten der Treff für Autoren, Musiker und Poetry Performer wie Chirikure Chirikure wurde, andererseits das HIFA (Harare International Festival of Arts). Es bietet überdies Tanz, Performance, Theater und Spoken Word Poetry von Darstellern aus dem gesamten südlicheren Afrika. Aber auch dessen Organisatoren, die immer ein gesellschaftspolitisches Motto ausgeben, müssen mit den politischen Machthabern lavieren.

 

Ungeschminkte Realität

Dagegen beschreiben jüngere Autorinnen und Autoren die Realität Simbabwes ungeschminkt. Virginia Phiri berichtet in „Highway Queen“ (2010) über Prostitution. Christopher Mlalazi schildert in „Many Rivers“ (2009) die Enttäuschungen, die Menschen in Simbabwe tagtäglich aufgrund des wirtschaftlichen und demokratischen Niedergangs erleben. Petina Gappah widmet sich in ihren Kurzgeschichten „An Elegy for Easterly“ (2009) dem Alltag der Frauen. Valerie Tagwira wagt in „The Uncertainty of Hope“ (2007) nicht von einer besseren Zukunft zu träumen. Wonder Guchu entlarvt in „Sketches of High Density Life“ (2005) am Beispiel Harares den Mythos der Großstadt. Währenddessen thematisiert der in London lebende Brian Chikwava in seinem Debütroman „Harare North“ (2009) das Schicksal der Simbabwe-Exilanten und macht die britische Metropole damit zum nördlichsten Stadtteil der Hauptstadt Simbabwes.

 

Nicht zu vergessen sind schließlich die ins Exil gegangenen Nachfahren europäischer Einwanderer, die in meist autobiografisch angehauchten Romanen von der Sehnsucht nach ihrer Heimat Simbabwe schreiben oder das Mugabe-Regime kritisieren. George Makana Clark und John Eppel gehören zu denen, die die Realität Simbabwes parodierend darstellen: Clark mit „The Raw Man“ (2011), Eppel mit seinem Roman „Absent: The English Teacher“ (2009). Demgegenüber hängt Bryony Rheam in „This September Sun“ (2009) ihrer Familiengeschichte in Simbabwe melancholisch nach.

 

Und bei all dem gilt unverändert, dass Erzählerinnen und Erzähler aus Simbabwe immer großen Wert auf die Form des Erzählens legen. Pauline Henson bedient mit „Case Closed“ (2004) das Genre des Kriminalromans. Masimba Musodza hat in seiner Krimiserie der „Case Files of the Dread Eye Detective Agency“ mit dem Band „Uriah’s Vengeance“ (2009) ein Buch veröffentlicht, das nur als brillant durchgeknallt bezeichnet werden kann und vom Reggae der Rastafari-Szene durchdrungen ist. Mystery, Satire, Horror und Science Fiction sind Elemente seiner Trash- und Splatter-Literatur, in der die Sprache der Protagonisten überdies von Soziolekt, Dialekt und dem Shona Musodzas gefärbt ist. Auch Musodza lebt indes in England, wohingegen Chirikure Chirikure und Christopher Mlalazi derzeit in Deutschland schreiben und eine Rückkehr nach Simbabwe vermeiden. Hierzulande arbeiten sie an neuen Büchern, die von einer globalisierten Literatur und Simbabwes Anteil darin künden.

 

Manfred Loimeier

 

Manfred Loimeier, habilitierter Literaturwissenschaftler, Autor zahlreicher Bücher zur afrikanischen Literatur und Journalist, publizierte 2012 den Interview-Sammelband „Wortschätze“ mit Gesprächen mit 40 Autorinnen und Autoren aus Afrika, Horlemann Verlag, Berlin, 280 Seiten, 14,90 Euro.

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