"Warum haben sie das getan?"

Heft 4/2013

Südafrika

ICH BIN MAKOPANO THELEJANE, die Tochter von Jane und Julius Xokwe, aus Pabalong in Matatiela. Meine Eltern hatten fünf Kinder: vier Töchter und einen Sohn. Ich ging bis Standard 6 zur Schule, denn meine Eltern konnten keine weitere Ausbildung bezahlen. Ich wuchs in der gleichen Siedlung wie mein Ehemann Thabiso Johannes Thelejane auf und kenne seine Geschichte: Er wurde von der Polizei beim Marikana-Massaker am 16. August 2012 getötet. Er war schon Minenarbeiter, bevor er zur Initiationsschule (Jungenbeschneidung) ging. Er arbeitete für verschiedene Minengesellschaften und begann in der Stilfontein Mine in Klerksdorp. Dort war er beschäftigt, als ich ihn heiratete. Die Minengesellschaften entzogen ihm seine Energie und sein Blut.

 

Ich besuchte ihn in Stilfontein, wo ich nicht bei ihm im Arbeiterhostel bleiben konnte, dort waren nur Männer erlaubt. Er mietete einen Raum in Khuma, damit wir zusammen sein konnten. Aber auch das war verboten, es herrschten damals Apartheidgesetze. Mehrfach wurde ich von der Polizei verhaftet und geschlagen, weil ich durch meine Besuche die Passgesetze übertreten hatte. Gegen eine Gebühr wurde ich aus der Haft entlassen und die Polizei vermerkte in meinen Pass, dass ich innerhalb von sieben Tagen zurück in Matatiela sein musste.

 

Mein Ehemann wurde von der TEBA-Minenarbeitsagentur angeworben, die ihn zu verschiedenen Minen schickte. Er erhielt allerdings nicht die ihm zustehenden Sozialleistungen für all die Jahre, die er schuftete. Er kämpfte und bat das Arbeitsministerium um Hilfe. Das versprach Unterstützung, aber nichts geschah.

 

Ich war bei meinem Mann Thabiso Johannes Thelejane in Rustenberg, als die Arbeiter für bessere Löhne streikten; sie forderten 12.500 Rand pro Monat. Er erzählte mir, es sei das Recht als Arbeiter, für eine Lohnerhöhung zu streiken, um die Grundbedürfnisse unserer Familie zu erfüllen. Ich erinnere mich, dass mein Mann erzählte, sie hätten ein Treffen mit der Gewerkschaft. Er hoffte, von der Gewerkschaft zu hören, ob diese eine Einigung mit Lonmin erzielt hätte, ob sie am nächsten Tag wieder arbeiten und wie viel sie verdienen würden.

 

Der Schmerz begann am 16. August 2012, diesen Tag werde ich nie vergessen. Noch immer ist der Schmerz stark, er ist nicht geheilt. Als die Männer auf einem Platz versammelt wurden, dachte ich: Dies geschieht mit Absicht, um sie zu töten. Ich frage, warum sie die Arbeiter nicht in einem Bus ins Eastern Cape zurückgebracht haben, anstatt sie umzubringen. Auf der einen Seite meines Bildes habe ich diese Polizisten gemalt, die meinen Ehemann töten. Er liegt zwischen all den anderen, die erschossen wurden. Ich male sie mit all dem Blut um sie herum. Und ich frage: Warum haben sie das unseren Geliebten angetan?

 

Als ich die Nachricht vom Tod meines Mannes erhielt, hob ich die Hände über meinen Kopf, so wie auf meinem Bild. Ich konnte den stechenden Schmerz in meinem Herzen nicht ertragen. Ich schrie und weinte. Ich war geschockt und unfähig, das zu glauben. Ich dachte an meine Kinder, die noch jung sind. Was würde mit meinem Sohn, meiner Tochter und meinem Enkel geschehen, wenn sie diese schreckliche Nachricht hören? Ich bin nun alleingelassen mit der Last, meine Kinder aufzuziehen, was mein Ehemann zuvor getan hat. Nun sitzen wir hier und hören der Kommission zu. Wer wird mir meine Last abnehmen?

 

Hier sollte ich sagen: Oh Gott, Du kennst mich, Du wirst mir helfen. In meinem Bild ist ein Haus, mit dessen Bau wir begonnen hatten, ein Zaun und ein Wassertank. All das hat mein Mann für uns getan. Nun bin ich allein und sehe nicht, wie ich das vollenden soll. Er hat davon geträumt, dass wir uns alles gemeinsam aufbauen. Mit all meinen Erinnerungen bin ich allein. Ich muss die Versprechen und Träume erfüllen. In meinem Bild ist das neue Leben, das ich meiner Familie geben möchte, mit Häusern auf dem Hügel. Mein Mann unterstützte die Schulbildung unseres Enkels; deshalb habe ich versucht, ein Schulgebäude zu malen. Ich denke darüber nach, welches dauerhafte Projekt ich beginnen könnte, denn ohne Einkommen überlebe ich nicht.

 

Ich weiß, das mein Enkel eines Tages kommen und mich um Hilfe für die Schuluniform bitten wird. Er wird fragen, wann sein Großvater nach Hause kommt, der seine Kleidung bislang gezahlt hat. Bevor ich antworten kann, werde ich in den Himmel schauen und meine Tränen zurückhalten. Ich werde ihm sagen: „Du weißt, die Polizei hat Deinen Großvater erschossen“. Und er wird sagen: „Ja“.

 

Aus:

Khulumani Support Group: Justice, Redress and Restitution: Voices of the Widows of the Marikana Massacre, Johannesburg 2013. www.khulumani.net

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