Coltan-Fieber – ein Stück Kongo in der Tasche

Heft 4/2015

DR Kongo: Theater

VOM KAMPFEINSATZ UND MINENSCHACHT AUF DIE THEATERBÜHNE, so zeichnete das Stück Coltan-Fieber den Weg des Ex-Kindersoldaten Yves Ndagano nach.

 

Unsere Handys, Smartphones oder Ipads: Gehütete und nützliche Alltagsbegleiter, für viele aber auch der meist geliebte Nabel der Welt. Kann das die Grundlage für ein Theaterstück sein? Ja! Sehr wohl, wie das Kölner Theater im Bauturm Mitte Juni bewies. Dessen Festival des afrikanischen Theaters, Africologne, bot den Rahmen für ein außergewöhnliches und sehenswertes Stück: Coltan-Fieber. Es ging den mobilen Kommunikationshelfern auf den Grund und führte in den Ostkongo, wo Milizen, lokale Eliten und Interessenten aus den Nachbarländern gewaltsam um die Kontrolle über die profitablen Minen konkurrieren. Schließlich lagern dort gigantische Coltan-Erzvorkommen, aus denen Tantal gewonnen wird, ohne das unsere mobile Kommunikationstechnologie sofort funktionsuntüchtig wäre.


Aus Goma in den Kivu-Provinzen kam Yves Ndagano; er war Minenarbeiter und zuvor Kindersoldat in der Mai Mai-Miliz – einer der vielen lokalen Rebellengruppen, bevor er Theater als Ausweg aus Gewalt und Erniedrigung für sich entdeckte. Denn er wurde in das kongolesisch-deutsch-belgische Theaterprojekt Coltan-Fieber integriert und seine persönliche Geschichte führte durch das Stück. Yves Ndagano nahm die Zuschauer mit in seine rohstoffreiche und dennoch ausgeblutete Heimat. Er zog das Publikum hinein in die tiefen und gefährlichen Coltan-Erzminen, wo tausende Kinder und Jugendliche für ein paar lächerliche Dollar schuften müssen. Und wo er erlebte, wie zahllose Jungen in einstürzenden Schächten zu Tode kamen. Etliche verarmte und von gierigen Kriegstreibern aus familiären Netzwerken gerissene Mädchen mussten sich dort prostituieren. Sie erlitten auf diese Weise viel körperliche und seelische Gewalt, wie Yves nach dem Stück gebannt zuhörenden Schülerinnen und Schülern erklärte.

 

Koloniale Verflechtungen
Dennoch spielte Yves nicht sein eigenes Leben – das sei zu traumatisch, gab er gegenüber den diskussionsfreudigen Kölner Jugendlichen zu bedenken. Vielmehr hob ein Verfremdungseffekt die traumatische Jugend des kongolesischen Schauspielers auf eine neue Ebene, denn der Belgier Gianni la Rocca erzählte von Yves Leben. Gleichzeitig schlüpfte Yves in Giannis Rolle, wobei die Geschichte dadurch besonders verwickelt wurde, dass Gianni in der Nähe einer großen belgischen Waffenfabrik aufwuchs, wo einige seiner Verwandten arbeiteten. Es war eine Waffenschmiede, die schon für den früheren belgischen König Leopold II (Regentschaft 1865-1909) und dessen verheerende Raubzüge im Kongo produzierte. Aber davon hatte Gianni in seiner Jugend nichts gehört. Was die Waffen mit dem – erst im Juni 1960 beendeten – belgischen Kolonialismus und den exzessiven Gewaltverbrechen im Kongo zu tun hatten, davon war im Schulunterricht zu seiner Zeit nicht die Rede, wie er nach seinem Auftritt erklärte.


Erst während der Vorbereitungen zu Coltan-Fieber in der DR Kongo wurden Gianni die komplexen Verbindungen mit seiner Heimat und Herkunft überaus deutlich. Schließlich sind die heutigen Rüstungsproduzenten in Europa für die Herstellung ihrer computerisierten Waffentechnologie auf Coltan angewiesen und ein Großteil davon kommt aus dem Ostkongo. Im Gegenzug werden trotz einiger internationaler Verbote Kleinfeuerwaffen aus europäischen Rüstungsunternehmen in großem Stil an die dortigen Warlords verkauft und jugendliche Milizionäre damit ausgestattet.


Solche Handelsverflechtungen brachten die Schauspieler durch einen geschickten Rollentausch auf die Bühne, der die Wahrnehmungsmuster der Zuschauer herausforderte. Denn während Gianni Yves spielte, also im übertragenen Sinn der ehemalige ausbeuterische Kolonialherr zum Kolonisierten wurde, schlüpfte Yves in die Rolle des Belgiers. Dieses Wechselspiel und Zusammenwirken der Identitäten verdeutlichte eindrücklich, dass es rein zufällig ist, wo ein Mensch geboren wird und unter welchen Umständen er aufwächst. Auch für die Kölner Schülerinnen und Schüler wurde es sinnlich greifbar, wie Hautfarbe und Herkunft Lebenswege vorzeichnen. Und wie eng Kinder und Jugendliche, die in Europa aufwachsen, mit Gleichaltrigen in Afrika verbunden sind. Denn aus Coltan werden bekanntlich nicht nur computergesteuerte Kriegsgeräte hergestellt, sondern auch Handys und Spielkonsolen.


Diese Ebene brachte die Regie in einer weiteren Verfremdung symbolreich auf die Bühne: Mit der Holzpuppe Leopold. Leopolds leerer Blick und skelettförmiger Körper deutete die Leblosigkeit von Kindern und Jugendlichen in Europa an, deren begrenzte Interessen sich weitgehend auf Konsumrausch und Spielsucht beschränken, was überforderte Eltern oft auch noch fördern. Leopolds markante Gesichtszüge und sein bereits gebrochener, seelenloser Körper zeigten zudem, wie eng die virtuellen Kriegsspiele, mit denen europäische Konsumkids ihre Langeweile zu vertreiben versuchen, durch internationale Rohstoff- und Warenketten mit dem Schicksal der Gleichaltrigen im Ostkongo verbunden sind.


Im Lauf des Stücks durchkreuzte die Holzpuppe Leopold aber auch Orte und Zeiten, denn ihr Name ging auf den belgischen König zurück, der im 19. Jahrhundert den Startschuss zur blutigen Ressourcenausbeutung im Kongo gegeben hatte, die bis heute unter veränderten Vorzeichen andauert. So stellte Leopold während der Aufführung auch jugendliche Milizionäre, Minenarbeiter und Flüchtlinge aus dem Kongo auf dem Weg nach Europa dar. Coltan-Fieber endete mit eindrucksvoll inszenierten Bildern, in denen die Holzpuppe – geführt von Yves Ndagano und Gianni la Rocca – zuerst gegen Berge rutschigen und sturmverwehten Saharasands ankämpfte und schließlich in einem winzigen, maroden Holzboot hilflos den Fluten des Mittelmeers ausgesetzt war.

 

Austausch in Afrika
Coltan-Fieber war das Ergebnis eines intensiven Austauschs zwischen dem Kölner Theater am Bauturm und Theatern in West- und Zentralafrika. Die Premiere fand Ende Oktober 2014 beim Récréâtrales Festival in Ouagadougou statt. In der Hauptstadt Burkina Fasos wurden die Schauspieler Zeugen der weitgehend friedlichen Entmachtung des dortigen Despoten Blaise Compaoré, was sie spontan in ihre Aufführung integrierten. Schließlich hafteten dem autoritären Präsident auch nach 27-jähriger Herrschaft mögliche Verstrickungen in den Mord seines visionären Vorgängers Thomas Sankara an. Innerhalb weniger Tage fegten vor allem junge Leute, die Massendemonstrationen mit Blätterbesen organisierten, den korrupten Präsidenten Compaoré sprichwörtlich aus dem Amt.


Motiviert von solchen Erlebnissen kam die Kölner Theatergruppe im Dezember 2014 nach Kinshasa. Mit dem dortigen Theater Tarmac des Auteurs wurde das Stück weiterentwickelt und mehrmals aufgeführt. Tarmac richtet sich mit einer kreativen Programmgestaltung seit 2003 an besonders benachteiligte soziale Gruppen in der Neun-Millionen-Metropole. Zwar spielte sich das Drama über zweitausend Kilometer fern der Hauptstadt am Kongofluss ab, aber um so wichtiger war diese Spiegelung der Strukturprobleme im Osten des Landes für das Publikum in Kinshasa. Anschließend zeigten die kongolesischen und europäischen Schauspieler ihr Stück beim Mantsina-Festival in Brazzaville. Auf diese Weise trugen sie zum kulturellen Austausch zwischen den beiden Hauptstädten der Kongo-Republiken am Kongofluss bei.

 

Größtes Afrika-Theaterfestival
Im Juni 2015 fand dann die Europapremiere im Kölner Bauturm-Theater statt, das zum dritten Mal das größte Afrika-Theaterfestival in Deutschland ausrichtete. Eröffnet wurde es von Rapper Smokey Bambara, der vor einigen Monaten die revolutionäre Bewegung „Bürgerbesen" in Ouagadougou gegründet hatte. Smokey erklärte die Probleme und Visionen seiner mutigen Mitstreiter in der westafrikanischen Kulturmetropole. Er diskutierte mit dem interessierten Publikum über soziale Protestbewegungen und wie man als Bürger und Künstler in Afrika überleben kann.


Burkinische und kongolesische Künstlerinnen und Künstler widmeten sich in Tanz- und Musikproduktionen während des Africologne-Festivals auch dem Staatsversagen, der in Ressourcenkonflikten als Waffe eingesetzten Gewalt an Frauen, der Trauer über Gewaltopfer und der Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel. Ob diese erfüllt wird und die gewaltsame Ausbeutung im Ostkongo beendet, bleibt fraglich. Denn erst Mitte März wurden Aktivisten und Künstler aus Burkina Faso und dem Senegal bei einem internationalen Workshop über Demokratie in Kinshasa festgenommen. Die jungen kongolesischen Veranstalter sind seitdem inhaftiert, ihre ambitionierte Kulturarbeit gilt als zu subversiv.


Das Africologne-Festival führte den Besuchern sinnlich vor Augen, wie afrikanisches Theater aktuelle politische Probleme thematisiert. Es bot facettenreiche Einblicke in innovative Inszenierungen und zollte den couragierten Menschen Achtung, die unter schwierigsten Bedingungen mit politischer Kunst an Veränderungen für ein besseres Leben und für mehr Gerechtigkeit arbeiten.


Rita Schäfer

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