Africa to Auschwitz: Solidarität der Opfer

Heft 4/2016

Namibia: Völkermorddebatte

PODIUMSDISKUSSION „AFRICA TO AUSCHWITZ. GERMANY, GENOCIDE AND DENIAL" IN DEN USA

 

Die idyllische Parklandschaft von Long Island stand in klarem Kontrast zur Thematik. Hier fand am 22. Mai 2016 eine Veranstaltung statt, durch die der 1904-1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika verübte Völkermord auch in den USA einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden sollte – im besten Fall ein erster Schritt auf einem langen Weg.


In den USA lebende Ovaherero hatten gemeinsam mit dem Holocaust Memorial and Tolerance Center of Nassau County (HMTC), der zentralen Holocaust-Gedenkstätte im Staat New York, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Africa to Auschwitz. Germany, Genocide and Denial" organisiert. Es ging um den Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika von 1904-1908 und die aktuelle Situation, die Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland und besonders um die Forderung der namibischen Opfergruppen nach angemessener Beteiligung im Rahmen eines Runden Tisches und nach Reparationen.

 

Ovaherero Genocide-USA
Diese Podiumsdiskussion kam nicht von ungefähr zustande. Ovaherero in den USA, die sich seit etlichen Jahren in der Association of the Ovaherero Genocide-USA organisiert haben, entfalten zunehmend eigenständige Aktivitäten. So waren Mitglieder dieser Gruppe durch die vorerst erfolglosen Bestrebungen bekannt geworden, Entschädigungsverfahren gegen deutsche Firmen vor US-Gerichten anzustrengen. Im vergangenen Oktober hat eine Delegation dieser Gruppe Deutschland besucht, und Angehörige sind in Berlin und Hamburg aufgetreten.


Beth Lilach, Senior Director of Education and Community Affairs am HTMC, setzt sich seit Jahren auch mit dem Völkermord an Ovaherero und Nama auseinander. Der Anstoß kam durch einen Hinweis, den sie bei einem Aufenthalt in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel erhielt. Die Ausstellung, die den größten Teil des Erdgeschosses des weitläufigen Gebäudes des HTMC einnimmt, stellt ausführlich und eindringlich den Holocaust dar. In unmittelbarer Nähe des Hauses ist ein Garten den ermordeten Kindern gewidmet. Eine Sonderausstellung zu Völkermorden im 20. Jahrhundert und der besonderen Gefährdung von Frauen mit dem Titel „Women, Not Victims: Moving Beyond Sexualized Atrocities During Genocide" thematisiert auch prominent den Völkermord in Namibia, insbesondere die Verbrechen, die hier von Mitgliedern der sogenannten kaiserlichen Schutztruppe an Herero- und Nama-Frauen verübt wurden.


Die Podiumsdiskussion am 22. Mai 2016 war als vorläufiger Höhepunkt von Anstrengungen gedacht, das Thema des Völkermordes sowie die aktuellen Auseinandersetzungen um eine offizielle deutsche Entschuldigung und Wiedergutmachung in den USA bekannter zu machen. Weitere Schritte sind geplant.

 

Not about us without us
Für Ovaherero und Nama geht es momentan vor allem darum, im anstehenden Verhandlungsprozess zwischen Namibia und Deutschland nicht marginalisiert zu werden. Die Forderung nach einem Runden Tisch und der mehrfach wiederholte Slogan „Not about us without us!" verdeutlichten dies.


Der wesentliche Stein des Anstoßes ist dabei das bisherige Vorgehen der namibischen Regierung, die für sich das Recht in Anspruch nimmt, als alleinig legitimierte Vertretung des namibischen Volkes mit der deutschen Regierung über die Konsequenzen des Völkermordes, und die Bedingungen einer Versöhnung zu verhandeln. Zwar steht für die namibische Regierung wie für die Opfergruppen dabei außer Frage, dass dies neben einer angemessenen Entschuldigung auch Reparationen (anders gesagt, Wiedergutmachung) einschließen muss. Strittig ist jedoch die nach wie vor von der Mehrheit der Opfergruppen aufrechterhaltene Forderung, unmittelbar am Verhandlungsprozess beteiligt zu sein.


Wie wichtig das ist, bewies das Treffen auf Long Island: Beeindruckend war die einhellige Unterstützung durch das Publikum – neben teils von weither angereisten Ovaherero vor allem Angehörige der jüdischen Gemeinde. Gleiches gilt auch für die große Selbstverständlichkeit, mit der der Zusammenhang zwischen dem Völkermord von 1904-1908 und dem Holocaust durch die anwesenden „Überlebenden und Nachkommen" ausagiert und dargestellt wurde.


Während der Einleitung ins Programm wurden die Angehörigen beider Opfer-Gruppen aufgefordert aufzustehen. Zum Abschluss gab es ein großes Gruppenbild, auf dem alle gemeinsam posieren.


Die Referate beleuchteten unterschiedliche Aspekte des Geschehens in Namibia ebenso wie Interpretationen aus deutscher Sicht. Auch die anschließende Diskussion war geprägt durch den Wunsch von Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachfahren, konkret die Anliegen von Ovaherero und Nama im Hinblick auf den kolonialen Völkermord in ihrem Land voranzubringen. Das ging deutlich über das Anliegen hinaus, Zusammenhänge von Ereignissen besser zu verstehen, die in den USA nach wie vor nur sehr wenigen bekannt oder gar vertraut sind. Die Brücke zum Handeln wurde hier zumindest von einigen entschlossener und schneller gebaut, als dies beispielsweise in Deutschland zu erwarten wäre.

 

Völkermord
Die zentrale Botschaft war: Völkermord bedeutet – ungeachtet der konkreten Umstände und Einzelheiten jedes einzelnen dieser schrecklichen Verbrechen – nicht allein die physische Zerstörung vieler Menschenleben und die Zerstörung der von den Tätern als Ziel der Vernichtung Definierten. Auch für die unmittelbaren Überlebenden wie ihre Nachfahren sind Genozide eine schwere Bürde. Das ist gerade aus der Holocaust-Forschung und der Auseinandersetzung mit Biographien von Überlebenden heute weithin bekannt.


Auch die neuere Forschung über den Völkermord in Namibia zeigt, wie die traumatischen Erfahrungen durch Erzählungen über die Generationen weitergegeben werden. Damit wird nicht nur Wissen weitergereicht, sondern auch der Schrecken und die Leiden. Eine Form, damit zurechtzukommen, besteht darin, Zeugnis abzugeben und Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch dies verband ganz offenkundig die dem ersten Anschein nach so unterschiedlichen Opfergruppen.


Die Aussichten, dass die Anliegen von Ovaherero und Nama am Ende durchgesetzt werden können, stehen aus Sicht des New Yorker Anwalts Kenneth F. McCallion gar nicht so schlecht. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrung mit der Klage osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg, die 1998 zu einem außergerichtlichen Vergleich führte, aber auch mit Bezug auf aktuelle Verfahren in Ungarn und Rumänien, wo es ebenfalls um den Ausschluss von Opfergruppen geht, versprach McCallion keineswegs leichte Erfolge, machte jedoch Mut für eine nachdrückliche Kampagne.


Vor allem aber war dies ein symbolisches Ereignis, das in nun schon fast zwei Jahrzehnte der anhaltenden Auseinandersetzung um eine angemessene Entschuldigung und Entschädigung von Seiten Deutschlands neue Perspektiven aufgezeigt hat: die Möglichkeit der Solidarität zwischen Opfergruppen von Völkermord.

 

Verbindende Solidarität
Während in der Vergangenheit Opferkonkurrenz immer wieder eine reale und problematische Möglichkeit war, ist dies ein überaus wertvoller Schritt. Zu dieser Solidarität gehört auch, dass das Lernen aus Erfahrungen anderer keine Einbahnstraße sein muss. Ein Holocaust-Überlebender, der als Zeitzeuge im hohen Alter noch sehr aktiv ist, zeigte sich besonders davon beeindruckt, was er über die orale Geschichtstradition in Namibia erfahren hatte. Hier erblickte er eine Möglichkeit, den Verlusten entgegenzuwirken, die mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen-Generation unausweichlich eintreten werden. Wie im Fall von Ovaherero und Nama sollten aus seiner Sicht die nachfolgenden Generationen diese Erinnerung pflegen und ihrerseits als sekundäre Zeitzeugen weitergeben.


Die Selbstverständlichkeit, mit der hier Anliegen als gemeinsame besprochen wurden, kann Mut machen. Sie verdeutlichte zugleich in nicht ganz alltäglicher Weise, worum es bei der Auseinandersetzung um Völkermord geht: um die Wiedergewinnung von Menschlichkeit. Auch wenn dies hinsichtlich der Teilnehmerzahlen ein begrenztes Ereignis war, hat es dennoch Perspektiven aufgezeigt, die über den notwendigen Ansatz zum Bekanntmachen des Völkermords von 1904-1908 in Nordamerika deutlich hinausweisen.

 

Reinhart Kößler

 

Der Autor ist Mitarbeiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts und Professor am Seminar für Wissenschaftliche Politik der Universität Freiburg sowie Research Associate and Visiting Professor am Institute for Reconciliation and Social Justice der University of the Free State, Südafrika. Vor kurzem erschien sein Buch Namibia and Germany. Negotiating the Past. Windhoek: University of Namibia Press/Münster: Westfälisches Dampfboot. Er engagiert sich u.a. im Bereich namibisch-deutscher Erinnerungspolitik.

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