Mit scharfer Munition

Heft 5/2012

Südafrika: Marikana

DAS MASSAKER VON MARIKANA hat Südafrika in einen Schockzustand versetzt. Die Politik reagiert ratlos und überrascht, doch so überraschend kam das Ereignis nicht.

 

An einem Donnerstag, den 16. August, eröffnet die südafrikanische Polizei in Marikana das Feuer gegen protestierende Bergarbeiter. 34 Menschen fallen den Schüssen zum Opfer, 80 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Südafrika fürchtet den Rückfall in eine Zeit brutaler Repression, das ganze Land zeigt sich geschockt und trauert um die Toten. Unvorhersehbar war das schreckliche Ereignis allerdings nicht.

 

Der in der Provinz Nord-West gelegene Distrikt „Bojanala Platinum" gilt als die Platingrube der Erde. Über 70 Prozent des weltweit verwendeten Platins stammen aus der um Rustenburg gelegenen Region. Während große Unternehmen wie Anglo Platinum, Impala Platinum oder Lonmin Platinum Gewinne in Milliardenhöhe einfahren, leben die hier ansässigen Bergleute in erschreckender Armut. Der durch Platin generierte Wohlstand geht an den Menschen, die es in Schwerstarbeit zu Tage fördern, vorbei. Die Arbeitsbedingungen sind hart, ungesund und gefährlich, die Lebenserwartung der Bergleute gering. Sie leben in informellen Siedlungen, bestehend aus Wellblechhütten ohne Strom- und Wasserversorgung. Ein Leben in Menschenwürde ist hier nicht möglich.

 

Eines dieser Townships ist das nahe Marikana gelegene Nkaneng. Bereits eine Woche vor dem grausamen Massaker hatten sich hier regelmäßig mehrere tausend Bergarbeiter der von Lonmin (ehemals Lonrho) betriebenen Marikana-Mine zum Streik versammelt. Ihre Forderung: Eine Lohnsteigerung von 4.500 auf 12.500 Rand, umgerechnet von 450 auf 1.250 Euro. Ort der Streikversammlungen war ein Gesteinshügel am Rande des Townships. Es war dieser Hügel, der später unter dem Namen „Hill Of Horror" durch die Medienwelt Südafrikas zirkulieren sollte.

 

Zusammengefunden hatten sich vornehmlich so genannte Steinhauer, Bergleute die unter Tage mit Hilfe von Presslufthämmern und anderen Geräten, bei Temperaturen von bis zu 50 ºC, das Platin vom Felsen lösen und somit am Beginn einer profitablen Wertschöpfungskette stehen. Der Großteil des geförderten Platins wird für den Bau von Fahrzeugkatalysatoren verwendet, kleinere Mengen fließen in die Produktion von Schmuck. Nach eigenen Angaben befindet sich die Platinbranche auf Grund einer, im Zuge der Weltwirtschaftskrise schwächelnden Automobilindustrie sowie einem wachsenden Nachfragetrend hin zu verbrauchsärmeren Motoren am Tiefpunkt. Im Kontext stetig sinkender Platinpreise erscheinen die Forderungen der Bergleute nach einer dreifachen Lohnerhöhung als utopisch und höchst unrealistisch. Wenn man sich jedoch vor Augen führt, dass die „Top 3-Manager" von Lonmin Platinum im Geschäftsjahr 2011 einen persönlichen Verdienst von jeweils 44,6 Mio. Rand verzeichneten, wird die Schieflage, in der sich die südafrikanische Gesellschaft befindet, sofort augenscheinlich.

 

Das Fass läuft über

Mit den Unabhängigkeitskämpfen und dem darauf folgenden Ende des Apartheidregimes war für die schwarze Bevölkerungsmehrheit Südafrikas der Wunsch nach einer Neuordnung der Gesellschaft verbunden. Nach fast zwei Dekaden Regierungszeit des ANC hat sich das Bild der zweigeteilten südafrikanischen Gesellschaft jedoch keinesfalls verändert. Die alten rassistischen Trennlinien wurden durch ökonomische Grenzlinien ersetzt. Der Graben zwischen Arm und Reich ist heute tiefer als je zuvor. Während ein Drittel der südafrikanischen Bevölkerung von weniger als 400 Rand (40 Euro) im Monat lebt, bereichert sich eine dünne Oberschicht von schwarzen Politikern, Geschäftsleuten und Gewerkschaftern. Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung. Das soziale Ungleichgewicht bringt die Gesellschaft mehr und mehr ins Wanken. Die Armen fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen und geben ihrem Unmut in Form zahlreicher Proteste Ausdruck. Immer wieder war es bereits in den letzten Monaten zu gewaltsamen Konflikten zwischen Polizei und Protestanten gekommen. Es brodelt hinter den Kulissen Südafrikas bereits seit längerem, am 16. August ist das Fass jedoch zum ersten mal übergekocht.

 

Präsident Jacob Zuma, der sich spät und umringt von zahlreichen Bodyguards in Marikana blicken ließ, zeigte sich angesichts der Vorfälle sprachlos und überrascht. Es ist jedoch genau diese Art von Verblüffung, die Südafrika und dem Rest der Welt vor Augen führt, in welchem Maße sich die regierende Oberschicht des Landes bereits von den Problemen der breiten südafrikanischen Bevölkerungsmehrheit entfernt hat.

 

Auch die Ereignisse des 16. August hatten eine Vorgeschichte, welche die handelnden Personen hätte warnen müssen. Bereits eine Woche vor dem blutigen Massaker war es in Marikana zu Ausschreitungen zwischen Polizisten und Streikenden gekommen, bei denen zwei Wachmänner der Firma Lonmin, zwei Polizisten sowie sechs Bergleute zu Tode kamen. Polizeiberichten zu Folge hatten die Beamten versucht, nicht streikwillige Bergarbeiter vor ihren aufgebrachten Kollegen zu schützen, worauf hin die Situation eskalierte. Als Reaktion auf die Vorkommnisse verschärfte die Polizei ihr Aufgebot und beorderte nicht nur herkömmliche Polizeieinheiten, sondern auch paramilitärische Truppen als Verstärkung nach Marikana. Warum die Warnzeichen politisch jedoch bis zum 16. August weitestgehend nicht beachtet wurden, ist höchst unklar.

 

Die Videobilder des 16. August gingen um die Welt. Sie zeigen jedoch nur Ausschnitte der vorgefallenen Geschehnisse. Vierzehn heranstürmende Bergarbeiter werden auf den Bildern, die belegen sollen, dass die Polizei in Notwehr handelte, in einem kurzen Trommelfeuer der Maschinengewehre niedergestreckt.

 

Es waren auch diese Bilder, die die südafrikanische Justiz zunächst dazu veranlasste, 270 überlebende Streikende des Mordes anzuklagen. Die Justiz berief sich bei der Anklage auf ein Gesetz aus der Zeit der Apartheid, wonach bei einer Schießerei unter Beteiligung der Polizei alle Menschen angeklagt werden, die vor Ort festgenommen wurden. Auf Grund schärfster Kritik wurde die Anklage mittlerweile vorerst zurückgezogen.

 

Die Bilder geben des weiteren keinen Aufschluss darüber, wie es zu den weiteren 20 Todesfällen und zu den über 80 Verletzten kommen konnte. Während die Polizei weiter an ihrer Version der von Angst und Furcht geleiteten Selbstverteidigungsmaßnahme festhält, sprechen Augenzeugen und Bergleute von gezielten Hinrichtungen. Erste Fotoaufnahmen der Schauplätze bekräftigen die Bergleute in ihren Aussagen. Sie zeigen Tatorte, an denen die Opfer vereinzelt und nur aus nächster Nähe erschossen worden sein können. Auch wenn sich der Verdacht verhärtet, dass paramilitärische Truppen bewusst eingesetzt wurden, um die Anführer des Streikes auszuschalten, bleibt die Antwort auf viele Fragen weiter im Unklaren.

 

Viele Fragen bleiben offen

Wer gab den Befehl für den Einsatz von scharfer Munition? Warum kam es zur Verwendung von scharfer Munition, obwohl andere Maßnahmen wie beispielsweise der Einsatz von Gummigeschossen, Tränengas oder Wasserwerfern speziell für die Kontrolle eines aufgebrachten Mobs zur Verfügung standen? Wieso weigerte sich die Unternehmensführung Lonmins, mit den streikenden Bergleuten in Verhandlung zu treten? Warum wurden angesichts der sukzessiv anwachsenden Spannung an der Mine keine politischen Maßnahmen ergriffen, um die Situation zu entschärfen?

 

Für die von Präsident Zuma einberufene unabhängige Untersuchungskommission gilt es nun Antworten auf diese und weitere unbequeme Fragen zu finden.

 

Hinter den Kulissen tobt derweil ein Gewerkschaftsstreit zwischen der National Union of Mineworkers (NUM) und der Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU). Während die alteingesessene, regierungsnahe NUM zunehmend den Kontakt zu ihrer Basis verliert, gewinnt die sich einst von der NUM abgespaltene AMCU an Bedeutung. Beide Gewerkschaften sind jedoch in eine Art Legitimations- und Repräsentationskrise geraten und befinden sich im täglichen Kampf um Mitglieder. Ein Kampf, der zu Lasten der Minenarbeiter ausgetragen wird, denn die Spaltung in zwei konkurrierende Gewerkschaften schwächt die eigene Verhandlungsposition gegenüber dem Unternehmen. Es geht jedoch um wichtigeres als den Streit zweier Gewerkschaften. Es geht um Armut, Not, existenzielle Ängste und Wut. Viele der Bergleute fühlen sich durch keine der beiden Gewerkschaften vertreten und sehen keine Alternative, als ihrem Unmut selbst Luft zu verschaffen. Auch der Streik in Marikana war ein „wilder Streik" und weder von NUM noch AMCU geplant oder unterstützt.

 

Die Verzweiflung und Enttäuschung der Minenarbeiter von Marikana hat mit dem 16. August ein gesellschaftlich nicht mehr tragbares Ausmaß erreicht. Die Streiks halten seit dem blutigen Massaker an und haben sich auf weitere Minen der Region ausgeweitet. Auch wenn sich die Firmenleitung nach sechswöchigem Ausstand am 19. September auf massive Lohnerhöhungen der Steinhauer – sie bekommen mit 11.078 Rand nur 10 Prozent weniger als gefordert – eingelassen hat, dürfte das Problem nicht aus der Welt sein.

 

Der ANC, der die Situation der Armen über ein Jahrzehnt lang vernachlässigt und die Mehrheit der einstigen Mitstreiter im Unabhängigkeitskampf rücksichtslos im Stich gelassen hat, ist mehr den je zu Handlungen gefordert. Der Parteitag im kommenden Dezember in Mangaung (Bloemfontein), bei dem unter anderem ein neuer Parteipräsident gewählt wird, bietet Gelegenheit, die dringlichen Probleme im Land endlich konstruktiv anzugehen.

 

Till Henkel

 

Der Autor ist Geographiestudent und derzeit Praktikant bei der issa.

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