Großartig und erfüllend?

Heft 5/2013

Sambia

DAS GESCHÄFT MIT PRIVATEN HILFSEINSÄTZEN BOOMT. Allein in Sambia hat der Marktführer African Impact im vergangenen Jahr 25 Prozent Wachstum verzeichnet. Doch viele Freiwillige stellen sich die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit.

 

Joshuas* Beine sind gelähmt, die Füße nach innen verkrümmt. Der Achtjährige wurde mit offenem Rücken geboren, mittlerweile ist ein Tumor an der Wirbelsäule dazugekommen. Einen Rollstuhl hat er zwar, doch der hilft ihm auf den löchrigen Straßen der Barackensiedlung Ngwenya am Rande der sambischen Touristenmetropole Livingstone nicht weiter. Joshua bewegt sich krabbelnd fort, und weil er seine Beine nicht spürt, spürt er auch die Verletzungen nicht. Er ist bester Laune, doch in seinen Knien hat er entzündete Löcher, in die problemlos eine Daumenkuppe passt.

 

Chabota* und Dalisani* können nicht lesen und schreiben. Haushalt, Feldarbeit, Hochzeit, Schwangerschaft – die Schule musste meist hinten anstehen. Jetzt haben sie Kinder, aber ihre Männer verdienen nicht genug zum Leben. Sie würden gern zum Familieneinkommen beitragen, mit einem Marktstand vielleicht, oder einer Garküche. Davor stehen jedoch zahlreiche Formulare, von Behörden und internationalen Lieferanten wie Coca Cola – und auch im informellen Sektor gibt es mitunter Fragen nach nach Standgebühren, Rechnungen, Lieferscheinen. Ohne Lese- und Schreibkenntnisse wird das eng.

 

Die Schimpansen Milla, Cleo und Colin sind zu intelligent. In der Station Chimfunshi, wo ihre Artgenossen nach Jahren als Haustiere arabischer Prinzen ein naturähnliches Leben in Rudeln führen, haben sie herausgefunden, wie sie die Elektrozäune des Freigeheges überwinden können. Bevor sie ihr Wissen weitergeben konnten, wurden sie in einem Hochsicherheitstrakt für Ausbrecher isoliert. Dort herrscht Langeweile, daran ändern auch Kletteräste und Schaukeln nichts. Die intellektuelle Unterforderung droht, Zoo-Neurosen hervorzubringen.

 

Auf solche Situationen treffen die Freiwilligen von African Impact, der marktführenden Endsendeorganisation im südlichen Afrika. Mehr als 2500 junge Frauen und Männer, vor allem aus Westeuropa und Nordamerika, hat das südafrikanische Unternehmen im vergangenen Jahr ins südliche Afrika geschickt, davon 503 nach Sambia – Tendenz stark steigend. Naturschutz, Gesundheits-, Kinder- und Sozialprojekte, HIV-Aufklärung – African Impact hat Abhilfe für alles im Programm, was die Entwicklung im südlichen Afrika zu hemmen scheint.

 

Der Freiwilligendienst African Impact

Die Organisation arbeitet mit vielen unterschiedlichen Partnern zusammen: An erster Stelle stehen in Sambia die Ministerien für Gesundheit, Bildung, Jugend und Sport, aber die Liste umfasst auch Schulen, Krankenhäuser und Naturschutzorganisationen – bis hin zur Victoria-Falls-University und dem Gefängnis von Livingstone, in dem Freiwillige HIV-Aufklärung betreiben.

 

Mit Auskunft über den Profit aus dem entwicklungspolitischen Engagement hält African Impact sich zurück: Im Jahresbericht 2012 sind keine Umsatzzahlen aufgeführt, aus durchschnittlichem Wochenpreis und geleisteten Freiwilligenstunden lässt sich indes ein Jahresumsatz im einstelligen Millionen-Dollar-Bereich schätzen. Interne Dokumente beziffern die Profitmarge bei sechs Prozent, was immer noch ein sechsstelliger Betrag wäre. Schwerer fallen die Kosten für Marketing und Management ins Gewicht: Ganze 24 Prozent der Einnahmen gehen in den Betrieb der Website, in Training und Bezahlung der „destination manager“, die am Einsatzort Ansprechpartner für die Freiwilligen sind, und in die Evaluation der Projekte.

 

African Impact bemüht sich, die Zahlen zu relativieren: Unter der Überschrift „Where does your money go?“ versichert das Unternehmen, Profite in Entwicklung und Ausrüstung neuer Projekte zu stecken oder die firmeneigene „Happy Africa Foundation“ zu unterstützen. Die Finanzierung und Ausrüstung bestehender Projekte wird – zusammen mit Unterbringung und Verpflegung der Freiwilligen – unter „Operation Costs“ gebucht, einem Posten, der immerhin 70 Prozent der eingebrachten Mittel frisst.

 

Für eine Woche Freiwilligendienst berechnet African Impact mindestens 500 Euro. Die Preise verstehen sich zuzüglich Flug-, Visums- und Impfkosten. Sie steigen und fallen mit der Nachfrage nach den einzelnen Einsatzplätzen: Wildtierbeobachtung im abgeschotteten Rahmen ist tendenziell teurer, psychisch belastender Kontakt mit der lokalen Bevölkerung drückt dagegen den Preis. Ein langfristiges Engagement bis zu acht Wochen ist im Verhältnis günstiger zu haben als Schnupper-Kurzeinsätze. So müssen die Freiwilligen schnell mittlere vierstellige Summen einbringen – Beträge, die sie gern ausgeben: Dafür erhalten sie Lebenserfahrung in gesichertem Rahmen mit drei Mahlzeiten täglich, Auslandsaufenthalte im Lebenslauf und das Gefühl, die Welt zum Besseren verändert zu haben.

 

Wie Silvia aus der Schweiz. Die 36-Jährige hat vier Wochen lang in Chimfunshi Schimpansenfutter geerntet und sich Denksportaufgaben für die eingesperrten Ausbrecher überlegt. Jetzt ist klar: Künftig soll neben der Übersetzerei auch Arbeit mit Tieren einen festen Platz in ihrem Berufsalltag bekommen.

Wie Shelley, 23, Single, kinderlos und religiös indifferent. Die Nordengländerin gibt einen Alphabetisierungskurs für Erwachsene und macht die kulturellen Unterschiede im Weltbild zum Spiel: Ihre Kursteilnehmerinnen, Mütter oder schwanger oder beides, wetteifern darum, sie am nächsten Wochenende in die Kirche auszuführen und auf den rechten Weg zu bringen.

 

Und wie Berten, Belgier, 24. Der Medizinstudent gibt mit zerzausten Haaren, Zottelbart, Abenteurerattitüde und großer Souveränität am Patienten das Musterbild des weltreisenden Profis. Im Home-Based-Care-Trupp von African Impact, der Kranke außerhalb der Kliniken versorgt, ist er der ebenso unausgesprochene wie unangefochtene Chef. Gemeinsam mit Marije, 22, aus den Niederlanden und Vidya, 20, aus Kanada begibt er sich auf Patrouille durch Ngwenya. Die Führung teilen sich Bennie, Fahrer, Übersetzer und Faktotum von African Impact, und zwei einheimische „Caregivers“, die das sambische Gesundheitsministerium als Projektpartner vermittelt hat: Frauen um die 50 mit Kenntnis der Verhältnisse in der Nachbarschaft: Sie wissen, wer in der Siedlung gesundheitlich angeschlagen ist, wer seit Wochen nicht in die Klinik geht, über wessen Familie getratscht wird, weil Kinder husten oder Erwachsene im besten Alter sterben – Anzeichen für Tuberkulose oder Aids, die hier niemand offen anspricht: Zu tabuisiert sind Krankheiten hier, zu nah am Vorurteil über den Lebenswandel. HIV? Untreu, kann den Mann nicht halten; TBC? Selbstsüchtig, gibt den Kindern nichts zu essen. Die Krankheit wirkt als Stigma, die Diagnose begründet oft genug den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Berten, resigniert: „Zuverlässige Diagnosen kann nur die Klinik stellen. Aber der Rat, dort hinzugehen, ist oft ein diplomatischer Eiertanz.“

 

Die richtigen Fragen stellen

Um die zehn Fälle pro Tag haben Bennie und die African-Impact-Freiwilligen sich vorgenommen, und heute beginnen sie, dem Plan der einheimischen Vermittlerinnen folgend, mit Mary*, die über geschwollene Gelenke klagt. Marije und Vida messen und notieren Puls und Körpertemperatur, Berten trägt Fettcreme auf, lässt ein paar Schmerztabletten da und schreibt eine Empfehlung für die örtliche Klinik. Man mahnt, genug zu trinken. Eine Empfehlung, die die Freiwilligen an diesem Tag oft wiederholen werden. Berten hat erkannt: „Es wäre unhöflich, unseren Ratschlägen nicht zu folgen. Also behaupten alle, täglich genug zu trinken, genug zu essen. Die notwendigen Mengen sprechen sich als gewünschte Antwort schnell herum. Deswegen muss man anders fragen: Nicht 'isst und trinkst du genug?', sondern 'hast du Zugang zu Nahrung und Trinkwasser?' Übrigens auch nicht: 'Bist du HIV-infiziert?', sondern 'Nimmst du Medikamente?'“

 

Mit der Nichtbefolgung von Ratschlägen ist das Team beim nächsten Patienten erneut konfrontiert: Sie sehen John*, einen Vierjährigen, dessen Hinterkopf im wesentlichen aus einer großen, fliegenumschwärmten Brandwunde besteht – seit anderthalb Jahren, seit das elterliche Haus niederbrannte und der Bruder in den Flammen umkam. John war lange im Krankenhaus, jetzt hat der Vater entschieden, dass es reicht. Berten trägt Salbe auf, verjagt Fliegen, schreibt erneut eine Krankenhausempfehlung. Lässt Schmerztabletten da. Er weiß, dass die Überweisung verfallen wird. In der Nacht wird er wachliegen und an einem kratz- und fliegensicheren Kopfverband tüfteln. Ob John ihn jemals tragen wird, ist ungewiss: Die African-Impact-Freiwilligen kommen nur hin und wieder in Ngwenya vorbei, auf ihrem Besuchsplan stehen noch 10 weitere Siedlungen. Durchgehende Versorgung mit Verbandsmaterial und laufende Kontrolle von Genesungsfortschritten können sie nicht leisten.

 

Im Haus von Joshuas Familie sind die Freiwilligen die Attraktion des Tages: Die Mutter des gelähmten Jungen trägt Schemel und Bänke auf den Hof, die Geschwister holen die Nachbarn dazu. Joshua genießt es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, albert herum, während Berten und Vidya seine Kniewunden versorgen, und flirtet mit der Kamera, mit der Marije die Verletzungen für die Patientenakte dokumentiert. Nachher, im Bus auf der Fahrt zum nächsten Patienten, spekulieren die Freiwilligen, wie es Joshua in Westeuropa gehen würde: Heilen könnte man seine Grunderkrankungen auch hier kaum, aber die Löcher im Knie hätte er nicht. Vielleicht würde er in einem Kinderpflegeheim leben. Die medizinische Versorgung wäre besser, aber die Lebensqualität?

 

Sinnfrage

Die nächsten Patienten sind Routine: Tuberkulose, HIV, Körpertemperatur, Puls, essen, trinken, Schonung, Empfehlung ans Krankenhaus. Fragen nach Schmerzmitteln, nach Panadol, der Marke, unter der in Sambia Paracetamol verkauft wird. „Panadol“, sagt Berten, „hat hier den Ruf einer Allzweckwaffe. Ob ich es ausgebe oder nicht, kann auch das Ansehen der einheimischen Helfer in der Gemeinschaft – und ihre Bereitschaft, weiter mit uns zusammenzuarbeiten – stark beeinflussen.“

 

Also werden die Tabletten weitergereicht, auch wenn die Regeln streng sind – für höchstens drei Tage dürfen die Freiwilligen das Schmerzmittel ausgeben – und Bertens Interessen ohnehin in eine andere Richtung gehen: Zwischen den Patientenbesuchen weist Bennie hier auf einen Baum hin, dessen Blätter bei Appetitlosigkeit helfen, dort auf einen Strauch, aus dessen Wurzeln sich Sud gegen Kopfschmerzen brauen lässt. Berten schreibt mit: Er hofft, der Panadol-Fixierung mit Hinweis auf lokale Heilmittel begegnen zu können.

 

Auch die Effizienz der Freiwilligeneinsätze versucht er zu verbessern: Er entwirft Fragebögen zur besseren Erfassung des Gesundheitsstands von Patienten. Er bemüht sich um Ergebnissicherung und Wissenstransfer an künftige Freiwillige. Im Home-Based-Care-Programm läuft das halbwegs: Es gibt einen dicken Ordner voll Patientenakten, der von immer neuen Freiwilligen fortgeschrieben wird: Besuchsdatum, Vitalfunktionen, Medikamentengabe, Empfehlung an die Klinik, über Seiten und Seiten.

 

In anderen African-Impact-Projekten klagen Freiwillige darüber, immer wieder von vorn anfangen zu müssen – und nicht sicher zu sein, ob ihre Ideen weitergeführt werden. Ein einheimischer Helfer in der Schimpansenauffangstation Chimfunshi klagt: „Mit jedem Schwung Freiwilliger kommen neue Ideen, neue Projekte. Und wenn sie wieder gehen, verfolgt das niemand weiter. Die nächsten wollen ihre eigenen Ideen und Projekte umsetzen.“

 

Mit der Umsetzung eigener Ideen ist Berten auf einem guten Weg: Die Projektverantwortlichen von African Impact hören ihm zu, übertragen ihm Planungsaufgaben – auch wegen seiner medizinischen Fachkenntnis. Die reine Arbeit am Patienten allerdings ist für viele Helfer frustrierend: „In drei Vierteln der Fälle können wir nichts tun, außer auf die Klinik zu verweisen“, sagt eine Freiwillige. „Und wenn man in der Akte sieht, dass diese Empfehlung schon mehrfach gegeben und nie befolgt wurde, stellt sich schon die Frage nach dem Sinn.“

 

Die Sinnfrage wird abends am Pool des „Livingstone Backpackers“ diskutiert, dem Hostel, in dem African Impact ein Büro unterhält und die Freiwilligen unterbringt. Bei Mosi-oa-Tunya-Bier und Jägermeister erörtern die Freiwilligen, ob sie Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen, indem sie dafür bezahlen, einen Job zu machen, für den eigentlich andere bezahlt werden müssten. Sie berichten einander, was heute wieder nicht geklappt hat, und reden darüber, wie der Anspruch, die Welt zu retten, auch die Hoffnung, zumindest ein bisschen was zu bewegen, zusammenschnurrt.

 

Auch die Gräben zwischen den Freiwilligen werden deutlich: Hier die Langzeitfreiwilligen, die acht Wochen oder länger in Sambia sind – oft mit Option auf ein Praktikum oder eine befristete Stelle bei African Impact – , dort diejenigen, die lediglich drei Wochen ihrer Schulferien in einem Einsatz verbringen. Die einen nehmen die anderen nicht ernst, lästern über Feriencamp-Mentalität, Erlebnistourismus und einen Mangel an kulturellem Verständnis. Die anderen halten die einen für elitär und wollen sich erst einmal umsehen, statt gleich berufliche Weichen zu stellen. Alle beschreiben ihren Einsatz und ihre Erlebnisse als großartig und erfüllend, aber bei den Langzeitlern ist oft ein resignierter Unterton zu hören. Berten indes zeigt verbissenen Optimismus: „Was wir wirklich ändern können, ist ungewiss“, gibt er zu. „Klar ist aber: Den Leuten vor Ort geht es mit Freiwilligeneinsatz besser als ohne.“

 

Nikolai Link

 

* Namen geändert

Hinweis: Die dunkel hinterlegten Formularfelder sind Pflichtfelder.