Hamba khale, Madiba

Heft 6/2013

Editorial

AM 5. DEZEMBER 2013 STARB NELSON MANDELA. Er ist 95 Jahre alt geworden.

 

Die Nachricht löste weltweit Betroffenheit, Anerkennung und Dankbarkeit aus, auch Mitgefühl mit den Menschen in Südafrika. Mandela steht für das Ende der Apartheid: Er ebnete den Weg zur Aussöhnung von Schwarzen und Weißen in seinem Heimatland. Er saß 27 Jahre in Haft, bevor er 1994 zum ersten Präsidenten des demokratischen Südafrika gewählt wurde.

 

Bilder im Fernsehen zeigten Menschen, die vor seinem alten Haus in Soweto und seiner letzten Wohnung im Johannesburger Stadtteil Houghton verharrten, Blumen niederlegten – in Trauer, aber auch in einer gemessenen Heiterkeit, sangen und tanzten. Sie feierten sein Leben.

 

So sehr die Menschen in Südafrika auch auf den Tod Mandelas gefasst waren, der Schock war fast physisch spürbar. Der Tod des Nationalhelden hat Südafrika quer durch alle Bevölkerungsschichten erschüttert. Der Johannesburger Publizist Mondi Makhanya brachte die Gefühle auf den Punkt: „Zuletzt war es so, als schaue man seinem Großvater beim Sterben zu. Der Tod kam keineswegs überraschend. Trotzdem fällt es schwer, sich Südafrika ohne Mandela vorzustellen. Es ist keineswegs so, dass unser Land nun auseinanderbrechen oder der Himmel einstürzen wird. Aber die Einheit des Landes ist ihres Symbols beraubt worden.“

 

Mandela ist der letzte aus der Riege der großen ANC-Führer, der Politiker vom Schlage eines Walter Sisulu und Oliver Tambo, denen es um Freiheit und Frieden für alle gegangen war. Das Selbstwertgefühl der südafrikanischen Gesellschaft beruht darauf, dass die Nation diesen Jahrhundertpolitiker einen der ihren nennen darf. Doch hinter Mandela kommt nichts mehr. Heute wird Südafrika von einem Jacob Zuma regiert, und worum es dieser Generation geht, ist kein Geheimnis: Geld.

 

Der Unterschied ist den Menschen bewusst. Als bei der Gedenkfeier im Stadion von Soweto die Kameras den amtierenden Staatspräsidenten Jacob Zuma ins Bild nahmen und auf die Großleinwände projizierten, wurde er mehrfach ausgebuht.

 

Auch die Regierung Mandela hat vieles versäumt und falsche Weichen gestellt, anderes schleifen lassen. Die Frage nach der Wirtschafts- und Sozialordnung wurde nicht in Angriff genommen. Die Aids-Problematik hat er erst spät erkannt. Die ehemaligen Bantustans sind immer noch „aparte“ Regionen; die Bergbauunternehmen beuten aus wie eh und je, die Landreform kommt kaum voran und die Bildungschancen sind immer noch ungleich. Doch anders als seine Nachfolger und viele Kollegen in aller Welt hat Mandela seine Integrität bewahrt, festgehalten an seinen Grundwerten von Menschlichkeit, Versöhnung und Gerechtigkeit.

 

Mandela war kein Revolutionär. Er hat in unserer Zeit der „grauen Herren“, der vorbildlosen Zeit, immer wieder davor gewarnt, ihn unkritisch zum Helden zu stilisieren. Er sei kein Gott, wiederholte er immer wieder, sondern ein gewöhnlicher Sterblicher. Trotz seiner Bescheidenheit – Nelson Mandela gehört mit Mahatma Gandhi und Martin Luther King zu den außergewöhnlichen Menschen des 20. Jahrhunderts, die einen andauernden Eindruck hinterlassen. Er verstand es, eine Vision mit der Fähigkeit zu praktischem Handeln zu verbinden. Er hat gezeigt, dass es sich lohnt, seinen Hoffnungen zu folgen und zu versuchen, sie umzusetzen, und sich nicht hinter seinen Ängsten zurückzuziehen.

 

Hein Möllers

 

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