Der Wunderkocher aus den Bergen

Heft 6/2015

Klimadossier: Lesotho

DER ACE-ENERGIESPARHERD MADE IN LESOTHO

 

Wie kommen ein Südafrikaner und eine Holländerin auf die Idee, im Minikönigreich Lesotho die erste industrielle Produktion von Energiesparherden aufzubauen?


Stephen Walker und seine Frau Alice Troostwijk lebten bereits einige Jahre in Lesotho – Stephen arbeitete als Elektroingenieur in einer Fabrik für Energiesparlampen der Firma Philips – als sie den Entschluss fassten, sich als selbständige Unternehmer im Bereich Umweltschutz zu engagieren. Ihr Hauptaugenmerk lag auf den vielfältigen Problemen, die durch das Kochen auf offenem Feuer verursacht werden.


Ein Aspekt ist in einem Land wie Lesotho besonders augenscheinlich: die Erosion. Trotz aller Bemühungen, die Überweidung zu stoppen und aufzuforsten – Maßnahmen, die in den letzten Jahrzehnten auch von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt wurden – schreitet die Erosion voran. Jährlich gehen tausende Tonnen Mutterboden verloren. Ganze Landstriche sind von Erosionsgräben, den sogenannten Dongas, durchzogen und für den Ackerbau nicht mehr nutzbar. Das Abholzen – auch von Büschen und Sträuchern – hat verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Man geht davon aus, dass in Afrika insgesamt jährlich 40.000 km² Wald verloren gehen.


Hinzu kommen die gesundheitlichen Folgen durch das Einatmen des Rauches. Die schädlichen Belastungen der Lungen entsprechen dem täglichen Konsum von zwei Packungen Zigaretten. Besonders betroffen davon sind Frauen und Kinder. Darüber hinaus produziert ein Jahr Kochen auf offenem Feuer etwa so viel Treibhausgas wie ein Geländewagen in der gleichen Zeit.

 

Der ACE 1 Ultraclean Biomass Cookstove
Natürlich hat es auch schon in der Vergangenheit Versuche gegeben, die traditionellen Kochmethoden zu verändern, vor allem durch die Nutzung von Sonnenenergie. Doch den Solarkochern war kein großer Erfolg beschert. Was gebraucht wurde, war ein Herd, der mehr den Kochgewohnheiten der Bevölkerung entsprach.


Dies erklärt unter anderem, warum der von Stephen Walker entwickelte „ ACE 1 Ultra-Clean Biomass Cookstove" auf solch positive Resonanz stößt. Er kann zu jeder Tages- und Nachtzeit benutzt werden, sowohl im Freien als auch in Räumen. Es gibt so gut wie keine Rauchgasentwicklung. Gespeist wird der Herd mit Holzresten, Zweigen, Pellets oder anderer Biomasse. Die Brennstoffersparnis beträgt ca. 70 Prozent, das bedeutet im Laufe eines Jahres vier Tonnen weniger CO². Gestartet wird der Herd mit einer Batterie, die mit Solarenergie geladen werden kann. Ebenso bietet der Herd die Möglichkeit, eine LED-Leuchte anzuschließen und Mobiltelefone aufzuladen. Besondere Attraktion: die Aufstellsockel in verschiedenen kräftigen Farben.


Doch bevor die Produktion 2011 beginnen konnte, waren einige Hürden zu überwinden, allem voran die Startfinanzierung. Sie kam schließlich von der Industrial Development Corporation (IDC) in Südafrika. Massive Unterstützung gab es von Seiten der Regierung Lesothos durch die Lesotho National Development Corporation (LNDC). Sie stellte eine Fabrikhalle im Industriegebiet Ha Thetsane am Rande Maserus zur Verfügung und ermöglichte die Registrierung des Unternehmens innerhalb von nur zehn Tagen!


Gegenwärtig beschäftigt die Fabrik siebenunddreißig Frauen und Männer, fünf davon sind behindert. Die Integration von Behinderten gehört zum Konzept des Unternehmens. Verkauft wurden bisher etwa 40.000 Kochherde. Die Produktion kann jedoch noch erheblich erweitert werden, da der Markt nicht nur auf Lesotho beschränkt ist. Exportiert wird bereits nach Südafrika, Malawi und Kambodscha. In Ruanda wird der Kocher von Inyenyeri, einem gemeinnützigen Unternehmen, vertrieben. Demnächst wird es den ACE 1 auch in Uganda, Kenia, Tansania und Sambia geben. Einzige Hürde bei der Expansion: die hohen Importzölle, die es dem Unternehmen schwer machen, den Preis niedrig zu halten.

 

Kredite per Smartphone
Und der Preis ist schließlich entscheidend. Auch wenn die Akzeptanz groß ist und die Menschen begeistert sind von den Möglichkeiten, die der ACE 1 bietet, bleibt die Frage, ob sich auch diejenigen mit geringem Einkommen – und das ist die Mehrheit der Interessierten – den Kocher leisten können. Er kostet derzeit in Lesotho 1115,00 Rand und in Südafrika 1500 Rand, in US-Dollar liegt der Preis zwischen 100 und 120 Dollar, abhängig vom jeweiligen Wechselkurs. Das Unternehmen betont zwar den Aspekt der sozialen Verantwortung, muss aber gleichzeitig darauf achten, dass wirtschaftlich gearbeitet wird, um die Nachhaltigkeit zu sichern.


Die Antwort: Schaffung eines Kreditsystems. Einer der Partner von African Clean Energy ist Kiva, eine US-amerikanische gemeinnützige Organisation, die inzwischen auch in Deutschland aktiv ist. Sie ermöglicht es Individuen, über das Internet Mikrokredite an Kleinbetriebe und Einzelpersonen vor allem in Entwicklungsländern zu verleihen. Abgewickelt werden die Kredite meist über Mikrofinanz-Institutionen vor Ort – im konkreten Fall ist es ACE selbst.


Mobile Teams des Unternehmens, die auf dem Land Kochvorführungen organisieren, beraten Kaufinteressierte auch über die Möglichkeit zinsloser Ratenzahlung. Wenn sich zehn zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben, dann beantragt ACE bei Kiva einen Kredit und managet ihn für die Gruppe.


Ein weiterer Partner von ACE ist das Kommunikationsunternehmen Vodacom. Hier können Kundinnen mit dem M-pesa-System Kredite per Smartphone bedienen. Zusätzlich soll es auch die Möglichkeit geben, durch eine Vereinbarung mit dem Arbeitgeber einen Kredit abzusichern. Bisher lag die Tilgungsrate der Kredite bei 100 Prozent.


Selbst wenn die Anschaffungskosten eine Hürde darstellen, erweist sich der Kocher auf längere Sicht als kostensparend. Das Aufladen des Mobiltelefons im nächstgelegenen Kramladen entfällt, durch die LED-Leuchte brauchen keine Kerzen mehr gekauft werden, und wer bisher mit Gas gekocht hat, kann sich über nicht unerhebliche Ersparnisse freuen.

 

Kocher für Waisen
Freuen können sich auch viele der Aids-Waisen in Lesotho, die bei Großmüttern, älteren Geschwistern und Verwandten leben. Im Rahmen des Lesotho Orphans Project von ACE können Einzelpersonen, Gruppen oder auch Gemeinden über das Internetportal Kocher spenden, die von ACE an die Betreffenden weitergeleitet werden. Mit von der Partie ist ebenfalls die BWM-Stiftung. In einer Kooperation mit ACE kompensiert sie CO2-Emissionen, die durch ihre internationalen Veranstaltungen entstehen, indem sie ACE-Kocher für Waisenkinder spendet.


ACE ist ein klassisches Familienunternehmen. Vater Stephen und Mutter Alice managen den Betrieb in Lesotho, zusammen mit einem Team einheimischer Angestellter. Sohn Ruben und Tochter Judith entwickeln Vermarktungsstrategien vom Firmensitz in Amsterdam aus. Ihr gemeinsames Ziel ist es aufzuzeigen, dass Lösungen für „afrikanische" Probleme auch aus Afrika selbst kommen können.


Brigitte Reinhardt

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