Proteste gegen Studiengebühren

Heft 6/2015

Südafrika

PULS UND IMPULS EINER WÜTENDEN JUGEND IN SÜDAFRIKA. Viele Studierende können sich die rasant steigenden Kosten fürs Studium nicht mehr leisten. Gegen diese Prekarisierung, die zunehmende wirtschaftliche Not, formt sich Widerstand.

 

1994 wurde versprochen, freie Bildung für alle zu etablieren. 1996 hat Südafrika sehr übermütig den Anschluss an neoliberale Strukturen gesucht, eine Folge davon ist die zunehmende Kommodifizierung von Bildung. Jüngst gab die University of the Witwatersrand (WITS) in Johannesburg bekannt, aufgrund des schlechter werdenden Rand-Dollar-Kurses und der Inflation müssten die Studiengebühren für 2016 um 10,5 Prozent angehoben werden. Hinzu kommen ähnliche Steigerungen der Registrierungsgebühren und der Kosten für Wohnheime und schließlich die steigenden relativen Kosten eines Studium: Die aktuelle wirtschaftliche Lage betrifft nicht nur den Universitätsbetrieb, sondern auch und gerade private Haushalte.


Ein Studienjahr an der WITS kostet derzeit etwa 2000 – 3800 €, zuzüglich Lehrmaterial und Lebenshaltungskosten. Viele Studienabgänger sehen sich vor einem Schuldenberg. Zahllose Jugendliche werden bereits jetzt durch die hohen Kosten vom Studieren abgeschreckt, und es gibt viele Studierende, die auf leeren Magen studieren und die Notwendigkeit der WITS Food Bank bedingen.

 

Proteste an der WITS-Universität
Als ich am Mittwoch, den 14.10.2015, auf den Campus komme, wird dagegen demonstriert. Noch ist es übersichtlich, aber ausdrucksstark. Es wird getanzt und gesungen und ein wachsender Corso zieht von Gebäude zu Gebäude, um zu stören und auf sich aufmerksam zu machen. Die kritische Masse wächst im Laufe des Tages, teilt sich, beginnt sämtliche Autozufahrten des Campus zu besetzen. Vereinzelt versuchen Autos, sich durch die Massen zu keilen. Wer es nicht kapiert, auf dessen Auto wird sich drauf gesetzt. Wer ein Auto hat und den Campus verlassen will, sitzt fest. Wer draußen ist, hat keinen Zugang zur Uni. So wie tausende von Studierenden, die sich eine Steigerung der Studiengebühren nicht leisten können.


Mit gereckter Faust skandieren die Demonstrierenden: „Amandla Awethu!" („Die Macht ist Unser!"). So wird der Protestgeist wieder und wieder angefacht. Im Laufe des Nachmittags wird der akademische Betrieb offiziell eingestellt. Immer wieder bilden sich spontan Protestzüge, die die umliegenden Straßen verstopfen. Gärtner und Reinigungspersonal zeigen sich solidarisch und schließen sich an. Sie hatten am 6. Oktober 2015 den Kern einer Demonstration gegen Outsourcing und prekäre Arbeitsbedingungen gebildet – gegen Massenentlassungen und Neueinstellungen durch Leiharbeitsfirmen für geringen Lohn. Nachts werden die Blockaden von der Polizei teilweise mit Gewalt aufgelöst.


Donnerstag und Freitag verlaufen ähnlich. Morgens wirkt es zunächst ruhig, im Laufe des Tages schwellen die Proteste an. Auffallend wenig Weiße protestieren. Die Notwendigkeit, gegen die Steigerung der Studiengebühren zu sein, ist eng verknüpft mit der Einkommensverteilung und noch immer deutlich nach Hautfarbe geordnet. Viele Weiße haben Sorge um ihre Autos, und allgemein wird von mancher Seite eine diffuse Angst vor einem wütenden Mob geschürt. Ohne Verständnis für die eigentlichen Themen haben viele Weiße Angst um ihre Haut; diejenigen, die Vorwürfe von „White Supremacy" vernehmen, missverstehen dies als Bestätigung. Unsere Institutsleitung empfiehlt dringend, man möge den Campus verlassen, wenn man die Gelegenheit bekäme. Auch die Medien stellen die Protestierenden zunächst als kurzsichtigen, gewaltbereiten Haufen dar. Dabei herrscht keinerlei gewalttätige Stimmung, außer dort, wo (weiße) Studierende provozieren.

 

Landesweite Proteste
Im Laufe des Wochenendes breiten sich die Protestaktionen nach und nach auf fast alle Universitäten des Landes aus. Versuche seitens der Hochschulverwaltungen, die Demonstrationen auszuhungern und zu ermüden, sind offenbar gescheitert. Verstärkt wird eine Stellungnahme des Bildungsministers Blade Nzimande gefordert, jedoch ohne Erfolg. Die Protestierenden werden nicht ernst genommen, stattdessen wird von staatlicher Seite auf Gewalt gesetzt. In Kapstadt und in anderen Hochschulstädten gibt es heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, viele Studentinnen und Studenten werden gewaltsam von Polizisten traktiert.


Am Mittwoch, den 22.10., findet eine Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Kapstadt statt. Weiße Protestierende bilden einen menschlichen Schutzschild zwischen den Polizeikräften und den restlichen Demonstrierenden, da sie weniger Übergriffe zu erwarten haben. Immer wieder betonen die Demonstranten ihre Friedlichkeit. Gummigeschosse, Tränengas und Blendgranaten seitens der Polizei lösen die Veranstaltung gewaltsam auf.

 

Marsch auf den Regierungssitz
Am Freitag (24. 10.) findet ein großer Umzug zum Regierungssitz in Pretoria statt. Die Zahl der Teilnehmenden wird auf 18.000 Studierende und Sympathisanten geschätzt. Vor den Union Buildings liegt ein weitläufiger Park. Als wir ankommen, sind bereits Tausende auf dem Rasen. Unmittelbar vor dem Gebäude verbrennen ein paar Dixietoiletten in einem riesigen, rauchigen Feuer.


Kleinere Protestzüge von 100-1000 Studierenden marschieren durch den Park, auf die Straße, wieder zurück und singen. Viele stehen oder sitzen herum. Die Polizeikräfte feuern etwa alle zehn Minuten zwei Blendgranaten ab. Die Detonationen erzeugen jedes Mal Epizentren panischer Fluchtanfälle, die den größeren Teil der Anwesenden erfassen. Bald begreifen wir, dass die Granaten eher Hightech-Feuerwerk zu sein scheinen als ernsthaft gefährlich. In typischer Silvester-Manier ertönt nun nach jeder weiteren Blendgranate ein vielstimmiges „Happyyyy!", ein kollektiver Mittelfinger an die Exekutive.


Eine größere Salve Tränengas treibt die meisten aus dem Park auf die Straße, die Aufregung steigt. Irgendwann hört man einen Lautsprecher Präsident Jacob Zuma ankündigen. Langsam füllt sich der Park wieder, zwei Stunden warten wir geduldig. Dann verbreitet sich die Nachricht, dass Zuma seine versprochene Ansprache gerade im Radio hält, anstatt direkt zu uns zu sprechen. Das erzeugt reichlich Unmut. Eine mannshohe Girlande aus Stacheldraht und ein Zaun sind bereits von Protestierenden durchbrochen, und Steine beginnen in Richtung Polizei zu fliegen. Wieder wird Tränengas verschossen, dieses Mal genug, um die Demonstration aufzulösen.


Innerhalb kürzester Zeit ist der Park beinahe leer; Gummigeschosse treiben den hartnäckigen Rest auch noch auf die Straße. Zurück auf dem WITS-Campus spucken Busse die Protestierenden aus. Unterstützer/-innen vor Ort haben den ganzen Tag Brote geschmiert, die jetzt verteilt werden.
Jacob Zuma hat in seiner Radioansprache versprochen, die Gebühren für 2016 nicht anzuheben. Einige empfinden das als Sieg, die Kampagne lautete jedoch „Fees Must Fall", die Gebühren müssten also mindestens sinken. Unklar ist außerdem, was nach 2016 geschieht. An den meisten Hochschulen wurden im Anschluss an die Demonstration in der Hauptstadt Verhandlungen aufgenommen, um Garten-, Reinigungs- und Sicherheitspersonal wieder anzustellen; die Prekarisierung derselbigen durch Outsourcing war ebenfalls Thema dieser und anderer Proteste. Daran wird deutlich, dass hohe Studiengebühren zwar Auslöser der Proteste waren, die Themen jedoch weit darüber hinaus gehen.


Schon seit Jahresbeginn kämpfen politische Gruppen wie etwa „Rhodes Must Fall" für die umfassende Transformation des Hochschulwesens, das nach wie vor von Asymmetrien der Apartheid geprägt ist. Gleichzeitig sind die Akteure und deren Interessen so vielfältig, dass der vereinigende Geist der Proteste im Anschluss an die Demonstration in der Hauptstadt seine Wirkung eingebüßt hat. Ob es also gelingen kann, ein weiteres Mal in diesem Maße zu mobilisieren, um eine Steigerung der Studiengebühren in den nächsten Jahren zu verhindern, oder gar die Kosten eines Studiums gänzlich zu senken, bleibt Gegenstand von Spekulationen.


Manche Formen des Aktivismus waren streitbar, aber in jedem Falle war es starker Ausdruck von Unmut und Frust. Das hat nicht nur mit Studiengebühren zu tun, sondern mit einem enttäuschenden neuen Südafrika, das viele Versprechen der Unabhängigkeit nicht erfüllt hat. Neoliberale Politiken verstärken ökonomische Ungleichheiten, die im hiesigen Kontext nach wie vor stark an Hautfarbe geknüpft sind. Die Erfahrung des Nicht-Erhört-Werdens beschreibt für viele das Verhältnis zum politischen Apparat; neben Bildung sind etwa Zugang zu Infrastruktur oder sozialer Wohnungsbau weitere angespannte Themen. Und wie schon vielfach zuvor ist es die Jugend, die ihre Stimme erhebt, bis sie dann doch Gehör findet. Medien, Plakate und Graffitis ziehen wiederholt den ehrgeizigen Vergleich mit dem Aufstand der Schülerinnen und Schüler in Soweto 1976, dem Demonstrationen von Jugendlichen in anderen Städten folgten. Haltbar oder nicht, es besteht Einigkeit darüber, dass die aktuellen Proteste einen geschichtlichen Wendepunkt markieren.


Michel Keding

 

Der Autor ist Student der Geographie, Universität Hamburg, und absolviert derzeit ein Auslandstudium an der WITS-Universität in Johannesburg.

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