Schwarz-lesbische Lebenswelten

Heft 6/2016

Südafrika: LGBTI

ZANELE MUHOLIS VISUELLER AKTIONISMUS - Fotokunst als Augenöffner für schwarz-lesbische Lebenswelten. Vor gut zehn Jahren sorgte Zanele Muholi durch ihre Fotografien hauptsächlich in der Genderforschung für Aufsehen. Inzwischen ist sie als Künstlerin und Aktivistin weltberühmt, zahlreiche renommierte Kunstpreise würdigen ihr Werk.

 

Rückblende: Einer ihrer ersten Ausstellungen und Fotobände mit dem Titel „Only Half the Picture" zeigte eine bis dato im Mainstream ungesehene Perspektive auf homosexuelle Realitäten in Südafrika. Sie brach gesellschaftliche Tabus und etablierte Geschlechtergrenzen. Zwei Jahre zuvor hatte Zanele Muholi ihre Ausbildung zur Fotografin beim Market Photography Workshop in Johannesburg beendet und stand am Anfang einer Bilderbuchkarriere. Seitdem waren ihre Arbeiten in vielen internationalen Ausstellungen, unter anderem 2012 auf der dOCUMENTA (13), zu sehen. 2013 erhielt sie eine Honorarprofessur an der Hochschule für Künste Bremen.

 

Anerkennung schwarz-lesbischer und transgender Identitäten
Dennoch ist Kunst für die selbsternannte visuelle Aktivistin weiterhin Mittel zum Zweck. Oberste Priorität hat die Lobbyarbeit für die Anerkennung schwarz-lesbischer und transgender Identitäten. Jüngst erklärte sie im Mail & Guardian: „Unsere Geschichten müssen geschrieben werden. Wir können nicht ausgelöscht werden. Wenn ich mich nicht in der Zeitung, in Zeitschriften oder im Fernsehen sehen kann, bedeutet das: Ich muss selbst diese Bilder erzeugen. Aber am wichtigsten ist es mir, Fotos zu schaffen, die zu Südafrikas Bild- und Geschichtsarchiven zählen. Wir schreiben Geschichte."


Nach wie vor ist das offene Ausleben homosexueller Identität für viele schwarze Frauen in bestimmten Gebieten Südafrikas lebensgefährlich. Muholi kennt die Probleme, schließlich wurde sie im Township Umlazi bei Durban geboren. Sogenannte Hate Crimes – Hassverbrechen, etwa „korrigierende" Vergewaltigung oder gar Mord – gehören vielerorts zum Alltag. Wenige Fälle, wie z.B. der Mord an der Fußball-Nationalspielerin Eudy Simelane 2008, erregen die Aufmerksamkeit der Medien. Muholis Anliegen ist es, eine Binnenperspektive schwarz-lesbischer Identitäten jenseits anzüglich reißerischer Schlagzeilen sichtbar zu machen. Vor allem geht es ihr darum, die Menschen nicht als Opfer, sondern in ihrer ganzen selbstbestimmten Individualität darzustellen. Das dokumentiert sie auch auf ihrem Aktions-blog inkanyiso.

 


„Vor zehn Jahren wurde der Civic Union Act verabschiedet, (der die Eheschließung von Homosexuellen erlaubt d.R.). Vor zwanzig Jahren wurde die Verfassung verabschiedet. Vor vierzig Jahren fand der Soweto-Aufstand statt und vor 60 Jahren die große Frauendemonstration vor dem Regierungssitz in Pretoria. An all diesen Ereignissen waren Queer-Menschen beteiligt."
Zanele Muholi, Mail&Guardian, 23.9.2016


 

Die Retrospektive „Faces and Phases 10", die gerade in Johannesburg gezeigt wurde, schreibt das Fotoprojekt „Only Half the Picture" aus Muholis früher Schaffensperiode konsequent fort. Etliche Portraits sind vor Jahren entstanden, andere begleiten die Menschen durch die Zeit. „Faces and Phases 10" ist somit Teil eines lebenden Archivs. Der Ausstellungstitel spiegelt die vielfältige Komplexität der Identitäten wider, die Muholi dokumentieren möchte. „Vom Single zur Verheirateten, von der Zeit als bekannte Lesbe zur längeren graduellen Gender-Transition, von einer Single-Lesbe zur alleinerziehenden Mutter, die sich noch als Lesbe sieht – dies sind unsere Phasen", sagt sie.


Trotz ihrer internationalen Berühmtheit ist Muholi in Südafrika weiterhin Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. So wurden 2012 mehrere Festplatten aus ihrer Wohnung gestohlen; die Arbeit von fünf Jahren war ohne Backup vernichtet. Auch im öffentlichen Diskurs wird Muholis Leistung nicht immer geschätzt. 2009 weigerte sich die damalige Ministerin für Kunst und Kultur Lulu Xingwana, anlässlich des südafrikanischen Frauentags bei einer Ausstellungseröffnung auf dem Gelände des Verfassungsgerichts ihre vorgesehene Rede zu halten. Vielmehr verunglimpfte sie Muholis Fotos als unmoralisch, nicht verfassungskonform und anti-national.


Nichtsdestotrotz wächst Zanele Muholis Bedeutung weiter. Muholi betont, dass sie auf ihrem Weg viele Unterstützerinnen und Unterstützer hatte, die ihr voll vertrauten und auch einiges riskiert haben. Inzwischen habe in Südafrika die Kampf- und Widerstandszeit der Queer Identity begonnen: „Ich mache das nicht für mich, ich bin nur eine Botin mit einer Kamera in meiner Hand, die sagt: Sibaningi! – Es gibt viele von uns."


Irina Turner

 

Die Autorin ist akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl Afrikanistik an der Universität Bayreuth. Ihr Buch „Comprehending Gender Issues through Photography: A South African Case Study" (VDM 2008) setzt sich mit dem Frühwerk Zanele Muholis auseinander.

Weblink zur Aktionskunst von Zanele Muholi:
https://inkanyiso.org/

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