Befreiung und nationale Identität

Heft 3/2017

Südliches Afrika: Zeitgeschichte

HEIKE BECKER IM GESPRÄCH MIT REINHART KÖSSLER. Im zweiten Teil des Interviews, das Heike Becker mit ihm geführt hat, erläutert Reinhart Kößler die Probleme im Umgang mit den Befreiungsbewegungen an der Macht, insbesondere der Swapo in Namibia. Er spricht ausführlich über die Ideen von „Befreiung" und „nationaler Identifikation" im Kontext des südlichen Afrika.
Diese Überlegungen sind in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit in Namibia hochaktuell. Reinhart Kößler hat hierzu 2015 „Namibia and Germany: Negotiating the Past" publiziert. Im April 2017 erschien bei Brandes & Aspel „Völkermord – und was dann", das er gemeinsam mit Henning Melber verfasst hat.

 

Heike Becker: Viele von uns, die Befreiungskämpfe im südlichen Afrika unterstützt haben, sind noch immer ziemlich schockiert über die Formen sozialer und politischer Herrschaft, die von den Befreiungsbewegungen an der Macht dann ausgeübt wurden. Was sind Deiner Meinung nach die Gründe dafür?

 

Reinhart Kößler: Nun, die Befreiungskämpfe in der Dritten Welt – nicht nur die im südlichen Afrika – wurden zu einer Art Projektionsfläche für Linke, die wenig Chancen auf die Verwirklichung ihrer Hoffnungen und Träume im eigenen Land sahen. Das mag seinerzeit verständlich gewesen sein. Dennoch war es zutiefst problematisch. Man kann darin sogar eine spezifische Ausformung eines gut gemeinten Orientalismus erblicken. Fanden sich diese Leute in der Wirklichkeit wieder, so waren Verzweiflung und Zynismus naheliegende Reaktionen. Wie es scheint, waren Anstrengungen, zu einem Verständnis von „Befreiungsbewegungen an der Macht" zu gelangen, wie ich sie selbst etwa ab 1980 betrieb, wenig erfolgreich.


Auf einer schlichteren Ebene gab es wenigstens im Rahmen der westdeutschen Solidaritätsbewegung die Tendenz, die eigene Aufmerksamkeit recht schnell zwischen Ländern und Regionen wandern zu lassen. So interessierten sich nach 1975 nur noch wenige für Indochina und ignorierten auf diese Weise, was dort geschah. Im Hinblick auf Südafrika gab es vermutlich mehr Leute, die über die Krisen und Bedürfnisse in den Swapo-Lagern in Angola Bescheid wussten, als solche, die sich ernsthaft um das Schicksal des „Sozialismus", um die Form der politischen Herrschaft oder die Menschenrechte in diesem Land kümmerten.

 

Wie Du an mehreren Stellen ausgeführt hast, wurden die nationalen Befreiungsbewegungen als die radikalste Form des anti-kolonialen Kampfes betrachtet. Man hatte große Hoffnungen, dass durch sie koloniale Erblasten überkommen würden. Nach einigen Jahrzehnten von Befreiungsbewegungen an der Macht ist der Lack zweifellos ab. Roger Southall, Henning Melber und andere haben die hegemonialen Herrschaftspraxen der Befreiungsbewegungen, die in Ländern wie Angola, Mosambik, Simbabwe, Südafrika und Namibia regieren, ausgiebig beleuchtet. Du schlägst nun vor, die Kritik sollte noch weiter gehen und wir müssten grundlegender über Nationalismus als Legitimation von postkolonialen Herrschaftspraxen nachdenken. Kannst Du das detaillierter darlegen?

 

Eine wichtige Tendenz im Verlauf des 20. Jahrhunderts war die zunehmende Bedeutung von Nationalismus für Vorstellungen und Projekte der Emanzipation. Das galt nicht ausschließlich, aber doch in entscheidender Weise für Prozesse des anti-kolonialen Kampfes und der Entkolonialisierung. Wie vor allem Amílcar Cabral erkannt hatte, agierten diese Bewegungen auf der Grundlage, Brüche innerhalb der Nation zu suspendieren oder gar zu leugnen. Cabral sah ausdrücklich voraus, dass diese Bruchlinien wieder zum Vorschein kommen würden, wenn die Unabhängigkeit erreicht sei. Er bezeichnete dies als die Rückkehr der einstmals Kolonisierten in die Geschichte. Doch bis in die Gegenwart hinein verlängern post-koloniale Regierungen den Anspruch auf nationale Einheit und Kohäsion. Damit leugnen sie soziale Konflikte, die auf diese Weise entlegitimiert werden. Werden solche Konflikte artikuliert und ausgetragen, brandmarkten an die Macht gelangte Unabhängigkeitskämpfer dies in manchen Fällen als kriminelle Handlung.


Dennoch hat der Anspruch der Nation eine substanzielle Grundlage. Man braucht nur an das Bedürfnis nach Sicherheit zu denken, die Hoffnung, die viele Menschen etwa mit dem Schutz von Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern im Ausland verbinden. Oder staatlich garantierte Solidarität, wie sie in den heute weitgehend abgewickelten Sozialstaaten verwirklicht war. Man kann auch an die rudimentären Formen sozialer Sicherheit etwa in Form der (sehr kleinen) Altersrenten im südlichen Afrika denken. Hinzu kommt die Sorge für Infrastruktur, Erziehung usw. Das sieht aus der Sicht des heutigen Afrika vielleicht fiktional aus, aber dies ist die substanzielle Basis dessen, was Menschen vom Nationalstaat erwarten. Man braucht sich nur den engen Zusammenhang zwischen „Demokratie" und „Entwicklung" in Erinnerung zu rufen, den viele Demokratie-Bewegungen in Afrika während der 1990er Jahre unübersehbar herstellten. Es ist ziemlich klar, dass ein Staat, der solche Versprechungen und Erwartungen nicht erfüllen kann, über kurz oder lang seine Legitimität verliert.

 

Hilft es in dieser Analyse, auf ältere Diskussionen zum Begriff der Nation und des „Selbstbestimmungsrechts der Nationen (oder Völker)" zurückzugreifen, wie sie, sagen wir, nach 1917 unter russischen Revolutionären geführt wurden? Können wir dadurch besser verstehen, wie genau Ideen von „Befreiung" und „nationaler Identifikation" im Kontext des südlichen Afrika zusammenhängen?

 

Das Konzept der Selbstbestimmung wurde von den Bolschewiki bereits vor dem Ersten Weltkrieg propagiert. Stalins wegweisende Broschüre erschien 1912, Lenin verteidigte diese Strategie über die Dauer des Krieges hinweg gegen die heftige Kritik Rosa Luxemburgs. Es ist interessant, dass Luxemburg aus der Sicht einer unterworfenen Nation – Polens, das damals Teil des Zarenreiches war – argumentiert. Dagegen war die bolschewistische Sicht von der Perspektive der herrschenden Gruppe, der Großrussen (velikorusskie), bestimmt. Deren Aufgabe konnte es eher sein, für die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten einzutreten. Als die Bolschewiki 1917 an die Macht kamen, waren ihre ersten Maßnahmen auf propagandistischer Ebene sehr erfolgreich.


Das wirkte sich auch auf die 14 Punkte aus, in die US-Präsident Woodrow Wilson am 8. Januar 1918 sein Nachkriegsprogramm fasste, und zu denen die Selbstbestimmung der Nationen gehörte. Doch auf der Versailler Konferenz wurde diese Selbstbestimmung den weißen Nationalitäten des östlichen Europa vorbehalten. Auch an dieser Regelung zeigten sich die tiefen Widersprüche des Konzeptes: Es gibt keine objektive Möglichkeit festzulegen, welchen Kollektiven ein Recht auf Selbstbestimmung zuzugestehen ist, wer dazu gehören soll und wer nicht. Oder welches Territorium innerhalb welcher Grenzen jedem der Kollektive, deren Anrecht auf Selbstbestimmung anerkannt wird, zugeordnet werden soll.


Es ist klar, dass im Fall anti-kolonialer Bewegungen manchen dieser Probleme nicht die gleiche Bedeutung zukommt oder sie nicht so offensichtlich sind – in den meisten Fällen wurden die Kolonien nicht aufgrund ethnischer Zugehörigkeiten voneinander abgegrenzt. Diese heute viel beklagte Tatsache erwies sich vor dem Aufkommen der Identitätspolitik als zumindest potenzieller Vorteil. Bei der anti-kolonialen Mobilisierung einer Nation, die danach strebte, als unabhängiger Staat anerkannt zu werden, konnten ethnische Unterschiede häufig ignoriert werden.

 

Wenn wir uns gegenwärtige Entwicklungen in Ländern wie Südafrika oder Simbabwe ansehen, wird ja ziemlich klar, dass Nationalismus als Ideologie sozialer Kohärenz immer weniger funktioniert. Also, wenn Nationalismus nicht in der Lage ist, die Widersprüche postkolonialer Gesellschaften zu lösen, wie tragen nationalistische Ideologien dann zu diesen internen Widersprüchen bei?

 

Ich möchte hier auf die Analyse von Roger Southall verweisen, wie Klasse in Südafrika durch Rasse als politische Leitlinie ersetzt wurde. Es könnte helfen, die soziale Frage nicht in der Sprache der nationalen oder ethnischen Identität, sondern in ihrem eigenen Bezugsrahmen zu verstehen. Freilich ist auch „Klasse" kein einfacher Begriff, wie etwa die neuere Debatte über das „Prekariat" verdeutlicht.

 

In jüngster Zeit sind in mehreren Ländern des südlichen Afrika, vor allem in Südafrika, aber auch in Namibia und in Simbabwe, neue soziale und Demokratisierungsbewegungen in Erscheinung getreten, vor allem der städtischen Armen und der Jugend, insbesondere der Studierenden. Ideologisch und in ihren praktischen Aktionen haben diese Aktivistinnen und Aktivisten sich immer wieder auf Frantz Fanon und andere Theoretiker radikaler Nationalismusvorstellungen bezogen. Wenn Du als langjähriger Beobachter der Region dazu Stellung beziehst, mit aller Vorsicht – kann man sagen, dass diese neuen Bewegungen zu einer kreativen Erneuerung von Nationalismus beitragen, also wie eben Fanon oder Cabral auch soziale Klassenwidersprüche aufgreifen? Oder sind die jungen Bewegungen trotz ihrer radikalen Rhetorik im Grunde nur Verfechter von Identitätspolitik, wie es manche kritischen Stimmen in der Region befürchten?

 

Wenn diese Gruppen bei der Identitätspolitik stehen bleiben, wird ihre Wirkung enge Grenzen haben. Ich denke, es wäre aussichtsreicher, ausdrücklich die sozialen Fragen anzusprechen.

 

Wenn wir noch einmal auf Namibia zurückkommen, wo Du in den vergangenen 25 Jahren viel Zeit verbracht hast. Wie würdest Du die Situation dort in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit 1990 beschreiben?

 

Zweifellos war das Erreichen der Unabhängigkeit mit großen Hoffnungen verbunden, die hielten in den unmittelbar darauffolgenden Jahren an. Zugleich aber stand der paktierte Übergang für Kontinuität in allem, was die sozioökonomische Struktur betrifft. Im Unterschied zu heute herrschte weniger Zynismus, weniger Fixierung auf Ethnizität, und es gab mehr staatsbürgerliches Engagement. Es ist wichtig zu fragen, wie die Chancen dieser Situation verspielt wurden. Einiges wirkte in Richtung einer Demobilisierung der Zivilgesellschaft, aber es gab auch die Orientierung der Swapo-Regierung, die Vergangenheit ruhen zu lassen und sich auf die eigenen Ziele zu konzentrieren. Wie es scheint, hat dies nicht dazu geführt, die strukturellen Probleme zu überwinden, die als Erbe der Apartheid gelten müssen, vor allem anderen die extreme soziale Ungleichheit, die noch immer großenteils den alten Rassentrennungen folgt.

 

In Namibia hat die Swapo ja in besonderem Maß den Anspruch erhoben, die Nation zu verkörpern. Dies galt zur Zeit des anti-kolonialen Kampfes wie auch in der postkolonialen Politik. Das war nicht zuletzt der Unterstützung der Swapo durch die Vereinten Nationen geschuldet, die sie als die „einzige legitime und authentische" Vertretung des namibischen Volkes anerkannte. Deine Forschung über Erinnerungspolitik und anti-koloniale Kämpfe in Süd- und Zentralnamibia zeigt, dass dieses hegemoniale Verständnis eines legitimen Nationalismus noch immer problematische Folgen zeitigt. Wie erklärst Du diese Widersprüche?

 

Ein Grundproblem lässt sich in der Frage formulieren, wie der Standard-Slogan „Einheit in Vielfalt" (Unity in Diversity) praktisch umgesetzt wird. Bisher zeigt die Swapo wenig Neigung, die sehr unterschiedlichen Entwicklungswege und Erfahrungen ernstzunehmen, denen die Regionen Namibias unter dem Kolonialismus unterlagen. Nur Zentral- und Süd-Namibia wurden dem Siedlerkolonialismus unterworfen, während es in den nördlichen Regionen nicht zur Landenteignung kam. Sicher hatte dort das System der Wanderarbeit enorme Auswirkungen auf die Sozialstruktur, die gender-spezifische Arbeitsteilung oder männliche Biographien. In der Mitte und im Süden wiederum bedeuteten „Eingeborenenreservate" unter südafrikanischer Verwaltung intensive Überwachung und die Einmischung des „Wohlfahrtsbeamten" selbst in geringfügige Fragen, die die Einwohner betrafen. Dagegen bedeutete die indirekte Herrschaft im Norden gewiss punktuell schmerzhafte Eingriffe, aber die Intensität der Herrschaft hielt keinen Vergleich aus mit der Lage in der Zone des Siedlerkolonialismus.


Der von der deutschen Kolonialmacht 1904-1908 verübte Völkermord ist der fundamentale Ausgangspunkt dieser Erfahrungen, die sich in erster Linie auf Ovaherero und Nama beziehen, aber sicherlich auch gravierend für Damara und San waren. Die Wahrnehmung und Anerkennung dieser Unterschiede ist bestenfalls langsam und ungleichmäßig verlaufen, und entsprechende Einsichten sind im aktuellen Verhandlungsprozess mit Deutschland nicht erkennbar. Die Haltung der namibischen Regierung, die sich als alleinige Vertretung der Nation betrachtet, beruht auf der formalen Rechtslage, ignoriert aber die spezifische Lage Namibias insgesamt sowie der Opfergemeinschaften – an erster Stelle Ovaherero und Nama. Diese Haltung der namibischen Regierung ist Ausdruck einer einigermaßen groben und wenig ausgearbeiteten Vorstellung von nationaler Einheit.

 

Vielen Dank für dieses anregende Gespräch.

 

Heike Becker lehrt an der University of the Western Cape, Belville, Südafrika, und ist Research Associate am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der FU Berlin. Sie war mehrere Jahre an der University of Namibia beschäftigt. Zuvor war sie Aktivistin der Solidaritätsbewegung.


Reinhart Kößler war bis zu seinem Ruhestand Ende 2015 Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts Freiburg und ist dort Associate Research Fellow, ferner ist er Visiting Professor and Research Associate am Institute of Reconciliation and Social Justice, The University of the Free State, Südafrika.

 

Dieses Interview wurde ursprünglich in englischer Sprache für Review of African Political Economy geführt und in leicht gekürzter Form auf roape.net publiziert. afrika süd dankt ROAPE für die Genehmigung einer deutschsprachigen Veröffentlichung.
Übersetzung: Reinhart Kößler und Heike Becker

Der erste Teil des Interviews erschien in afrika süd 2/2017

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