Eine Region in autokratischer Schieflage

Heft 3/2017

Editorial

Was läuft nur falsch im südlichen Afrika? Da vollführt ein völlig abgedrehter Jacob Zuma einen politischen Eiertanz, um sich mit Personalentscheidungen bar jeglicher Vernunft trotz immer lauter werdenden Rücktrittsforderungen an der Macht zu halten – in einem Südafrika, das nach der Abschaffung der Apartheid eigentlich der demokratische Motor der Region hätte sein können. Doch die ANC-Regierung hat nie wirklich geliefert, die versprochene Umverteilung blieb aus. Stattdessen hat die Herrscherklasse ihr Patronagesystem zur Selbstbereicherung errichtet. Eine unbehagliche Erkenntnis drängt sich auf: Passt diese Aussage nicht fast ausnahmslos auf die gesamte SADC-Region?


Die Osterzeit ließ sich nutzen, noch einmal Pier Paolo Pasolinis Verfilmung des 1. Matthäus-Evangeliums, die Leidensgeschichte Jesu, aus dem Jahr 1964 anzuschauen. Der Meisterregisseur lässt zu Beginn und in Szenen, in denen Wunder geschehen – wie in der Auferstehungsszene –, das feurige Gloria der Missa Luba erklingen. Eine kraftvolle und Hoffnung verheißende lateinische Messe aus Rhythmen und polyphonen Gesängen der Baluba, aufgezeichnet in den 1950er Jahren von einem belgischen Missionar im Kongo.


Ausgerechnet die Baluba – meine Gedanken kehrten zurück in die traurige Realität des heutigen Kongo. Die Tshiluba sprechenden Bevölkerungsgruppen wohnen in einer der von heftigen Konflikten betroffenen Regionen des Landes. Über Jahrhunderte hatten die Baluba ihr eigenes Reich, bis sie sich der brutalen Kolonialherrschaft König Leopolds II von Belgien geschlagen geben mussten. Es folgten die Katanga-Sezession nach der Unabhängigkeit des Kongo 1960 und ab 1996 die Leiden in den verschiedenen Kongo-Kriegen. Seit einigen Monaten erleben die Kasai-Provinzen blutige Gewaltausbrüche mit Hunderten von Toten. Der Konflikt ist vielschichtig, hat aber auch mit der Weigerung von Kongos Machthaber Joseph Kabila zu tun, der Verfassung des Landes Folge zu leisten und abzutreten. Lieber schickt er seine Armee in die Unruheprovinzen. Mittlerweile 40 Massengräber haben UN-Mitarbeiter in Kasai-Zentral entdeckt. Das Drama in der DR Kongo geht weiter. Kein Land hat seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Tote zu beklagen.


Die ekstatischen Gesänge der Baluba, mit denen Pasolini den Gläubigen wie den Ungläubigen einst einen Ausweg aus dem Leiden der Menschheit suggerierte, scheinen längst verstummt, die Wunder bleiben aus. Auch in anderen SADC-Staaten breiten sich zunehmend autokratischen Tendenzen aus. Da ist das abgehalfterte Mugabe-Regime in Simbabwe, dessen Sicherheitskräfte den Alltag für Menschenrechtsaktivisten und Journalisten nahezu unerträglich machen. Von der abgehobenen und korrupten Machtelite in Luanda ganz zu schweigen, die im äußersten Süden Angolas aus eigenen Geschäftsinteressen riesige Anbauflächen niederwalzen lässt und sich darüber empört, dass die vertriebenen Kleinbauern sich erdreisten, gegen die skrupellose Landnahme vorzugehen. Da ist der Cashgate-Skandal der letzten Regierungen in Malawi und Sambias Präsident Edgar Lungu entpuppt sich als Mitstreiter im Wettkampf um die härteste der eisernen Fäuste in der Region. Er lässt den Oppositionsführer verhaften und wegen Hochverrats anklagen. Darauf droht in Sambia die Todesstrafe. Und selbst in Botswana eifert Präsident Ian Khama seinen Amtskollegen aus den Nachbarstaaten nach: Die Todesfälle von Oppositionellen häufen sich im „Musterland der Demokratie".


Die Reihe ließe sich fortsetzen: das Machtgezetere in Lesotho, die andauernde Diktatur von König Mswati III. in Swasiland, und nun verspielt auch Tansanias Präsident John Magufuli mit repressivem Vorgehen gegen Journalisten, Blogger und Rapper seinen Kredit aus den ersten Monaten seiner Amtszeit.


Macht korrumpiert – mit dieser einfachen Formel ist die heutige Entwicklung nicht zu greifen. Das Problem einer anhaltenden strukturellen Gewalt in postkolonialen Gesellschaften ist komplexer, nicht nur in Afrika. Der in Kamerun geborene Philosoph und Historiker Achille Mbembe sieht das Aufbrechen gewaltvoller Konflikte, von asymmetrischen Kriegen, dichten Grenzen und innerlich zerrissenen Staaten in Zusammenhang mit dem Ende der liberalen Demokratie. Das Modell, das sich in den entwickelten Regionen der Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewährt habe, sei an seine Grenzen gestoßen. „Heute dominiert die Rationalität des Finanzkapitalismus, und die ist immer weniger verträglich mit den Prinzipien einer demokratischen Ordnung", sagte er in einem Spiegel-Interview (11/2017).


Wo sich turbokapitalistische Kräfte entfalten, kann vernünftige Politik kaum noch gestalten. Das gilt für Afrika ebenso wie für Europa und anderswo. Vielleicht hatte Erfried Adam, damaliger Afrika-Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung, bei einem Mosambik-Vortrag in den1990er Jahren recht, als er meinte, womöglich liege die Demokratie in Mosambik jenseits von Parteien. Man ist heute geneigt zusagen: überall. Die Chaos-Phase der „langen Nacht" des Umbruchs, in der etablierte Parteien zusammenbrechen und sich zivilgesellschaftliche Bewegungen in den Vordergrund drängen, scheint unvermeindlich. Für Mbembe ist Afrika „ein Labor, ein Experimentierfeld der Zukunft". Eines Tages könnte das Wunder doch geschehen und gerade von dort der Impuls für eine neue demokratische Ordnung ausgehen.


Lothar Berger

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