Fantastisch und doch wahr

Heft 4/2017

afrika süd-Dossier: Angola vor den Wahlen

NEUES BUCH VON JOSÉ EDUARDO AGUALUSA

 

José Eduardo Agualusa, zweifellos eine der meistbeachteten Stimmen der angolanischen Zivilgesellschaft, nicht wegen seiner Bücher – wie er sagt –, sondern wegen der Interviews, die er aus Anlass dieser Bücher gibt, mischt sich mit seinem jüngsten Buch „A Sociedade dos Sonhadores Involuntários" (Dt. etwa: Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer; Quetzal Editores, Lissabon, Portugal) diesmal direkt in die angolanische Politik ein. Gewidmet ist der Roman den Hungerstreikenden des vergangenen Jahres. Am Ende des Romans, soviel sei verraten, stürzt das System in sich zusammen.

 

Unfreiwillige Träumer
Nach der Dystopie „Barroco Tropical" (Deutsch unter gleichem Titel bei A1 2011 erschienen), in der – eingebettet in eine rasante Verfolgungsjagd durch die Abgründe Luandas – das korrupte System analysiert wird, seziert Agualusa nun Träume – der Lebenden und der Toten, wildfremder Menschen, Utopien, Albträume der Vergangenheit und deren Realität heute: Daniel Benchimol (bekannt aus dem soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens", C.H. Beck 2017), Journalist und Spezialist für Verschwundenes, träumt von Leuten, die er nicht kennt. Eine angolanische Künstlerin inszeniert Träume, ein brasilianischer Hirnforscher analysiert sie, und Hossy Kaley, ein Hotelbesitzer und früherer Guerillero, taucht in den Träumen anderer auf. Selbst träumt er lange nicht mehr. Und dann kommen die anderen (unfreiwilligen) Träumer, revoltierende Jugendliche, die in ihrem turbulent schlafwandelnden Angola nicht mehr stillhalten wollen und in den Hungerstreik treten.


Ihr fast anrührender, wenngleich lebensgefährlicher Aktionismus reaktiviert Geister der Vergangenheit. Es kommt zum Showdown mit dem System, den Agualusa, der Autor, auf die bewährte Weise im Interview sucht: „Angola ist keine Demokratie", sagt er, und „ich selbst habe geglaubt, die Mobilisierung [rund um den Hungerstreik von 17 politischen Gefangenen im Jahr 2016] könne eine breitere Demokratisierungsbewegung hervorbringen, aber das ist nicht geschehen." Für die Wahlen im August habe er sich nicht registrieren lassen. Er hält sie, wie all die vorhergehenden Wahlen in der „gelenkten Demokratie" Angola, in der die Massenkommunikationsmittel in der Hand der Regierung und der Regierungspartei nahe stehender Privatleute sind, für eine Farce.

 

Theorie des Vergessens
In deutscher Sprache ist kürzlich endlich der 2012 auf Portugiesisch veröffentlichte Roman „Eine allgemeine Theorie des Vergessens" (Teoria Geral do Esquecimento) erschienen. Auch eine großartige Metapher und ein turbulentes Lehrstück in angolanischer (Welt-)Geschichte, für die Agualusa im Juni 2017 den Dublin Award, einen hoch dotierten Literaturpreis, erhalten hat: Eine Frau mauert sich ein. Aus schierer Panik. Sie hat Angst vor offenen Räumen, und um sie herum bricht gerade die Revolution aus. Nachdem sie versehentlich einen Einbrecher erschossen hat, der ihre Wohnung überfallen wollte, zieht sie kurzerhand eine Mauer im Hausflur hoch und verbringt die darauf folgenden 30 Jahre in Isolation. Und je mehr sie sich von der Außenwelt abkapselt – erst fällt das Telefon aus, dann das Radio, schließlich verbrennt sie alle Bücher – desto wahnsinniger und zugleich klarsichtiger wird die Frau.


30 Jahre Geschichte ziehen einige Stockwerke unter ihr und um sie herum an ihr vorüber, sie wird zur Beobachterin (durch ein Fenster und von der Dachterrasse aus) und beschränkt sich zunehmend auf das Wesentliche: Überleben. Und wie der Flügelschlag eines Schmetterlings andernorts ein Erdbeben auslösen kann, löst auch ihr Überleben (unter Anderem nutzt sie einen Beutel voller Diamanten, um Vögel anzulocken und zu fangen) im Verlauf der Geschichte so einiges aus, von dem sie erst spät oder nie etwas mitbekommen wird.


Als ein Meister der Verknüpfungen versteht es Agualusa, die Wohnung im obersten Stock eines Luxuswohnhauses der Kolonialzeit, das zwischenzeitlich besetzt wird, auf dessen Balkons Hühner gehalten werden, das akut vom Verfall bedroht, schließlich luxussaniert wird, zum Zentrum eines historischen Romans werden lassen, der sich von Portugal bis in die Weidegebiete der Himba und Mucubal, von der Kolonie über die Revolution, den Staatsstreich von 1977 bis in die postsozialistische Zeit der Geschäftemacher zieht. Und es ist – sonst wäre es kein Agualusa – ein poetisches Traktat über Menschliches und Unmenschliches, voller Turbulenzen, unglaublicher Wahrheiten und Zärtlichkeit.


Wie schon in „Barroco Tropical" ist Angola hier nur ein verdichtetes Stück (irre Welt). In diesem Fall gibt es außerdem noch einen zweiten Mikrokosmos – die eingemauerte alte Dame, die schließlich halb verhungert wiederum von einem Einbrecher gerettet wird, einem Straßenjungen, der ihr den Weg zurück ins Leben weist. Im Klappentext des deutschen Verlages heißt es: „Eine fantastische und doch ganz und gar wahre Geschichte". Und auch wenn der Autor sich explizit lieber in Interviews äußert, ein sehr politisches Stück Literatur – genau wie „Barroco Tropical" oder „Das Lachen des Geckos" und nun die Gesellschaft der unfreiwilligen Träumer – fantastisch und doch ganz und gar wahr.


Michael Kegler


Der Autor ist Übersetzer und Literaturkritiker. Er betreibt das Internetportal novacultura.de.

 

José Eduardo Agualusa:
A sociedade dos sonhadores involuntários. Quetzal Editores, Lissabon 2017

Auf deutsch erschienen:
Eine allgemeine Theorie des Vergessens. C.H. Beck, München 2017
Das Lachen des Geckos. A1 Verlag, 2. Auflage, München 2015
Barroco Tropical. A1 Verlag 2011
Jeweils übersetzt von Michael Kegler

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