Verlagerte Konflikte

Heft 5/2017

Malawi

FLÜCHTLINGE IN MALAWI. Afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa stehen im Fokus des politischen und medialen Interesses. Die meisten Menschen suchen aber in ihren Nachbarländern Zuflucht. Das führt zu vielschichtigen Problemen, wie das Beispiel Malawi zeigt.

 

Muhammed Ali hatte sich auf diesen Tag sehr gut vorbereitet. Der 37-jährige Somalier ist Sprecher der Flüchtlinge im Dzaleka Camp, nahe der malawischen Hauptstadt Lilongwe. Am Weltflüchtlingstag Ende Juni 2017 hielt er eine Rede, die den offiziellen Vertretern der malawischen Regierung und der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR die zahlreichen Strukturprobleme im Lager vor Augen führte. Erklärtes Ziel dieses Tages war es, den Mut der vor kriegerischer Auseinandersetzung geflohenen Frauen, Männer und Kinder zu würdigen.


Das UNHCR schätzt die Zahl der Flüchtlinge im Dzaleka Camp auf über 27.000; in Malawi insgesamt sollen es 30.000 sein. Etwa 3000 sind im Luwani-Flüchtlingslager untergebracht. Von dort sind es 80 Kilometer bis ins Wirtschaftszentrum von Blantyre. Doch die Zahlen, die UN-Planer und deren Partner als Berechnungsgrundlage für ihre Versorgungsleistungen in den Camps nutzen, werden ständig vom Zuzug und von Familiengründungen überholt. Denn viele Campbewohner heiraten und bekommen Kinder.

 

Mangelnde Versorgung
Ihre Versorgung ist eines der Kernprobleme, das für große Spannungen sorgt. Davon berichtete Ali eindrücklich. Gerade heraus trug er den offiziellen Gästen die Sorge über die sich verschlechterten Lebensbedingungen im Dzaleka Camp vor. Ali kam in seiner Rede schnell auf den Punkt: „Die Liste der Mängel ist lang. Dazu zählen die unregelmäßigen Nahrungsmittellieferungen, sie führen zu familiären Problemen." Laut Einschätzung etlicher Flüchtlinge sind die Versorgungsdefizite ein Grund für Gewalt. Ali führt weiter aus: „Hinzu kommen Engpässe beim Trinkwasser und den Betten sowie die schlechte Gesundheitssituation." Er prangert die unzureichende Verteilung der Grundnahrungsmittel und die Überlastung der Gesundheitsstation an, wo Schwangere unter entwürdigenden Bedingungen entbinden müssen. „Das Dzaleka Gesundheitszentrum wurde für 5000 Flüchtlinge gebaut. Weil deren Zahl aber über die Jahre kontinuierlich stieg, sind mehr Ressourcen und Personal notwendig." Die Flüchtlinge applaudierten, weil er ihre Nöte beim Namen nannte.


Muhammed Ali ist zwar nicht der Älteste im Lager, aber die Bewohner aus Burundi, Kongo und Somalia wählten ihn zum Sprecher. Schließlich kann er gut Englisch und nimmt kein Blatt vor den Mund. Viele Flüchtlinge kommunizieren in ihren Muttersprachen Swahili oder NyaRwanda, wenige können Französisch.


Monique Ekoko, die Landesvertreterin des UNHCR, kennt die Probleme und versicherte: Wir arbeiten daran, die genannten Herausforderungen zu bewältigen." Sie wies darauf hin, dass dem UNHCR auch in anderen Ländern Geld zur ausreichenden Versorgung von Flüchtlingen fehlen würde. Ekoko zählte am Weltflüchtlingstag zu den offiziellen Gästen im Dzaleka Camp. Ihr und den Honoratioren aus der malawischen Regierung boten die Flüchtlinge ein umfangreiches Programm, das ihre wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten veranschaulichte.


Schon im letzten Jahr warf Informationsministerin Patricia Kaliati bei einer ähnlichen Veranstaltung der UN und deren Partnern Versagen vor. „Wie kann es sein, dass die UN nicht für 25.000 Leute sorgen kann? Wieso müssen die Flüchtlinge sogar um Decken bitten? Sie sind doch Menschen, wie alle anderen auch." Demnach seien verfügbare Ressourcen völlig unzureichend für ein menschenwürdiges Leben. Die Ministerin betonte: „Das UNHCR sollte nicht vergessen, welche Schwierigkeiten die malawischen Gemeinden im Umfeld des Camps haben. Beispielsweise muss Land bereitgestellt werden."

 

Angst vor Kriminalität
Gleichzeitig versäumte Kaliati es nicht, die Flüchtlinge zur Einhaltung der Gesetze aufzufordern. Sie sollten keine schlechten Vorbilder für die lokale Bevölkerung sein. Fehlverhalten würde zur umgehenden Repatriierung von Straftätern führen. Als Probleme nannte sie die hohen Raten an kriminellen Machenschaften, einschließlich der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Das bestätigte Alain Bitijula, als Jugendvertreter im Camp weiß er um die Bedrohungen für die Mädchen. Er ergänzte: „Alleinstehende Witwen werden ebenfalls belästigt und vergewaltigt. Sie sind verletzlich und schutzlos."


Selten melden die Flüchtlinge solche Fälle der malawischen Polizei, denn sie haben Angst, deportiert zu werden. Sogar die Opfer fürchten, das Land verlassen zu müssen. Sie haben schon zu viel durchgemacht und Bitijula meinte: „Wir glauben nicht, dass es wirklichen Frieden in unseren Ländern gibt."


In jedem Lager ist eine Polizeistelle, oft werden den diensthabenden Polizisten aber nur Ordnungswidrigkeiten gemeldet. Zwar gibt es auch unabhängige Community Policing Forums in den Camps, die auf ethnischer Basis arbeiten und mit der Polizei kooperieren. Doch ihnen wird nachgesagt, korrupt zu sein und manchmal Täter zu schützen.


Ali gab zu bedenken, dass geschlechtsspezifische Gewalt und Bedrohungen durch HIV-Infektionen, die vor allem Frauen als Opfer betreffen, aus den Ungleichheiten im Camp führen, die viele sozio-ökonomische und politische Gründe haben. Ali wollte diese nicht erläutern, sagte nur: „Das ist alles sehr komplex. Aber ich kann versichern, es gibt besonders viel Ärger und Groll bei denen, die arm oder untätig sind und sehen, wie ihre Freunde ein gutes Leben führen, ja sogar ein Geschäft im Camp besitzen."


Im Camp kursieren viele Gerüchte und Meinungen. So hört man: Das Geld dafür würden sie von Verwandten erhalten, die mit gefälschten Papieren in Länder wie die USA, Großbritannien, Deutschland oder Frankreich geflohen waren. Solche Papiere hätten malawische Behörden unter dem früheren Regime ausgestellt, heißt es.


Bekanntlich belasten auch Drogenhandel und Diebstahl das Leben im Lager – und auch die Bewohner der umliegenden Dörfer werden bestohlen. Ministerin Kaliati warnte schon Mitte 2016: „Wenn die Probleme fortdauern, wird die malawische Regierung nicht zögern, Euch in Eure Herkunftsländer zurückzuschicken." Noch immer ist die Sorge wegen der steigenden Kriminalität in der Gesellschaft verbreitet. Etliche Malawier befürchten, die offiziellen Stellen würden nicht ausreichend reagieren oder dagegen vorgehen.

 

Repatriierung oder Handel
Im Februar 2017 schlossen die malawische als auch die ruandische Regierung einen Vertrag und eine Absichtserklärung zur Auslieferung von Kriminellen. Schon davor ermutigten sie die Flüchtlinge aus Ruanda verstärkt, in ihre Heimat zurückzukehren. Zahlreiche waren nach dem dortigen Genozid 1994 und den anschließenden gewaltsamen Konflikten in der DR Kongo nach Malawi gekommen. Längst herrsche Frieden in Ruanda, beteuern Vertreter der offiziellen Stellen. Dennoch wollen viele ruandische Flüchtlinge Malawi nicht verlassen. Wegen der Versorgungsprobleme haben etliche aber den Camps den Rücken gekehrt und leben in Städten. Das ist illegal, doch diejenigen, die Unterschlupf in Townships gesucht haben, werden von der Polizei kaum verfolgt. Im Zweifel zahlen sie Bestechungsgelder, munkelt man. Auch von der Zweckentfremdung der Versorgungsleistungen in den Camps ist die Rede.


Flüchtlinge aus Ruanda haben sich in Blantyre, Mzuzu und Zomba niedergelassen. Sie hatten bereits in den Lagern begonnen, die Landessprache Chichewa zu lernen; damit passen sie sich rasch in den Städten an. Manche handeln auf lokalen Märkten, die sich im ganzen Land ausbreiten. Offiziell erlaubt ist das alles nicht. Auch hier kursieren Mutmaßungen über Bestechung von Behördenvertretern. Den Flüchtlingen kommt auch die Tatsache zu Gute, dass die Malawier warmherzig und gastfreundlich gegenüber Ausländern sind. Das nützt denjenigen, die Händler werden wollen. Sobald sie sich etabliert haben, treten sie in einen Preiswettbewerb mit malawischen Händlern und manche verkaufen ihre Produkte sogar auf Kredit. Damit machen sie sich beliebt und werden teilweise sogar gegenüber den malawischen Händlern bevorzugt, deren Geschäfte dann gemieden werden.


Frank Selemani ist Hutu und ein erfolgreicher Geschäftsmann in einem dicht besiedelten Township bei Lilongwe. Er denke gar nicht daran, in sein Heimatland zurückzugehen. „Ich glaube nicht, dass die malawische Regierung ehrlich ist. Möglicherweise gibt es in Ruanda Frieden für die Tutsi, aber nicht für uns Hutus." Selemani blieb skeptisch: „Sie wollen uns eine Falle stellen. Ich gehe nicht."


Er und andere Flüchtlinge aus Ruanda handeln in den Townships um Lilongwe, wo über eine Millionen Menschen leben, mit Maismehl, Zucker, Öl, Bohnen, Salz und Seife. Selimani hatte Zweifel: „Meiner Meinung nach gibt es keinen guten Grund, um nach Ruanda zurückzugehen. Wo sollten wir dort anfangen?" Eine Tutsi-Frau, die nur Imaan genannt werden will, lobte die Friedfertigkeit der Malawier. Sie hat sich im Township Chinsapo One nahe Lilongwe als erfolgreiche Händlerin etabliert. Es gibt aber selten Ehen zwischen Flüchtlingen und malawischen Staatsbürgern und wenn, dann sind es Flüchtlingsfrauen, die malawische Männer heiraten, und darüber wird geredet.

 

Ethnische Konflikte
Der Hass zwischen Hutu und Tutsi hat das Dzaleka Camp erfasst, das ist nicht länger ein Geheimnis. Der Ruander Ndayambashi Muhammad schätzte die Lage kritisch ein: „Das Lager wird langsam zu einem Kampfschauplatz zwischen Hutu und Tutsi und degeneriert ins Chaos, wenn die Behörden nicht eingreifen. Wenn sie weiterhin wegschauen, obwohl grausame Morde und Serienattacken im Camp geschehen." Muhammad kümmerte sich im April 2017 um Bavumiragira Deogratias, der im Missionshospital in Dowa nahe Lilongwe behandelt wurde. Deogratias hatte einen Angriff von Kriminellen überlebt, er war in seiner Unterkunft überfallen, stranguliert und an sein Bett gefesselt worden. Die Gewalttat war wohl ein Racheakt für das, was die Hutu vor 23 Jahren den Tutsi angetan haben. Hutu und Tutsi flohen außer Landes. Nun sind laut Hutu-Vertretern Tutsi-Banden im Dzaleka Camp unterwegs. Einzelne Hutu meinen sogar, reiche Tutsi in den USA würden die Banden gut bezahlen, damit sie gezielt gewaltsam gegen Hutu vorgehen.


Muhammad behauptete: „Es werden große Geldsummen aufgebracht, um Hutu umzubringen. Wir werden wie wilde Tiere gejagt. Wir haben ein WhatsApp-Forum, wo wir Informationen darüber teilen, welche Gewalt manchen von uns angetan wird. Und dieser Terror findet nicht nur in Malawi statt."


Der junge Ruander prangerte auch die Behörden an: „Was ich unfassbar finde, ist die Art und Weise, wie die malawische Polizei, die Einwanderungsbehörde und das UNHCR mit der Situation umgehen. Vor allem die Polizei kennt die Probleme, dennoch handelt sie nicht." Er fügte hinzu: Erst als ein Bericht über den Fall Deogratias in den Medien erschien, habe man reagiert. Die zwei Beschuldigten, die dann gefasst wurden, seien von ruandischen Tutsi finanziert worden, um Gewaltverbrechen an Hutu zu begehen. Ein anderer Hutu-Mann, der nicht namentlich genannt werden wollte, meinte: „Unsere tribalen Rivalitäten werden sich noch weiter steigen, wenn die Behörden nicht reagieren und das Fehlverhalten der Angreifer dulden."

 

Polizei und Justiz
Auch Juma Jabal, stellvertretender Leiter der Hutu im Camp, war vom Versagen der Polizei schockiert „Wir haben alles der Polizei hier gemeldet, aber es gab keine Verhaftungen." Dem widersprach Richard Kaponda, Polizeisprecher auf Distriktebene. Nach dem Bekanntwerden des Falls seien Ermittlungen eingeleitet worden, zwei Tatverdächtige würden bereits im Maula-Gefängnis in Untersuchungshaft sitzen – auch zum eigenen Schutz, wie es auch Justizkreisen hieß. Es handele sich um eine 37-jährige Frau und einen 18-jährigen Jugendlichen aus Burundi. Sie wären bereits vor dem Lilongwe Magistrate Court erschienen, doch ihre Vernehmung musste wegen Sprachproblemen verschoben werden. Die Justizbehörden bemühen sich um einen Übersetzer. Es wurde ein neuer Termin für den Prozess anberaumt.


Richard Kaponda sagte der Presse: „Das, was über angebliche Kämpfe verbreitet wird, stimmt nicht. Es gab einen isolierten Vorfall, als ein Burundier einen Kongolesen beim gemeinsamen Trinken angegriffen hat." Kaponga bestätigte vier brutale Tötungen im Camp, die alle von der Polizei untersucht würden. Von einer bezahlten Mörderbande und der Bestechung von Polizisten wisse er nichts.


Die Spannungen werden dadurch verstärkt, dass sich Genozidtäter aus Ruanda in Malawi aufhalten. Vincent Murekezi ist einer von ihnen. Er nannte sich Vincent Banda und hatte 13 Jahre unbehelligt als Geschäftsmann in Malawi gelebt. 2003 erhielt er einen malawischen Pass, dafür hatte er Behördenvertreter bestochen. Nachdem die ruandische Justiz einen neuen Haftbefehl geschickt hatte, wurde er Anfang Dezember 2016 festgenommen. Seine Auslieferung zieht sich aus Verfahrensgründen dahin. 36 Genozidtäter halten sich offenbar in Malawi auf; sie gelten als gefährlich für Ruander und Malawier. Mit dem Auslieferungsabkommen vom Februar soll ihre Rückführung erleichtert werden. Das wollen auch offizielle ruandische Vertreter in Malawi, damit im Dzaleka Camp und in den Orten, wo Ruander leben, wieder Frieden einkehrt und den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.


Watipaso Mzungu Jun.

 

Der Autor ist malawischer Journalist.

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