Zur Schau gestellter Luxus

Heft 4/2017

afrika süd-Dossier: Angola vor den Wahlen

US-Filmstar Will Smith staunte nicht schlecht: Wow, so ein junger Käufer mit einem so großen Portemonnaie, wow! Die Begeisterung galt Eduane Danilo Lemos dos Santos, Sohn von Angolas Präsident José Eduardo dos Santos. Gerade hatte der jüngste Spross des Autokraten auf einer Gala der US-Stiftung für Aids-Forschung (amfAR) während des Filmfestivals im südfranzösischen Cannes eine Luxusuhr im Wert von 500.000 Euro ersteigert. Die anwesenden Stars und Sternchen aus Show-Business und Unterhaltung waren ebenso aus dem Häuschen wie Will Smith, der als Co-Moderator an der Gala vom 25. Mai 2017 mitwirkte. Die US-Stiftung bedankte sich später schriftlich bei dem Präsidentensohn und gratulierte für seine Teilnahme an der Auktion. Danilo dos Santos fühlte sich geehrt, ahnte jedoch nicht, welche Welle der Empörung die Luxus-Auktion zuhause in Angola auslösen würde.


Die angolanischen Netzaktivisten und -aktivistinnen, die „Frustrierten Angolas" – wie Danilos Vater sie einst abfällig nannte – beobachten nämlich mit Argusaugen sämtliche Veröffentlichungen und Fotos im Internet über die Mitglieder der Präsidentenfamilie, insbesondere über die Eskapaden der Töchter und Söhne. So stöberte eine Netzaktivistin das Foto der Gala, auf dem sich Danilo dos Santos nach seiner erfolgreichen Ersteigerung inmitten von Hollywood-Größen feiern lässt, in den sozialen Medien auf. Die Netzaktivistin, die mit dem Präsidentensohn auf Facebook verbunden ist, tat ihren Zorn über dessen Luxus-Auktion mit der Veröffentlichung eines Protestbriefs kund.


Die damit ausgelöste Welle der Empörung schwappte von der virtuellen Welt hinaus ins reale Leben und platzte in alle Haushalte, in denen es seit jeher weder Internet noch Strom, weder Trinkwasser noch Medikamente oder eine ausreichende Gesundheitsversorgung gibt. Der Dos-Santos-Sohn beteuerte, er habe „nicht beabsichtigt, damit Schaden anzurichten", doch seine Entschuldigung im Netz mobilisierte erst recht die Öffentlichkeit gegen ihn und seine Familienangehörigen.


Eduane Danilo Lemos ist nicht das einzige Mitglied der Präsidentenfamilie, das öffentlich sein Vermögen zur Schau stellt. Auch seine älteste Schwester Isabel dos Santos rühmt sich gerne ihrer Spendengroßzügigkeit gegenüber dieser US-Aids-Stiftung. Nach Stiftungs-Angaben gehört sie gemeinsam mit ihrem Ehemann aus der DR Kongo zu den Großspendern der US-Stiftung. Während Isabel dos Santos und ihr jüngster Bruder Eduane sich mit der Extravaganz in Cannes und mit Großspenden an solche VIP-Charity-Organisationen die Freundschaft von Hollywood-Größen, Sport- und Musikstars aus den USA erkaufen, klagen angolanische Organisationen über fehlendes Geld zur Finanzierung ihrer Projekte im Kampf gegen Aids sowie zur Unterstützung von Aids-Kranken im eigenen Land.


Der US-Stiftung amfAR in New York schien es auf Nachfrage, was an der Meldung über die Ersteigerung der 500.000-US-Dollar-Luxusuhr dran sei, peinlich zu sein, so in der Öffentlichkeit dazustehen. Das hätte sie vorher wissen müssen. Isabel dos Santos etwa ist ja nicht als Tochter eines der „korruptesten Präsidenten der Welt" berühmt geworden, sondern weil sie 2013 vom US-Magazin Forbes zur ersten Milliardärin Afrikas erkoren wurde.


Wie die Töchter, Söhne, Neffen, Nichten, Cousins und selbst die Mätressen und Ex-Ehefrauen des Dos-Santos-Clans zu ihrem unglaublichen Vermögen kamen, davon können die Angolanerinnen und Angolaner nur allzu gut ein Lied singen: Durch Nichtstun und Ausplünderung der Erdöl- und Diamanteneinnahmen Angolas. So protzten Isabel dos Santos und ihr Ehemann 2016 in Monaco mit ihrer im Wert von 35 Mio. US-Dollar erworbenen 50 Meter langen Luxusyacht Hayken. Mit dem Geld könnte vielen Menschen geholfen werden, die in den vier angolanischen Südprovinzen wegen lang anhaltender Dürre infolge des Klimawandels und fehlender Maßnahmen seitens der Regierung vom Hungertod bedroht sind. Jetzt musste die Europäische Union mit 65 Mio. Euro zur Überwindung dieser Katastrophe beisteuern.


Geld stinkt nicht, heißt es gerne: Deshalb sind die Despotentöchter und -söhne Angolas in Boulevard-Kreisen Europas und der USA herzlich willkommen. Sie tanzen mit allen, was sie in digitalen Medien wie Instagram, Facebook oder Twitter auch unverhohlen posten: Mal sieht man Isabel dos Santos mit Hollywood-Größen wie Samuel Jackson oder US-Football-Stars wie Magic Johnson, mal posiert sie nach teuren Konzerten in Luanda mit Pop-Stars aus dem Show-Business: Mariah Carey steckte im Dezember 2014 über eine Mio. US-Dollar Gage ein; und Rapp-Star Nicki Minaj verdoppelte für ihren Kurzauftritt von knapp einer Stunde noch einmal auf zwei Mio. US-Dollar. Gewinnbringende Bekanntschaften für die Präsidententöchter und -söhne, aber daheim spüren sie mit ihrem Vater den Volkszorn, der sich langsam zur Gewalt gegen diese Familie und die „Partei der Situation", so die regierende MPLA im Volksmund, umzuwandeln droht.


Just an dem Tag, als der kurze Video-Ausschnitt über die Ersteigerung der „500.000-US-Dollar-Luxusuhr" mit dem feiernden Eduane Danilo dos Santos auf Facebook veröffentlicht wurde, ging die Bevölkerung in einem Vorort der angolanischen Hauptstadt Luanda auf ein lokales Bezirksbüro der MPLA los und plünderte es. Bürogeräte wurden entwendet oder zerstört – aus Wut vor so viel Extravaganz und Arroganz. Zu lange haben die Angolanerinnen und Angolaner zusehen müssen, wie die Mitglieder der Präsidentenfamilie den Staat komplett ausgeraubt, Geld straffrei im Ausland gewaschen und das Volk zuhause haben sterben lassen. Bei so großem Volkszorn von Cabinda bis Cunene möge Gott Angola vor weiteren Gewaltszenen bewahren und die Justiz nach dem Abtritt von dos Santos vielleicht das organisierte Wirtschaftsverbrechen seiner 38 Jahre Regierungszeit endlich aufarbeiten lassen.


Emanuel Matondo

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