Heft 1/2020, Zentralafrika

Die schleichende Dschihadisierung eines Konflikts

DIE ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK (ZAR) IST VON INTERKONFESSIONELLER GEWALT ERSCHÜTTERT. Darin sind sowohl muslimische als auch christliche und „animistische" Milizen involviert. Die geographische Nähe zu dschihadistischen Knotenpunkten in Kamerun und Nigeria birgt das Risiko einer Dschihadisierung der Konflikte. Die Beschreibung der Lage in der ZAR ist Teil 1 einer Folge von Beiträgen, die sich mit der potenziellen Ausbreitung des Dschihad in das zentrale und südliche Afrika beschäftigen.

Seit einigen Jahrhunderten ist der Islam fester Bestandteil des sozialen Gefüges in jenem Gebiet, das heute als die Zentralafrikanische Republik (ZAR) bekannt ist. Seit der Ankunft der ersten Sklavenhändler im neunzehnten Jahrhundert sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung zum Islam konvertiert.
Insgesamt blieb die Koexistenz zwischen Christen, Muslimen und Anhängern indigener Religionen bis in jüngste Zeit friedlich. Allerdings haben die Spannungen zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften zugenommen, seit die mehrheitlich muslimische Rebellenkoalition Séléka, die sich aus verschiedenen bewaffneten Gruppen aus dem Nordwesten des Landes sowie deren Verbündeten von der UPC (l'Union pour la Paix en Centrafrique) gebildet hatte, im Jahr 2013 gewaltsam die Macht übernahm. Als Antwort darauf formierten sich Ende 2013 sogenannte „Anti-Balaka"-Milizen unter der christlichen und animistischen Bevölkerung des Landes, die bald darauf mit der Séléka und der UPC zusammenstießen.

Seitdem wurde die Séléka hartnäckig beschuldigt, Verbindungen zu Dschihadisten zu unterhalten. Am 12. März 2013 sagte der Bischof der südöstlich gelegenen Stadt Bangassou, Monsignore Juan José Aguirre Muñoz, gegenüber der vatikanischen Nachrichtenagentur FIDES, die Rebellen, die tags zuvor die lokale katholische Mission angegriffen hatten, zielten darauf ab, eine dschihadistische Herrschaft im Land zu errichten. Danach handele es sich bei diesen Rebellen um Dschihadisten, ähnlich denen in Mali. Darauf weise auch hin, dass sie Kirchen geplündert hätten, nicht aber Moscheen.

Bereits im Januar 2013 versetzte der damalige Präsident General François Bozizé, der erst im Dezember 2019 nach sechsjährigem Exil ins Land zurückkehrte, alle Welt in Alarmbereitschaft gegen die sogenannte dschihadistische Bedrohung, höchstwahrscheinlich, um externe Unterstützung gegen die Rebellen zu erhalten. Gleichzeitig behauptete der damalige Minister für Raumordnung, Josué Binoua, fundamentalistische wahabitische Muslime wären Teil der Séléka-Koalition.

Unübersichtliche Lage
Damals schien die Bedrohung durch den Dschihad vollkommen übertrieben. Séléka ist in der Tat eine vorwiegend muslimische Organisation, die eine Reihe von Gewalttaten während des Bürgerkrieges verübt hatte, genau wie ihre Feinde von der Anti-Balaka-Allianz. Die meisten Köpfe von Séléka waren Muslime, so wie Noureddine Adam, Führer der FPRC (Front Populaire pour la Renaissance de la Centrafrique), oder der Kopf der UPC, Ali Darassa. Abass Sidiki von der 3R-Bewegung (Retour, Réclamation et Réhabilitation) und Abdoulaye Miskine von der FDPC (Front démocratique du peuple centrafricain) sind ebenfalls Muslime. Doch einige Séléka-Anführer wie Michel Djotodja waren Christen. Im Januar 2013 verneinte einer der Séléka-Größen, General Dhaffane Mohamed Moussa, jede Verbindung mit Dschihadisten und behauptete damals, die Séléka würden eine Vermittlung durch die katholische Glaubensgemeinschaft Sant'Egidio begrüßen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch keinerlei direkte Verbindungen mit al-Qaida oder anderen dschihadistischen Gruppen etabliert.

Viele Analysten stimmten damals darin überein, dass der Konflikt 2013 nicht religiöser, sondern politischer Natur war. Seitdem sind jedoch einige Gruppen im Land verstärkt dschihadistischem Einfluss ausgesetzt gewesen. Dies war insbesondere bei einigen Gruppen von Fulani-sprachigen Mbororo-Viehzüchtern der Fall.

Verschiedene Rebellengruppen setzen sich tatsächlich überwiegend aus Fulani (auch Fulbe genannt) zusammen, so etwa die MPC (Mouvement Patriotique pour la Centrafrique), die 2015 von Mahamat Al-Khatim gegründet wurde, der ehemalige Befehlshaber der eingangs genannten FRPC-Gruppe sowie der Ende 2015 entstandenen 3R-Bewegung. Die Fulani kamen in den 1920er-Jahren zunächst aus Kamerun, später aus Tschad und Nigeria. Der Hauptgrund, aus dem sie sich in letzter Zeit diversen bewaffneten Gruppen angeschlossen haben, ist die Verteidigung ihrer Herden vor Viehdieben sowie vor den Angriffen anderer Gruppen und Anti-Balaka-Milizen. Diese hatten einige Mbororos mit ihren Herden ins Exil gezwungen, und zwar in den Norden der Demokratischen Republik Kongo.

Amnesty International und dem US-Außenministerium zufolge wurden die Mbororo-Viehzüchter vielfach Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Es kam u.a. zu Folter, standrechtlichen Hinrichtungen sowie Bestrebungen, ihnen die zentralafrikanische Staatsbürgerschaft zu verweigern. Zuletzt begannen die Mbororos sich zu bewaffnen, um sich gegen Angriffe von Ackerbauern zu rüsten, die sich gegen die Anwesenheit ihrer weidenden Rinder wehrten.

Die Fulani und der Dschihad
Im Laufe der Zeit wurde der Konflikt zusehends unübersichtlicher, da einige Mitglieder der Fulani-Gruppen in anderen Teilen der Region Verbindungen mit dschihadistischen Elementen aufgebaut haben. Bolaji Omitola, Professor an der politikwissenschaftlichen Fakultät der Osun State University in Nigeria, verweist auf die Verbindungen zwischen Boko Haram und einigen Fulani-Hirten im nördlichen Nigeria. Beide Gruppen weisen Ähnlichkeiten hinsichtlich Kultur und Religion auf.

Derartige Affinitäten verbinden sie auch mit Bevölkerungsgruppen in den Nachbarländern. Dem entsprechend sind Angriffe von Fulani-Hirten auf Bauern in Nigeria durch den Einsatz geschmuggelter Kleinwaffen aus dem Sahel zusehends mit Gewalt verbunden.

Darüber hinaus können die Fulani seit dem 19. Jahrhundert auf eine eigene dschihadistische Tradition zurückblicken. Damals gründete Uthman Dan Fodio das Sokoto-Kalifat in Nigeria. Sein Nachfolger, Modibo Adama, setzte den Dschihad der Fulani fort, indem er dem von ihm gegründeten Emirat Adamawa Teile Nigerias, Kameruns, Tschads und der Zentralafrikanischen Republik einverleibte.

Sicherlich hat der Dschihad jener Tage eine ganz unterschiedliche Bedeutung als der gegenwärtige terroristische Krieg, der vom Islamischen Staat und al-Qaida geführt wird. Doch es besteht eine kriegerische, messianische Tradition. Und heute, argumentiert Bolaji Omitola, habe Boko Haram operative Verbindungen zu islamistischen Gruppen im Sahel, besonders zu Ansar Dine in Mali zu Ausbildungszwecken und logistischer Unterstützung. Quellen aus dem nigerianischen Militär zufolge sind einige Fulani-Hirten in den Transport von Kleinwaffen nach Nigeria involviert, indem sie mithilfe ihres Viehs die Aufständischen der Boko Haram beliefern. Dies geschieht durch libysche und malische Rebellen, die verzweifelt ihre auf den Rücken von Eseln und Kamelen transportierten Waffen gegen Geld eintauschen wollen.

2014 behauptete der damalige nigerianische Präsident Goodluck Jonathan, Boko Haram nutze die Konflikte zwischen Fulani-Hirten und Bauern in Nordnigeria aus, um eine neue Aufstandsfront gegen den Bundesstaat zu eröffnen. Gleichzeitig, so militärische Quellen aus der Zentralafrikanischen Republik, würden Boko-Haram-Kämpfer zunehmend in Nordkamerun und die Gegend um den Tschadsee vordringen und Verbindungen mit Rebellen in der ZAR aufbauen.

Die nomadische Tradition der Fulani hat den dschihadistischen Gruppen geholfen. Sie konnten somit ihre Verbindungen innerhalb dieser großen Gemeinschaft von 35 bis 40 Millionen Menschen nutzen, um ihre Botschaft zu verbreiten. Eine der Führer des Aufstands in Mali ist ein Fulani-Priester namens Amadou Koufa, der 2018 die Fulani zum Dschihad aufrief. Als ehemaliges Mitglied der Gruppe Ansar Dine, die mit al-Qaida im Islamischen Maghreb verbündet ist, gründete Koufa 2015 seine eigene Gruppe, die Macina Katiba (arabisch für „Bataillon"), die gemeinsam mit Ansar Dine Teil des größeren Netzwerks „Dschamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin" („Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime") ist.

Dies bedeutet mitnichten, dass die gesamte Fulani-Bevölkerung der ZAR von ca. 400.000 Einwohnern Dschihadisten geworden wären. Die Gemeinschaft ist vielfältig mit vielen Untergruppen oder Clans (Djafuun, Wodabe, Dnadji, Oudda, Biibé-woyla, Hontorbé und Hanagamba) und verschiedenen Wanderungsrouten. Einige Gruppen, die aus dem Tschad stammen (wie die Oudda und Biibé-woyla), sprechen Arabisch statt Sango und legen ein kämpferischeres Verhalten und einen Hang zur Kriminalität an den Tag. Dadurch, dass sie weiter nördlich im Tschad häufiger Konflikten mit Banditen ausgesetzt sind, betreiben sie allgemein eine Form militarisierter Herdenwanderung.

Zunehmende Radikalisierung
Nun zeigen sich Symptome einer religiösen Radikalisierung der bewaffneten Gruppen und der Bevölkerung Zentralafrikas. Zunehmend geraten Priester, Nonnen und Christen als Ganzes ins Fadenkreuz. Einer der jüngsten Fälle war die Ermordung von Inés Nieves Sancho, einer 77-jährigen katholischen Nonne spanischer Herkunft von der Töchter-Jesu-Gemeinde, der am 20. Mai 2019 in Nola als „Opfergabe" die Kehle aufgeschnitten wurde. Es handelt sich um keinen Einzelfall.

Im Jahr 2018 wurden bei verschiedenen Angriffen auf Kirchen sechs Priester getötet. Am 15. November des Jahres wurden 48 Menschen, darunter zwei zentralafrikanische Priester, Pater Blaise Mada und Pater Célestin Ngoumbango, bei einem Angriff auf ein Flüchtlingscamp auf dem Gelände des Bischofspalasts der Diözese Alindao im Süden der ZAR umgebracht. Der Überfall wurde von UPC-Milizen durchgeführt, die vom Fulani-Warlord Ali Darrassa befehligt wurden. Am ersten Mai 2018 wurden bereits 24 Leute durch Granaten und Schüsse ermordet, darunter auch der 71-jährige Pater Albert Toungoumalé, der gerade eine Messe feierte. Über 100 Menschen wurden bei diesem Anschlag auf die Pfarrei „Unsere liebe Frau von Fatima" in der Hauptstadt Bangui verletzt. Die gleiche Kirche wurde am 28. Mai erneut Ziel eines Granatenangriffs, bei dem 14 Gemeindemitglieder und ein Priester getötet sowie 30 weitere verletzt wurden.

Die Massaker erfolgten im Kontext bereits bestehender Konflikte zwischen Ethnien. Dennoch kann man die anhaltenden Bestrebungen der dschihadistischen Gruppen nicht ignorieren, die Feuer weiter anzufachen. Vor seinem Tod, der in einer Mitteilung des Islamischen Staats vom 31. Oktober 2019 bestätigt wurde, rief IS-Führer Abu Bakr Al-Bagdadi in einer Videobotschaft vom 28. April die IS-Kämpfer in Westafrika, Lybien, Somalia, Tunesien und der ZAR zum Dschihad auf.

Jahre zuvor, am 14. Februar 2014, hatte Boko Haram für das Massaker an Muslimen in der ZAR Rache geschworen. Eine Woche später behauptete eine Rebellengruppe namens „Revolution et Justice" (RJ), die den Fulanis gegenüber feindlich gesinnt ist, zwei Boko-Haram-Kämpfer in Sido, im Norden der ZAR, gefangen genommen zu haben. Am 22. Februar des gleichen Jahres veröffentlichten die afghanischen Taliban eine Mitteilung, in der sie „christliche kriminelle Banditen" beschuldigten, einen angeblichen „muslimischen Genozid" in der ZAR zu begehen. Wenige Stunden später verdammte auch al-Qaida im Islamischen Maghreb die anti-muslimische Gewalt im Land.

Radio France Internationale erinnerte daran, dass ein ehemaliger General des Rebellenbündnisses Séléka gewarnt habe, „das endlose Morden von Muslimen in der ZAR könnte al-Qaida und Boko Haram ins Land locken". Auch die Website des französischen Außenministeriums erwähnt im März 2014 einen Aufruf junger Muslime aus Bangui an Boko Haram und al-Qaida, die Muslime des Landes zu retten.

In Paris wird die Gefahr einer Radikalisierung bereits seit sechs Jahren ernst genommen. Der ehemalige Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian warnte schon im März 2013 in einem Fernsehinterview, dass die Präsenz eines gescheiterten Staates in Zentralafrika die Gegend für alle möglichen Formen des Terrorismus öffnen könnte. Leider scheint ihm die Zeit Recht zu geben.

François Misser

Der Autor ist in Brüssel ansässiger Experte für Zentralafrika und Korrespondent für den BBC und verschiedene Zeitungen.

Übersetzung Daniel Düster