Heft 1/2022, Humboldt Forum

Failed Museum

DAS HUMBOLDT FORUM IM WIEDERAUFGEBAUTEN „STADTSCHLOSS" in Berlin setzt trotz erkennbarer Fortschritte bei der Präsentation der Sammlungen die alte Vertuschungspolitik fort. Es versagt darin, zu einem überzeugenden Umgang mit den zum Weltkulturerbe ausgerufenen Objekten aus kolonialen Kontexten zu gelangen. Die von vielen geforderte Dekolonisierung des Museums blieb aus.

Da steht es nun – und konnte offensichtlich nicht anders. Das wiederaufgebaute Berliner „Stadtschloss", Sitz des im Juli 2021 eröffneten Humboldt Forums, ist durchaus ein Hingucker. Sein Schauwert ist ihm auf den ersten Blick nicht abzusprechen. Bei der Umrundung der neobarocken Schlossattrappe stößt einem der Protz der feudalistischen Herrschaftsarchitektur jedoch übel auf. Die einfallslose und brutalistische Rasterarchitektur der Ostfassade macht die ganze Sache noch schlimmer. Alles zu groß, zu gewollt. Zeitgemäß ist dieser Retro-Klotz ohnehin nicht. Dabei sollte es ein Schmuckkästchen zur Harmonisierung der historischen Mitte Berlins werden, um alte, seit dem Zweiten Weltkrieg gerissene Wunden im Stadtbild zu heilen. Besser wird es auch nicht beim Blick hoch zur viel kritisierten Kuppel mit der unsäglichen Inschrift am Tambour und dem Kreuz als Abschluss, einst Symbol für das Gottesgnadentum preußischer Königsherrschaft.

Der „Jahrhundertbau", wie ihn die Initiatoren selber nennen, ist in dieser verunglückten Form einem Club von Preußenfans und mit ihnen im Bunde hochkonservativen Kulturpolitikern, Stadtplanern und Kunsthistorikern zu verdanken. Strittig bleibt die Frage, ob es Form ohne Inhalt, ohne Botschaft gibt. Passt eine solche rückwärtsgewandte Architektur in das Heute? Hat sich unser demokratisches Gemeinwesen mit diesem Staatsbau und seiner ihm anhaftenden zutiefst antidemokratischen Attitude einen Gefallen getan? Und was ist mit denjenigen Spendern der Schlossrekonstruktion, von deren rechtsradikalen Gesinnung man nichts wissen wollte?

Doch nur Etikettenschwindel?
Schlendert man durch das Erdgeschoss, den Schlüterhof und die Passage mit dem Kolonnadenweg, hellt sich der Eindruck durchaus etwas auf. Mit der Rolltreppe in die oberen Stockwerke gelangt, versprühen die Räumlichkeiten den Charme einer überdimensionierten Sparkassenfiliale. Der Bodenbelag aus Polyurethan, sonst üblicherweise in Amtsstuben und Krankenhäusern anzutreffen, verstärkt die sterile Atmosphäre.

Im Entrée zu den Sammlungsräumen wird es dann aber spannend. Dort warten Texte, die Grundsätzliches verhandeln. Die „kritische Aufarbeitung von Beständen aus der Kolonialzeit und deren gewaltsamen Aneignung" sei vonnöten und „unverzichtbar" die Provenienzforschung. Die „Kooperation mit den Herkunftsgesellschaften", den „Angehörigen der Diaspora" und der „breiten Öffentlichkeit" werde angestrebt, um sie an den „zukunftsweisenden Entscheidungen" teilhaben zu lassen. Bei all den guten Vorsätzen des neuen „Universalmuseums" kann man den Verantwortlichen erst einmal nicht vorwerfen, aus den postkolonialen Diskursen der vergangenen Jahre nichts dazu gelernt zu haben. Aufhorchen lässt auch gleich die erste Station der Afrika-Abteilung. Dort prangt die Überschrift: „I have a white frame of reference and a white worldview". Die ethno- und eurozentristische Perspektive des „weißen Mannes" respektive der „weißen Frau" werden problematisiert.

Schaut man jedoch genauer hin, beschleicht einem hier schon das ungute Gefühl, es mit einem Etikettenschwindel zu tun zu haben. Eines der ersten Ausstellungsobjekte, das – gelinde gesagt – Verwunderung hervorruft, ist ein Schulbuch. Dessen aufgeschlagene Doppelseite mit Texten und Bilddokumenten zum europäischen Kolonialismus wird kritisch unter die Lupe genommen. Schulbuchanalyse im Humboldt Forum – wie bitte? Nichts gegen Schulbuchanalyse, aber das ist eine Ersatzdebatte, die ablenkt vom eigentlichen Thema, nämlich das der (Museums-)Ethnologie und ihre Verstrickung in das koloniale Projekt.

Texte zum Abnicken
Warum werden hier nicht die Kataloge des Ethnologischen Museums Berlin der vergangenen hundert Jahre ausgestellt? So etwa der Katalog „Afrika. Kunst und Kultur" aus dem Jahr 1999, dessen Umschlag die beiden berühmten Thronhocker der Bekom aus Kamerun zieren. Die Besucher wären darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass in der hauseigenen Publikation die unrechtmäßige Aneignung dieser und anderer Werke der Bekom während des Kolonialzeitalters unterschlagen wird. Damit hätte sich das Humboldt Forum als museale Institution zur Diskussion stellen und für Transparenz bezüglich der eigenen Sammelpraxis sorgen können. Ein solch museumsdidaktisches Vorgehen wäre nicht zuletzt deshalb folgerichtig gewesen, da wenige Meter weiter die beiden besagten Thronhocker der Bekom in all ihrer Pracht zu bewundern sind. Tritt man vor sie hin, zuckt man erneut zusammen. In den Infotexten zu dem Thron der Königinmutter Naya und dem Thron des Königs Tufoyn heißt es, sie seien „entwendet" worden. Dieser Euphemismus entlarvt sich schon von selbst mit Blick auf eine dort abgedruckte Fotografie aus dem Jahr 1905, auf der deutsche „Schutztruppensoldaten" vor dem Palast von Laikom sitzen und mit ihren Kriegstrophäen posieren. Die Werke wurden also geraubt. Raub ist ein Straftatbestand, der die Tatbestände von Diebstahl und – meist mit Gewalt einhergehender – Nötigung kombiniert. Mithin handelt es sich bei den Exponaten um einen klassischen Fall kolonialer Raubkunst.

Warum hier – und nicht nur hier – um den heißen Brei herumgeredet wird, ist eine rhetorische Frage. Damit nicht genug. Es wird ein Kameruner Wissenschaftler zitiert, der verkündet, die Welt habe es den Deutschen zu verdanken, dass die Kultur der Bekom nun der Menschheit bekannt sei. Außerdem seien die „Originale" in Berlin nicht mehr authentisch und es seien Ersatzthrone geschnitzt worden. Selektives Zitieren ist das mindeste, was sich diese Form der Präsentation vorwerfen lassen muss. Das sind Texte zum Abnicken, anstatt die Besucher an die Hand zu nehmen und in die postkolonialen Debatten unserer Gegenwart einzuführen.

Kein Wort über Restitution
Direkt gegenüber ein weiterer Problemfall, das ikonische Ausstellungsstück der Afrika-Abteilung, der Thron „Mandu Yenu" des Königs Njoya aus Bamum. Angesichts der breit geführten Diskussion über dieses Werk kamerunischer Bildhauerkunst ist es eine Zumutung, noch immer von einem „Geschenk" für Kaiser Wilhelm II. zu sprechen. In der neueren Literatur ist von einer „erzwungenen Abgabeleistung" des Königs Njoya die Rede, der seine Souveränität als eigenständiger Herrscher zu jener Zeit längst hatte aufgeben müssen. Wäre es nicht eine Geste des Respekts gewesen, den Menschen in Bamum einen Tausch des Berliner Originals mit der von Njoya in Auftrag gegebenen Kopie anzubieten? Überflüssig zu erwähnen, dass der dürftige Objekttext sich darüber und vieles andere mehr ausschweigt. Unerwähnt bleibt ebenso die Forderung nach Restitution, die nicht nur von postkolonialen Aktivisten erhoben wird. Vor allem aber hätte einer der wichtigsten Intellektuellen Afrikas genannt werden müssen, der Kameruner Politikwissenschaftler Achille Mbembe. Kürzlich sagte er, gäbe „es in Kamerun eine funktionierende Kulturpolitik, dann würde die Regierung den Thron aus gutem Grund zurückfordern". Freilich zielt seine Kritik gleichermaßen auf Deutschland wie auf Kamerun.

Alles nur Einzelfälle? Leider nein. Ein anderer Skandal wartet nebenan in einem der „Schaumagazine". In eine der Glasvitrinen sind die aus dem Kongo stammenden Objekte aus der Sammlung von Hermann von Wissmann gestopft, seines Zeichens Afrika-Durchquerer und späterer Reichskommissar und Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die Aufschrift „Wissmann, Eroberung des Kongo 1880-1887" gibt sich kryptisch. Die Informationen, die auf einem Display abrufbar sind, beschränken sich auf einige wenige Angaben zur kulturhistorischen Bedeutung der Objekte. Kein Wort wird über die gewaltsame Erwerbungsgeschichte verloren. So bleibt unklar, mit dem wohl größten Teil der Artefakte aus der „Sammlung Wissmann" koloniale Beutestücke vor sich zu haben, denn Wissmann war alles andere als ein disziplinierter „Afrikaforscher" im Dienste der Wissenschaft. Vielmehr verkörpert er in geradezu klassischer Weise den Konquistador, der plündernd durch Zentral- und Ostafrika zog.

Und noch eines: Die Schaumagazine erinnern auf fatale Weise an die grottigen Depotschränke, die es vor Jahrzehnten am alten Standort der ethnologischen Sammlungen in Dahlem gab. Würde man die Michelangelos, Raffaels, Tizians oder Dürers in einem solchen „Schaukasten" zusammengepfercht zeigen? Niemals! Was sich bei Werken der „Hochkunst" verbietet, ist ganz offensichtlich bei „ethnologischen Objekten" immer noch zulässig. Damit ist ein ganz grundsätzliches Problem angesprochen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat es bisher versäumt – oder besser gesagt, mit Kalkül unterbunden – , die hier aufscheinenden strukturellen Schwachstellen des Humboldt Forums anzugehen. Es fehlt der Wille, das viel monierte koloniale Konstrukt „The West and the Rest", die Aufteilung in „wir" (Museumsinsel mit den Sammlungen „klassischer Hochkulturen") und die „Anderen" (Humboldt Forum) aufzuheben.

Zur Museumsinsel selbst wäre noch auf die wenig diskutierte Tatsache hinzuweisen, dass dort auch außereuropäische Kulturen (Ägyptisches Museum) präsentiert werden, die „wir" offenbar als europäisch angeeignet und in deren Tradition wir uns gestellt haben. In den Kulturtempeln der Berliner Museumsinsel wurde es nicht zuletzt versäumt, das euro- und germanozentrische Weltbild des wilhelminischen Kaiserreichs zu korrigieren, wie dies der Altertumswissenschaftler Ja? Elsner kürzlich anmerkte.

„Ort der Welterkundung"?
Gibt es auch Lichtblicke im Humboldt Forum? Natürlich, doch eher punktuell wie etwa eine Vitrine zu Namibia. Die Installation beeindruckt nicht nur durch die Verweigerung des einfachen Konsums schöner Artefakte, sondern auch durch das mit einer meterlangen Schleppe versehene Herero-Kleid der namibischen Künstlerin Cynthia Schimming. Die auf der Schleppe aufgedruckten Fotodokumente aus der Zeit, als Namibia noch „Deutsch-Südwestafrika" hieß, kann allerdings nur derjenige lesen, der um ihre Geschichte weiß. Das privilegiert wieder einmal die gut Informierten und die dürften selbst im Fall Namibia eher in der Minderheit sein. Doch beim weiteren Rundgang wird es nicht wirklich besser, nicht in der Südsee-Abteilung mit einem der größten Ausstellungsstücke überhaupt, dem berühmten Luf-Boot, und nicht durch die in einigen Sälen aufgebauten Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aus den Herkunftsgesellschaften der Exponate. Sie wirken wie Fremdkörper und muten wie Alibiveranstaltungen an. Die angestrebte Multiperspektivität im Umgang mit den Artefakten lässt sich dadurch nicht herbeizaubern. Die für dieses Jahr geplante Rückgabe einiger Benin-Bronzen an Nigeria – sie kam nur auf erheblichen Druck von außen zustande – wird an dem desaströsen Erscheinungsbild nicht wirklich etwas ändern können. Auf den sich noch im Umbau befindenden Benin-Saal darf man gespannt sein.

Den Mut aufzubringen, das Humboldt Forum – und mit ihm die Museumsinsel – zu einem ganz neuen Museumstyp weiterzuentwickeln, ist von den derzeitig Verantwortlichen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht zu erwarten. Im Gegenteil, man ließ immer wieder durchblicken, aus dem Humboldt Forum kein kolonialhistorisches Museum machen zu wollen, um mit ihm einen weiteren Teil der historischen Schuld Deutschlands abzutragen. Da nutzt es auch nichts darauf zu verweisen, „Kolonialismus und Kolonialität" zum Kernthema der zukünftigen Programmarbeit auszurufen. Unglaubwürdig macht man sich schon dadurch, nur lächerliche vier Stellen für die dringend notwendige Provenienzforschung eingerichtet zu haben. Auch die Überarbeitung der sich in einem grottenschlechten Zustand befindenden Datenbanken kann unter diesen Rahmenbedingungen in absehbarer Zeit nicht gelingen. Wie mit dem winzigen Mitarbeiterstab die Herkunft von aber zehntausenden „Ethnographica" geklärt werden sollen, bleibt schleierhaft.

Es ist die altbekannte Hinhaltetaktik, die letztlich auf die Politik der Besitzstandswahrung hinausläuft. So findet das Humboldt Forum nicht aus der selbstgemachten Dauerkrise heraus. Vorerst kann das Vorzeigeprojekt den eigenen Ansprüchen, ein „Ort der Welterkundung" zu sein, nicht gerecht werden. In seinem jetzigen Zustand kommt das Humboldt Forum einem Failed Museum gleich. Die Jahrhunderaufgabe der Dekolonisierung des Museums lastet schwer (zu schwer?) auf den Schultern der Kuratoren. Ein überzeugendes Konzept, die kolonialen Gespenster zu vertreiben, lässt auf sich warten.

Joachim Zeller

Der in Namibia gebürtige Autor lebt als Historiker in Berlin. Es ist Mitherausgeber des Sammelbandes „Stand und Fall. Das Wissmann-Denkmal zwischen kolonialer Weihestätte und postkolonialer Dekonstruktion" (erscheint im Januar 2022).