Heft 1/2022, Editorial

Seine Stimme wird fehlen

„Junge Menschen sind wirklich Träumer. Sie träumen von einer besseren Welt", sagte Desmond Tutu einmal anlässlich einer Preisverleihung durch die Mo Ibrahim Foundation in Dakar. Tutu war ein Visionär, der die Hoffnung Afrikas auf die stark wachsende Jugendbevölkerung des Kontinents setze. Seine Stiftung, die er mit seiner Frau Leah führte, legte großen Wert auf Programme zur Förderung junger Menschen. Am 1. Januar wurde der frühere Erzbischof zu Grabe getragen, wie wenige Wochen zuvor auch FW de Klerk, der letzte Präsident der Apartheid-Ära.

De Klerk wurde 85 Jahre alt, Tutu schaffte noch die 90. Sie verkörperten beide eine Ära, der eine als oberster Repräsentant der weltweit geächteten Rassentrennung, der andere als ihr unbeugsamer Gegner. Der „ultimative Humanist" war einer der letzten Überlebenden einer frühen Anti-Apartheid-Generation, die auch nach dem Ende der Apartheid ihre Glaubwürdigkeit bewahrten, weil sie trotz ihrer Unterstützung des Befreiungskampfs oder Mitgliedschaft im ANC eine gesunde Distanz zur Regierung wahrten.

Südafrikas Bevölkerung ist im Schnitt 28 Jahre alt. Die meisten haben die Jahrzehnte der Apartheid-Repression nicht mehr am eigenen Leib erfahren. Und doch war gerade Tutu auch für viele junge engagierte Menschen ein Idol. Sie schätzen, dass er ein Leben lang für seine Ideale einstand und auch bei aktuellen Themen seine Finger in die Wunden legte. „In unserer Generation gibt es nur sehr wenige Menschen, zu denen wir aufschauen und von denen wir ehrlich sagen können, dass sie ihr ganzes Leben lang konsequent waren und zu ihren Werten standen. Aber Erzbischof Tutu hat das getan", so die Aussage einer der Jugendlichen, deren Stimme das EMW anlässlich des 90. Geburtstags von Tutu per Videoschaltung eingefangen hatte.

Sicher, andere Jugendliche würden sich heute mit Tutus ausgleichender Radikalität nicht zufrieden geben, wenn es darum geht, ihre Wut auf die gegenwärtige ANC-Regierung zu artikulieren, eine Regierung, die getragen wird von der zweiten und dritten Generation der Anti-Apartheid-Aktivist:innen. Sie haben die schlimmsten Jahre der Unterdrückung noch erlebt und erhoben nach dem Ende der Apartheid umso mehr Anspruch auf Macht und materielle Entschädigung. So berechtigt auch der damalige Vorrang von Versöhnung gewesen sein mag, um den Zusammenhalt der noch fragilen „Regenbogennation" nicht zu gefährden: Von Beginn an beugte sich der ANC den vermeintlichen Zwängen des globalen kapitalistischen Systems und baute auf neoliberale Konzepte, statt mit einer radikalen Umverteilung die von Apartheid geerbte soziale Ungleichheit zu beseitigen. In einer unheiligen Allianz von Affirmative Action, die eher die schwarze Elite als die tatsächlich Benachteiligten förderte, ökonomischem Aufstieg und ausländischen Kapitalinteressen konnte sich unter der Präsidentschaft von Jacob Zuma ein System etablieren, das man nicht mehr alleine als Korruption, sondern schlicht als kriminelle „Kaperung des Staates" bezeichnen musste. Es ist schon zynisch, dass ausgerechnet diejenigen im ANC, die ihre Pfründe mit wenig zimperlichen Mitteln vermehrt haben, ihre Fraktion in populistischer Rhetorik „radikale ökonomische Transformation" (RET) nennen.

In welch schlimme Verwerfungen die mafiöse Politik unter Zuma den Staat brachte, welches Ausmaß die „state capture" hatte, das hat die Zondo-Kommission in zahlreichen Anhörungen aufgearbeitet. Am 4. Januar landete der erste, über 850 Seiten dicke Band des Zondo-Reports mit einem Donnerschlag auf dem Schreibtisch von Präsident Cyril Ramaphosa. Zwei weitere Bände folgen noch. Wie hart, fragen sich Beobachter, werden Südafrikas Staatsanwälte gegen die der Korruption Beschuldigten vorgehen, insbesondere gegen diejenigen, die führende Positionen im ANC innehaben?

Ramaphosa steht unter Zugzwang, er muss bald zeigen, welche Lehren seine Regierung aus den Ergebnissen der Zondo-Kommission zu ziehen gedenkt und wie er die angekündigte Politik der Erneuerung umsetzen will. Ob die eigens dafür eingerichtete Arbeitsgruppe dabei hilfreich ist, dürfte angesichts der grundlegenden Spaltung im ANC fraglich sein. Die Zeit drängt: Ende des Jahres stehen Neuwahlen der ANC-Führung an. Ramaphosa dürfte alle Hände voll damit zu tun haben, die Parteiämter von den Zuma-Seilschaften zu säubern. Nach der Aufnahme von Strafverfahren gegen Zuma und seinen Kronprinzen, ANC-Generalsekretär Ace Magashule, hat sich die RET-Fraktion in Person der Tourismusministerin Lindiwe Sisulu in Stellung gebracht. In einer Schmähschrift gegen Ramaphosa kritisiert das Mitglied des Exekutivrats des ANC Südafrikas demokratische Verfassung als „neoliberal", weil sie den Armen nichts gebracht habe, und warnt vor den „geistig kolonialisierten Afrikanern", die noch schlimmer als ihre weißen Unterdrücker seien. Als Gipfel ihrer Rhetorik beschimpft sie die Mitglieder der Justiz als „house negroes". Ja, Südafrikas Justiz ist gefordert. Sisulus Ausfälle haben satirische Kommentare provoziert. Sie erinnern daran, dass die „RET-Queen" 2007 als damalige Wohnungsbauministerin dafür sorgte, dass 6000 Bewohner:innen einer informellen Siedlung aus Kapstadt vertrieben wurden – „ihr Apartheid-Moment", wie es ein Kommentar ironisch formulierte. Hätte auch von Tutu stammen können. Seine mahnende Stimme wird für immer fehlen.

Lothar Berger