Heft 1/2024, Gastkommentar

Feminismus und Gendergap in Afrika heute

Von Rachel Nduati

„Je höher man kommt, desto weniger Frauen gibt es"
Wangari Maathai.

Für die meisten Afrikaner:innen löst das Thema Feminismus kontroverse Gespräche aus und der Hype darum wird in Frage gestellt. Weltweit glauben viele, dass der afrikanische Kontinent seine feministischen Ideologien vom Westen übernommen hat, weshalb sie als Tabu abgetan werden. Afrikanische Wissenschaftler:innen argumentieren derweil, dass der Feminismus gar nicht dazu geschaffen wurde, afrikanische Schwarze Frauen einzubeziehen, und dass er deren Erfahrungen überwiegend ausgeklammert hat. Elma Akob, eine kamerunische Wissenschaftlerin, wies in ihrem TEDx-Talks von 2022 darauf hin, dass der westliche Feminismus unvereinbar sei mit der Geschichte, den Normen und den Kulturen Afrikas.

Chimamanda Ngozi Adichie erklärt in ihrem TED-Talk „Wir sollten alle Feminist:innen sein", wie schädlich stereotype und verallgemeinernde Geschichten sein können, und argumentiert, dass feministische Perspektiven auch Männer einbeziehen sollten, um ein gegenseitiges Verständnis zu erleichtern.

Im Laufe der Jahre scheint der afrikanische Kontinent selbständige Vorstellungen von Feminismus entwickelt zu haben, um den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden und diese in Bezug auf traditionelle kulturelle Praktiken einzubeziehen. Denn viele afrikanische Länder kämpfen immer noch mit den Auswirkungen des Patriarchats. Nach Angaben der Vereinten Nationen gab es im Jahr 2022 auf dem Kontinent 130 Millionen Kinderbräute und fast 140 Millionen Mädchen und Frauen, die weibliche Genitalverstümmelung erlitten haben. Über 40 Millionen haben beide schädlichen Praktiken erlebt.

Gendergap in vielen Bereichen

Afrikas digitales Zentrum befindet sich mitten in einem revolutionären Umbruch. Die zunehmende Nutzung digitaler Geräte wie Telefone, Laptops und Tablets hat zur Digitalisierung der Wirtschaft geführt. Die digitale Wirtschaft floriert und hat den Weg geebnet für mobile Geldtransaktionen, die vielfach genutzt werden, um über Mobiltelefone Geld zu senden, zu empfangen und sogar Kredite aufzunehmen.

Unterdessen wird jedoch die Kluft zwischen den Geschlechtern von Tag zu Tag größer. Laut einer Umfrage des Berichts zur mobilen Gendergap der weltweiten Industrievereinigung der GSM-Mobilfunkanbieter (GSMA) aus dem Jahr 2017 ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in Subsahara-Afrika ein Smartphone besitzen und auf das Internet zugreifen können, um 30 Prozent geringer als bei Männern in der Region. Nach Unesco-Angaben verfügen nur 17 Prozent der Frauen in Tansania über einen mobilen Internetzugang, verglichen mit 35 Prozent der Männer. Auch wenn sie ein Mobiltelefon besitzen, haben Frauen aufgrund ihrer eingeschränkten finanziellen Autonomie nicht die Befugnis, Datenpakete zu kaufen. Die Ungleichheit beim Zugang zu Informationen führt zu weiteren einschneidenden wirtschaftlichen und sozialen Spaltungen.

Es gibt daher eine Zunahme feministischer Bewegungen, die sich für eine gleichberechtigte Verteilung digitaler Geräte einsetzen und dafür, dass mehr Frauen Smartphones besitzen. Mobilfunkbetreiber haben sich mit gemeinschaftsbasierten Frauenorganisationen zusammengetan, mit den Zielen, die genderbasierte Kluft bei mobilem Internet und mobilen Gelddiensten zu verringern und beträchtliche kommerzielle Möglichkeiten für die Mobilfunkbranche sowie sozioökonomische Vorteile für Frauen zu erschließen.

Auch in der Mobilität und beim Landbesitz werden afrikanische Frauen ungleich behandelt. Im Jahr 2020 veröffentlichte das südafrikanische Statistikamt einen Bericht, in dem es heißt, dass der Anteil der Männer mit Führerschein bei 40,1 Prozent lag, während der weibliche Anteil bei 21,8 Prozent lag. Für feministische Bewegungen sind sichere Transportmöglichkeiten für Frauen ausschlaggebend für ihren Zugang zu menschenwürdiger Arbeit, insbesondere wenn sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind und spät abends oder nachts pendeln müssen.

Dr. Olivia Lwabukuna zufolge, einer tansanischen Dozentin an der Londoner SOAS-Universität, produzieren Frauen 70 bis 80 Prozent der Nahrungsmittel auf dem Kontinent, besitzen jedoch weniger als 10 Prozent des Landes. Um diese geschlechtsspezifischen Ungleichheiten anzugehen, sah der Umsetzungsplan der Agenda 2063 der Afrikanischen Union (AU) vor, dass bis 2023 mindestens 20 Prozent der Frauen in ländlichen Gebieten Zugang zu Land haben, es nutzen und kontrollieren sollten. Dies wurde jedoch bei weitem nicht erreicht.

Feministische Außenpolitik

Es ist mehr als zwei Jahrzehnte her, dass die Resolution 1325 (2000) des UN-Sicherheitsrats für Friedensgespräche bei Konflikten verabschiedet wurde. Dennoch ist die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen nach wie vor einer der am wenigsten erfüllten Aspekte der Frauen-, Friedens- und Sicherheitsagenda. Die auffällige Abwesenheit von Frauen bei der Leitung von Gesprächen in Konfliktgebieten zeigt, dass es immer noch eine klaffende Lücke gibt.

In der DR Kongo hat die Förderung eines geschlechtsspezifischen Ansatzes zur Friedenskonsolidierung im Laufe der Jahre dennoch zugenommen. Seit der Unabhängigkeit erlebt das Land langwierige Konflikte. Lange Zeit wurden die landesinternen Friedensgespräche nur von Männern geführt. Jedoch haben Frauen direkt mit den Nachwirkungen der Konflikte zu tun, wie viele Kritiker:innen argumentieren. Seit 2008 hat die aktive Beteiligung von Frauen in Friedensverhandlungen stetig zugenommen. Sie stützen sich dabei auf internationale Verpflichtungen und politische Leitlinien der DR Kongo und mobilisieren sich grenzüberschreitend auf nationaler und lokaler Ebene.

Die neuen Leitlinien Deutschlands für eine feministische Entwicklungs- und Außenpolitik von 2023, die die Situation von Frauen weltweit verbessern sollen, haben Debatten darüber entfacht, die Notlage und Rolle von Frauen in heutigen Gesellschaften zu verstehen. Obwohl dieser Schritt die Gleichstellung der Geschlechter und das Engagement für die gleichberechtigte Teilhabe aller fördert, ist es wichtig zu beachten, dass dies auf die Zusammenarbeit mit anderen Ländern, einschließlich afrikanischen Partnern, baut.

Die afrikanischen feministischen Ansätze unterscheiden sich jedoch völlig von dem, was die deutschen politischen Entscheidungsträger:innen im Sinn haben. In den meisten afrikanischen Staaten gibt es zum Beispiel noch keine gleichberechtigte Vertretung in Gesetzgebung und Regierungsführung, sie verfügen jedoch über verfassungsrechtliche Richtlinien, die eine Unterrepräsentation zu verhindern sollen. Der afrikanische Feminismus befasst sich zwar auch mit der Gleichstellung der Geschlechter und den Rechten der Frauen, ist aber intersektionaler ausgerichtet und berücksichtigt die Art und Weise, in der sich das Geschlecht mit anderen Formen der Identität und Unterdrückung wie Rasse, sozialer Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und koloniales Erbe überschneidet. Darüber hinaus gibt es Kritik seitens afrikanischer Feminist:innen, die westliche feministische Ansätze für paternalistisch oder kulturell unsensibel halten.

Dekolonisierung und Afrofeminismus

Das Wort „Dekolonialisierung" wird oft im Sinne einer Umkehrung oder Rückgängigmachung der Auswirkungen des Kolonialismus verwendet. In ihrem Buch „Decolonization and Afro-feminism" stellt Sylvia Tamale verschiedene Fallstudien vor, die zeigen, dass zwischen den beiden Konzepten eine sehr enge Beziehung besteht. Sie beschreibt, dass aufgrund der Präsenz afrikanischer Stereotype als Nachwirkungen der Kolonialisierung die Geschichte der weiblichen Führungspersönlichkeiten in Afrika vom Westen überschattet wurde: „So wie die Geschichte Europa zum Zentrum des Universums macht, so macht sie auch die Männer zu ihrer treibenden Kraft. Frauen wurden aus der Geschichtsschreibung und der politischen Erinnerung 'herausgeschrieben'."

Die meisten Afro-Feminist:innen argumentieren, dass die Geschichten afrikanischer Frauen in Führungspositionen während der Kolonial- und Vorkolonialzeit außer Acht gelassen wurden. Die angolanische Königin Nzinga Mbande zum Beispiel war eine Militärstrategin und Herrscherin des Mbundu-Volkes. Nzinga wurde angesichts der zunehmenden portugiesischen Übergriffe Königin. Doch bevor sie Königin wurde, traf sich Nzinga auf Wunsch ihres Bruders mit den Portugiesen, um Frieden auszuhandeln. Als geschickte Unterhändlerin ging sie 1622 ein strategisches Bündnis mit ihnen ein.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass in der Vergangenheit auch Frauen im Mittelpunkt von Führungs- und Einflusspositionen standen, war im 19. Jahrhundert Shaka Zulus Mutter Königin Nandi von der Volksgruppe der Zulu. Shaka Zulu, der Begründer der Zulu im südlichen Afrika und einer der erfolgreichsten Anführer, bezog ältere Frauen und Königin Nandi in seinen Beirat ein. Nandi übte großen Einfluss auf die Angelegenheiten der Zulu-Monarchie aus.

Afro-Feminist:innen fordern daher, das Narrativ darüber, afrikanische Frauen seien in der Vergangenheit nicht an Führungspositionen und politischen Angelegenheiten beteiligt gewesen, zu dekolonialisieren. Da die meisten afrikanischen Staaten ihre Regierungen auf Anraten ihrer kolonialen Partner bildeten, sind Frauen häufig sowohl in Regierungs- als auch in Gesetzgebungsfunktionen unterrepräsentiert, was oft zu einseitigen Entscheidungen zugunsten ihrer männlichen Kollegen führt.

Es ist wichtig zu erkennen, dass der Feminismus in Afrika ein breites Spektrum an Perspektiven, Erfahrungen und Prioritäten umfasst. Es gilt, diese Vielfalt und Überschneidungen innerhalb des afrikanischen Feminismus anzuerkennen, einschließlich der Unterschiede in Ideologie, Strategien und Zielen, um die verschiedenen Dimensionen der Ungleichheit anzugehen. Daher ist die Stärkung lokaler Stimmen und von Grassroots-Bewegungen von entscheidender Bedeutung für einen lokal initiierten und nachhaltigen Wandel.

Rachel Nduati ist eine Multimedia-Journalistin aus Kenia.
Übersetz aus dem Englischen.